Archiv für März 2008

Notiz zum fetischisierten Wissenschaftsbegriff der bürgerlichen Gesellschaft

Die bürgerliche Gesellschaft leistet sich in ihrer Hybridität den Luxus, getrennt von den praktischen Drangsalen der Mehrheit ihrer Insassen, einen Wissenschaftsapparat einzurichten, in welchem sogenannte Forscher unter Wahrung des geforderten Wissenschaftspluralismus frei an den Gegenständen – seien sie Objekte der Natur oder aber rein gesellschaftlich – zu arbeiten. Dazu wird grundgesetzlich gewährleistet, dass Lehre und Forschung ohne weiteres Zutun und ohne Dazwischenhauen von außen praktiziert werden können. Der Staat, der solche Verhältnisse einrichtet, verspricht sich davon Erkenntnis, die ihm in seinem Schalten und Walten als Gewaltapparat von Nutzen sein können. Ganz gleich, ob unterm Strich eine verwertbare Technologie, eine Auskunft über mögliche Gefahren von spezifischen Körpern wie Stoffen oder auch Aussagen über die Möglichkeit effizienter Herrschaftsausübung samt Darlegung einer Sozialstruktur seiner Gesellschaft.
Das Kuriose daran ist neben der Tatsache, dass es sich auch beim Forschen und Lehren um einen Gewaltakt handelt, die Art und Weise, wie zu Werk gegangen wird. Der Fetisch der bürgerlichen Wissenschaften liegt insbesondere in der Stellung der Wissenschaftler zum Gegenstand des Interesses. Da verhält man sich mancherorts so, als ob es nichts Höheres gäbe, als seine Schaffenskraft einzig und allein der Materie (mitunter im Wortessinne) zu widmen. Durchaus sei konzediert, dass manche Personen von dem sogenannten Wissensdurst gepackt sein müssen. Jedoch steht über all dem die Frage, wozu Wissenschaft überhaupt eingerichtet wird. Nun wissen wir, dass vornehmlich der Staat an den Errungenschaften wie Erkenntnissen partizipieren und sie in der Folge an seine Untertanen vermitteln will. Darüber hinaus brechen neue Ergebnisse auch weiteren Methoden und Vorgehensweisen Bahn, und erlauben der Menschheit im Allgemeinen, am Fortschritt teilzuhaben. So weit, so schlecht, denn in kapitalistischen Gesellschaften ist der Nutzwert wissenschaftlicher Erkenntnis unter den Imperativ des Profits, der Akkumulation von Kapital gestellt. Alles muss grundsätzlich einen Tauschwert aufweisen, und muss sich zu kommensurabler Ware gestalten lassen. Dort, wo kein Tauschwert realisierbar scheint, wird auch die Idee nicht weiter forciert. Mitunter bleiben Erkenntnisse in der Schublade eines Forschers liegen, einzig aus dem Grunde einer verunmöglichten Finanzierung. Und dort, wo Finanzierung stattfindet – seitens des Staates oder von Privaten –, ist die Stoßrichtung zugleich mit dem Rubrum Auftragsforschung eindeutig und explizit festgelegt. Doch zu keinem Zeitpunkt steht einzig und allein das Interesse der Menschheit an einem erleichterten Leben im Vordergrund. Hier ist nun die Wegmarke erreicht, an der sich Fetisch und gesellschaftlicher Imperativ kreuzen, da der Gestus der Öffentlichkeit auf die Psyche und den Geist des Wissenschaftlers trifft: So ist es für manchen Zeitgenossen alles andere als selbstverständlich, dass Wissenschaft einzig und allein ihren Bestandsgrund in dem Drang hat, dem Menschen das praktische Leben zu erleichtern. Plötzlich entwickelt sich Standesdünkel wie Elitedenken, da man schnell merkt, dass man in bestimmten Kreisen Prestige genießt, oder dass vom jeweiligen Urteil das Wohl und Wehe der Kommilitonen abhängt. Man kultiviert eine gewisse Attitüde wie Lebensart. Gibt sich als schrulliger Professor, dem wenig am Lauf der Welt liegt, dafür umso mehr an seinen Theorien, ganz so, als sind sie ihm zu reinem Selbstzweck geworden. Doch eine Sache kann ihren Zweck niemals nur in sich haben. Ein freier Wille ohne Zielsetzung, also ohne konkretes Interesse, ist ein fehlgeleiteter Wille oder anders: inhaltslos.

Das Ich geht … zum Setzen einer Bestimmtheit als eines Inhalts oder Gegenstands über. Ich will nicht bloß, ich will etwas. Ein Wille, der … nur das abstrakt Allgemeine (seine leere Freiheit) will, will nichts und ist deswegen kein Wille. (G.W.F. Hegel, Rechtsphilosophie § 6, Zusatz)

So und nicht anders lässt sich denn auch das Treiben an der Universität beschreiben. Die Geistes- und Gesellschaftswissenschaftler wissen sehr wohl, dass sie es überwiegend nicht mit der Objektivität der Natur zu tun haben. Dass sie also Gegenstände vorfinden, die dem Menschen vorgelagert sind und deren Bestand, Inhalt wie Daseinsgrund er erst zu ergründen und auf einen Begriff zu bringen hat, bevor er an die praktische Bewältigung der darausfolgenden Konsequenzen für den Menschen gehen kann, der mit dieser Objektivation umgehen muss. Vielmehr sind die Forschungsgegenstände von Menschenhand und betreffen auch nur die jeweilige Gesellschaftsformation und das Zurechtkommen wie Legitimieren in ihr. Die Philologie beiseite gelassen handelt es sich dort gemäß Dilthey sowieso nur um ein Verstehen, was einem freien Interpretieren schon sehr nahe kommt, jedoch meilenweit entfernt ist von einem wissenschaftlichen Umgang mit den Tatbeständen. Sozialwissenschaftler merken schnell, dass die einzig objektiven Grenzen im Staat und Kapitalismus begründet sind, die sie jedoch nicht antasten dürfen, sodass in einem zusammengeklaubten Kauderwelsch auf Methodenstrenge, Komplexität des Themas, Polykausalität verwiesen wird. Mitunter heißt es sogar anything goes, womit dann der totale Abgesang auf eine Erklärung gegeben wird, die nicht erst in der Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie postuliert wird.
Die Politologie beweist diesen Fetisch mustergültig: so finden wir in dieser Gesellschaft neben den Berufspolitikern ein Konglomerat an medialer Auseinandersetzung über eben jene Politik. Ganz gleichgültig, ob sachverständiger Kommentar oder Polemik und zu allem Überdruss gesellt sich eine Wissenschaft dazu, die in der Tat das Projekt einer good governance ernst nimmt, und darlegt, wie Herrschaftsausübung auf dem gesamten Globus passiert und darüber hinaus konstatiert, was sinnfällig wäre, um staatliche Praxis zu effektivieren (Wahl- und Parteienforschung, Internationale Beziehungen). Vielleicht erschöpft sich deren Postulat tatsächlich in einem zu erreichenden Zustand. Es stellt sich die Frage, ob mit einer parteinehmenden Ausgestaltung einer durchgesetzten global governance, deren Ergebnisse in der Tat nur streng nationalistisch sein können, wie das Reden von den vitalen Interessen einer Nation immer wieder beweist, dann das Forschen eingestellt würde. Nein, lautete die logische Antwort, denn in einer widersprüchlichen Gesellschaft wird es stets Bedarf an Korrektur, Effektivierung und Legitimation geben. Die Politik gehört demnach zu den schmutzigen Fächern, die den Menschen nur Zeit und Nerven kosten und bei deren Beschäftigung stets klar sein sollte, das man Politik für das halten sollte, was sie ihrer Zielsetzung nach sein soll: Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse. Hier sollten die Grundlagen für einen anzustrebenden guten Zustand des Lebens gelegt werden, was die Aufhebung basaler Widersprüche zur Bedingung hätte. Spaß an Politik zu haben, ist demnach die größte Dummheit, die sich ein Individuum leisten kann. Denn wenn Spaß dort entsteht, wo Drangsale bestehen, ist klar, dass man von einer Problemlösung weit abstrahiert hat. Missstände können keine Freude stiften und jede Minute, die mit ihrer Lösung zu viel verbracht wird, ist eine vertane, notwendige Lebenszeit, die für tatsächlich angenehmere Dinge aufgewandt werden könnte. Dies lässt sich analog auf alle Gesellschaftswissenschaften herunterbrechen, und auch auf jene Disziplinen, in denen das Primat der Lebenserleichterung dem Gestus der intellektuellen Betätigung gewichen ist.

Ritornell

Der Samstag kann einem nichts Schöneres bedeuten. Erst recht nicht, wenn es der Folgetag einer Lappalie ist und zugleich das letzte Wegstück vor der wiederkehrenden Scheußlichkeit des Berufs. Setzen wir das Wort doch sogleich ins Kursive, nur, um ein für allemal festzuhalten, dass es sich tatsächlich um eine Tätigkeit handelt, zu der man berufen wird, sie also wie ein Amtsträger auszuführen und ansonsten den Mund zu halten hat. Ich habe hier nur ein Amt und keine Meinung, so steht es zumindest in Schillers Wallenstein, und in gewisser Hinsicht kann diese Aussage sowohl in Richtung als auch gegen den Strich gelesen werden. Man kann sich bescheiden, versuchen, sich in seinen schlechten Verhältnissen einzurichten und sich nur ab und an immer wieder die Worte ins Ohr flüstern, dass doch alles noch viel schlimmer sein könnte und man selbst doch recht gut weggekommen sei etc. Wir kennen diese Form des Selbstbetrugs. Wem begegnet er nicht tagtäglich? Nun ja, die zweite Lesart wäre dementsprechend jene, wonach der Posten zugleich Taten zeitigt, die eine Meinungsäußerung nicht gestatten, selbst wenn erhebliche Skrupel ein ungehindertes Ausführen eigentlich verhindern sollten. Gewissenbisse nennen moralische Menschen diese Erscheinung des Seelenapparates. Es ist fraglich, inwieweit uns Moral heutzutage tatsächlich weiterhelfen kann, handelt es sich bei ihr doch in der Tat nur um einen Maßstab des guten Handelns, und das jener ziemlich weit ausgedehnt werden kann, zeigt nicht erst ein Faktum wie Auschwitz auf, sondern viel kleinere, banalere Tatbestände. Ich meine nicht einmal die kleinen Sticheleien und Bösartigkeiten unter uns als wandelnden Charaktermasken. Das ist ja lediglich die psychische Begleitmusik einer einzigen Dissonanz, nicht wahr, Herr Schönberg? Nein, ganz einfach die praktischen Belange des Alltags, die einem zumeist zuwiderlaufen, ja, unser Leben konterkarieren, aber doch passieren. Und weil uns das Ganze derart haltlos erscheint, ja uns manchmal sogar den Boden unter Füßen entzieht, greifen wir gern zu einer moralischen Formel, wohl wissend, dass die Anwendung dessen keinerlei positiven Nutzen für uns zeitigt. Einzig unser Gewissen scheint sich zu beruhigen. Bei manchem soll dies ja schon genügen. Fragt doch einen bußfertigen Christen nach seiner Auffassung. Katharsis am Sonntag?
Nun fühle ich mich nicht berufen, sondern mehr durch den stummen Zwang der ökonomischen Verhältnisse dazu aufgefordert, einer Tätigkeit innerhalb der kapitalistischen Arbeitsteilung nachzugehen. Dass dies schon zu Anbeginn zum Scheitern verurteilt ist, zeigt nicht erst eine Analyse der Produktionsweise auf. Dennoch, das Gefühl, man selbst sei nur die Manövriermasse des Apparates, eine abhängige Variable in einem Teufelskreis des hire and fire, schreit geradezu nach einer Reaktion des Gemüts. Und dass diese progressiv wie regressiv ausfallen kann, wissen wir alle nur zu gut. Zurück ins Innerte, Private, ist denn auch die Leitformel der meisten Zeitgenossen. In der Tat finden wir vielerlei Möglichkeiten uns zu zerstreuen, aber bereits dieses Wörtchen, zerstreuen, zeigt uns erneut die Haltlosigkeit der Verhältnisse, denn eine Zerstreuung des Gemüts, ist das nicht bereits die Vorstufe zur geistigen Usurpation des Selbst durch ideologische Fremdstoffe? Und wahrlich, ich verabscheue meinen Beruf, manch einer spricht sowieso nur noch von Job, in dem Wissen, dass es sich nur um einen unter einer Vielzahl von erniedrigen Posten handelt. Alles Schlechte für ein Bisschen Geld, ohne das hierzulande wie überall ja nicht das Geringste anzufangen ist. Manch einer stürzt sich umso freudiger (blasierter) in die Arbeit in dem törichten Glauben, seine Anstrengungen würden besonders bewertet und bildeten die Grundlage für ein Vorankommen des Unternehmens. Aber es sei festgehalten, dass die nur rein äußerliche Identität von Knechts- und Herrenbewusstsein keine positiven Konsequenzen zur Folge haben muss. Ja vielmehr ist das Gegenteil die Regel, also das Andere wenn überhaupt, die Ausnahme davon. Lohnarbeit tötet die Seele, das Gemüt und zerschindet den Körper. Auf dem Bau eher, im Büro langsamer, sukzessive. Der Alltagsverstand sagt, dass Langeweile bei der Arbeit noch ein Luxus sei, man also besser den Mund halte. Gegenfrage: Ist die Langweile nicht bereits der Auftakt eines Verfallsprozess des Individuums? Ich verabscheue meine Tätigkeit. Nicht nur wegen der geforderten Heuchelei, nein auch wegen ihres niederdrückenden Charakters, ihrer Fadheit und Abscheulichkeit. Langweile ist nur die notwendige Konsequenz des angewiderten Wesens.

Desiderat

An einem Freitagmorgen vorm dem PC zu sitzen, kann nichts Gutes bedeuten; und in der Tat bin ich von einem Gefühl der Orientierungslosigkeit beherrscht. Vorhin, auf dem Bett sitzend und den herangebrochenen Tag auslotend, dachte ich daran, dass mein Leben bislang vielmehr einer einzigen Andeutung und einem einzigen Davonlaufen glich, als dass ich tatsächlich als Herr der Lage aufgetreten bin. Als ein Mensch, der sein Leben im festen Griff hat und dabei sogar ein kleines Wohlgefühl entwickeln kann, wenn er sich bewegt, mit anderen Menschen interagiert. Und ja, insbesondere der Kontakt mit Mitmenschen misslingt mir nach wie vor. Es ist niemals ein wirklich stimulierender, mich befruchtender Kontakt, sondern eine einzige Katastrophe. Eine Katastrophe der Emotionen wie des Gemüts. Und was bleibt unter dem Strich übrig? Nicht viel, um offen zu sein. Wenn man fortwährend das Gefühl hat, dass das, was man in den Händen zu halten glaubt, einem durch eben jene Hände rinnt, davonfließt, so hat das Leben ständig den Charakter eines Fliehens, jedoch niemals den Charakter eines Ankommens, geschweige denn Verweilens und Wohlfühlens. Es ist demnach eine andauernde Hast, gepaart mit nervöser Aufregung, zeitweiliger Anspannung und Unruhe, wie Konzentrationslosigkeit. Und habe ich mich einmal zur Ruhe begeben, gehe ich einer Tätigkeit nach, die meinen Neigungen entspricht, so übermannt mich alsbald das Gefühl einer nur faden, vorgeblichen Authentizität zu folgen. Jedoch scheint es niemals ernst gemeint. Es ist so, als hätte man die Wahl zwischen den Worten Autodidakt und Dilettant und es wäre schon von vornherein festgestanden, welche Klassifikation auf mich zutreffen würde. Glücklicherweise läuft im Hintergrund Schönberg, sodass der Augenblick nicht in eine triefende Emotion der Sehnsucht getaucht ist. Das Einzige, was bleibt, ist dieser naive Obskurantismus; den Moment festhalten zu wollen, obwohl ihm nichts Positives beschieden ist, ja er vielmehr vor sich dahin dümpelt. Vielleicht sollte ich mich tatsächlich einmal mit Stendhal auseinandersetzen. Auch die Klassiker habe ich beständig verschmäht; nicht zuletzt Bernhard sollte mir die Legitimation dafür geben. Nun interessiert mich doch die Geschichte um Orest, den antiken Muttermörder. Aischylos und Sophokles haben vielleicht nicht viel zum gegenwärtigen Weltlauf zu vermelden, welcher ja nachhaltig auf mein Gemüt drückt, jedoch können sie einen Beitrag zur Zerstreuung leisten. Denn Ablenkung tut Not, dort, wo die eigene Borniertheit in eine plumpe Beharrlichkeit umzuschlagen droht.

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Oh Leben, wie vermisse ich dich! Tagein tagaus bin ich hin- und hergerissen zwischen Worten, die mir nichts sagen, zwischen Taten, dir mir nicht recht sind und zwischen Gedanken, die mich umherpeitschen. Irgendetwas lässt mich willentlich fortfahren und ertragen, ganz so, als wüsste ich nicht warum, aber funktionierte einfach fort. Und ich frage mich insgeheim, wie weit dies geschehen kann, wie weit ich funktionieren kann. Wann geht etwas in mir kaputt oder ist nicht bereits etwas in mir defekt? Vielleicht sind es Wahrnehmungsstörungen, aber doch viel eher ist es die landläufige Tristesse des Daseins, die ein stetes Umherirren zwischen Kopfsteinpflaster, Asphalt, Schreibtischen und Schaltern, Kassen und Türschlössern, Händen und Füßen, bereitet. Mal taumelnd, mal stolpernd, oftmals hüstelnd und stutzend, selten freudig, fast niemals leidenschaftlich. Beinahe tot. Klinisch durchaus noch funktionales Wesen, geistig dem Irrationalismus anheimfallend, zumindest aber einem steten Grübeln unterworfen, wo, ja, wo es nicht direkt durch den Alltag konterkariert und ein freies Atmen, ein Rasten somit verunmöglicht wird. Ein positiver Einschnitt wird sehnlichst erbeten.

Gestrauchelt bin ich hier; denn jeder trägt den leid‘gen Stein zum Anstoß in sich selbst.

[Kleist – Der zerbrochene Krug]

Introspektiven sind nur im schlechtesten Falle eine Erbauung…