Slavoj Žižek über Demokratie und die Revolutionen im arabischen Raum

Slavoj Žižek wurde und wird in diesem Blog regelmäßig von mir erwähnt, wenn es darum geht, die immanenten Fehler einer einfachen Kapitalismusschelte oder aber eines Abgesangs auf die Demokratie zu intonieren. In ideologiekritischer Manier ermahnt Žižek all jene, die dachten, die Finanzkrise ab 2007 (längst als „Staatsschuldenkrise“ vergessen gemacht) hätte an den Grundfesten des Kapitalismus auch nur irgendetwas verändert. Die Systemfrage blieb aus und die hilflose Adressierung von Regierungen in Zeiten der Krise sollte nur einmal mehr aufzeigen, dass offizielles politisches Handeln in den Strukturen des Status quo befangen bleibt. Das Besondere an Žižek ist jedoch die Ausweitung des Analyseraster auf die alltäglichen Formen der Diskursivierung: er betrachtet Populärkultur und kommt zu anderen Ergebnissen als Adorno: nicht allein der Warenfetisch spiegelt sich in der kulturellen Produktion wider, sondern diese kulturelle Produktion selbst gaukelt so etwas wie einen „höherwertigen“ Kulturkonsum vor. Beides ist Teil des Falschen, ein Rekurs auf eine prämoderne Fassung von kultureller Reinheit sei regressiv.

Žižek äußert sich an nachfolgender Stelle zu den Revolutionen im arabischen Raum, die man eher als Konterrevolutionen bezeichnen sollte, da die Ausgangslage heute alles andere als eindeutig ist und sich einmal mehr zeigt, dass es insbesondere das Interesse an der Sicherung von Zugriffsrechten auf Rohstoffe, Absatzmärkte und willfährige Regierungen ist, die Anteil daran hat, Bürgerkriegszustände in den betroffenen Staaten zu befördern und instrumentalisieren:

Interessen und Konfliktzuspitzung um Iran

Die aktuelle offizielle Berichterstattung zum Iran erscheint im üblichen Licht, das ich nicht gesondert kommentieren will. Die Meldungen gleichen sich in ihrem Duktus, ihrer moralischen Stoßrichtung sowie den politischen und ökonomischen Untertönen. Eine Zuspitzung hin zu einer offenen militärischen Konfrontation (ggf. auch zunächst erst gegen Syrien, um dann einen Zangengriff anzusetzen) wird immer deutlicher.

Die Interessen der US-amerikanischen außenpolitischen Entscheidungsträger werden u.a. auch vom Center for Strategic and International Studies (CSIS) bestimmt. Eine ihrer Akteure, Anthony Cordesman, äußert sich in diesem bereits im Dezember 2011 aufgezeichneten hauseigenen Interview zur Lageeinschätzung in den USA:

Im Kontrast dazu findet sich bei Democracy now! eine Lageeinschätzung eines Politikwissenschaftlers mit iranischer Expertise:

Elmar Altvater et al. über Demokratie, Kapitalismus und eine notwendige Transformation

Altvater erscheint in der ausgedehnten Krise wieder als ein gefragter Gesprächspartner. Der seit einigen Jahren emeritierter Professor für Politische Ökonomie an der Freien Universität Berlin, hat sich über Jahrzehnte mit dem Wachstumsfetisch der Ökonomen befasst und vor einer Universalisierung des Marktes stets gewarnt. Dass die gegenwärtige „Krise“ von einer Krise der Warenproduktion sich zur Banken, dann Staatschulden und nun in etlichen Gesellschaften auch zu einer permanenten Gesellschaftskrise (verstanden als Krise der geistigen und materiellen Ordnung) ausgeweitet hat, zeigt sich an den politischen Umständen. Im Grunde hat sich seit den ersten kritischen Untertönen gegen Neoliberalismus und Marktparadigma mit Beginn der Bankenkrise 2007 nicht viel getan, außer dass unzählige Debatten geführt und Bücher geschrieben und insoweit ein gewisser Anteil an der Gesamtnachfrage auf irgendwie diffuse „Kapitalismuskritik“ entfallen ist. Dies verändert natürlich nichts an den geregelten Dingen, da eine grundsätzliche Infragstellung des Gesellschaftssystem von der Mehrheit seiner Insassen nach wie vor nicht forciert wird. Die Unzufriedenheit wird entweder sublimiert (kulturelles Milieu), hedonistisch „überlebt“ (statusorientierte Mittelschicht) sowie im Wege des Fremdenhasses kanalisiert. Eine Renationalisierung der Außenpolitiken geht einher mit einer Verlagerung der Krisenszenarien in außenpolitische Bedrohungskonstellationen (Syrien, Iran)1 und dient in Teilen der innenpolitischen Stabilisierung durch plumpe Ablenkung. Gleichwohl sind die jeweiligen Interessen nicht nur ideologischer, sondern auch handfester geoökonomischer Art (Einflussnahme auf strategisch wichtige Zufahrtsstraßen, Schiffahrtswege; Sicherung von Rohstoffen, Absatzmärkten, technische Abhängigkeiten aufbauen usf.). Innenpolitisch werden alte Diskurse und Elemente einer Elitetheorie der Demokratie und eines medienwirksam vermittelten „(digitalen) Protests“ für Irreführungen politischer und sozialer Art verwandt. Wo Debatte und Diskussion entfallen sollen, weil das „Vertrauen der Finanzmärkte“ Primat der Regierungspolitiken ist, werden am besten gleich Technokraten inthronisiert (Griechenland, Italien). Dazu schon 2008 Altvater:

Die Pfade der Diskussion werden weitergeführt von Beat Ringger („Maßt euch an!“; Münster, 2009); Alex Demirovic („Der nonkonformistische Intellektuelle“, Frankfurt/Main, 2009; TU Berlin) und Ulrich Brand („Postneoliberalismus“, Hamburg, 2010; Uni Wien):

  1. In Syrien in Form der defätistischen Kritik, die bereits für die Beförderung des Bürgerkriegs in Libyen angewandt wurde und notfalls durch den erneuten Einsatz der NATO-Luftwaffe bestärkt werden könnte. Die Krisenszenarien für Iran scheinen wesentlich dramatischer aufgrund der geopolitischen Situation und geographischen Korridorlage zu Zentralasien. Ein Krieg mit Iran, unter Führung der USA, unter Gefolgschaft der Briten sowie unter Anteilnahme, und wenn auch nur Duldung, der NATO-Staaten, sollte weitaus verheerende Konsequenzen für die politische Lage im Nahen und Mittleren Osten bedeuten und dürfte aufzeigen, inwieweit die Renationalisierung von Außenpolitik mit der Sicherung der politischen Vormachtstellung sog. „Supermächte“ wie den USA einhergeht. China und Russland werden sich je positionieren, auch neue Stellvertreterkriege mit allierten Staaten und durch die USA inthronisierten Marionettenregimen, sind nicht auszuschließen. Bereits seit Jahren wird die kapitalistische Peripherie nach Ressourcen sondiert und bilaterale Abkommen zur wechselseitigen Unterstützung für oder wider US-amerikanischer Patronage unterzeichnet. Deutschland positioniert sich seit der „Finanzkrise“ 2007 auf eigene, ökonomische Weise in der EU, in Europa und beginnend aber forciert auch global: der US-Amerikaner Tony Corn, außenpolitischer Berater über Deutschlands Absichten, nicht minder eigeninteressiert in der FAZ: http://www.faz.net/-gqz-6wcxm ; ein russischer Offizier zu den Kriegsplänen gegen Iran [zurück]

Vermögensentwicklung in Deutschland

Wie im letzten Beitrag bereits erwähnt, ist es eine Mär, dass die derzeit gefahrenen Austeritätsprogramme alternativlos seien. Sie sind nichts anderes als Politik, Interessenpolitik, also die politische Durchsetzung von Partikularinteressen, die als alternativlos dargestellt werden. Zur Übersetzung dieser Partikularinteressen in gesamtgesellschaftliche Tatbestände bedarf es der Popularisierung und Medialisierung. Dazu dienen sämtliche Instrumente der Aufmersamkeitsökonomie; ferner müssen Netzwerke und strategische Allianzen geknüpft werden, die bis weit in die wissenschaftliche Beratung und Expertise hineinreichen. Hegemonie, also die unhinterfragte Gültigkeit einer Ideologie, muss von vielen Ebenen und in diversen Feldern einer Gesellschaft gestützt werden, um dauerhaft die Deutungshoheit über den öffentlichen Diskurs und damit die Wahrnehmung der interessierten Öffentlichkeit bestimmen zu können.

Die Zahlen zur Vermögensentwicklung als solche geben auch noch nicht viel mehr her als reine Faktenargumente2. Aber bereits diese Zahlen zeigen auf, dass bis 2006 in Deutschland ein Gesamtvermögen von 10,3 Billionen EURO in privater Hand gehalten wurde. Möglich wurde eine solche Aufblähung auch durch eine freigiebige Steuerpolitik, die Einkommen höher besteuert als Vermögen: nämlich gar nicht, da die bis 1997 in Kraft gewesene Vermögensteuer (die immerhin 9 Milliarden DM p.a., also rund 4,5 Milliarden EURO eingetragen hatte!) mit einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts in der damaligen Form ausgesetzt werden musste, nutzte man in der Hochphase der New Economy und von „New Labour“ dies als geeignetes Argument, um gänzlich von einer solchen Steuer abzusehen (lange vergessen ist, dass dies eines der zentralen Wahlversprechen der Regierung Schröder I von 1998 gewesen war). Heute zeigt die Entwicklung eines klar auf: die Polarisierung von arm und reich schreitet rasch voran. Eine Hälfte der Bevölkerung besitzt schon gleich gar nichts oder nur Schulden, weitere 40 Prozent verfügen immerhin noch über die gleiche Zahl an Vermögen; das Gros hingegen befindet sich in der Verfügugn von allein zehn Prozent der Bundesbürger. Diese konzentrieren 60 Prozent oder gut 6 Billionen EURO in ihrer Hand.

Vermögensverteilung Deutschland3

Noch etwas zur Sprache: Das Wort „Vermögen“ suggeriert, das hier Erträge einem Individuum legitimerweise zustehen, da es in seinem Vermögen steht, dieses anzuhäufen. In der liberalen Gesellschaftstheorie ist dies untrennbar mit dem Leistungsprinzip und der Rechtschaffenheit eines Rechtssubjekt verbunden: Wer viel leiste, solle dementsprechend mehr vom Gesamtprodukt erhalten. Freilich unterstellt diese Auffassung, dass insgesamt für ein Gemeinwesen produziert würde, streicht damit den Warencharakter und die prinzipielle Tauschwerteigenschaft aller Arbeitsprodukt stillschweigend heraus. Produziert wird nur, soweit es einen Profit einträgt. Insoweit besteht das Vermögen auch nur auf Seiten der Arbeitskräfte und Kapitalisten, je nach ihren gegebenen Mitteln zu wirtschaften. Wer nicht viel mehr als sein Arbeitsvermögen auf den Markt werfen kann, wird davon kaum ein im landläufigen Sinne als Reichtum verstandenes Vermögen anhäufen können. Die Vermögenskonzentration gemäß Statistik offenbart denn auch, dass es Solvente sind, die ihren Kindern und Enkel Anlagegüter, Immobilien, sonstige Sachwerte sowie Geldmittel vermachen. Reichtum bleibt damit in vorgezeichneten Bahnen. Insoweit ist Vermögen – ausgedrückt im Rechtsinstitut des Privateigentums –, ab einer gewissen Größe parasitär gegenüber dem Gemeinwesen. Und genau dies entspricht dem individualistischen Gesellschaftsbild der liberalen Theorie. Hierin liegt denn auch der Widerspruch von Calvinismus (als Gesinnungsethik), Utilitarismus (als Interaktionsgebot) und Hedonismus (als individuellem Genussstreben). Ein funktionierender Kapitalismus produziert Monopolisierungen von Konzentration von Kapital und führt in beständige Krisen. Die Anhäufung von Finanzmitteln in Form des Vermögens ist Resultat einer Derregulierungspolitik zugunsten von Finanzprodukten, sie ist zugleich Abzug vom Gemeinwesen (ausgedrückt in „leeren Kassen“ der Kommunen, Länder und des Bundes). Mit eigenem Vermögen hat dies wenig zu tun, mehr jedoch mit Macht- und Herrschaftsverhältnissen, die eine bestimmte Privilegienstruktur1 in Form von Personen- und Kapitalfreiheit sowie Eigentumsgewähr ermöglichen. Daraus ergibt sich folgendes Bild:

  1. In geradezu bizarrer Weise scheint die derzeitige Nicht-Regulierung der Finanzmärkte den Charakter heutiger Klassenkämpfe aufzuzeigen. Bis zuletzt wird verhindert, das nur ein kleiner Teil des im Zuge der Finanzkrise produzierten Reichtums (zur Erinnerung: die Zahl der Vermögensmillionäre und -milliardäre ist gewachsen, nicht gesunken!) zur Besteuerung herangezogen wird. Stattdessen setzt eine bestimmte Politik auf „freiwillige Beiträge“, als Brosamen, wenn man so will. Dies kann mitunter an feudale Zeiten erinnern, gleichwohl ist die aktuelle Zuspitzung nur eine lange nicht gekannte offen ausgetragene Klientelpolitik. Armut und Reichtum werde je verteilt, der Kapitalismus funktioniert weiter, auch wenn seine sozial verträgliche Abfederung in den letzten Jahren immer weiter zurückgebaut worden ist. Die Krise, die in Südeuropa lange greift, wird auch auf Deutschland zurückwirken und zunächst alljene treffen, die bereits heute mit Niedriglöhnen, dem Bezug von Sozialtransfers und sonstigen öffentliche bezuschussten Leistungen (z.B. im Studium und Bildungswesen) zurechtkommen müssen. [zurück]
  2. vgl. auch die Analyse des Sachverständigenrates der Bundesregierung sowie die Publikation von Frick, Grabka und Hauser zur Vermögensverteilung in Deutschland. [zurück]
  3. Zur besseren Lesbarkeit der Grafik sollte mittels Rechtsklick dieselbe in neuem Tab geladen und nach Belieben vergößert werden, in der Regel genügt ein Scroll mit dem Mausrad, ggf. auch die Tastenkombination Strg + [zurück]

Quo vadis ‚Occupy‘?

Zum Jahresende trudeln die üblichen nichtssagenden „Rückblicke“ und „Erinnerungen“ an das vergangene Jahr ein. Feiertage lassen einmal mehr die Leere der Blätter und Postillen offenbaren, doch haben Jahresrückblicke stets auch einen moralischen Charakter: sie sollen die Subalternen mit der korrekten und sachlich richtigen Lesart der politischen, wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen Geschehnisse in diesem Kapitalismus versorgen. Die Zeitungen, die Medienanbieter – gern auch digital –, machen sich jene Gedanken, für die eine Burnout-Gesellschaft offenkundig immer weniger Zeit zu haben scheint.

Vor einigen Wochen wähnten Linke gar eine neue globale Protestbewegung, die in den Vereinigten Staaten einsetzte und sich die Kritik am Einfluss der Wall Street auf den US-amerikanischen und Weltkapitalismus zu eigen machte. Die Ordnungskräfte in den USA wussten sich zunächst nicht anders zu helfen, als repressiv das kampieren auf öffentlichem Gelände zu unterbinden. Freilich war dies keine Besonderheit, die nur diesem Protest geschuldet war: die öffentliche Sicherheit und Ordnung wird noch bei jeder Demonstration priorisiert, weshalb Demonstrationen letztlich auch der Genehmigung durch die Staatsgewalt bedürfen. Gleichwohl schien sich eine Zuspitzung des Konflikts anzubahnen, als zeitgleich in Europa rigide Sparprogramme als „alternativlos“ den jeweiligen Bevölkerungen serviert wurden. Grund hierfür war das Mantra vom „Vertrauensgewinn durch die Finanzmärkte“. Nun beklagten die Protestierenden teilweise eine „Abhängigkeit der Politik von den Banken“, wollten dabei nicht zur Kenntnis nehmen, dass die Finanztransaktionen und so auch die seit 2008 laufenden, permanenten Rettungs- und Stützaktionen für marode und anfällige Kredithäuser eine condition sine qua non für das gelingende inländische wie transnationale Geschäft darstellten und sich also kein Staat auf den Verlust einer faktisch tatsächlich „systemrelevanten“ Bank einlassen wollte. Im Zuge der Staatenkonkurrenz um Anlagekapital und Souveränität, um Macht und Einfluss auf die weltweiten Handelsbeziehungen, geschah es je, dass etliche Staaten nicht die nötige Finanzkraft aufbringen konnten und sich mit ihren durch Staatsschuld finanzierten Rettungsprogrammen selbst übernahmen. Nicht bei ihren teils längst bankrotten Finanzhäusern, sondern bei internationalen Gläubigern (z.B. Versicherungskonzernen oder eben anderen Banken aus ökonomisch solventen Staaten). Der Zynismus an der Sache war das darauf folgende Urteil einiger Bewertungshäuser (Ratings), dass die Kreditwürdigkeit und also ein gesamtstaatlicher Zahlungsausfall nicht mehr ausbleiben würden. Dies rief Moralapostel betroffener Staaten dazu auf, eine reduktionistische Kritik der Rating-Agenturen im Namen ihrer je betreuten Ökonomie anzuzetteln. Dies hatte gleichwohl beruhigenden und kanalisierenden Effekt auf die dortigen Bevölkerungen, denen immer unklarer wurde, warum eigentlich nicht die Vermögensmillionäre und die in Zeiten der Wirtschaftskrise weiter zunehmenden Milliardäre durch gesonderte Abgaben zur Finanzierung am Gemeinwesen herangezogen wurden. Man wurde nicht müde, darunter stets nur die Verhinderungstaktik der Angloamerikaner zu wittern, statt zu konstatieren, dass auch im EURO-Raum runden zehn Billionen öffentlicher Schulden eine Plus in gleicher Summe auf Seiten der Privatiers1 (ergo: der Vermögensbesitzer, eine kleine Prozentzahl auch im EURO-Raum, in Deutschland z.B. nur 10 Prozent der Bevölkerung) gegenübersteht, und dies also die Funktionsmechanismen des „Gemeinwesens“ waren und bleiben – auch in 2012 –, wie die Dinge ihren Lauf nehmen, solang eine substantielle Kritik ausbleibt.

Slavoj Žižek, gern als Küchenphilosoph verschriener Polterer und Multitalent in den Disziplinen Psychoanalyse, Film- und Ästhetische Theorie sowie Philosophie, äußert sich hier in einer Prager Diskussionsrunde bereits im November 2011 zu den kulturellen Kontexten der „Occupy“-Bewegung:

Dass die Wall Street auch ein kulturelles Chiffre ist, beweist uns eindrucksvoll die Band Battles in ihrem programmatischen Song:

  1. Relevante Zahlen für die Bundesrepublik Deutschland liefern das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) sowie die Deutsche Bundesbank in gesonderten Berichten und Statistiken unter: http://www.bundesbank.de/statistik/statistik_zeitreihen.php?lang=de&open=wirtschaftsdaten&func=row&tr=CEB00I sowie http://www.diw.de/documents/publikationen/73/93785/09-4-1.pdf [zurück]

Habermas im Gespräch (1995)

Jürgen Habermas, über den ich in diesem Blog schon etliche Zeilen verfasst habe und der mir steter intellektueller Stichwortgeber ist1, tritt in der Öffentlichkeit eher selten auf. Dies hat einen Grund nicht allein in der Scham vor dem öffentlichen Sprechen, das durch eine Gaumenspalte auch physiologisch etwas erschwert wird (gleichwohl hat er dies mit als Grund angegeben, sich für die ideelle Verletzlichkeit der Person philosophisch zu interessieren), sondern in dem Verständnis von politischer Öffentlichkeit heute als eines systemisch verzerrten Diskursraums. „Ich schreibe für die Öffentlichkeit, ich gehe nicht in die Öffentlichkeit“, so seine Haltung zur wechselseitigen Diskussion und Einflussnahme. Bereits in seiner Habilitationsschrift „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ (1962) legte er das Forschungsprogramm offen, das bis heute Fragen aufwirft und als nicht abgeschlossen betrachtet werden kann: Wie kann eine durch kapitalistische Zweckrationalität und effekthaschende Kurzatmigkeit penetrierte (oder systemisch blockierte?) Gesellschaft dazu beitragen, Aufklärung in Sachfragen und ästhetische Bildung an alle Zeitgenossen zu vermitteln? An dieser Stelle will ich keine Diskussion der Thesen einsteigen, dies wäre nur verkürzend, stattdessen will ich ein sehr interessantes Dokument anfügen, das Habermas sozusagen vor Ort, bei der Arbeit zeigt. Ein Kamerateam konnte ihn Mitte der 1990er Jahre bei einem Gastvortrag in Stanford (Kalifornien) begleiten und zugleich etwas von der Rezeption der Habermasschen Arbeiten in den USA einfangen. Darüber hinaus vermitteln sich zumindest einige Grundgedanken seiner umfänglichen Gesellschaftstheorie. Eine solche Qualität wird in heutigen Berichten ja schon nicht mehr erreicht; ausgestrahlt wurde das Programm später vom Sender 3sat, allein die affektierte Programmankündigung nervt, bleibt aber auf wenige Sekunden beschränkt:

TEIL I:

TEIL II:

  1. Gerade angesichts der technokratisch regulierten sogenannten Finanz- und Wirtschaftskrise, derzeit in Europa und insbesondere für Berlin Hebel zur Durchsetzung von Austeritätsprogrammen und des systematischen Zuschnitts der Institutionen der EU auf partikularistische Interessen, erweist sich seine unausgesetzte Kritik als fruchbar (vgl. hierzu den in Heft 8/2011 der Blätter für deutsche und internationale Politik veröffentlichten Aufsatz mit dem Titel Wie demokratisch ist die EU? und zuletzt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) vom 4.11.2011: Rettet die Würde der Demokratie. [zurück]

Bourdieu/Wacquant: „Reflexive Anthropologie“ (1996)

„Reflexive Anthropologie“ vereint drei Bücher oder drei Einheiten, die jeweils für sich gelesen werden können, insgesamt dazu beitragen, das mitunter sehr komplexe und auch durch den Sprachgebrauch Bourdieus in den Hauptwerken (z.B. „Die feinen Unterschiede“, „Sozialer Sinn“) nicht leicht zugängliche Werk zu erhellen. Das ist nicht zuletzt der Unterstüzung von Loic Wacquant zuzuschreiben, einem Schüler Bourdieus und heutigem Professor für Soziologie in Berkeley (Kalifornien), der es versteht, die von Bourdieu aufgeworfenen Fragen in den Kontext der sozialwissenschaftlichen Theoriegeschichte und Forschung zu stellen.

Zunächst werden im (1) ersten Teil des Buches sieben wesentliche Charakteristika der Arbeiten Bourdieus durch Wacquant referiert. Unter der Überschrift „Auf dem Weg zu einer Sozialpraxeologie. Struktur und Logik der Soziologie Pierre Bourdieus“ findet sich hier m.E. eine der konzisesten und brauchbarsten Kurzdarstellungen der Bourdieusschen Arbeiten bis ca. Mitte der 1990er Jahre. Damit ist auch klar, dass der im Spätwerk immer klarere und kritischere Ton sowie die Teilnahme an gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen (dokumentiert z.B. in „Das Elend der Welt“ oder „Gegenfeuer“) hier noch keinen Platz finden, auch wenn bereits teilweise Einsichten dieser Arbeiten vorweg diskutiert werden. Wacquant stellt hier den relationalen Ansatz Bourdieus heraus, der sich gegen die Festschreibung seines Werkes zum „Subjektivismus“ oder auch „Objektivismus“ stellt und für ein methodisches Dazwischen plädiert. Hier wird der Brückenschlag zwischen Mikro- und Makrosoziologie versucht. (mehr…)

Flaubert: „Bouvard und Pécuchet“ (1881)

Flaubert ist Realist, dessen sollte man sich bewusst sein, wenn man dieses Buch aufblättert. Ähnlich wie Balzac, aber nicht naturalistisch-streng wie Zola, entfaltet hier einer im ausgehenden 19. Jahrhundert weniger eine Parodie seiner Mitmenschen, sondern eine stille Bestandsaufnahme der Beschränkungen einer sich transformierenden Gesellschaft. Bei Balzac sind die Anklänge an das vorrevolutionäre Frankreich stets offen und präsent und in den Charakterzügen seiner „menschlichen Komödie“ als Antidot eingeschrieben. Von Flaubert, dem „Idioten der Familie“ (Sartre), der sich selbst als irre beschrieb, weil sein Empfinden und sein persönliches Abweichen nur auf Ablehnung stieß, ist der Satz überliefert, dass er schon früh eine Art Vorgefühl vom Leben gehabt haben soll. Dieses Vorgefühl sei einem üblen Küchengeruch gleich, von dem man würde unweigerlich kotzen müssen. Dies der Realismus, auf den er abstellt. Es handelt sich um abgewandtes Leben, die Zeilen die er schreibt sind weniger Beschreibungen – auch wenn Wert auf Illustrationen gelegt wird, so doch mehr beiläufig –, sondern Sentenzen und stille Beschwerden gegen ein Noch-nicht-Dasein in der Welt, eine nicht verwirklichte Existenz, die in ihren Verlaufsformen einer frühkapitalistischen Umwelt überall auf Hohn und Gelächter trifft. Macht man sich diesen Weltschmerz Flauberts nicht bewusst, so bleiben alle seine Werke eigentümlich leer (dabei ragt „Madame Bovary“ wohl an Leere heraus).

Die oberflächliche Lesart bietet zwei Angestellte im Paris um 1840, also lange nach der Julirevolution, inmitten einer restaurierten Monarchie, die gar nicht thematisiert wird, oder wenn, so nur in wenigen Sticheleien gegen Arrivierte und Korrumpierte, die als Repräsenten gesellschaftlicher Klassen sich auch im Landleben ein Stelldichein geben. Bouvard und Pécuchet werden als Antagonisten gezeichnet, die nie zueinander finden, selbst dann nicht, wenn sie sich jauchzend in die Arme fallen und ihr Leid sowie die Beschränktheit ihrer Umgebung beklagen. Flaubert gibt sich alle Mühe sie frühzeitig als Extreme zu zeichnen, sodass man glauben möge, hier würden Puzzleteile ineinandergefügt. Doch nachdem eine plötzliche Erbschaft des einen sowie der frühe Renteneintritt des anderen es ihnen erlauben, aus dem langweiligen und faden Dasein als Büroangestellte austreten zu können, verflüchtigen sich alsbald die Träume von „anderen Leben“, das mehr antizipiert wird, als dass es je realisiert werden könnte. (mehr…)

Habermas: „Technik und Wissenschaft als Ideologie“ (1968)

Mit „Technik und Wissenschaft als Ideologie“ leitete Habermas 1968 den Übergang von der Ideologiekritik zur Kommunikationstheorie ein. Bereits hier kündigt er an, den Prozess des Auseinandertretens von formaler Rationalität (gesellschaftlicher Basisinstitutionen und Prozesse) sowie einer nach anderen Kriterien organisierten Öffentlichkeit und Lebenswelt zu synthetisieren.

Der Band enthält folgende fünf Aufsätze:

1. Arbeit und Interaktion. Bemerkungen zu Hegels Jenenser ‚Philosophie des Geistes‘
2. Tehchnik und Wissenschaft als ‚Ideologie‘
3. Technischer Fortschritt und soziale Lebenswelt
4. Verwissenschaftliche Politik und öffentliche Meinung
5. Erkenntnis und Interesse

Der letzte Beitrag ist zugleich Antrittsvorlesung anlässlich der Berufung auf den Lehrstuhl für Philosophie an der Universität Frankfurt/Main. Ironie am Rande: Habermas musste Frankfurt Ende der 1950er noch auf Drängen Horkheimers wegen einer vermeintlich zu kritischen Haltung verlassen; es ist dessen Lehrstuhl, den Habermas nun antritt.

Der fünfte Beitrag, dem er im gleichen Jahr (1968) eine eigenständige Monographie gewidmet hatte, umreißt noch einmal das erkenntiskritische Programm einer standpunktgebunden Wahrnehmung und Beurteilung von gesellschaftlichen Phänomenen und damit ein unausgesprochens Apriori der Sozialwissenschaften. Habermas unterscheidet darin drei grundlegende „Erkenntnisinteresse“ (selbst heute ein geflügteltes Wort in der akademischen Landschaft), die zwischen einer rein deskriptiven Beschreibung, einer kausalanalytischen Ermittlung von Gesetzeszusammenhängen sowie einem emanzipatorischen Anspruch variierten. Er positioniert sich damit sogleich zur Frage, ob und wenn ja wie Wissenschaft Stellung nehmen kann zu gesellschaftspolitischen Themen und inwiefern Webers Diktum der „Wertfreiheit“ von wissenschaftlicher Forschung in der Praxis umgesetzt werden kann. Habermas nun verfasst seine Arbeiten zur Zeit der Studentenbewegung, mit der er sich stets kritisch solidarisierte, nicht ohne deren Rekurs auf eine Politisierung der Wissenschaft als solche infragezustellen. Das Hinüberretten eines emanzipatorischen Erkenntnisinteresses ist Ferment der Kritischen Theorie, die 1968, ein Jahr vor Adornos Tod, schon in der Auflösung begriffen ist. Das Konzept hatte Habermas bereits in seiner Habilitation „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ ausgebreitet, dort aber noch den kritischen Diskurs der informierten und politisch interessierten Öffentlichkeit angemahnt, die in einer „strukturell entpolisierten Gesellschaft“ immer mehr marginalisiert würde. (mehr…)

Herbert Marcuse im Gespräch

Herbert Marcuse war der 68er-Studentenbewegung Ikone und theoretischer Fixpunkt. Sein aufs Ganze zielender Ansatz arbeitete sich sowohl an den bestehenden politischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Strukturen des Kapitalismus ab, verfehlte dabei nie den Rückgriff auf das Individuum und die positive Utopie eines herrschaftsfreien Lebens. Zunächst in den Wirren der Novemberrevolution 1918 als Soldatenrat in Berlin-Reinickendorf aktiv, kurz darauf aufgrund autoritärer Gemengelage davon zurückgetreten und sein Philosophiestudium fortsetzend, kam er 1932 mit den Pariser Manuskripten Marx‘ (erschienen 1932, verfasst von Marx bereits 1844) in Kontakt und äußerte als einer der ersten den Bedarf an kritischer Auseinandersetzung mit dem Marxschen Frühwerk in Opposition zur sowjetischen Dogmatik (dokumentiert wird die stets kritische Auseinandersetzung mit der Sowjetunion und dem Stalinismus in „Die Gesellschaftslehre des sowjetischen Marxismus“) Er beharrte auf einer grundsätzlichen Kritik der Lohn- und Erwerbsarbeit und verwarf die Aus- und Zurichtung des Menschen in der entfremdeten und entfremdenden Gesellschaft des Spätkapitalismus, die zwar einen relativ hohen Komfort gewähre, jedoch reale Anteilnahme am Leben auch der Mitmenschen strukturelle verunmögliche und zugleich die politischen Kosten einer solchem Domestikation in die Außenverhältnisse mittels Zwang und Repression externalisiere. Zeit seines Lebens solidarisierte sich der ehemalige Student Husserls und Heideggers, der mit einer Arbeit über Hegel promovierte –, mit Initiativen Exkludierter, Randständiger, aber auch zur endgültigen Befreiung der vom Westen zur „Dritten Welt“ gemachten kapitalistischen Peripherie. Während nun medial bereits der nächste Militärschlag gegen ein missliebiges Regime – diesmal ist es der Iran – vorbereitet wird und zugleich die Folgen der Finanzkrise in Europa eine Renationalisierung der Außenpolitik herbeiführen, lesen sich Marcuses Schriften über die „Kritik der repressiven Toleranz“ oder den „eindimensionalen Menschen“ wie Balsam fürs malträtierte Gemüt. Eine kurzweilige Einführung in sein kaum mehr erwähntes Werk findet sich bei Habermas, mit dem Marcuse zuletzt gesprochen hatte. In einer Diskussion werden alle theoretischen Felder beleuchtet: vom Begriff der Philosophie und deren Stellenwert in einer verwissenschaftlichten Welt, von der Möglichkeit der Revolte aber auch über die Bedeutung der Kunst, der Marcuse schon 1935 eine Interpretation des „affirmativen Charakter des Kunst“ attestierte und damit die bürgerliche Darbietung und Konsumtion von Kunst als deren eigenen Regress formulierte. Eine These, die Adorno und Benjamin je verschieden bearbeiteten. So heißt es:

Habermas: Wie kommt es, Herbert, daß in ihren ästhetischen Arbeiten die avantgardistische Kunst, die man vielleicht mit dem Symbolismus, mit Baudelaire, Mallarmé anfangen lassen kann, nicht als solche zum Thema wird? Das historische Bezugssystem, an dem Sie Ihre ästhetischen Thesen, sagen wir, exemplifizieren, reicht, auch innerhalb der Literatur, von der Klassik, der Romantik über den Realismus bis, sagen wir, Kafka und Brecht.
Marcuse: Und Beckett.
Habermas: Ich habe keine Stelle in Erinnerung, wo Sie an Beckett etwas spezifisch erläutern. Außerdem betonen Sie die Kontinuitäten, während Benjamin und dann vor allem Adornos Kunsttheorie im wesentlichen darauf abzielt, disen eigentümlichen Reflexionsprozeß zu fassen, in dem die moderne Kunst (…) als moderne Kunst, ihre Medien als solche thematisiert. Dieser Prozeß, der in der Malerei etwa mit Kandinsky beginnt und heute praktisch zu einer Auflösung der Kategorie des Kunstwerks…
Marcuse: geführt hat…
Habermas: …dieser Prozeß hat im Zentrum der Theorie von Adorno gestanden. Bei Ihnen wird er nicht analysiert. Bei Ihnen bleibt als pauschale Kategorie erhalten, was Sie schon in dem frühen Aufsatz (…) entwickelt haben, nämlich die Kunst als Repräsentationsform für das vom alltäglichen Leben Abgespaltene, für das im Lebensprozeß nicht zu verwirklichende Andere. Diese Aufassung resultiert aus einer strengen Anwendung des Marxschen Ideologiebegriffs auf die Kunst. Sie paßt auf die klassischen Werke der bürgerlichen Kunst. Aber paßt sie auf den Prozeß von Kafka oder auf ein Bild von Pollock oder auf Schönberg?
Marcuse: Was paßt nicht?
Habermas: Dieser an der bürgerlichen Kultur entwickelte Begriff, den Sie unter dem Titel des affirmativen Charakters der Kunst entwickelt haben. (…)
Marcuse: Das ist bei Kafka sicher Fall im Prozeß. Es ist schwächer, verzweifelter geworden, aber das Bild ist noch da. Also auch ein Rest von Affirmation.
Habermas: Affirmativ ist daran eigentlich nichts mehr.
Marcuse: Wenn ich den Aufsatz aus den 30er Jahren heute schreiben sollte, würde ich den affirmativen Charakter der Kunst abschwächen und mehr ihren kritisch-kommunikativen Charakter betonen, und genau der ist, meiner Meinung nach, in der sogenannten Avantgarde zugrunde gegangen. [Jürgen Habermas 1987: Gespräch mit Herbert Marcuse (1977) in ders.: Philosophisch-politische Profile, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, S. 265-318, hier: 300f.]

Im nachfolgend dokumentierten Gespräch gab Marcuse bei einem seiner wenigen Deutschlandbesuche (er emigrierte 1933 über Genf und Paris in die Vereinigten Staaten, in denen er später Professuren bekleidete) rekapitulierend Auskunft über sein Denken:



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