Archiv für Januar 2008

Zum Wertgesetz

• zentrales Gesetz der marxistischen Werttheorie
• besagt, dass Arbeit die Quelle des Werts und sein Maß ist
• der Wert von Waren ist durch die zu ihrer Produktion notwendige gesellschaftliche Durchschnittsarbeitszeit bestimmt, die ihrerseits vom Grad der Produktivität der Arbeit abhängt
• Marx entwickelte dieses Gesetz aus der Analyse der Ware
• danach werden die privaten (Waren)Produktionen auf dem Markt einem gesellschaftlichen Vergleich unterzogen dergestalt, inwiefern der Aufwand gesellschaftlich notwendige Arbeit darstellt
• die Frage, wie es um die Austauschbarkeit der Ware gegen Geld (Geld bleibt selbst nichts anderes als Ware, selbst wenn es als allgemeines Äquivalent akzeptiert ist!) steht, erfährt dort eine praktische Antwort
• Der Wert wird also per Konkurrenz ermittelt, ist eine gesellschaftliche Größe (soziales Verhältnis!)
• Der Wert (nicht der Gebrauchswert) der Ware ist die Form des Reichtums, auf die es im Kapitalismus ankommt
• Marx: beim Austausch von Waren werden die jeweiligen Arbeitsquanten – die in den Waren vergegenständlicht sind – verglichen
• das Gemeinsame der vielen verschiedenen Waren, die ja Resultat eines Arbeitsprozesses sind, ist Arbeit schlechthin (abstrakte Arbeit)
• Arbeit ist demnach Quelle des Werts, die Arbeitszeit Maß des Werts
• wertschaffende Arbeit ist Unglück für die Arbeitenden:
o Eigentum trennt die Arbeiter von ihren Arbeitsprodukten
o lediglich ihre Arbeitskraft wird mit dem Lohn abgegolten
o aus der Sicht des Arbeitgebers gilt es, möglichst viel Wert aus der Arbeit herauszuholen, also durch Steigerung der Produktivität die Lohnstückkosten zu senken
o ferner liegt es in seinem Interesse, die Arbeitszeit auszudehnen, die Arbeit zu verdichten und zu intensivieren und die Arbeiter ganz nach Bedarf verfügbar zu haben
o die kapitalistische Anwendung von Arbeit steht unter dem Imperativ, dass Anwendung von Arbeitskraft rentabel sein uss; andernfalls findet sie nicht statt
o dies schließtm ein, die verlangte Leistung immer höher zu schrauben und die Lohnsumme (z.B. durch Entlassungen) zu drücken
o insofern ist Arbeitslosigkeit eine notwendige Konsequenz kapitalistischer Kalkulation

• das Verhältnis von Arbeit und Wert lässt sich so zusammenfassen: Geldbesitzer kaufen die Quelle des Werts (lebendige Arbeit), organisieren eine Mehrwertproduktion und vermehren dadurch ihr Eigentum
• ihr investiertes Geld fungiert somit als Kapital, aus Geld wird mehr Geld (G-W-G’)
• die Vermehrung von abstraktem Reichtum ist Inhalt und Zweck des ganzen wirtschaftlichen Prozesses
• die Herstellung von Gebrauchswerten spielt dabei nur die Rolle eines Mittels
• für die Arbeiter sieht die Bilanz schlechter aus: Ihre Arbeit schafft zwar Wert, aber nicht für sie; vermehrt wird fremdes Eigentum
• das Leben von Lohnarbeitern („abhängig Beschäftigten“) ist durch lebenslange Abhängigkeit und Unsicherheit gekennzeichnet
• die Lohnarbeit taugt nicht als Existenzmittel, da sie die Arbeitskraft ruiniere und als Einkommensquelle versagt, da sie klein zuhaltender Faktor („Kost“) ist und nicht dem Entzug aus dem kapitalistischen Produktionsprozess dienen soll
• gleiches gilt, wenn die Arbeitskraft verbraucht ist oder der Arbeiter nicht gebraucht wird (bürgerlich: „Konjunkturkrise“)
• Das Kommando des Geldes über die Arbeit bzw. die Arbeiter zeigt sich zudem darin, dass die Arbeiter gegeneinander ausgespielt werden (Konkurrenz)
• im Ergebnis reproduziert sich das kapitalistische Produktionsverhältnis bzw. die kapitalistische Klassengesellschaft
• das Nebeneinander von Reichtum und Armut, von „sozial Schwachen“ und Millionären wird tagtäglich verewigt
• Armut auf der einen Seite ist der Grund für Reichtum auf der anderen (funktionale Armut)
• die Verwertung des Werts hat eine imperialistische Tendenz:
o Land und Leute werden weltweit als Mittel der Kapitalvermehrung benutzt (bürgerlich: „Globalisierung“)
• auch der moderne Staat beruht materiell auf dem Wert, indem er nämlich einen Teil des produzierten abstrakten Reichtums verstaatlicht (Steuern)
• daher hat er ein vitales Interesse an dessen Wachstum und kapitalistischem Reichtum, um seinen Reichtum zu mehren
• der Staat versucht der nationalen Geschäftswelt den Zugriff auf auswärtigen Reichtum, also auf den Reichtum anderer Nationen zu erschließen (sogenannte „Standortfaktoren“)
• insofern agiert der Staat als „ideeller Gesamtkapitalist“
• ein imperialistisches Bestreben, das Konflikte bis hin zum Krieg schafft

Yü-Gung

Man muß aufstehen und weggehen können aus jeder Gesellschaft, die nichts taugt, so Roithamer, und die Gesichter, die nichts sind und die oft grenzenlos dummen Köpfe zurücklassen, und hinaus und hinunter und ins Freie gehen können und alles, das mit dieser untauglichen Gesellschaft zusammenhängt, hinter sich lassen, so Roithamer, die Kraft und den Mut und die Rücksichtslosigkeit auch gegen sich selbst haben, alle diese lächerlichen, nutzlosen, stumpfsinnigen Menschen und Köpfe hinter sich zu lassen und einatmen, das Zurückgelassene alles ausatmen und etwas Neues einatmen, man muß diese nutzlosen, zu nichts als zu Stumpfsinnigkeiten zusammengerotteten Gesellschaften auf dem schnellsten Weg verlassen, um nicht Bestandteil dieser stumpfsinnigen Gesellschaft zu werden, aus solchen Gesellschaften zu sich selbst zurückgehen und in sich selbst Beruhigung und Klarheit finden, so Roithamer. Man muß den Mut und die Kraft haben, eine solche Gesellschaft abzubrechen, Unterhaltungen abbrechen zu können, aus allen diesen unsinnigen, nutzlosen und nichts als gemeingefährlichen Themen aufbrechen und weggehen, um sich zu retten, den eigenen Kopf in die Flucht schlagen können jederzeit, in jedem Augenblick, wo auch immer, ins Freie flüchten, so Roithamer. Wenn wir ehrlich sind, empfinden wir beinahe alle Unterhaltungen, in die wir hineingekommen sind, ohne daß wir wissen wie und aus was für einem Grund, als nutzlose, immer als solche, die für uns nicht zweckmäßig sind, die uns nur abschwächen. Im richtigen Moment müssen wir aus solchen Gesellschaften, Umständen, Zuständen aufstehen und weggehen, naturgemäß in längeres, langes, immer in unendliches Alleinsein hinein, so Roithamer. Aber in der Konsequenz unseres Weggehens sind wir mehr und mehr verrückt erklärt und gehaßt, und dieser Umstand ist ein sich von Tag zu Tag verstärkender gegen unseren Kopf und gegen unseren Charakter und gegen unser ganzes Wesen, so Roithamer.

[Thomas Bernhard – Korrektur]

Kurzer Abriss zur Philosophie Hegels

I. Philosophiegeschichtliche Voraussetzung

• Immanuel Kant hatte die beiden Pole des Rationalismus und des Empirismus vermittelt und mit seiner Transzendentalphilosophie den Boden für den deutschen Idealismus bereitet
• allerdings musste er dabei einen „Rest Welt” zurücklassen, den zu erkennen der Mensch nicht in der Lage sei
• => das sogenannte Ding-an-sich markiert eine Grenze der menschlichen Erkenntnis, denn ihr ist das „Wesen der Dinge”, so wie sie „an sich” sind, nicht zugänglich
• die Entzweiung der Welt zwischen den Dingen an sich und der Erscheinung, in der wir sie wahrnehmen, ist nach Kant somit ewig und unüberbrückbar
• das Erkennen der Wahrheit als die Einheit von Denken und Sein ein vergeblicher Traum
• um diese Kluft zwischen Philosophie und Realität zu überbrücken, entwickelte sich der subjektive (Fichte) wie der objektive (Schelling) Idealismus
• welche wiederum mangelhaft waren, was Hegel nun mit seinem System des absoluten Idealismus zu versöhnen suchte
• systematisch – und damit, in Hegels Verständnis, wissenschaftlich – musste seine Philosophie sein, weil sie „alles, was ist” umfassen sollte („das Wahre ist das Ganze“)

II. Die Aufgabe der Philosophie: Wissenschaftliche „Systematik”

• die „Phänomenologie des Geistes“, verfolgt deshalb die verschiedenen Phänomene, d. h., die Erscheinungsformen des Geistes
• das Ziel philosophischen Denkens ist für Hegel die Wahrheit
• diese ist nur im Begreifen des gesamten Alls, der Welt als ganzer erkennbar
• erst wenn der gesamte Kosmos überblickt werden kann, wird das Wesen der Welt verständlich
• nicht als etwas Feststehendes, sondern als sein Werdegang selbst: „Das Wahre ist das Ganze. Das Ganze aber ist nur das durch seine Entwicklung sich vollendende Wesen. Es ist von dem Absoluten zu sagen, daß es wesentlich Resultat, daß es erst am Ende das ist, was es in Wahrheit ist” (Phänomenologie des Geistes, Vorrede)
• diesen Entwicklungsgang nachzuvollziehen, ist die philosophische Aufgabe
• Hegel operiert in seinem Denken oft mit dem wortwörtlichen Sinn der Begriffe (Ent-wicklung: sich herauswickeln, Gegen-stand: Wider-stand etc.)
• Hegel verlangte von der Philosophie keine andauernde Aneinanderreihung einzelner Meinungen, sondern ein Auftreten als Wissenschaft (wogegen heute sich Wissenschaft gerade durch Meinungspluralismus auszeichnet!)
• Philosophie im Allgemeinen und Hegels Philosophie im Besonderen, so sein Anspruch, sollte alle Erscheinungsformen des Geistes – inklusive gegenständlicher Natur und tatsächlicher Geschichte – durchdenken und begreifen
• seine Philosophie gilt nicht zuletzt deswegen als enzyklopädisch
• sollte Philosophie nun als Wissenschaft auftreten, so konnte sie dessen nur gerecht werden, wenn sie sich in einem umfassenden „System der Philosophie” abbilden ließe: „Die wahre Gestalt, in welcher die Wahrheit existiert, kann allein das wissenschaftliche System derselben sein” (Phänomenologie des Geistes, Vorrede).
• besonders deutlich wird dies in der „Encyclopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse“, die alle Entwicklungsstufen und Erscheinungsformen des Geistes „durchgeht”
• der Geist vergegenständlicht sich in seinen Erscheinungen; er wird (sich selbst) in seinen Erscheinungsformen zum Gegen-stand
• nach dem subjektiven, dem in den einzelnen Subjekten vorhandenen Geist (dem Verstand und dem Selbst-Bewusstsein), und dem objektiven, dem in der sozialen Wirklichkeit konkretisierten Geist (der Sphäre von Wirtschaft, Recht und Politik), gipfelt der Entwicklungsgang des Geistes und damit auch Hegels System im absoluten, dem von der Grundlage des einzelnen Individuums wie der jeweiligen Gesellschaft losgelösten, unabhängigen Geist (den drei „Denkformen” der Kunst, der Religion und der Philosophie)

III. Sachbezogenes Denken = „Dialektisches Denken“

• Hegel schuf mit diesem umfassenden philosophischen System einen begrifflichen Rahmen
• mit dessen Hilfe sollte die Vergangenheit ebenso wie die Gegenwart philosophisch verstanden werden können
• seine Philosophie sollte sowohl in weltumgreifender Perspektive als Metaphysik (Wesenslogik), als Erklärung allen Seins, dienen, und zugleich das Verständnis der einzelnen kleinen historischen und alltäglichen Phänomene (Erscheinungen) ermöglichen
• Hegel nimmt einen das ganze All durchwirkenden „Weltgeist” (Nous) an (Pantheismus, Lehre, welche die Gottheit bzw. „das Göttliche“ in allen Erscheinungen der Welt zu sehen (Allgottglaube) weiß)
• Vernunft ist in diesem idealistischen Modell das „Denken Gottes”, und die philosophische Logik als Grundlage aller Philosophie ist daher „die Darstellung Gottes […], wie er in seinem ewigen Wesen vor der Erschaffung der Natur und eines endlichen Geistes ist” (Wissenschaft der Logik, Einleitung)
• die Vernunft und die gesamte Welt, die von ihr durchwirkt wird, folgt einer bestimmten „gesetzmäßigen” Bewegung, die Hegel Dialektik nennt
• Hegels Geschichtsphilosophie trägt den Untertitel „Die Vernunft in der Weltgeschichte” und beansprucht damit zu zeigen, dass die Geschichte keine chaotische Aufeinanderfolge an sich sinnloser Ereignisse darstellt, sondern eine sich dialektisch vollziehende Entwicklung aufweist, in der die Vernunft stetige Fortschritte macht
• die Philosophie ist bestrebt, diese Entfaltung des Geistes zu begreifen, d. h. zu beschreiben und zu erklären
• deshalb erscheint bei Hegel der „Geist” immer sowohl als die Logik der Entwicklung der Welt (die „Gedanken Gottes”)
• aber zugleich als das einzelne Selbst-Bewusstsein, das sich diesen Prozess reflektierend vergegenwärtigt, also als sein eigener Geist bzw. der seiner Leser
• Hegel beanspruchte daher für seine Philosophie das Höchste, nämlich das Wesen der Welt selbst erkannt zu haben
• das Denken muss demnach der Entwicklung und Entfaltung dieses Wesens folgen, denn es besteht nicht in fester Ruhe (Parmenides), sondern existiert nur, wie Hegel mit Heraklit festhielt, in der ständigen Bewegung, im Werden
• Heraklit hatte gelehrt, dass, wie es Kratylos formulierte, „alles fließt” (panta rhei), und zugleich den Satz aufgestellt, dass der „(Wider-)Streit” (polemos, nicht einfach mit „Krieg” zu übersetzen) „aller Dinge Vater”, also die Grundstruktur der Welt sei
• Hegel greift dies auf: die Selbstentfaltung des Geistes in der Materie bzw. Gottes in der Schöpfung birgt Widersprüche
• nur durch die Entstehung von Gegensätzen und Konflikten entsteht Bewegung, nur durch den Widerspruch wird der Prozess vorangetrieben: „der Widerspruch […] ist die Wurzel aller Bewegung und Lebendigkeit; nur insofern etwas in sich selbst einen Widerspruch hat, bewegt es sich, hat Trieb und Tätigkeit.” (Wissenschaft der Logik, Kapitel „Der Widerspruch”)

IV. Die positive Auflösung des Widerspruchs: „Aufhebung“ oder Synthese

• der Widerspruch strebt nach der (Wieder-)Vereinigung seiner sich widersprechenden und einander widerstrebenden Momente wie die Dissonanz nach der Harmonie
• diesen Prozess der „Versöhnung” nennt Hegel „Aufhebung”
• ein Wort, das in der deutschen Sprache drei unterschiedliche Bedeutungen besitzt, die alle auf diesen dialektischen Schritt zutreffen
o => In der Aufhebung bleibt die Entzweiung der Momente 1. erhalten (wie ein Brief aufgehoben wird), wird
o 2. auf eine höhere Stufe gehoben (wie etwas vom Boden aufgehoben wird) und wird dadurch schließlich
o 3. als selbständiges Sein, als realer Widerspruch „vernichtet” (wie ein Verbot aufgehoben wird)
• dieser Prozess wird etwas vereinfachend als die Abfolge von These, Antithese und Synthese geschildert
• die Antithese repräsentiert hierbei einen gegenläufigen Gedanken oder eine Gegenbewegung zur These, die wiederum beide in der Synthese ausgesöhnt werden
• die Synthese, die These und Antithese miteinander versöhnt, ist jedoch kein bloßer „Kompromiss“
• denn die Synthese ist kein Mittelweg zwischen zwei Extremen, sondern die „Aufhebung” entgegengesetzter Momente, eine qualitative Veränderung
• sie „hebt” die Entzweiung von These und Antithese „auf”, „löst” den Gegensatz „auf”, „bewahrt” aber die in ihm und seinen beiden Momenten enthaltene Wahrheit (das „Allgemeine”) und verwirklicht diese auf einer „höheren Ebene”
• aus dieser Synthese wird dann wiederum eine neue These, die abermals eine Antithese erzeugt, wodurch es zu einer weiteren Synthese kommt usw.
• auf diese Weise wird der Prozess der intellektuellen bzw. historischen Entwicklung ständig neu angestoßen
• ein rastloser Prozess, der jedoch endlich im absoluten Begriff aufgehen soll
• Hegel war dabei stets bemüht, die Notwendigkeit des Übergangs vom einen zum anderen zu zeigen; und verwendet auch hier die originäre Bedeutung des Begriffs der Notwendigkeit:
o die aus Entfremdung und Entzweiung der Momente hervorgehende neue qualitative Ebene, die Synthese, ist notwendig weil not-wendend, denn sie wendet die Not des Konflikts in seine Aufhebung und Überwindung
• dies zu leisten ist eine „Arbeit der Vernunft”, denn der Verstand ist hier, ähnlich wie beim kantischen Ding an sich, überfordert
• zentral für die Hegel’sche Dialektik ist die „Tatsache”, dass etwas zugleich wahr und falsch sein kann, oder genauer, dass etwas zwei entgegensetzte Bestimmungen in sich vereinen kann
• dies stellt für die auf der aristotelischen Logik aufbauende Denkweise, die man traditionellerweise im Alltag benutzt, eine unvorstellbare, weil in ihr prinzipiell ausgeschlossene Tatsache dar:
o Eine Aussage kann dort entweder wahr oder falsch sein, nicht aber beides
o Hegel: die Dialektik beruht geradezu auf diesem existentiellen Widerspruch der philosophisch untersuchten Phänomene, die erst so ihren wirklichen Vernunftgehalt erkennen lassen
• die Dialektik stellt somit eine „höhere” Art des Denkens dar, da sie die Alltagslogik mit umfasst
• Gegensätze und Widersprüche schließen sich nicht aus, sie sind vielmehr in der Wirklichkeit vorhanden und gerade das Wesentliche, das es zu erkennen gilt

Dichotomie

Keuner sei ein unausstehlicher Mensch gewesen, wenn er betrunken war. Unausstehlich und verletzend, sagte Müller. Dass sich der Keuner in regelrechte cholerische Anfälle getrunken habe, war fürchterlich wie es gleichzeitig auch beeindruckend schien, wenn man selbst ein nur Außenstehender war, der unvermittelt in diesen Mikrokosmos aus akkumulierter Brutalität und Ohnmacht schaute. Die Leute verkannten dabei jedoch fortwährend und Müller betonte das Wort ‚fortwährend’ mit einem ominösem Untertone, dass es sich beim Keuner um einen in der Tat hochaufgeschlossenen Menschen handelte, um einen Weltbürger, wie man zu sagen pflegt, sagte Müller. Niemals sei dem Keuner daran gelegen, aus bloßer Naivität, die ja vielmehr eine regelrechte Dummheit wäre, einem Gegenüber quasi aus dem Nichts heraus zu beleidigen, sich also über die Maße zu echauffieren. Nein, so Müller, es sei dem Keuner vielmehr darum gegangen, Licht in das dunkle Verhältnis zwischen Anspruch und Realität zu bringen, welches in vielerlei Gesprächen herrschte und sich nahezu manisch über die Beteiligten legte. Dies habe, so Müller, ihm der Keuner in vielen Gesprächen, in denen die Atmosphäre zwischen ihnen, also dem Keuner und dem Müller, die angespannteste und zugleich die erhabenste und reinste gewesen sei, versucht zu verdeutlichen. In hunderten, ja doch vielmehr tausenden Beobachtungen, habe der Keuner unerschütterlich versucht, die scheinbar unauslotbaren Momente menschlichen Bezugs aufeinander zu analysieren, dadurch zu verstehen und in der Folge, die ihnen zugrundeliegenden Widersprüche zu überschreiten, wie es der Keuner jedes Mal formulierte, sagte Müller. Tatsächlich habe der Müller niemals mit gutgläubigen Beschwichtigungen oder reinen Floskeln, gar Bezeugungen der Unterwürfigkeit auf den Keuner reagiert, wenn es in jenen Gesprächen, die ja vielmehr ein Austausch, ein Gedankenaustausch waren, zu der vom Müller angeführten Anspannung kam. Nur das vollkommene Unterlassen jeglicher Heuchelei, Floskelparaphrasierung und Unterwürfigkeit, habe jene Gespräche zu analytischen Gesprächen reifen lassen, und habe somit den Moment durch das jeweilige Verhalten des Gegenüber für den anderen geadelt. Durch gezieltes Fragen versuchte ich mir, so Müller, Klarheit zu verschaffen über den Gedankenberg des Keuner, und dass es sich bei den geäußerten, ja beinahe schon explizierten Gedanken des Keuner um einen regelrechten Gedankenwust handelte, sei nicht zu leugnen gewesen. Zumindest nicht für einen unmittelbar Involvierten wie es er, der Müller, war, so Müller. Der Keuner war der felsenfesten Überzeugung, dass Gespräche, also vielmehr die Kommunikation zweier Wesen Widersprüche schon im Beginn berge, ja geradezu durch die je Beteiligten in den Raum gebracht würden und somit das A priori der Kommunikation darstellten. ‚Formen der Anschauung’ sagte der Keuner stets, wenn das Gespräch auf die Grundprämisse des Keuner kam. Die ‚Formen der Anschauung‘ gelte es zu bedenken, denn es seien diese ‚Formen der Anschauung‘, welche uns immer vorausgesetzt seien, so Keuner, sprach Müller. Dass es in der Tat ein gefährliches Unterfangen war, jene Beobachtungen, die im Endeffekt eine Analyse werden sollten, durchzuführen, wurde der Keuner niemals müde zu betonen, ja pflegte er in regelrecht Achtung gebietender Manier zu skandieren, so Müller. Es herrsche stets eine Dichotomie der Beobachtung vor, der Supervisionen wie die seinen zu einem für Körper als auch Geist gefährdenden Unternehmen machte, sagte Müller. Zum einen schwinge in jeder Kommunikationssituation die unmittelbare Gefahr des Entdecktwerden durch die je Beteiligten und also das Gefahrlaufen, die eigenen Beobachtungen konterkariert zu sehen, mit, zum anderen, und dies, so Keuner, sprach Müller, sei der wesentlichere Punkt, dürfe man niemals außer Acht lassen, dass jene Supervisionen tatsächlich nur empirischen Charakters seien und eine absolute Aussagekraft über eine Kommunikationssituation durch die bislang erfahrenen Kommunikationssituationen nicht zu erwarten sei. Wozu dann jedoch solche Anstrengungen, die das Hirn aber auch die eigene Physis jedes Mal bedrohten, denn schlussendlich sei es ungewiss, ob ein sich ertappt fühlender Dorfbursche zum Fausthieb ausholen und den Keuner somit ins regionale Spital, das ein fürchterliches, die Leute regelrecht in den Tod treibendes Spital sei, befördern könne, so Müller zu Keuner, überhaupt notwendig seien, wenn doch, so Müller, der Erkenntnisgewinn unterm Strich nur ein marginaler sei. Dass dies eine lächerliche Infamie sei, seine Beobachtungen dergestalt abzutun, entgegnete der Keuner daraufhin stets. Es sei eine regelrechte Lächerlichkeit, sagte der Keuner, so Müller, ihm, also dem Müller, zugewandt, lautstark, und setze hinzu, dass jene Lächerlichkeit sich nur aus geistiger Niedertracht, analytischer Verkrüppelung und infamer Schwachsinnigkeit, ja aus einem positivistischem Schwachsinn rekrutierten. Stets seien die Erregungen des Keuner gleichartig ausgefallen und stets handelte es sich hernach um die angespannten Situationen innerhalb ihres Gedankenaustauschs, so Müller. Nach kurzer Zeit relativierte der Keuner allerdings seine getätigten Aussagen, die ja tatsächlich Beleidigungen und Verleumdungen gewesen waren, sagte Müller, nur, um in seinen Ausführungen, das von ihm besprochene Themengebiet betreffend, fortzufahren. Es sei der Empirie nicht zu trauen und selbst der kritischste Rationalist, gäbe sich der Lächerlichkeit der Wissenschaft preis, wenn er anführte, dass seine gezogenen Schlüsse, die ja tatsächlich nur induktive Schlüsse seinen, absoluten Wahrheitsgehalt beanspruchen könnten. Durchaus seien, so Keuner zu Müller, sagte Müller, die gewonnenen Beobachtungen wie die daraus resultierenden Erfahrungen jeweils unterschiedlicher Kommunikationssituationen nur eine Möglichkeit, die scheinbare Unauslotbarkeit menschlichen Bezugs aufeinander aufzuhellen. Erst das Sezieren von je verschiedenen Stil- wie Sprach- als auch Gestikulationsebenen, erlaube es einem Menschen gestärkt in ein Gespräch einzutreten und nicht dem Zufall anheim zu fallen und sich somit der Lächerlichkeit der Welt preiszugeben. Stets, so Keuner, sprach Müller, kristallisierte sich in allen Beobachtungen eine der Dichotomie der Supervision adäquate Dichotomie des wechselseitigen Bezugs aufeinander heraus. Jedes Mal handele es sich bei einer Kommunikationssituation um ein Sich-Fügen gleichermaßen, wie es sich um ein Sich-Geben handelte. Einer führte etwas an, der andere versuchte in geeigneter Weise zu parieren. Es handele sich um in einem Gespräch latent gewusste Meta-Ebenen der Relation. Der eine ginge mehr, der andere weniger bewusst in ein Gespräch. Ganz gleich, ob es sich hierbei um sogenannte ‚Erkenntnisprivilegien’ oder ‚Informationshoheit’ handelte, wesentlich sei nur, dass es einen transzendenten Ordnungsrahmen für jegliches Gespräch gab, welcher zum einen durch das positive Recht gesetzt, zum zweiten durch die Psyche der Beteiligten geprägt, zum dritten durch die jeweils, sich mitunter wechselseitig ausschließenden Interessen der je Beteiligten geleitet und viertens durch kurzfristige endo- wie exogene Faktoren bestimmt wurde, sagte Müller, den Keuner zitierend. Es sei eine Schande gewesen, dass man den Keuner einfach wegsperren wollte, so Müller; einfach abgeholt und hinter Schloss und Riegel gesperrt sollte er werden. Doch der Keuner sei seinen Verleumdern zuvor gekommen und habe sich auf dem elterlichen Dachboden erhängt, noch bevor ihn die Chargen der Gendarmerie abholen konnten, sagte Müller. Einzig einen Zettel hinterließ er auf jenem Tritt, von welchem er sich fallen ließ: ‚Den wechselseitigen Bezug analysieren. Nicht der geistigen Unauslotbarkeit anheimfallen.‘, stand darauf, sprach Müller.

Exil

Das mit dem Schäfer sei alles sehr schnell gegangen, berichten die Leute im Dorf. Dass es soweit kommen musste, war abzusehen, heißt es, und dass er, also der Schäfer, es nicht anders verdient habe. Vielmehr sei es all die vergangenen Jahre stets nur eine Frage der Zeit gewesen, dass passieren würde, was nun passiert war. Man konnte es drehen und wenden wie man wollte, die Leute im Dorf verstanden es, zu einer sie in der Tat – und ihre schlecht gespielte Prätention unterstrich dies nur – vollends überraschenden Angelegenheit, eine adäquate Geistesverfassung an den Tag zu legen. Schäfer war stets ein verschlossener Mann, sagt man sich. Doch dass diese Verschlossenheit dahinführen würde, wohin sie ihn nun schlussendlich geführt hat, konnte niemand auch nur im Ansatz erahnen, denn jene konsequente Verschlossenheit des Schäfer, wurde ihm, dem Schäfer, jedes Mal als eine positive Charaktereigenschaft attestiert. Dass es sich um einen ruhigen, besonnenen Zeitgenossen handeln muss, war die jedesmalige Auskunft eines zum ersten Male mit dem Schäfer in Kontaktgetretenen. Der Schäfer strahlte eine Besonnenheit aus, dergestalt, dass man stets zugeben musste, und die Dorfbewohner taten dies ohne Scheu, dass man ihn, den Schäfer oftmals hintergehen konnte, dass man ihn aufgrund seiner Verschlossenheit, welche ihm ja in der Tat jedes Mal als eine positive Charaktereigenschaft, wenn nicht sogar Charaktergröße attestiert wurde, über den Tisch ziehen konnte, wie sich die Leute im Dorf ausdrückten. Es war stets klar: mit dem Schäfer, da habe man keinen Widerstand gegenüber. Jene positive Grundstimmung, mit der die Leute im Dorf vormals dem Schäfer begegneten, wurde durch die illusionslose Realität innerhalb der Schäferschen Familie konterkariert, erzählt man sich im Dorf. Schon seit der Heirat der Eheleute Schäfer sei den Dorfbewohnern klar gewesen, dass ein solch verschlossenes Gemüt, wie es er, der Schäfer, fortwährend offenbarte, nicht mit der Affektiertheit seiner Frau, der Schäfer, konvergieren konnte. Dass die Ehe eine Farce sei, sprachen die Dorfbewohner jedoch nur hinter vorgehaltener Hand, aber niemals, wenn sie, die Schäfer, beim örtlichen Metzger einkaufen, oder wenn er, der Schäfer, im örtlichen Rathaus ein amtliches Dokument aufgeben gingen. Es war ein andauerndes Grüß-Gott-der-Herr-Schäfer-und-wie-geht-es-der-werten-Gemahlin in gleichem Maße, wie es ein andauerndes Guten-Tag-die-Frau-Schäfer-und-grüßen-sie-den-werten-Gemahl-nur-ganz-recht, gewesen sei: ein nicht enden wollendes Vorgeben und Sich-Fügen. Stets gaben die Dorfbewohner oder stets gaben die Schäfers vor und in gleichem Atemzuge fügten sich die Dorfbewohner oder fügten sich die Schäfers in die ihnen jeweils vorgegebenen Rollen.

null

Nichts jedoch konnte über den Zustand der desolaten, ja bald hybriden Ehe hinwegtäuschen, wie man sich im Dorf erzählte. Dass er, der Schäfer in seiner Verschlossenheit ihr, der Schäfer, die allergrößten Sorgen und Probleme bereitete, sei ihm, dem Schäfer, offensichtlich niemals, den Dorfbewohnern dafür anscheinend sofort ersichtlich gewesen. Die Schäfer habe sich immer darum kümmern müssen, für jene Verschlossenheit, die ja in einer tiefen seelischen Zerfressenheit des Schäfers gründete, angemessene Ausflüchte zu finden, wenn es wieder einmal zu eruptiven Ausbrüchen dergestalt kam, dass er, der Schäfer, unvermittelt und vollkommen aus dem jeweiligen Kontext gerissen, wildfremden Menschen Schimpfworte und Worte der Verleumdung an den Kopf warf, oder aber dass er seinen eigenen Töchtern gegenüber die allergrößte Gefühlskälte und Distanz an den Tag legte, die selbst ein feindlich gesinnter Wildfremder nicht an den Tag zu legen vermag. In der Tat sei die Gefühlskälte gegenüber den eigenen Töchtern die größte gewesen, berichtet man sich im Dorf. So kam es folgerichtig zu Wortgefechten, Streitereien und Gebärden des Hasses, welchen die Mutter in ihrer die Fassade der bürgerlichen Familie wahren wollenden Attitüde mit Beschwichtigungen und auch Ohnmachtsanfällen auf das Verzweifelste zu begegnen suchte, wenn es hieß, dass jene Töchter, nicht seine, des Schäfers Töchter seien, oder aber wenn es hieß, dass die Indifferenz des Vaters gegenüber dem Lebensverlauf der eigenen Töchter eine Niedertracht, ja vielmehr eine Böswilligkeit sei, die ihren Ursprung nur in den infantilen Depressionen, dem Narzissmus und Geltungsbedürfnis des Vaters hätten. Und dass jenes Geltungsbedürfnis nur folgerichtig jedes Mal konterkariert und somit er, der Schäfer nur logisch lächerlich gemacht werden würde. Dass es sich bei seiner Isolation und bei seiner Verschlossenheit um eine irre Spinnerei, eine Anormalität handele, war zu vernehmen, wohingegen sie, die Schäfer, stets anführte, dass es der Vater in seinem Leben nicht leicht gehabt und er ein stück weit Verständnis seitens seiner Töchter dringend notwendig hätte, um nicht unterzugehen im eigenen Gemütsdunkel. Im Dorf erzählt man sich weiterhin, dass eines Abends die ältere der beiden Töchter in heftigster Gemütsanwallung – welche ihren Ausdruck in einer nahezu apathisch-grübelnden Erscheinung fand – nach Hause kam, um dem Vater von einer ungewollten und nunmehr nicht zu verheimlichenden Schwangerschaft zu berichten. Dies tat sie einzig und allein aus einer inneren Verzweiflung heraus und in dem Glauben, im Vater tatsächlich einen Verbündeten im Kampf gegen das eigene Seelenunheil zu finden. Doch auf die furchtsam in den Raum geworfene Äußerung hin, dass sie, die ältere Tochter des Schäfer, schwanger sei, folgte nach minutenlangem Schweigen, nur eine lapidar dahingesagte Antwort des Vaters, welche ihre Quintessenz in den Worten „du kennst meinen Standpunkt“ fand. Die ältere Tochter habe schwer an diesen Worten zu zehren gehabt, einzig ihre Meinung, ihre Grundannahme ihren Vater betreffend, bestätigten diese Worte, sodass sie selbst Jahre später aus nicht minder freien Stücken einem Anteilnehmenden gegenüber offenbarte, dass solche Worte von der tiefen Gleichgültigkeit des Vaters gegenüber dem Leben der eigenen Töchter zeugten. Was jedoch niemand rekonstruieren konnte, das waren die Gedankeninhalte des Schäfers höchstselbst, und wie sich für ihn die sich vor ihm abspielenden Prozesse tatsächlich darstellten. In seinem Kopf herrschte augenscheinlich eine innere Zerrissenheit, die ein geeignetes Antworten, also ein der Situation oder aber der Geistesverfassung und dem Gemüt des Gegenübers entsprechenden Art und Weise verunmöglichten. Es war eine Art Kontrollverlust über die notwendigen Spielregeln, welcher zugleich durch externe Beobachter als eine Art geistiges Exil identifiziert wurde, in das sich der Schäfer hineinbegeben hätte. Die erfolgte Konsequenz, also der Selbstmord des Schäfer, schilderte in der Tat nur davon, dass jene innere Zerrissenheit, jener Zwiespalt des Gemüts, den Schäfer malträtierten; zeugten von einer den Schäfer übermannenden Last. Der Freitod war die einzig verbliebene Alternative, um jenen Anforderungen der Umwelt, welchen der Schäfer nun einmal einfach nicht gewachsen war, zu entkommen, ja vielmehr zu entfliehen. Dass dies nur folgerichtig schien, darauf ließen die Leute im Dorf immer noch, also Jahre nach dem Geschehen, nichts kommen.

Deprivation

Es gelte Momente der totalen Einsamkeit zu überwinden, wenn man sich an jemanden verloren habe, führte Meyer weiterhin aus. Nicht, dass es durchweg in einem negativen Bedeutungszusammenhang stehen müsse, wenn wir uns auf den Anderen beziehen. Allzu oft sind wir geneigt, die Formel zu bemühen, wonach „Ich“ ein anderer sei. Und wenn ich vorhin in einem nicht weniger aufgeregten Duktus von der Entsetzlich- und also Gefährlichkeit des wechselseitigen Bezugs aufeinander sprach, so waren diese meine Eindrücke einer inneren, mir ja tatsächlich innewohnenden Anspannung geschuldet, so Meyer. Ob ich ein Opfer meiner eigenen Prätention sei, fragte der Meyer rhetorisch. Nein, es gelte jene qualitativ wertvollen Beziehungen aus der Masse herauszufiltern und für uns zu bewahren. Wir müssen stets den Gefährdungen aus dem Weg gehen und damit die Körper- und auch die Geistesgefahr umgehen, so dass wir in der Tat gestärkt aus mancher Beziehung hervortreten können, fuhr Meyer fort. Wir können niemals einfach stehen bleiben und beschließen, uns selbst und unser Wesen zu verschließen und niemanden mehr an uns ranzulassen. Die vollkommene Isolation ist ein Martyrium für unsere Seele, dessen wir niemals habhaft werden wollen, selbst wenn wir fortwährend und insbesondere in Momenten der äußersten Anspannung und der äußersten inneren Unruhe konstatierten, dass eben jene Isolation das einzige Mittel für unser Überleben wäre. Sie schreckt uns in ihrer Deprivation zu sehr, als das wir tatsächlich den entscheidenden und damit zugleich schlussendlichen Grenzgang hinter uns bringen würden. Im Grunde suchten wir fortwährend nach Verbindung zum Anderen.

null

Einzig neigten wir dazu, das Niedergedrücktwerden durch den Einzelnen zu pauschalisieren und damit eine spezifische Geisteshaltung zu verabsolutieren, wo eine solche Verallgemeinerung unzulässig, weil unserem Drang zum Überleben abträglich sei, sprach Meyer in nun ruhigerer Diktion. Wir sehnten uns nach Zuwendung durch den Anderen, nach Bestätigung, ja nach jenem Gefühl, welches wir als „Halt“ oder „Geborgenheit“ bezeichneten. Das total Desperate um uns herum, mache uns sehnsüchtig nach sogenannten Verbündeten, nach Kombattanten oder als Mitstreiter identifizierten Mitmenschen. Zeitgenossen, denen wir unser Herz schenken könnten, ohne dabei in die Fahrlässigkeit des eigenen Sich-aufgebens abzugleiten. Dies sei eine nur hauchdünne imaginäre Grenze, welche die meisten Menschen jedoch blindlings überschreiten würden, einfach weil sie zu schnell zu viel vom Anderen verlangen würden und dabei vollends ausblenden, dass der Andere in ebenso desolater Lage stecke, wie man selbst es ja dauernd vorgebe.

Refraktärphase

Es sei gefährlich, sich auf einen Anderen einzulassen, äußerte Meyer in nachdrücklichem Ton. Dass es gefährlich, man sich aber dieser Gefahr niemals auch nur im Ansatz bewusst sei, bedeute zugleich in einen Zustand der gesellschaftlichen Ohnmacht zu verfallen. Es sei vielmehr ein komatöser Dämmerzustand, in dem wir dahin trieben, einzig, weil der Bezug auf den Gegenüber ein über und über für uns gefährlicher und also sowohl unserer Physis als auch Psyche abträglicher, ja zersetzender Zustand sei, so Meyer. Wir kämen jedoch niemals umhin, uns trotz aller bisher erfahrenen Zurückweisung, die der Bezug auf den Gegenüber unweigerlich, in letzter Konsequenz sogar gewalttätig mit sich bringe, wiederum in die Falle zu tappen und wiederum uns auf den Bezug auf den Gegenüber einzulassen. Es handele sich dabei, so Meyer, um ein in der Tat borniertes Verhaltensmuster, welches wir einfach nicht, niemals, skandierte Meyer, abzulegen bereit seien und es wäre jedes Mal nur eine Frage der Zeit, ja mehr eine Sache von wenigen Millimetern, dass wir dem Tode durch den Anderen hervorgerufen, entgingen. Der Tod lauere in allen Beziehungen, die wir eingehen, sagte Meyer und wandte sich mir ab, dem Fenster entgegen. Der Tod ist der stille Hinterhalt, in den wir gelockt werden sollen und in unserer infantilen Einfalt, in unserer stupiden Gesellschafts- und Alltagsmelancholie verfallen wir jedes Mal aufs neuerliche dem Geschwafel irgendwelcher dummen, regelrecht dahergelaufenen Trottel, welche uns weiß machen wollten, mit ihnen lägen wir richtig, auf sie könnten wir bauen oder zählen oder was auch immer in jenen Momenten der Gefühlsduselei angeführt würde. Ständig handele man sich selbst und seiner eigenen Verletzlichkeit neue Wunden zu, weil es andauernd ein Hinundhergezogenwerden ist, zwischen diesem und jenem Gefühl, dieser und jener Emotion, vielgestaltigen Gedanken, welche tatsächlich niemals aufhörten, sondern uns tagtäglich begleiteten, sobald wir uns auf jemanden einließen, meinte der Meyer. Dass das Sich-einlassen mitunter die heftigsten Kontraktionen für unser Hirn bedeute, sei uns in jenen Momenten der gefühlten Schwäche einerlei. Wir kümmerten uns nicht, ja tatsächlich niemals darum und schlügen uns vermeintlich abträgliche Gedanken an die Realität, welche uns vielmehr als eine Illusionslosigkeit erscheine, einfach aus. Wir verwerfen sie!, rief Meyer. Zu wem, das konnte ich nicht ausmachen. Höchstwahrscheinlich zu sich selbst.

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Der Andere glaube sich alles mit uns erlauben zu können, nur weil er mit uns in Kontakt getreten ist. Er schleicht sich zuerst in unser Bewusstsein, später in unser Herz. Danach ist er in der Lage alles mit uns anzustellen, was ihm beliebt, wir werden willfähriges Material seiner Wünsche, Obsessionen und Ideen. Wir verlieren uns selbst im Anderen. Zeitweilig glauben wir uns gut darin aufgehoben, doch nach und nach erkennen wir, dass jene vormaligen positiven Assoziationen in Bezug auf den Gegenüber sich wandeln zu einem unklaren Zerrbild und wir unserem Selbstgefühl verlustig gegangen sind. Alles hängt dann am Anderen, jede unserer Entscheidungen ist durch ihn beeinflusst, wenn nicht gar evoziert. Es gerät uns zu einem Strick, nur, dass wir uns selbst zur Exekution ausgeliefert, also freiwillig gestellt haben und nicht einmal flüchtig sind, ja nicht einmal gedanklich abtrünnig werden können. Irgendwann jedoch verliert der Andere das Interesse an uns, was wohl nur eine Folgerichtigkeit sei, so Meyer, denn irgendwann seien wir einfach ausgelaugt, ja vielmehr ausgesaugt durch den Anderen, der sich all unsere Eigenheiten einverleibt hat, unser vermeintlich vorhandenes Wesen inhaliert und uns damit verunmöglicht hat, sprach Meyer in aufgeregtem Duktus. Sicher, es kämen Phasen der Abstinenz und der Regeneration. Momente, in denen wir glaubten, wieder ganz uns selbst zu gehören. Momente der Stärke. Aber dieser Glaube an eine ja in der Tat gar nicht existente Stärke, gerät uns einstweilig zu erneutem Übermut und wir ließen uns wieder vereinnahmen durch einen dahergelaufenen Gegenüber.