Wie im letzten Beitrag bereits erwähnt, ist es eine Mär, dass die derzeit gefahrenen Austeritätsprogramme alternativlos seien. Sie sind nichts anderes als Politik, Interessenpolitik, also die politische Durchsetzung von Partikularinteressen, die als alternativlos dargestellt werden. Zur Übersetzung dieser Partikularinteressen in gesamtgesellschaftliche Tatbestände bedarf es der Popularisierung und Medialisierung. Dazu dienen sämtliche Instrumente der Aufmersamkeitsökonomie; ferner müssen Netzwerke und strategische Allianzen geknüpft werden, die bis weit in die wissenschaftliche Beratung und Expertise hineinreichen. Hegemonie, also die unhinterfragte Gültigkeit einer Ideologie, muss von vielen Ebenen und in diversen Feldern einer Gesellschaft gestützt werden, um dauerhaft die Deutungshoheit über den öffentlichen Diskurs und damit die Wahrnehmung der interessierten Öffentlichkeit bestimmen zu können.
Die Zahlen zur Vermögensentwicklung als solche geben auch noch nicht viel mehr her als reine Faktenargumente. Aber bereits diese Zahlen zeigen auf, dass bis 2006 in Deutschland ein Gesamtvermögen von 10,3 Billionen EURO in privater Hand gehalten wurde. Möglich wurde eine solche Aufblähung auch durch eine freigiebige Steuerpolitik, die Einkommen höher besteuert als Vermögen: nämlich gar nicht, da die bis 1997 in Kraft gewesene Vermögensteuer (die immerhin 9 Milliarden DM p.a., also rund 4,5 Milliarden EURO eingetragen hatte!) mit einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts in der damaligen Form ausgesetzt werden musste, nutzte man in der Hochphase der New Economy und von „New Labour“ dies als geeignetes Argument, um gänzlich von einer solchen Steuer abzusehen (lange vergessen ist, dass dies eines der zentralen Wahlversprechen der Regierung Schröder I von 1998 gewesen war). Heute zeigt die Entwicklung eines klar auf: die Polarisierung von arm und reich schreitet rasch voran. Eine Hälfte der Bevölkerung besitzt schon gleich gar nichts oder nur Schulden, weitere 40 Prozent verfügen immerhin noch über die gleiche Zahl an Vermögen; das Gros hingegen befindet sich in der Verfügugn von allein zehn Prozent der Bundesbürger. Diese konzentrieren 60 Prozent oder gut 6 Billionen EURO in ihrer Hand.

Noch etwas zur Sprache: Das Wort „Vermögen“ suggeriert, das hier Erträge einem Individuum legitimerweise zustehen, da es in seinem Vermögen steht, dieses anzuhäufen. In der liberalen Gesellschaftstheorie ist dies untrennbar mit dem Leistungsprinzip und der Rechtschaffenheit eines Rechtssubjekt verbunden: Wer viel leiste, solle dementsprechend mehr vom Gesamtprodukt erhalten. Freilich unterstellt diese Auffassung, dass insgesamt für ein Gemeinwesen produziert würde, streicht damit den Warencharakter und die prinzipielle Tauschwerteigenschaft aller Arbeitsprodukt stillschweigend heraus. Produziert wird nur, soweit es einen Profit einträgt. Insoweit besteht das Vermögen auch nur auf Seiten der Arbeitskräfte und Kapitalisten, je nach ihren gegebenen Mitteln zu wirtschaften. Wer nicht viel mehr als sein Arbeitsvermögen auf den Markt werfen kann, wird davon kaum ein im landläufigen Sinne als Reichtum verstandenes Vermögen anhäufen können. Die Vermögenskonzentration gemäß Statistik offenbart denn auch, dass es Solvente sind, die ihren Kindern und Enkel Anlagegüter, Immobilien, sonstige Sachwerte sowie Geldmittel vermachen. Reichtum bleibt damit in vorgezeichneten Bahnen. Insoweit ist Vermögen – ausgedrückt im Rechtsinstitut des Privateigentums –, ab einer gewissen Größe parasitär gegenüber dem Gemeinwesen. Und genau dies entspricht dem individualistischen Gesellschaftsbild der liberalen Theorie. Hierin liegt denn auch der Widerspruch von Calvinismus (als Gesinnungsethik), Utilitarismus (als Interaktionsgebot) und Hedonismus (als individuellem Genussstreben). Ein funktionierender Kapitalismus produziert Monopolisierungen von Konzentration von Kapital und führt in beständige Krisen. Die Anhäufung von Finanzmitteln in Form des Vermögens ist Resultat einer Derregulierungspolitik zugunsten von Finanzprodukten, sie ist zugleich Abzug vom Gemeinwesen (ausgedrückt in „leeren Kassen“ der Kommunen, Länder und des Bundes). Mit eigenem Vermögen hat dies wenig zu tun, mehr jedoch mit Macht- und Herrschaftsverhältnissen, die eine bestimmte Privilegienstruktur in Form von Personen- und Kapitalfreiheit sowie Eigentumsgewähr ermöglichen. Daraus ergibt sich folgendes Bild: