Archiv für April 2008

Notiz zum Roman „Die Wohlgesinnten“

Die Lektüre des Romans liegt mittlerweile über eine Woche zurück, dennoch fällt es mir schwer, mich vom Buch zu lösen. Vielmehr ist es so, dass ich mich überhaupt nicht lösen möchte; im Gegenteil bin ich der Auffassung um etliches tiefer in die angerissene Materie, die Geschehnisse, soweit überliefert, einzudringen. Es ist gerade so, dass das Buch nicht einfach ad acta gelegt werden kann, wie sonst irgendein Roman, den man abgeschlossen, ja, bei dem man sich mitunter über die letzten Seiten gekämpft hat und schlussendlich sagt: Nun gut. Allein das ist jedoch bereits durch den Unterschied zwischen einer unterhaltsamen, interessanten Lektüre, und einer uns langweilenden, bisweilen nervenden, zu kennzeichnen. Die Wohlgesinnten1 von Jonathan Littell weist jedoch allein wegen seines Inhalts weit über die ansonsten im Bereich der Belletristik üblichen Geschmacksfragen – passt mir, passt mir nicht – hinaus. Warum ist das so? Warum empfinde ich derart? Zunächst scheint die Frage leicht. Und weil sie derart leicht zu beantworten scheint, bin ich versucht, mit einer vorschnellen Antwort hinterm Berg zu halten, was einzig und allein an den bisherigen Leseerfahrungen der sogenannten Kritiker wie Experten liegt. Das Urteil jedoch sollte nicht von der einschlägigen Debatte im Feuilleton gefärbt werden. Der Roman hat mir in der Tat gefallen. Die Empörung, die in den Besprechungen der Literatur latent bis offen – im deutschsprachigen Raum insbesondere – durchschimmerte, sieht sich unter einem moralischen Imperativ gestellt. Woher sonst sollten sich auch in Bezug auf Belletristik, auf sogenannte schöngeistige Literatur, Bedenken rekrutieren lassen? Nur eines vorweggenommen: allenthalben wurde gelobt und hervorgehoben, zumindest jedoch anerkannt, dass Littell mit nahezu pedantischer Akribie die tatsächlichen Geschehnisse wie Personen dokumentiert und vorgestellt hat und einer Überprüfung der Fakten in jedem Falle – unter Berücksichtigung der gegenwärtigen Quellenlage – stand halten könnte. Hieran scheiden sich jedoch auch viele Gemüter und verweisen zugleich auf den Übergang von reiner Dokumentation hin zur Fiktion und damit zur gewollten Unterhaltung.

Um dieser Diskussion das eigene Urteil gegenüberzustellen, sei zuvor der Inhalt skizziert, denn eines ist von vornherein klar: dieses Buch erhitzt die Gemüter nicht von ungefähr, sondern wegen seines Sujets und der vermeintlich bis tatsächlich unmittelbaren Betroffenheit von Lesern wie Rezensenten, als auch Zeitgenossen. Dass der Roman den Faschismus, näher die Taten des Nationalsozialismus zum Gegenstand hat, ist nichts ungewöhnliches, da es an Abhandlungen und Gedrucktem über die Verbrechen Hitlerdeutschlands reichliches wie vielgestaltiges Material gibt. Außergewöhnlich ist die Perspektive, aus der berichtet, aus der erzählt wird, denn es kommt ein Täter zu Wort. Allein das ist der Stein des Anstoßes und zugleich Indiz dafür, inwieweit das Thema weniger Teil einer analytischen Auseinandersetzung mit dem politischen Begriff des Faschismus, dafür jedoch mehr Teil einer Diskussion um die gerechte moralische Betreuung wie Einordnung ist. Insoweit handelt es sich auch um ein Stück nationaler Erinnerungskultur. Um eines zu antizipieren: die Ausführungen zielen nicht auf eine plumpe Relativierung oder Ineinssetzung ab, dieses Feld bleibt leidlicherweise anderen überlassen2; vielmehr handelt es sich um einen Kommentar zur Lektüre bei dem jederzeit fest steht wie stand: eine Beurteilung des politischen Phänomens des Faschismus ist nicht Gegenstand des Romans, sodass Meinungsbildung längst auf anderen Feldern zu geschehen hat. Wer sich hierbei betroffen über die zweifellos schonungslosen Schilderungen im Buche zeigt und warnend den Zeigefinger erhebt, ob denn nicht gerade die Art und Weise der Darbietung für eine Verklärung der Handlungen von Nazis wie Faschisten sorgt, zeigt auf, auf welch‘ argumentativen Niveau die Thematik abgehandelt wird3.

Der Leser begegnet nun einem fiktiven – das sei nicht vergessen – Charakter, der zugleich als Sprachrohr des so gern als „unvorstellbar“ bezeichneten Prozesses der systematischen Vernichtung von Juden wie Sinti und Roma beteiligt gewesen ist, oder um es platter zu formulieren: hier wird ein Faschist direkt am Werk gezeigt. Nicht, das die Vorgehensweise der Nazis nicht hinlänglich bekannt und dokumentiert wäre; was die Kritiker jedoch erregt, ist die Art und Weise, wie hier jemand Stellung bezieht. Max von Aue, seineszeichens Mitglied des Sicherheitsdienstes (SD) wie hochrangiger SS-Offizier und zu Beginn seiner Schilderungen Reinhard Heydrich unterstellt, ist kein reuiger Faschist. Bereits am Anfang des Buches erfährt der Leser, dass es dem promovierten Juristen mit französischer Mutter nach Ende des Zweiten Weltkrieges mehr als gut ergangen ist und er selbst ein unbehelligtes Leben als Fabrikdirektor in Frankreich führen kann. In den achtziger Jahren findet er sich ein, um selbst Zeugnis abzulegen über das Erlebte, über seine Taten als Mitglied der sogenannten Einsatzgruppen, über seine Beteiligung am Holocaust; jedoch nicht, um sich als gewandelter Nazis reumütig zu zeigen, sondern eigens, um die Gedanken für sich zu ordnen, und auch – und bereits das scheint wohl schockierend – der Langeweile des eigenen Daseins durch ein Stück weit Niederschrift persönlicher Vergangenheit zu begegnen. Man mag das für dekadent halten, Geschmacksfrage. Dass Faschisten sich jedoch eine bequeme Existenz nach dem Zusammenbruch des sogenannten Tausendjährigen Reiches machen konnten, ist ein Faktum.

Max von Aue wird wie seine Schwester Una – zu der er Zeit seines Lebens ein zwiespältiges Verhältnis pflegt – 1913 im ehemals annektierten Elsass geboren und verbringt eine gutbürgerliche Kindheit im Kiel der Weimarer Republik. Die Mutter ist Französin, die Kinder wachsen zweisprachig auf und erhalten eine entsprechende Bildung. 1924 verschwindet der Vater – gedienter Offizier des Ersten Weltkrieges – auf ungeklärte Weise und lässt die Familie zurück. Aues Mutter heiratet erneut; den Franzosen Moreau aus Antibes. Max empfindet dies als „Verrat“ und kündigt innerlich jegliches Band zu seiner Mutter; Una und er hingegen werden aufgrund frühkindlicher Ausschweifungen beider in jeweils getrennte Internate gesteckt. Eine Trennung die die Geschwister als existentiell empfinden und sich infolgedessen umso sehnlicher auf familiäre Zusammenkünfte freuen, nur, um dann wiederum ihren Sehnsüchten nachzugehen. Bereits früh wird eine sehr mystische, symbolreiche Stellung Aues zur Schwester deutlich, die – nüchtern betrachtet – nur als inzestuös bezeichnet werden kann. Max wird später jedoch an jenem scheinbar organischen Band zwischen Bruder und Schwester stärker zu laborieren haben, als Una, die später den ostpreußischen Baron von Üxküll heiratet. Er beharrt auf sehnsüchtiger Liebe zu Una, welche ihn gleichsam darauf verweist, das die Vergangenheit nicht wiederherstellbar sei und auch er erwachsen werden müsse. Die Internatszeit ist geprägt von Erfahrungen der eigenen Unzulänglichkeit wie der intellektuellen Neugier. Aue parliert mit seinen Zimmerkameraden fließend Griechisch und entwickelt ein Organ für schöngeistige Literatur; liest die antiken Tragödien wie Platon, Stendhal wie Flaubert. 1932 erfolgt nach einem Aufenthalt in Deutschland der überzeugte Eintritt in die NSDAP, zwei Jahre später nimmt er in Berlin ein Studium der Rechtswissenschaften auf. Der Eintritt in die SS enthebt ihn der fälligen Studiengebühren. Alsbald macht er sich aufgrund seiner analytischen Fähigkeiten einen Namen und wird von Otto Ohlendorf als V-Mann für den SD angeworben. Die aus Aues inzestuösem Zwiespalt erwachsene Homosexualität konfligiert bald mit der gesellschaftlichen Diskriminierung4 und 1937 wird ihm eines seiner „Parkabenteuer“ beinah zum Verhängnis, er wird zum Verhör geschafft und mit möglichen Konsequenzen konfrontiert. Der lancierten Offerte seines späteren Freundes Thomas Hauser, für den faschistischen Staat tätig zu werden, kann er sich letztlich nicht entziehen, und „so entschloss ich mich, den Arsch noch voller Sperma, in den Sicherheitsdienst einzutreten.“

All das wird durch den Ich-Erzähler erst nach und nach rekonstruiert, nicht chronologisch entwickelt, aber bereits diese Umstände lassen den Leser verwundert zurück, glaubt er sich doch bisweilen an einen Protagonisten aus Musils oder Prousts Romanen erinnert. Die biographischen Fakten werden vielmehr parallel zum Voranschreiten der Erzählung, die mit dem Kriegsgeschehen an der Ostfront einsetzt, wiedergegeben und setzen dadurch einen eigentümlichen, ja fast schon widersprüchlichen Kontrast. Ein ums andere Mal ist man verwundert über den Rahmen des Geschehens, als auch über den Typus des Täters, schließlich will Die Wohlgesinnten ein Roman über die Henker sein, wie Littell angibt. Dennoch begegnet man einem Menschen, der auf den ersten Blick aus dem Raster, dass man sich für einen Nazi zurechtgelegt hat, herausfällt, ja es geradezu zu widerlegen scheint. Und es wirkt so, dass Aue bald mehr durch seine Biographie interessiert als die Heftigkeit der tatsächlich passierenden Taten erlaubt.

Im westgalizischen Lemberg beginnen Aues Erinnerungen. Er berichtet vom wütenden Mob, der Obszönität, mit der die regionalen Juden unter wohlwollender Duldung der Faschisten durch Ukrainer verfolgt und getötet werden. Aues Haltung, sein inneres Auge ist passiv, distanziert, bisweilen angewidert; seine Äußerungen hingegen entsprechen der faschistischen Ideologie zu einhundert Prozent, und nicht von ungefähr wird polemisch gegen die Figur der Begriff des Edelnazi verwandt, der mit gerümpfter Nase über den Pöbel und die Gräueltaten sein landläufig-geringschätziges Urteil fällt. In Anbetracht der brutalen und schamlosen Handlung und des sie kommentierenden narzisstischen Egos wird auch von einfachem „Kitsch“ gesprochen. Die Rezensenten leiden offenbar auch an dem möglichen Defizit von Orientierung und Bezug auf den Protagonisten, welcher bei aller kulturellen Beflissenheit ein überzeugter Nationalsozialist bleibt und niemals von seinem unlängst gefassten Urteil über Krieg, Verfolgung und Mord abkehrt5. Aue wird von Kameraden wie Vorgesetzten ein ums andere Mal als „Intellektueller“ bezeichnet, der sich viel zu oft in unzulässigen Grübeleien verstricke, die sich nachteilig auf seine Karriere auswirken würden. Auch das ist Indiz für seine innere Distanz, doch in seiner Selbstreflexion erweist sich fortwährend die Legitimation der eigenen Taten als eine scheinbar naturgegebene Notwendigkeit; er ist und bleibt von der faschistischen Ideologie eingenommen. Im Gegenteil wird er selbst nach den Erlebnissen von Auschwitz von der Richtigkeit und Ausweglosigkeit des Geschehens sprechen. Lediglich die Nuancen wechseln sich ab: seine Maßstäbe sind stets mit dem Wie befasst, jedoch niemals mit dem Ob.

Identifikation ist der Schlüssel eines Romans, und gegen die heranschleichende Identifizierung mit der Person Aues müssen sich all jene wehren, die an der Oberfläche den Faschisten für eine austauschbare Charaktermaske empfinden, sich dabei nur schwer dem Sog der nebulös-banalen Privatperson entziehen können, die getrennt von der Realität eine Intimität hochhält, welche mit der faschistischen Ideologie als politischem Programm schlicht unvereinbar ist. Der Roman besteht somit aus zwei ineinandergeschobenen Ebenen: zum einen der polit-dokumentarischen und daneben jene symbolistisch-sehnsüchtige. Fast schon kurios mutet es an, dass Aue 1939 nach Paris beordert wird, um für Heydrich die politische Stimmungslage auszuloten. Unterhalb seiner Erkundungen nistet sich Aue am Montmartre ein, “vernascht” einen Stricher, den er darauf angeekelt vom eigenen Spiegelbild wütend des Zimmers verweist. Und an der Seine schlendernd, führt er Blanchot gegen den in der französischen Kulturlandschaft aufstreben Sartre an. Dieses disparate Moment beherrscht den gesamten Roman. Ein Charakterkopf der sich nahtlos in die Erzählungen Genets oder Sartres einfügen könnte und zugleich jedoch Teil des Vernichtungsprozesses ist. Keine der beiden Seiten gelangt dabei Überhand, vielmehr scheinen die Beschreibungen der Brutalität immer kürzer auszufallen, lakonischer, wohingegen das Laborieren am eigenen Ich eine zentrale Stellung einnimmt.

Wird fortgesetzt…

  1. Jonathan Littell, Die Wohlgesinnten, Berlin Verlag, Berlin 2008 [zurück]
  2. Man vergleiche nur die fade Debatte während des sogenannten „Historikerstreits“ Ende der achtziger Jahre in Westdeutschland. Ausweis nationaler Besinnung um die adäquate intellektuelle Betreuung der demokratischen betriebenen Einordnung des Faschismus. [zurück]
  3. Allein die Floskel „Wie konnte es dazu kommen?“ legt dar, mit welchem Desinteresse den Gründen, Zielsetzungen und Konsequenzen nationalsozialistischer Politik begegnet wird. [zurück]
  4. Der Paragraph 175 des Strafgesetzbuches, welcher unter den Faschisten nachhaltig verschärft wurde, stellte Homosexualität bereits seit 1872 unter Strafe. So waren ab 1935 mitunter bis zu zehn Jahre Zuchthaus angesetzt. Zudem konnten einschlägig Verurteilte jederzeit durch die Gestapo in Schutzhaft genommen und in KZ’s interniert werden. Der Paragraph fand nach Ende des Faschismus jedoch keine Aufhebung, vielmehr mussten Kriminalisierte ihre Strafen weiter verbüßen. Ersatzlos gestrichen wurde § 175 erst 1994.[zurück]
  5. Eine „Kritik“, die im Übrigen erst beim tolerierten Morden einsetzt, hat denn auch noch sehr viel Verständnis für alle jene Einstellungen wie Taten, die Faschisten überhaupt erst zur Massenbewegung werden ließen; halten also an der menschenverachtenden Ideologie erst die „Ultima ratio“ – den Totalen Krieg, wenn man so will –, für das Verachtenswerte. Es ist klar, dass man dabei die Grundlagen, welche Faschisten und Demokraten teilen, unbesehen quittiert und auch die Spezifik der Nazis nicht auf einen Begriff bringt. [zurück]

Resonanzschwingen

F. findet sich an einem Waldrand wieder. Die Gräser stehen hoch, die Sonne hingegen tief, es ist ein Sommernachmittag. Er lehnt an einer Birke, auf einem rot-weiß-karierten Leinentuch sitzend. Neben ihm befinden sich allerhand Utensilien, die für ein anständiges Picknick benötigt werden: Geschirr, Tassen, Besteck, Baguette, Käse, Weintrauben und vieles andere mehr. In einiger Entfernung entdeckt F. zwei Fahrräder, die auf dem Boden liegen. Für den Träumenden rekonstruiert sich das Bild nach und nach. Augenscheinlich handelte es sich bei der Szene um genau jenen Tag, den er zusammen mit diesem Mädchen verbracht hatte, ebenjener Tag, der so vieles für ihn verändern sollte. Ein Tag, der aufgrund seiner Schönheit, einen ganz besonderen Stellenwert in seiner Erinnerung und also ein Markstein in seinem Leben war. Wo war sie? Er konnte sie nicht ausmachen, nicht lokalisieren, kein Laut war von ihr zu vernehmen, aber doch wusste er um ihre Anwesenheit. Es war gerade diese Gewissheit, die den Träumenden versichern, dass er zu Gast in seiner sich verarbeitenden Erinnerung ist. F. entdeckte in unmittelbarer Nähe zum Leinentuch, auf welchem er nach wie vor saß, und das nun auch voller gesprenkelter Schatten des Blattwerks der Birkenkrone war, die Schuhe des Mädchens. Es herrschte nahezu eine Totenstille. (mehr…)

Adhäsion

F. lag auf dem Bett und starrte ins Dunkel. Ein Lichtspalt drang durch die Vorhänge und zog sich länglich über die Zimmerdecke. Draußen war ein sich entfernender Motor zu hören. Er seufzte leicht, das Geräusch versandete jedoch kurzerhand in der unendlichen Stille, die den Raum erfüllte. Das beschwörende Ticken der Wanduhr ließ dahingegen nicht nach und schien sich selbst vorwärtszutreiben mit jeder weiteren Sekunde. Er fühlte sich nicht eingebettet. Jeder Mensch war doch auf irgendeine Weise „eingebettet“, wie es so schön heißt. Eingebettet in ein soziales Umfeld, ein Netzwerk, das aus Familie und Freunden, guten Bekannten, vertrauten Menschen besteht. Er war aber nicht eingebettet. „Wie man sich bettet, so liegt man“, kam es ihm in den Sinn, um sogleich die Assoziationskette mustergültig zu beenden. Ihm stieß es schwer auf, er fühlte sich seit langer Zeit wieder allein; allein in jener packenden und zerrenden Bedeutung. Kokonartige Kälte, grau-blaue Fluoreszenz, Filterblick. Drei Begriffe die ihm in Stirn geschrieben standen. Warum wurde ihm seine Verlassenheit derart bewusst? Dauerhaft arrangierte er sich doch damit, ja präferierte geradezu das Alleinsein. In der Vergangenheit lag die betreffende Weggabelung, die dies begründete. Aber gegenwärtig beschlich sich eine tiefliegende Emotion seiner Aufmerksamkeit und zog ihm die Stirn in Falten. Es ging um eine Frau, um eine Begegnung, um einen einschneidenden Abschnitt seiner Existenz. Er konnte nicht mehr rekurrieren, wann es geschehen war, wann dieses Mädchen in sein Leben trat, wann sie es verlassen hatte. Was er noch wusste, war die Schnelligkeit und also die infolgedessen sich besonders bemerkbar machende und dadurch nachhaltig in seiner Erinnerung gebliebene Vehemenz dieser für ihn – auch heute noch – einmaligen Begegnung. Vielleicht waren es drei Jahre, jedoch war dies irrelevant. Von Relevanz war der unvermittelt auftretende Schmerz, der ihn sich niederlegen ließ. Seit geraumer Zeit fesselten ihn die wiederkehrenden Bilder ans Bett, er war nicht verwundert, als ihm die Uhr verriet, dass drei Stunden vergangen waren, auch wenn er ebenjener Uhr nur vielleicht drei Sekunden Aufmerksamkeit schenkte beim Betrachten zwischen beiden „Messpunkten“. Zeit war momentan kein Gradmesser, war sie nie, sie war lediglich Movens und Mahner. Tagtägliche Peitsche. Er schloss die Augen und fühlte einen Luftzug auf der Haut. Er ließ ihn geschehen, ließ den Gedanken freien Raum und begann in eine Filmsequenz einzusteigen. Vielmehr zog es ihn hinein und was mit Schwere zunahm, war der leichte, erst latent vorhanden gewesene und dabei willentlich von ihm im Zusammenhang mit den assoziierten Bildern antizipierte Schmerz. Jener Schmerz, der verbannt schien, der ausgemerzt schien. Der Schmerz, der doch dem Gewand des Hasses, des jovialen, zuweilen zynischen Menschenhasses gewichen war. Eben der „Eigenschaft“, die geneigte Beobachter sofort einstimmig als „komisch“ bezeichneten und ihn zum „Sonderling“ tadelte. Aber wen kümmerte das Gerede bornierter Schwätzer? Er wusste natürlich um die Antwort. (mehr…)

Faschistische Rechtschaffenheit

Den Menschen, der oben am Rand des Massengrabs steht, hat es in den meisten Fällen ebenso wenig danach verlangt, dorthin zu kommen, wie denjenigen, der tot oder sterbend unten in dieser Grube liegt. Ihr werdet mir entgegenhalten, einen Soldaten im Kampf zu töten sei etwas anderes, als einen wehrlosen Zivilisten umzubringen; das Kriegsrecht erlaube das eine, aber nicht das andere; die allgemeine Moral desgleichen. Abstrakt betrachtet, ist das sicherlich ein gutes Argument, doch trägt es den Bedingungen dieses Krieges nicht im Entferntesten Rechnung. Die nach dem Krieg vollkommen willkürlich eingeführte Unterscheidung zwischen den »militärischen Operationen« einerseits, die denen jeder anderen kriegerischen Auseinandersetzung entsprachen, und andererseits den »Gräueltaten«, die von einer Minderheit sadistischer und kranker Täter verübt wurden, ist, wie ich zu zeigen hoffe, ein tröstliches Fantasiegebilde der Sieger – der westlichen Sieger, müsste ich hinzufügen, denn die Sowjets haben trotz aller Rhetorik immer gewusst, worauf es ankam: Stalin begegnete nach dem Mai 1945 und nach den ersten demonstrativen Betroffenheitsbekundungen der illusorischen »Gerechtigkeit« nur mit beißendem Spott, ihm ging es um die konkreten und praktischen Dinge, um Sklaven und Material für den Wiederaufbau, nicht um Gewissensbisse und Wehklagen, weil er so gut wie wir wusste, dass die Toten blind sind für Tränen und dass man sich für Gewissensbisse nichts kaufen kann. Ich berufe mich nicht auf den von unseren braven deutschen Anwälten so hoch geschätzten Befehlsnotstand. Was ich getan habe, geschah in klarer Erkenntnis der Sachlage, in der festen Überzeugung, es sei meine Pflicht, es sei unumgänglich, mochte es auch noch so unangenehm und betrüblich sein. Der totale Krieg bedeutet auch, dass es den Zivilisten nicht mehr gibt, und zwischen dem jüdischen Kind, das vergast oder erschossen wurde, und dem deutschen Kind, das den Brandbomben zum Opfer fiel, gibt es nur den Unterschied der Mittel; beide Tode waren gleich vergeblich, keiner hat den Krieg um eine einzige Sekunde abgekürzt; doch in beiden Fällen glaubten der Mann oder die Männer, die sie getötet haben, dass er gerecht und notwendig gewesen sei; wem ist ein Vorwurf daraus zu machen, wenn sie geirrt haben? Das gilt auch, wenn wir künstlich unterscheiden zwischen dem Krieg und dem, was der jüdische Rechtsanwalt Lempkin als Genozid bezeichnet hat, wobei anzumerken ist, dass es zumindest in unserem Jahrhundert noch nie einen Genozid ohne Krieg gegeben hat, dass der Genozid jenseits des Krieges nicht existiert und dass es sich bei ihm, wie beim Krieg, um ein kollektives Phänomen handelt: Der moderne Genozid ist ein Prozess, der den Massen für die Massen zugefügt wird. In unserem Fall ist er außerdem ein Prozess, der durch die Erfordernisse der industriellen Produktionsweise strukturiert wird. Wie der Arbeiter nach Marx dem Produkt seiner Arbeit entfremdet wird, so wird der Befehlsempfänger im Genozid oder im totalen Krieg moderner Prägung dem Produkt seines Handelns entfremdet. Das gilt selbst für den Fall, dass ein Mann einem anderen sein Gewehr an den Kopf hält und den Abzug betätigt. Denn das Opfer ist von anderen Männern dorthin geführt und sein Tod von wieder anderen beschlossen worden, und auch der Schütze weiß, dass er nur das letzte Glied in einer langen Kette ist und dass er nicht mehr Skrupel zu haben braucht als das Mitglied eines Erschießungskommandos, das im Zivilleben einen rechtskräftig Verurteilten hinrichtet. Wie der Schütze weiter weiß, ist ein Zufall dafür verantwortlich, dass er schießt, dass sein Kamerad für die Absperrung sorgt und ein dritter den Lastwagen fährt. Allenfalls könnte er versuchen, mit der Wache oder dem Fahrer zu tauschen.

[…]

Die Feststellung, dass die meisten leitenden Angestellten der Vernichtungsindustrie weder sadistisch noch verrückt waren, ist mittlerweile ein Gemeinplatz. Die Sadisten, die Psychopathen hat es natürlich, wie in jedem Krieg, gegeben, und sie haben unbeschreibliche Gräueltaten begangen, das ist wahr. Wahr ist auch, dass die SS größere Anstrengungen hätte unternehmen können, diesen Leuten auf die Finger zu sehen, obwohl sie es in höherem Maße tat, als gemeinhin angenommen wird; und das ist gar nicht so selbstverständlich: Fragt die französischen Generale, sie hatten ihre liebe Not mit ihren Alkoholikern, ihren Vergewaltigern und Offiziersmördern in Algerien. Doch das ist nicht das Problem. Verrückte gibt es immer und überall. In unseren friedlichen Vororten wimmelt es von Pädophilen und Psychopathen, in unseren Nachtasylen von durchgeknallten Megalomanen; einige werden zum echten Problem, sie bringen zwei, drei, zehn oder gar fünfzig Menschen um – dann zertritt sie derselbe Staat, der sich ihrer im Krieg bedenkenlos bedient, wie blutsaugende Insekten. Doch diese Kranken zählen nicht. Die wirkliche Gefahr – vor allem in unsicheren Zeiten – sind die gewöhnlichen Menschen, aus denen der Staat besteht.

[Jonathan Littell – Die Wohlgesinnten]

Apathie

In den Gesprächen mit Harrer stellte sich alsbald heraus, dass der Harrer von tiefsitzenden, ihn geradezu bedrückenden Erinnerungen geplagt war, die er konsequent zu unterdrücken versuchte. Jedoch geriet es ihm schlecht, was nicht nur sein apathisch-idiosynkratisches Wesen vermittelte, sondern auch die für einen Fremden doch recht ungewohnte Weise, sich auf den Gegenüber zu beziehen. Mir schien es gerade so, als wäre der Harrer dankbar, in mir einen Gesprächspartner gefunden zu haben und auch mir kam es alsbald so vor, als hätte ich den Harrer nicht erst vor einer halben Stunde durch eine regelrechte Banalität kennen gelernt, sondern sei schon seit vielen Tagen mit ihm bekannt. Nichtsdestoweniger handelte es sich bei unserer Gesprächsatmosphäre um eine in der Tat verdichtete, wenn bisweilen auch rechte narrative, was den Harrer anbelangte. Nur durch gelegentliches Zustimmen, Nicken und Brummen verdeutlichte ich dem Harrer, dass mir seine Ausführungen interessant und alles andere als unangebracht erschienen. Ob mich seine Ausführungen nicht brüskierten, er sich nicht gar zu weit aus dem Fenster lehne, wenn er unvermittelt über ihn derart persönlich berührende Themen sprach, fragte der Harrer unentwegt, worauf ich stets dieselbe Antwort zu geben vermochte, dass ich keineswegs brüskiert sei oder es für unangebracht hielt, jenen Harrerschen Ausführungen beizuwohnen, ja dass mich jene Erzählungen in überaus großem Maße interessierten, wurde ich nicht müde zu bekunden und forderte den Harrer demgemäß jedes Mal erneut auf, fortzufahren. Im Grunde sei er ein verlassener Mensch, sprach Harrer und setzte hinterher, dass die ihn berührende Einsamkeit die größte und zugleich deprimierendste sei. Niemand könne sich vorstellen, was es bedeuten würde in dieser Welt vollends auf sich gestellt zu sein, keine Kontaktperson zu haben, an die man sich wenden könne, wenn es darauf ankam. Alle Versuche Kontakte aufzubauen waren stets zum Scheitern verurteilt, sagte Harrer und dass es nach jedem Zusammenbruch der zwischenmenschlichen Beziehungen als nur logisch, ja geradezu folgerichtig erschien, dass sich der Andere von ihm, dem Harrer abwandte, sprach Harrer, wobei sich sein Gemüt spürbar erregte, sein Blick hingegen fortwährend an mir vorbeiging. Mir ist es immer schwer gefallen, zu anderen Menschen ein Band zu knüpfen, denn es geriet mir stets schlecht, Beziehungen egal welcher Art sie auch waren, zu leben, ja zu pflegen und somit aufrechtzuerhalten. Jedes Mal hatte das Wort ‚Bezug’ auf den Gegenüber ein ominöses Konnotat, das mehr feindselig, zumindest jedoch gefährlich erschien, denn erfreulich, erbaulich, eben jene Eigenschaften, welche man sich von einem fruchtbaren Bezug auf den Mitmenschen erhoffte, sagte Harrer. Natürlich sei es vermessen, wenn nicht sogar eine Dummheit in jede Beziehung, sei sie noch so kurzlebiger, ja spontaner Natur, eine das Gemüt aufhellende und den eigenen Horizont erweiternde zu entdecken. Ich muss, sprach der Harrer, schlechterdings zugeben, das jene Auffassung ein albernes ‚A priori’ meinerseits ist, ein Residuum von Naivität, welche ich einfach nicht abzulegen vermag. Ich nickte, wohl mehr in mich hinein, denn das es der Harrer als Zustimmung meinerseits gewahrte, so, wie ich es innerlich erhoffte. Er verstummte; um ihm nicht das Gefühl einer Verstimmung ob des abrupten Endes seiner Ausführungen zu geben, wandte ich meinen Blick der galizischen Landschaft zu, die wir bislang mit keinem Worte würdigten. Für einige Minuten war ich noch etwas verdrießlich, hatte der Harrer doch derart unvermittelt aufgehört zu sprechen, sodass ich mich gezwungen sah, mich in weiterer Spekulation über ihn zu üben. Für einen kurzen Augenblick wollte ich uns eine Art Wesensverwandtschaft attestieren, verwarf den Gedanken jedoch noch bevor wie Lemberg passierten.

Besatzungspolitik und Massenmord

Körperekel oder Körperabscheu ist neben rein physischem Schmerz mit das Leidlichste, das man empfinden kann. Man weißt nicht recht, ob es einem blinden Narzissmus geschuldet ist, und überhaupt sind das Wie? und Warum? Fragewörter, die beim Betrachten des eigenen Spiegelbildes bereits vollends ausgeblendet sind. Der Fokus auf den eigenen Körper hat nachhaltige Rückwirkung auf die Psyche. Oder bedingt diese nicht erst jenes abstruse, einen zurückwerfende Empfinden der eigenen Unzulänglichkeit? Man schreibt es den Lichtverhältnissen zu, dass der Körper ein Verlustprodukt ist und wünscht sich nichts sehnlicher, als diese sterbliche Hülle ein für allemal überschreiten, ja geradezu loswerden zu können. Der Körperekel korrespondiert in großem Maße mit einem Missmut dem eigenen Leben gegenüber und darüber hinaus ist er Resultat des Wissens um das Betrachtetwerden durch andere. Dass man durch den argwöhnischen Blick des Gegenübers manifestiert und damit also auf seine Hülle festgelegt wird, trifft uns empfindlich, gerade weil wir stets Zurückweisung und eben Festschreibung auf diesen widerlichen Standpunkt des rein Körperlichen erfahren haben. Wir widmen also einem Teil unseres Menschseins den Gedanken an die Herrichtung und Darbietung des eigenen Körpers, den wir stets als Verletzlichen, als Zerstörbaren wie auch Gestaltbaren erleben. Daraus resultiert eine eigentümliche Sensibilität für alles, was das Leibliche mittel- wie unmittelbar tangiert: wir werfen interessierte und bisweilen heuchlerisch deklamierte Blicke auf weltläufige Moden, Geschmäcker und Images, konstituieren also dadurch gar einen gut Teil unserer Psyche auf einer Ebene, deren Kontrolle uns längst verlustig gegangen ist und unter dem Strich laborieren wir an dem fortwährend bestehenden Imperativ der Inwertsetzung des eigenen Körpers. Manch einer kann daran zugrundegehen und auch Weitsicht lässt einen nicht davon abstrahieren und diese Anhäufung von niederdrückenden Emotionen wie Gedanken einfach als alberne Selbstbezogenheit verwerfen. In dem Maße, wie man sich durch andere fokussiert fühlt, schärft man den Blick auf das eigene Erscheinungsbild. Eine Phänomenologie des Alltagslebens ist also in vorherrschender Stellung eine Beobachtung des diversen Gebarens, den Körper herzurichten, anzubieten und nicht untergehen zu lassen im Meer der psycho-sexuellen Nichtigkeit. Ist das atavistisch oder krankhaft? Wir können unser eigenes Blickfeld niemals überschreiten. Wir können lediglich Hypothesen aufstellen, wie es dem Gegenüber ergehen mag in seiner Haut. Wir können ihn befragen und seine Antworten prüfen, im Zweifel verwerfen und mit Dritten und der Allgemeinheit vergleichen. Doch auch eine scheinbar gefühlte Übereinstimmung, Identität würde keinerlei Wohlgefühl stiften. Tatsächlich wäre diese vielmehr der Ausweis für kollektive Unvernunft wie Selbstbespiegelung, denn der Körperekel lässt einen an geistigen Elaboraten laborieren, die in Anbetracht praktischer Drangsale geradezu nichtig erscheinen; und dennoch: sie stiften Unbehagen im eigenen Ich, der personalen Identität und lassen einen Zweifel als auch Unsicherheit gerade dort entstehen, wo doch die Keimzelle des Fortschritts beheimatet ist. Autoaggression lässt dann den Spiegel zerbersten, wir selbst jedoch fahren fort.

Gewissenhafter Abscheu

Man hatte die Lichtung bereits abgesperrt. Wir ließen absitzen, dann befahl Nagel, die Juden zu bestimmen, die graben sollten; die anderen hatten an Ort und Stelle zu warten. Ein Hauptscharführer nahm die Selektion vor, Schaufeln wurden verteilt; Nagel stellte eine Eskorte zusammen, und die Gruppe verschwand im Wald. Die Lastwagen waren wieder abgefahren. Ich betrachtete die Juden: Die in meiner Nähe erschienen blass, aber ruhig. Nagel trat zu mir und erklärte nachdrücklich, indem er auf die Juden wies: »Das ist notwendig, verstehen Sie? Bei alledem darf das menschliche Leid überhaupt keine Rolle spielen.« – »Sicher, aber trotzdem zählt es irgendwie.« Genau das war es, was mir unbegreiflich blieb: die Kluft, die absolute Unverhältnismäßigkeit zwischen der Leichtigkeit, mit der es sich tötet, und der unendlichen Schwierigkeit, mit der gestorben wird. Für uns war es ein schmutziges Tagewerk unter vielen, für sie das Ende von allem.

[Jonathan Littell – Die Wohlgesinnten]