Archiv für November 2007

Out To Lunch

Fotografiert in Berlin-Mitte und Berlin-Prenzlauer Berg, November 2007.

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Schnitt & Riss

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Es ist ein ständiges zwischen allen Möglichkeiten eines menschlichen Kopfes Denken und zwischen allen Möglichkeiten eines menschlichen Hirns Empfinden und zwischen allen Möglichkeiten eines menschlichen Charakters Hinundhergezogenwerden.

[Thomas Bernhard – Gehen]

Apyrexie

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Es ist der Blick, der Dinge festhält, der eine Erscheinung manifestiert. Im Prozess des Gewahrwerdens – der Verinnerlichung – wird selbst das Extrem zur gewohnten Sache, bilden wir uns Begriffe, und antworten bei neuerlichem Auftreten mit dem praktischen Gefühl. Menschen halten wir durch unseren Blick ebenso fest, wie jedes andere Ding. Und auch hier macht die Gewöhnung nicht halt. Das, was wir in einem Moment als das Schöne festschreiben, wird, vorangetrieben durch die Allmählichkeit, zum uns wohlbekannten Dasein. Abenteuer schlägt um in Langeweile, Leidenschaft in Mühsal. Doch wie sehen wir die Dinge, wenn sich etwas Liebgewonnenes entfernt? Analog. Und doch ist der Blick getrübt. Noch öfter machen wir Bekanntschaft mit uns als äußerlich erscheinenden Zwängen, welche das Leben bestimmen. Der getrübte Blick ist oft Resultat einer entfremdenden Praxis.

Fortschreibung

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[…] er ging niemals mehr ohne zuerst den Höller und die Höllerschen im höllerschen Hause aufzususchen, ohne vorher in der höllerschen Dachkammer Quartier zu nehmen, sich zwei oder drei Tage einer nur in der höllerschen Dachkammer möglichen, ihn nicht schädigenden, sondern stärkenden Lektüre zu widmen, in der höllerschen Dachkammer die Bücher und Schriften zu lesen, die zu lesen ihm weder in Englang, noch in Altensam möglich gewesen war, das zu denken und zu schreiben, was zu denken und zu schreiben ihm weder in England, noch in Altensam möglich gewesen war, hier hatte ich Hegel entdeckt, sagte er immer wieder, hier hatte ich mich zum erstenmal wirklich mit Schopenhauer beschäftigt, hier hatte ich zum erstenmal die Wahlverwandtschaften und die Empfindsame Reise bei klarem Bewußtsein störungsfrei lesen können, hier, in der höllerschen Dachkammer hatte ich plötzlich Zugang zu jenen Gedanken gefunden, die mir die ganzen Jahrzehnte vor der Dachkammer versperrt gewesen waren und tatsächlich, wie er schreibt, zu den wesentlichsten Gedanken, zu den für mich wichtigsten, ja lebensnotwendigsten Gedanken, hier in der höllerschen Dachkammer, schreibt er, ist mir alles möglich gewesen, was mir außerhalb der höllerschen Dachkammer immer unmöglich gewesen war, meinen Geistesgaben nachzugeben und dadurch meine Geistesfähigkeiten zu entwickeln, und meine Arbeit vorwärts zu bringen, denn war ich außerhalb der höllerschen Dachkammer immer gehindert gewesen, meine Geistesfähigkeiten zu entwickeln, so konnte ich sie in der folgerichtigsten Weise in der höllerschen Dachkammer entwickeln, alles in der höllerschen Dachkammer ist meinem Denken entgegengekommen, in der höllerschen Dachkammer durfte ich mir immer alle Möglichkeiten meines Geistesvermögens erlauben und ich war aufeinmal in der höllerschen Dachkammer immer von der Unterdrückung der Außenwelt gegen meinen Kopf und gegen mein Denken und also gegen meine ganze Konstitution ausgenommen, das Unglaublichste war in der höllerschen Dachkammer aufeinmal nicht mehr unglaublich, das Unmöglichste (Denken!) nicht mehr unmöglich.

[Thomas Bernhard – Korrektur]

Vakuum

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Mancher Platz übt eine derart starke Anziehungskraft auf uns aus, dass wir schon im Voraus ein bestimmtes Gefühl antizipieren, sobald uns nur eine kleine, fast kaum spürbare Andeutung darauf aufmerksam macht, dass dieser Ort existiert und mit unserer Erinnerung in starker emotionaler Verbindung steht. Erreichen wir diesen Ort, beschleicht uns jedoch manches Mal ein Gefühl der Ernüchterung: wenn das Gedächtnis sich nur von augenscheinlichen Reizen leiten ließ und die Wahrheit einem Idealbild weicht. Wir bleiben für einen Augenblick stehen und kehren in uns. Krampfhaft versuchen wir das Geschehene hervorzuholen und stellen doch fest, dass dem ein natürliches Maß gesetzt ist. Nun fahren wir entweder fort, das Ideal zu postulieren oder aber wir realisieren die Ungetrübtheit der Objektivität. Dann nehmen wir jenem Ort die Aura, die ihn umgab. Wäre dies dann ein beklagenswerter Zustand?

Wenden

Von den inneren Vorgängen abzuweichen und sie zu verallgemeinern sei eine Unzulässigkeit. Ebenso wie es eine Unzulässigkeit sei, mit anderen Menschen in Kontakt treten zu müssen, mit ihnen zu interagieren. Es ist eine Unzulässigkeit davon auszugehen, dass nur irgendeiner, irgendjemand! darauf wartet, dass man mit ihm in Kontakt und also Interaktion trete. Stets ist es ein ablehnendes Aneinandervorbeischauen, welches uns hilft, in aufrechtem Gang aneinander vorbeizugehen, und doch das Grußwort nicht zu vergessen. Das Grußwort zu sprechen, und dabei nicht gleichzeitig auszuspucken, sei ein Vorgang der größten inneren Beherrschung und der größten inneren Anspannung, so Kettler. Dass das fortwährende Sicht-Anspannen einen Zustand der vollkommenen Gleichgültigkeit erfordere, sei nur natürlich, sagte Kettler, der mittlerweile vom Stuhl aufgestanden und in Richtung Fenster getreten war, um einen Blick in das Hofinnere zu werfen, wie ich annahm.

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Einen Blick aus dem Fenster zu werfen, erfordere in gleichem Maße Körper- und auch Geistesanspannung, wie es das Unterdrücken des Ausspeiens erfordere, so Kettler. Die Grußformel sei eine Verhaltensformel, und wie alle Verhaltensformeln, sei auch diese Verhaltensformel eine dumme, weil unserem innersten Wesen gänzlich abgehende, da uns in keinster Weise anbetreffende Vorgehensweise. Doch über die Jahre, die fortdauernde Praxis hindurch, entwickle man ein entschiedenes Maß an Gewohnheit, welche zu einer die Gedanken bedrückenden Macht werde. Macht der Gewohnheit!, rief der Kettler aus, sodass ich kurzerhand von meinem Stuhl aufstehen wollte, es aber nach dem mir Gewahrwerden der Unzulänglichkeit eines unvermittelten Aufstehens, unterließ. Ich trage karierte Pullover und einfarbige Hosen aus festem Baumwollstoff, sprach Kettler, immer noch aus dem Fenster in das Hofinnere starrend und nach wie vor jeden zweiten Satz mit Verhaltensweise einleitend. Soundso und Verhaltensweise und Verhaltensweise und soundso und in einem fort und Verhaltensweise hier und in einem fort und Verhaltensweise dort. Ich könnte niemals karierten Stoff an den Beinen und nur einfarbigen Stoff am Oberkörper tragen, so Kettler, der das Wort Oberkörper merklich hörbar in seine Grundbausteine gliederte und dabei insonderheit die Nachsilbe Körper mit Betonung bedachte, sodass das Wort Oberkörper von seiner ursprünglichen Bedeutung verlor und mehr Gewichtung auf den Körper, also den Korpus, wie Kettler nachsetzte, den Korpus!, übertrug. Man vergesse gern, dass das bewusste Auswählen der Kleider ein Akt der größten inneren Beherrschung und der größten inneren Anspannung sei, da das Auswählen der Kleider ebenso wie das Beachten der Grußformel keineswegs eine lapidare, unbedeutende Nebensächlichkeit sei, zu der man sie allzu schnell in manch bornierter Rede- und also Zwangssituation herabwürdigte, sondern dass die Auswahl der Kleider insbesondere eine unserer inneren Anspannung und Beherrschung entsprechende äußere Verhaltensweise erfordere, sagte Kettler. So gingen wir in ein Geschäft und ließen uns diese und jene Kleider zeigen, wohingegen wir uns nicht getrauen auch nur einmal den Stoff in Zweifel zu ziehen, weil wir jenen Laden seit Jahren, seit Jahrzehnten!, so Kettler, aufsuchten und in gutem Gewissen aufsuchten, und also von der einwandfreien Beschaffenheit der Waren überzeugt seien, obwohl unser Verstand uns beständig dazu auffordere, die Beschaffenheit einer Ware stets auf das Neuerliche zu untersuchen und die an den Tag gelegte Freundlichkeit des Personals als eine nur geschäftsorientierte und damit verdammenswürdige Freundlichkeit, als eine Heuchelei abzutun und zu verwerfen, und die Waren, entgegen dem beim Personal vorherrschenden Glauben einer in uns bestehenden, bornierten!, so Kettler, Überzeugung, die Waren wären tatsächlich in der prätendierten Beschaffenheit, zu hinterfragen. Aber wir hinterfragen nicht und wir befühlen auch die Konsistenz des Warenmaterials nicht, weil wir naturgemäß in der bornierten Überzeugung von der einwandfreien Beschaffenheit der Waren stehen- und also stecken bleiben und bereits beim Überschreiten der Ladenschwelle wissen, dass wir den bevorstehenden Kampf um Überzeugungen nur verlieren können, noch bevor uns das widerliche Lächeln eines Ladenvertreters bedeuten kann, dass wir verlieren müssen und wir also in ebenso lächerlicher Art und Weise zurückgrüßen, den Gruß, welcher in der Tat gar kein Gruß, sondern ein Fluch sei, erwiderten.

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Wir lächeln und beim Betrachten eines Spiegels sollen wir uns wiederfinden, wo wir doch gar nichts wiederfinden könnten, sagte Kettler, weil das eigenes Spiegelbild stets nur das eigene Zerrbild und damit ein Hohn auf das Selbst sei, so Kettler. In dem Maße, wie wir den Kampf um Überzeugungen bereits mit der Gruß-, welche ja tatsächlich ein Fluchformel sei, verlieren, sagt Kettler, streifen wir jene Kleider über, die uns dementsprechend naturgemäß als Verlustprodukte erscheinen. Alles was wir tragen, sei eine Lüge, und alles was wir sagen sei eine Lüge und alles was wir denken sei eine Beteuerung, so Kettler. So sei das Tragen nur karierter Oberstoffe eine ebenso bedeutende Lüge, wie das ausschließliche Anziehen nur einfarbiger Hosenstoffe, wohingegen das Anziehen nur einfarbiger Oberstoffe ganz im Gegenteil zum Tragen nur karierter Hosenstoffe stünde, weil dies eine Auflehnung gegen den Kampf um Überzeugungen sei, den wir ja bereits mit der Gruß-, die tatsächlich immer nur eine Fluchformel sei, verloren hätten. Es sei alles ein ständiges Perpendikulieren und alles ein ständiges Oszillieren um die eigenen Geistesvorgänge. Alles drehe sich einerseits um Frage, was wir tragen, andererseits um die Frage, wie wir grüßen. Niemals dreht es sich um die Frage, ob wir etwas tragen, weil wir innerlich immer alles ertragen, und so drehe sich auch niemals etwas um die Frage, ob wir überhaupt grüßen wollten, weil wir innerlich schon immer grüßen, weil wir im Innersten die Bedeutungen verkehrten und also aus dem Schlechten ein Gutes, aber aus dem Guten niemals ein Schlechtes machten. Und plötzlich verschwimmt alles vor Ihren Augen, sagte Kettler, der sich schlussendlich umdrehte und mit einer flüchtigen Grußformel das Zimmer verließ, nicht ohne mich im Zustand der bedeutendsten Irritation zurückzulassen, dergestalt, dass ich mich fragen musste, inwieweit das Kettlersche Gehen und also das Kettlersche Grüßen nicht eher ein Kettlersches Fliehen und somit ein Kettlersches Fluchen seien. Plötzlich würde alles verschwimmen.

Reflexbogen

Die meisten Menschen interessieren einen wirklich nicht, habe ich die ganze Zeit gedacht, fast alle, denen wir begegnen, interessieren uns nicht, sie haben uns nichts zu bieten als ihre Massenarmseligkeit und Massendummheit und langweilen uns dadurch immer und überall und wir haben naturgemäß nicht das geringste für sie übrig.

[Thomas Bernhard – Holzfällen]

Kalkstein

kampfzone

In einem Wirtschaftssystem, in dem Entlassungen verboten sind, findet ein jeder recht oder schlecht seinen Platz. In einem sexuellen System, in dem Ehebruch verboten ist, findet jeder recht oder schlecht seinen Bettgenossen. In einem völlig liberalen Wirtschaftssystem häufen einige wenige beträchtliche Reichtümer an; andere verkommen in der Arbeitslosigkeit und im Elend. In einem völlig liberalen Sexualsystem haben einige ein abwechslungsreiches und erregendes Sexualleben; andere sind auf Masturbation und Einsamkeit beschränkt. Der Wirtschaftsliberalismus ist die erweiterte Kampfzone, das heißt, er gilt für alle Altersstufen und Gesellschaftsklassen. Ebenso bedeutet der sexuelle Liberalismus die Ausweitung der Kampfzone, ihre Ausdehnung auf alle Altersstufen und Gesellschaftsklassen.

[Houellebecq – Ausweitung der Kampfzone]

Asphalt

kaputtes auto an wand

Sie schneidet wieder ein Gesicht hinter seinem Rücken, gegen ihn und auch gegen mich, denn sie hat herausbekommen, dass ich mich dem Maler angeschlossen habe. So bin ich ihr also verdächtig. Sie zählt mich zu ihm. Da sie ihn verabscheut, muss sie auch mich verabscheuen.

[Thomas Bernhard – Frost]

Abrieb

„Der Gedanke ist mir ein Graus“, sagte der Fraenckel, „er ist mir durch und durch ein Graus, es ist geradezu ein zersetzender Gedanke, er bohrt sich durch die Unterschichten Ihres Hirns und dringt durchs Mark, um schlussendlich an der Oberfläche als eine irgendwie geartete Exaltation, als ein „Ausrutscher“, wenn man so will“, sagte der Fraenckel, „als ein ganz lapidarer „Ausrutscher“, eine billige Banalität zu erscheinen. Diesen Prozess nennen wir dann Physiognomie, also vielmehr sein Resultat.“

Fraenckel, der mir seid vielleicht einer Dreiviertelstunde gegenübersaß, konnte nicht umhin, immer und immer wieder, „fortwährend“, wie Fraenckel sagte, von den ihn plagenden Alpträumen zu berichten, die ihn, wie er andauernd anmerken musste, „auszuhöhlen drohten, von innen vielmehr zersetzten“. Die Lobby des Sanatoriums, in der ich Fraenckel traf, erschien mir beim Eintreten als wesentlich angenehmer als ich es mir ausgemalt hatte. „Gewöhnungssache“, sagte Fraenckel gleich nachdem wir uns trafen, so, als wusste er eindeutig um die mich beklemmende Unsicherheit. „Alles ein Umstand der Gewöhnung! Immer war alles in meinem Leben ein Umstand der Gewöhnung: Marter oder Glückseligkeit? Beides irgendwann gleich geartet, gleich erlebt. Irrelevanz!“, sagte der Fraenckel und verschlang nahezu die letzten Silben. „Sie zu sehen, Becher, bedeutet mir eigentlich nichts im Geringsten.“, hob Fraenckel neuerlich an, ohne mich anzusehen, ja vielmehr durch mich hindurchschauend, ein irgendwie geartetes Panorama jenseits meiner rein physischen Körperlichkeit ausmachend. „Es war mir immer ein Graus mit anderen Menschen „umgehen“ zu müssen, sprach Fraenckel in durchaus bemerkenswerter Verächtlichkeit. „Stets war es mir ein Graus, es grauste mich eigentlich ständig, fortwährend war es ein irgendwie gearteter Graus, der mir durchweg, ohne Umwege quasi bedeutete, dass alles ein schlechtes Ende nehmen würde. Ein grässlicher Graus, grausend und grässlich, fratzenähnlich und sogleich lächerlich, lachhaft! Höhnisch und lachhaft und lächerlich und dabei fortwährend mich grausend.“, sagte Fraenckel, der sich nun umdrehte und anschickte, die Lobby Richtung Park zu verlassen. Wir traten nach draußen, ich folgte ihm vielmehr zögerlich und doch bestrebt; in einer bestimmten Eigenartigkeit folgte ich dem Fraenckel, und war mir doch recht unsicher, ob des Verlaufs dieses Gesprächs, das ich glaubte, aus meinem Interesse an der Person erbeten, denn – wie ich mittlerweile glaubte –, heraufbeschworen zu haben. „Im Park ist es eigentlich erbärmlich, Grünanlagen unterscheiden sich in nichts, verfolgen doch stets ein und denselben Zweck: sollen ablenken, sollen zerstreuen“, sprach Fraenckel und ruderte abwechselnd mit dem linken oder aber rechten Arm, gerade so, als müsse er sich den Weg frei räumen. „Immer waren mir Menschen in die Quere gekommen. Niemals konnte ich mir sicher sein, niemals sollte ich mir sicher sein. Von Dürfen wollte ich gar nicht sprechen!“, setze Fraenckel hinterher. „Schauen Sie, Becher, wohin Sie sich wenden, Sie werden stets nur Elend erblicken.“ Was meinte er damit? Die anderen Patienten? „Stets kamen sie mir in die Quere, machten sich anheischig, verbeugten sich, stellten Fragen, forderten unablässig. Erst fragten sie heuchelnd, dann forderten sie, schickten Fragen um Fragen; wie Kanonensalven ließen sie sie auf mich niederprasseln, alsbald kamen ihre Forderungen auf. Wechselseitige Verschränkung von Bitte und Zwang. Sie fragten und forderten, nach der Forderung schickten sie wieder ein Frage hinterher usf.“ Fraenckel, der in seiner zerschlissenen Baumwolljacke eine heruntergekommene Gestalt bot, spie aus, sodass es in mir ein Gefühl des Ekels hervorrief. (mehr…)