Archiv für Mai 2008

Macht gerinnt zur »Regierungstechnik«

Wenn die Juristen fragen: Warum schließen sich die Individuen zusammen, auf der Ebene des Gesellschaftsvertrags, um zu verhandeln, das heißt, um einen Souverän zu konstituieren, um einem Souverän die absolute Macht über sich zu übertragen? Sie tun es, weil sie aufgrund von Gefahr oder Mangel dazu gezwungen sind. Sie tun es folglich, um ihr Leben zu schützen. Um leben zu können, konstituieren sie einen Souverän. Kann das Leben insofern wirklich Bestandteil der Rechte des Souveräns werden? Begründet nicht vielmehr das Leben das Recht des Souveräns, kann der Souverän wirklich von seinen Untertanen das Recht fordern, über sie die Macht über Leben und Tod auszuüben, das heißt die Macht, sie ganz einfach zu töten? Muss das Leben nicht außerhalb des Vertrags bleiben, insofern es der erste Anstoß, der ausschlaggebende und fundamentale Anlaß für den Vertrag ist? All das ist eine Frage der politischen Philosophie, die man beiseitelassen kann, die jedoch sehr gut zeigt, wie das Problem des Lebens im Feld des politischen Denkens, der Analyse der politischen Macht problematisch zu werden beginnt. Ich möchte diese Veränderung nicht auf der Ebene der politischen Theorie, sondern eher der Mechanismen, der Techniken und Machttechnologien verfolgen. Dabei stößt man auf vertraute Dinge: im 17. und 18. Jahrhundert sieht man Machttechniken entstehen, die wesentlich auf den Körper, den individuellen Körper gerichtet waren. All diese Prozeduren ermöglichten die räumliche Verteilung der individuellen Körper (ihre Trennung, ihre Ausrichtung, ihre Serialisierung und Überwachung) und die Organisation eines ganzen Feldes der Sichtbarkeit rund um diese individuellen Körper. Mit Hilfe dieser Techniken vereinnahmte man die Körper, versuchte man ihre Nutzkraft durch Übung, Dressur usw. zu verbessern. Es handelte sich zugleich um Techniken der Rationalisierung und der strikten Ökonomie einer Macht, die auf am wenigsten kostspielige Weise mittels eines gesamten Systems der Überwachung, der Hierarchie, Kontrolle, Aufzeichnung und Berichte ausgeübt werden sollte: Diese gesamte Technologie wird man als Disziplinartechnologie der Arbeit bezeichnen. Sie wurde mit dem ausgehenden 17. und im Laufe des 18. Jahrhunderts installiert.

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts sehen wir, wie mir scheint, etwas Neues auftreten, das eine andere, diesmal nicht-disziplinäre Machttechnologie darstellt. Eine Machttechnologie, die erstere nicht ausschließt, die die Disziplinartechnik nicht ausschließt, sondern sie umfaßt, integriert, teilweise modifiziert und sie vor allem benutzen wird, indem sie sich in gewisser Weise in sie einfügt und dank dieser vorgängigen Disziplinartechnik wirklich festsetzt. Diese neue Technik unterdrückt die Disziplinartechnik nicht, da sie ganz einfach auf einer anderen Ebene, auf einer anderen Stufe angesiedelt ist, eine andere Oberflächenstruktur besitzt und sich anderer Instrumente bedient.

Diese neue Technik der nicht-disziplinären Macht lässt sich nun – im Gegensatz zur Disziplin, die sich auf den Körper richtet – auf das Leben der Menschen anwenden; sie befasst sich, wenn Sie so wollen, nicht mit dem Körper-Menschen, sondern dem lebendigen Menschen, dem Menschen als Lebewesen, und letztendlich, wenn Sie so wollen, dem Gattungsmenschen. Genauer gesagt versucht die Disziplin die Vielfalt der Menschen zu regieren, insofern diese Vielfalt sich in individuelle, zu überwachende, zu dressierende, zu nutzende, gegebenenfalls zu bestrafende Körper unterteilen lässt. Die neue Technologie dagegen richtet sich an die Vielfalt der Menschen, nicht insofern sie sich zu Körpern zusammenfassen lassen, sondern insofern diese im Gegenteil eine globale Masse bilden, die von dem Leben eigenen Gesamtprozessen geprägt sind wie Prozessen der Geburt, des Todes, der Produktion, Krankheit usw. Nach einem ersten Machtzugriff auf den Körper, der sich nach dem Modus der Individualisierung vollzieht, haben wir einen zweiten Zugriff der Macht, nicht individualisierend diesmal, sondern massenkonstituierend, wenn Sie so wollen, der sich nicht an den Körper-Menschen, sondern an den Gattungs-Menschen richtet. Nach der Anatomie-Politik des menschlichen Körpers, die sich im Laufe des 18. Jahrhunderts ausbreitete, sehen wir am Ende dieses Jahrhunderts etwas auftreten, das keine Anatomie-Politik des menschlichen Körpers mehr ist, sondern etwas, das ich als »Biopolitik« der menschlichen Gattung bezeichnen würde.

Worum geht es in dieser neuen Technologie der Macht, in dieser Biopolitik, in dieser Bio-Macht, die sich durchzusetzen beginnt? Ich habe es vorhin in zwei Worten gesagt: es handelt sich um eine Gesamtheit von Prozessen wie das Verhältnis von Geburt- und Sterberaten, den Geburtenzuwachs, die Fruchtbarkeit einer Bevölkerung usf. Diese Prozesse der Geburten- und Sterberate, der Lebensdauer haben gerade in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Verbindung mit einer ganzen Menge ökonomischer und politischer Probleme (auf die ich jetzt nicht eingehe) die ersten Wissensobjekte und die ersten Zielscheiben biopolitischer Kontrolle abgegeben. Auf jeden Fall verwirklicht man zu diesem Zeitpunkt mit den ersten demographischen Erhebungen die statistische Messung dieser Phänomene. Es handelt sich um die Beobachtung von mehr oder weniger spontanen und planvollen Verfahren, die in der Bevölkerung in Bezug auf die Natalität durchgeführt wurden; es geht, wenn Sie so wollen, um die Ermittlung von Phänomenen der Geburtenkontrolle, wie sie im 18. Jahrhundert praktiziert wurde. Es kommt nun im Ansatz zu einer Geburtenpolitik oder jedenfalls zu Interventionsschemata in diese globalen Phänomene der Geburtenrate. In dieser Biopolitik handelt es sich nicht einfach um das Problem der Fruchtbarkeit. Es geht auch um das Problem der Sterblichkeit, nicht mehr einfach, wie es bis dahin der Fall war, auf der Ebene jener berühmten Epidemien, deren Gefahr die politischen Mächte seit dem tiefen Mittelalter so sehr bedrohte (die berühmten Epidemien, die vorübergehende Dramen des vervielfachten Todes, des allen drohenden Todes waren). Zu diesem Zeitpunkt gegen Ende des 18. Jahrhunderts geht es sich nicht um Epidemien, sondern um etwas anderes, das man Endemien nennen könnte, das heißt die Form, Natur, Ausdehnung, Dauer und Intensität der in einer Bevölkerung herrschenden Krankheiten. Mehr oder weniger schwer ausrottbare Krankheiten, die anders als die Epidemien nicht unter dem Blickwinkel zunehmender Todesursachen betrachtet werden, sondern als permanente Faktoren – so werden sie behandelt – des Entzugs von Kräften, der Verminderung der Arbeitszeit, des Energieverlustes und ökonomischer Kosten, und zwar ebensosehr aufgrund des von ihnen produzierten Mangels wie der Pflege, die sie kosten können. Kurz, Krankheit als Bevölkerungsphänomen: nicht mehr als Tod, der sich brutal auf das Leben legt – das ist die Epidemie –, sondern als permanenter Tod, der in das Leben hineinschlüpft, es unentwegt zerfrisst, es mindert und schwächt.

[Michel Foucault: In Verteidigung der Gesellschaft, Vorlesungen am Collège de France 1975-1976, Suhrkamp: Ffm., 1999, S. 284ff.]

Foucault weitet sein theoretisches Spektrum aus und widmet sich der Frage, inwieweit die vormals – also vor dem 18. Jahrhundert, vor der Aufklärungsperiode –, bereits omnipräsenten und gewussten Machttechniken, sich durch den Prozess der Staatenbildung, i.e. durch die Konzentration herrschaftlicher Macht in einer Souveränität, ganz gleich ob „nationaler“ oder lokal-feudaler Provenienz, wobei Letztere sich verschieben, verschwinden wird, umgeformt und als ein Mittel der Disziplinierung des nun bestehenden „Volkskörpers“ angesehen wird. Machttechniken gerinnen somit zu Regierungstechniken oder Regierungskünsten, die in aggressivem Duktus und unter Beschlagnahme, Anleitung und Verwertung wissenschaftlicher Erkennnisse auf dem Gebiet der Medizin und Demographie, die körperliche Züchtigung auf den je individuellen Körper zurückfahren, um neue Funktionen zu institutionalisieren. Unter Maßgabe eines omnipräsenten Internalisierungsprozesses, welcher den „Massenkörper“ i. w. S. als den Korpus und Bestandsgaranten ihrer Macht identifiziert, verdeutlicht sich der Charakter, den „Bevölkerung“ einzunehmen hat: der Körper des Individuums wie der Gesamtheit ist Ressource, deren Herrichtung aktive Teilnahme durch den Souverän (Regierunssedimente, vorstaatliche Strukturen, „Nation“) verlangt. Dabei wird ein Dispositiv implementiert, welches von der Sorge um das Leben zeugt. Nicht mehr die konkrete Züchtigung, Marter, Folter o.ä. genügt; jene Techniken werden ergänzt durch eine neue Subjektkonstitution und -werdung, die Foucault unter dem Rubrum der „Bio-Politik“ zusammenfasst. Diese Politikform ist kein historischer Übergangsprozess hin zu einer „humanen Regierung“, sondern erfährt heute mehr denn je Aufmerksamkeit, da sich die Grundlage von Herrschaft nicht gewandelt, vielmehr nur die zur Verfügung stehenden Produktivkräfte gewandelt haben, was denn auch eine Ausdehnung der Biopolitik auf Felder der Neurologie oder Gentechnologie beweist. Die Stoßrichtung lautet: wenn Herrschaft durch Biopolitik effektiviert werden kann, welche Ausformung müssen die Diskurse dann erfahren, um Zustimmung, wenn auch nur passiver Natur zu erfahren, damit die „harte“ Realität des positiven Rechts für den Einzelnen als Negatives verschwindet und als Angebot an das „Selbst“ erscheint. Die Fertigkeit, Leben zu „machen“, den Tod zu beherrschen, scheint dabei als willkommene Möglichkeit.

Von der Grenzerfahrung des »Wahnsinns«, seiner Abtrennung und Unverwertbarkeit

Mitten in der heiteren Welt der Geisteskrankheit kommuniziert der moderne Mensch nicht mehr mit dem Irren. Auf der einen Seite gibt es den Vernunftmenschen, der den Arzt zum Wahnsinn delegiert und dadurch nur eine Beziehung vermittels der abstrakten Universalität der Krankheit zuläßt. Auf der anderen Seite gibt es den wahnsinnigen Menschen, der mit dem anderen nur durch die Vermittlung einer ebenso abstrakten Vernunft kommuniziert, die Ordnung, physischer und moralischer Zwang, anonymer Druck der Gruppe, Konformitätsforderung ist. Die Konstituierung des Wahnsinns als Geisteskrankheit am Ende des achtzehnten Jahrhunderts trifft die Feststellung eines abgebrochenen Dialogs, gibt die Trennung als bereits vollzogen aus und läßt all die unvollkommenen Worte ohne feste Syntax, die ein wenig an Gestammel erinnern und in denen sich der Austausch zwischen Wahnsinn und Vernunft vollzog, im Vergessen versinken. Die Sprache der Psychiatrie, die ein Monolog der Vernunft über den Wahnsinn ist, hat sich nur auf einem solchen Schweigen errichten können.
Ich habe nicht versucht, die Geschichte dieser Sprache zu schreiben, vielmehr die Archäologie dieses Schweigens. […] Eine Kultur über ihre Grenzerfahrungen zu befragen, heißt, sie an den Grenzen der Geschichte über eine Absplitterung, die wie die Geburt ihrer Geschichte ist, zu befragen. Dann nämlich finden sich in einer Spannung, die immer auf dem Weg ist, sich zu lösen, die zeitliche Kontinuität einer dialektischen Analyse und – an den Toren der Zeit – die Aufdeckung einer tragischen Struktur miteinander konfrontiert. […] Man muß auch von anderen Trennungen sprechen. In der lichtvollen Einheit der Erscheinungswelt, der absoluten Trennung des Traums, den der Mensch auf seine eigene Wahrheit hin zu befragen sich nicht versagen kann – sei es die seines Schicksals oder die seines Herzens –, die er aber nur jenseits der wesentlichen Ablehnung befragt, die ihn konstituiert und in die Lächerlichkeit der Traumdeutung zurückdrängt. Man muß auch die Geschichte, und zwar nicht nur in ethnologischen Termini, der sexuellen Verbote schreiben. Man muß in unserer Kultur von den ständig sich bewegenden und obstinaten Formen der Repression sprechen und nicht nur, um die Chronik der Moral und der Toleranz zu verfassen, sondern um als Grenze der abendländischen Welt und als Ursprung der Moral die tragisch Abtrennung der glücklichen Welt der Lust an den Tag zu bringen. Man muß schließlich und endlich von der Erfahrung mit dem Wahnsinn sprechen. […] Die Wahrnehmung, die der abendländische Mensch von seiner Zeit und seinem Raum hat, läßt eine Struktur der Ablehnung erscheinen, von der aus man eine Rede denunziert, indem man sagt, sie sei nicht Sprache, eine Geste denunziert, indem man sagt, sie sei nicht Tat, und eine Gestalt denunziert, indem man sagt, sie habe kein Recht, in der Geschichte Platz zu nehmen. […]
Die Geschichte des Wahnsinns schreiben, wird also heißen: eine Strukturuntersuchung der historischen Gesamtheit – Vorstellungen, Insitutionen, juristische und polizeiliche Maßnahmen, wissenschaftliche Begriffe – zu leisten, die einen Wahnsinn gefangenhält, dessen ungebändigter Zustand in sich selber nie wiederhergestellt werden kann.

[Michel Foucault: Wahnsinn und Gesellschaft, Suhrkamp: FfM. 1969, s. 8ff.]

Indem Foucault hier seinen Forschungsgegenstand umschreibt, offenbart sich, dass die im heutigen medizinischen wie psychologischen Diskurs behandelte Diagnose des Wahnsinns auf einen Umbruch, eine Grenzerfahrung zurückzuführen ist, die im einfachen Sinne zwischen Arbeit und Nicht-Arbeit scheidet. Der Wahnsinn erlebt demnach in seiner gesellschaftlichen Betrachtung einen Bedeutungswandel, wird an den Rand gedrängt, eben als absolute Grenze der abendländischen Kultur aufgefasst und somit in eine Dunkelheit transferiert, die von der Mehrheitsgesellschaft als Fehlen von Vernunft betrachtet wird. Die Kommunikation zwischen den Individuen wird durch das Fehlen einer einheitlichen Sprache unterbunden, es verschieben sich die Ausgangslagen der Beteiligten: von einem bestimmten Zeitpunkt an, wird der Andere als „Kranker“, später als „Irrer“ in Asyle gesperrt, bevor sich die aufkommende Psychatrie wie auch „Nervenheilkunde“ sich des Menschen als eines „Patienten“ als pathologischem Fall annimmt, der mit dem eigentümlichen Blick der Medizin ausgeleuchtet wird. Die Stufen der gesellschaftlichen Inkriminierung des Wahnsinns als Verrücktheit sind sukzessiv und manifestieren schlussendlich eine unüberbrückbare Trennung zwischen dem „gesunden“ Körper, dem „gesunden“ Geist, demgegenüber eine ver-, weil entrückter Kopf steht, welcher in Sprache und Tat nicht dem Raster der geforderten und benötigten Produktivkraft Arbeit entsprechen kann, somit zu einer leidlichen, bald lästigen Größe einer politischen Einheit wird. Wie deren Betreuung ausfällt, ist immer neuen Dispositiven unterworfen.

Der »Trieb« und die »gezüchtigte Seele«

Zur selben Zeit [19. Jahrhundert] war die Rechtspsychiatrie bezüglich einiger Fälle […] dabei zu entdecken, daß die monströsen, das heißt grundlosen Taten gewisser Krimineller in Wirklichkeit nicht einfach durch eine Lücke hervorgerufen wurden, wie sie der fehlende Grund anzeigt, sondern durch eine gewisse morbide Dynamik der Triebe entdeckt wurden. Wenn ich Entdeckung sage, dann ist das nicht die richtige Bezeichnung, denn ich interessiere mich nicht für die Entdeckung, sondern für die Bedingung der Möglichkeit des Auftauchens, der Konstruktion und des regelmäßigen Gebrauchs eines Konzepts innerhalb einer Diskursformation. Entscheidend ist die Verzahnung, von der aus der Begriff des Triebs erscheinen und sich bilden kann; denn der Trieb wird natürlich der große Vektor des Problems der Anomalie oder sogar der Operator sein, dank dessen die kriminelle Monstrosität und der einfach pathologische Wahnsinn ihr Koordinierungsprinzip finden werden. Auf der Grundlage des Triebs wird die gesamte Psychiatrie des 19. Jahrhunderts alle Störungen, alle Unregelmäßigkeiten des Verhaltens, die nicht direkt aus dem Wahnsinn selber resultieren, in die Gewässer der Geisteskrankheit und der entsprechenden Medizin einmünden lassen. Vom Begriff des Triebs aus wird sich rund um das einstmalige Problem des Wahnsinns die gesamte Problematik des Anormalen, des Anormalen auf der Ebene der elementarsten und alltäglichsten Verhaltensweisen, organisieren. Dieser Übergang zum winzig Kleinen, dies große Gleiten, welches bewirkt, daß das Monster, das große Menschenfressermonster des beginnenden 19. Jahrhunderts, schließlich in die Form all dieser kleinen perversen Monster gestanzt wird, die sich seit dem Ende des 19. Jahrhunderts ununterbrochen vermehrten, dieser Übergang vom großen Monster zum kleinen Perversen konnte sich nur dank des Begriffs des Triebs und dank der Anwendung und Funktionalisierung des Triebs im Wissen, aber auch im Funktionieren der psychiatrischen Macht vollziehen.

[Michel Foucault: Die Anormalen, Vorlesungen am Collège de France 1974-1975, Suhrkamp: Ffm., 2003, S. 173f.]

Die Geschichte dieser »Mikrophysik« der Strafgewalt wäre also eine Genealogie oder ein Stück der Genealogie der modernen »Seele«. In dieser Seele wäre also nicht ein wiederbelebtes Relikt einer Ideologie zu erblicken, sondern der aktuelle Bezugspunkt einer bestimmten Technologie der Macht über den Körper. Man sage nicht, die Seele sei eine Illusion oder ein ideologischer Begriff. Sie existiert, sie hat eine Wirklichkeit, sie wird ständig produziert – um den Körper, am Körper, im Körper – durch Machtausübung an jenen, die man bestraft, und in einem allgemeineren Sinn an jenen, die man überwacht, dressiert und korrigiert, an den Wahnsinnigen, den Kindern, den Schülern, den Kolonisierten, an denen, die man an einen Produktionsapparat bindet und sein Leben lang kontrolliert. Historische Wirklichkeit dieser Seele, die im Unterschied zu der von der christlichen Theologie vorgestellten Seele nicht schuldbeladen und strafwürdig geboren wird, sondern aus Prozeduren der Bestrafung, der Überwachung, der Züchtigung, des Zwangs geboren wird. Diese wirkliche und unkörperliche Seele ist keine Substanz; sie ist das Element, in welchem sich die Wirkungen einer bestimmten Macht und der Gegenstandsbezug eines Wissens miteinander verschränken; sie ist das Zahnradgetriebe, mittels dessen die Machtbeziehungen eine Wissen ermöglichen und das Wissen die Machtwirkungen erneuert und verstärkt. Über dieser Verzahnung von Machtwirklichkeit und Wissensgegenstand hat man verschiedene Begriffe und Untersuchungsbereiche konstruiert: Psyche, Subjektivität, Persönlichkeit, Bewußtsein, Gewissen usw.; man hat darauf wissenschaftliche Techniken und Diskurse erbaut; man hat darauf die moralischen Ansprüche des Humanismus gegründet. Doch täusche man sich nicht: man hat an die Stelle der Seele, der Illusion der Theologen, nicht einen wirklichen Menschen, einen Gegenstand des Wissens, der philosophischen Reflexion oder technischen Intervention, gesetzt. Der Mensch, von dem man uns spricht und zu dessen Befreiung man einlädt, ist bereits in sich das Resultat einer Unterwerfung, die viel tiefer ist als er. Eine »Seele« wohnt in ihm und schafft ihm eine Existenz, die selber ein Stück der Herrschaft ist, welche die Macht über den Körper ausübt. Die Seele: Effekt und Instrument einer politischen Anatomie. Die Seele: Gefängnis des Körpers.

[ders.: Überwachen und Strafen, Suhrkamp: Ffm., 1976, S. 41f.]

Foucault spricht hier zwei Gegenstände an, welche sich auch in der heutigen Geistes- und Sozialwissenschaft großer Beliebtheit erfreuen: zum einen findet die Kategorie des „Triebs“ ihre Erwähnung, die nicht zuletzt durch Sigmund Freud popularisiert und Bestandteil des allgemeinpsychologischen Vokabulars mündiger Bürger geworden ist; zum anderen nennt er die Praxis der Strafe. Beide Erscheinungen werden als „konstruiert“, also als historische gebildete, gewordene vorgestellt, sodass zugleich klar wird, dass Argumentationen, welche sich auf eine scheinbar notwendige „Naturgesetzlichkeit“ menschlichen Handelns (sowohl in vermeintlich devianter, wie auch züchtigender Form) berufen, ad absurdum geführt werden, und vielmehr ihren ideologisch-instrumentellen Charakter offenlegen. Im weitesten Sinne wirft Foucault erneut die Machtfrage auf, denn das Verfügen über Macht erlaubt es, Diskurse zu gestalten und perpetuieren, mit der Konsequenz, dass jene ursprüngliche „Deutungshoheit“ als allgemein durchgesetzte Hegemonie der Begriffe – in der Sprache offenbart –, als auch der Praxen – in den Exekutivapparaten einer „Disziplinargesellschaft“ verästelt –, existiert.
Den geprägten Diskursen kommt somit keinerlei natürliche Evidenz, dafür jedoch Machtrelevanz zu, welche letztlich über das Leben der Mehrheit herrscht und sich in ihre vereinzelten Körper „einschreibt“.

Zur »Lage der arbeitenden Klasse«

Das Gesellschaftsbild der Arbeiter wird bestimmt durch die konkrete Erfahrung der Herrschaftsverhältnisse in der Produktion. Es ist im Gegensatz zu dem der Beamten und Angestellten nicht hierarchisch gegliedert, sondern dichotomisch, zerfällt in ein ›Oben‹ und ein ›Unten‹ (Herkommer, 1965). Unzufriedenheit und Apathie bestimmen die Einstellung zur beruflichen Sphäre. Der festgestellte passiv-resignative Fatalismus der Arbeiter entspricht der objektiven Situation, der sie ausgeliefert sind. Sie können ihre soziale Realität weder durch individuelle Anstrengungen verändern, noch besteht die z. Z. Möglichkeit, diese durch kollektives Handeln zu verändern, da eine machtvolle Interessenvertretung der Arbeiterklasse fehlt. Die Herausbildung kollektiver solidarischer Verhaltensmuster findet kaum am Arbeitsplatz ihren Niederschlag. Hier muß sich der Arbeiter fügen, will er nicht seinen Arbeitsplatz verlieren. Wo die kollektiv solidarischen Verhaltensmuster in politische Aktionen umschlugen, die eine grundlegende Veränderung der Situation der Arbeiter anstrebten, wurden sie im Interesse des Bürgertums zerschlagen. Wesentlich von solidarischen Verhaltensweisen bestimmt sind daher nur die für das Kapital ungefährlichen erweiterten Verwandschaftsbeziehungen, die Freundschafts- und Nachbarschaftsbeziehungen, die fast immer lokal konzentriert auftreten (Gans, 1962). In diesen Sozialbeziehungen finden auch Freizeitaktivitäten des Arbeiters statt. […] Diese subkulturelle Abwehrleistung wirkt sich auf die verschiedensten Verhaltensmuster aus. Um in einer grundsätzlich widersprüchlichen und unbefriedigenden Situation überhaupt handlungsfähig zu sein, werden Normen aufgestellt, deren Befolgung rigide verlangt wird, Konflikte werden auf Gegensätze reduziert, Ambivalenzen geleugnet, Veränderungen abgewehrt. Der Mangel an Ambivalentoleranz, Normenrigidität, Schwarz-Weiß-Denken, Antiintellektualismus, bestimmte Formen von Konservatismus und Traditionalismus« (Hack, 1969/70, S.3) der Arbeiter können so erklärt werden.

[W. Gottschalch, M. Neumann-Schönwetter, G. Soukup: Sozialisationsforschung, Fischer: FfM., 1971, S.80]

Diese Freundschafts- und Verwandschaftsbeziehungen sind ebenfalls geschlechtsspezifisch organisiert und absorbieren einen großen Teil der Aktivitäten und Interessen beider Ehepartner, so daß weniger in der Ehe als primär in diesen Beziehungen affektive Befriedigung gesucht wird. Die häufige Abwesenheit des Vaters aus der Familie bedeutet, daß die Mutter faktisch in der Familie dominiert, was aufgrund der stereotypen Geschlechtsrollenvorstellungen von beiden Partnern subjektiv abgelehnt wird. Diese Dominanz wird durch die in vielen Fällen notwendige Berufstätigkeit der Frau weiter unterstützt. Damit ist eine negative Bewertung des Ehemanns verbunden, der ja seiner Versorgerrolle nur unzureichend nachkommt und damit auch seine Autorität nicht mehr legitimieren kann, obwohl er sie weiter aufrechterhält. Das in der Arbeiterschicht aufrechterhaltenen männliche Rollenstereotyp, , die Überbetonung von Männlichkeit und Aggresivität, die Bewunderung körperlicher Stärke und Gerissenheit können nur aus der objektiven Lage der unteren Schichten verstanden werden. […] Die aus der Arbeitswelt stammende Frustration des Mannes – und bei Berufstätigkeit auch der Frau –, setzt sich in aggressives Verhalten sowohl gegenüber den Ehepartnern als auch den Kindern um. Das Verhalten der Arbeiterfamilie kann allgemein als relativ autoritär, sexualfeindlich und formell angesehen werden. Trotz dieser sich aus der objektiven Situation ergebenden familialen Spannungen wird die Familie – zusammen mit einigen Nachbarschafts- und Freundschaftsbeziehungen, in denen die Familie eingebettet ist – als Schutzraum gegenüber der bedrohlichen Außenwelt aufgefaßt, in dem ungehindert Aggressionen und Regressionen ausgelebt werden können. Um diese Funktion der psychischen Stabilisierung der Mitglieder aufrechterhalten zu können, wird das einzelnen Familienmitglied nicht als Individuum mit seinen besonderen Eigenschaften, sondern als Gruppenmitglied gesehen. Die permanent vorhandenen Konflikte zwischen den Familienmitgliedern werden nicht differenziert verbalisiert, sondern soziale Verbundenheit und Solidarität werden maximal betont. Die Identität des Individuums wird durch seine Gruppenzugehörigkeit und durch Konformität mit den Normen der Gruppe bestimmt. Die rigiden Rollenerwartungen in der Familie ermöglichen einen hohen Grad der Übereinstimmung in der Definition der sozialen Situation, eine relativ einheitliche Realitätsdeutung. […] Die Versorgung des Kindes stellt primär ein materiell-ökonomisches und zeitliches Problem dar. Bereits eine kurze Darstellung des häuslichen Milieus macht die Problematik der Erziehung deutlich. »Die häusliche Umgebung läßt sich überspitzt charakterisieren durch überfüllte und hygienisch oft unzureichende Wohnungen; das Fehlen einer abgeschlossenen ›Privatsphäre‹ für jedes Individuum, besonders aber auch das Fehlen räumlicher Trennung von Erwachsenen und Kindern; mangelhafte Ausstattung der Wohnung mit ›stimulierenden‹ Gegenständen: monotone Wohnungseinrichtung; wenig adäquates Spielzeug; beschränkte Möglichkeit, schon im frühen Alter zu lernen, mit später wichtigem ›Kulturwerkzeug‹ wie Bleistiften, Büchern, Zeichenpapier etc. umzugehen« (Soz. u. komp. Erz., 1969, S. 103). Die materiellen Bedingungen und die psychischen Belastungen, denen die Eltern in Beruf und Familie ausgesetzt sind, erklären, daß Verhaltenseinschränkungen und Disziplinierungen in der Erziehung überwiegen.

[ebd. S. 84f.]

Die Form der Sozialbeziehungen in der Arbeiterschicht spiegelt sich in ihrer typischen Sprachweise, dem restricted Code. Dieser ist dadurch gekennzeichnet, daß die Wahl des Vokabulars und der grammatischen Formen von einem Beobachter mit hoher Wahrscheinlichkeit vorausgesagt werden kann. […] Die Arbeiterkinder verwenden entsprechend häufiger soziozentrische Satzformen, so wie Zustimmung erheischende und Solidarität verstärkende Floskeln, was die Orientierung an einer kollektiv standardisierten Gruppenmoral ausdrückt. Die Individualität des Sprechers tritt zurück hinter der Solidarität und Verbundenheit mit den Zuhörern, mit denen ein gemeinsamer Erfahrungshorizont stillschweigend angenommen wird.

[ebd, S. 86]

Im Vergleich zur Mittelschicht orientieren die Eltern der Arbeiterschicht ihre Erziehungsziele und -techniken stärker am Geschlecht ihrer Kinder. Gute Manieren, Sauberkeit und Folgsamkeit gelten in der Arbeiterschicht als mädchenhaft, Zuverlässigkeit, Ehrgeiz und Selbstbehauptung als männlich. Schichtspezifische Unterschiede werden besonders in bezug auf die Rolle des Mädchens deutlich. […] Das frühe Interesse des Mädchens in der Arbeiterschicht an hetero-sexuellen Beziehungen wird von Kagan auch im Zusammenhang mit der traditionellen Frauenrolle gesehen, die in der Arbeiterschicht stärker betont wird.

[ebd., S. 138f.]

Im Fortgang der kapitalistischen Produktion entwickelt sich eine Arbeiterklasse, die aus Erziehung, Tradition, Gewohnheit die Anforderungen jener Produktionsweise als selbstverständliche Naturgesetze anerkennt.

[Karl Marx: Das Kapital, MEW Bd. 23, Dietz Berlin, 1962, S. 765f.]

Was dem »Wissen« vorgelagert ist

Eine solche Analyse gehört, wie man sieht, nicht zur Ideengeschichte oder zur Wissenschaftsgeschichte. Es handelt sich eher um eine Untersuchung, in der man sich bemüht festzustellen, von wo aus Erkenntnisse und Theorien möglich gewesen sind, nach welchem Ordnungsraum das Wissen sich konstituiert hat, auf welchem historischen Apriori und im Element welcher Positivität Ideen haben erscheinen, Wissenschaften sich bilden, Erfahrungen sich in Philosophien reflektieren, Rationalitäten sich bilden können, um vielleicht sich bald wieder aufzulösen und zu vergehen. Es wird also nicht die Frage in ihrem Fortschritt zu einer Objektivität beschriebener Erkenntnisse behandelt werden, in der unsere heutige Wissenschaft sich schließlich wiedererkennen könnte. Was wir an den Tag bringen wollen, ist das epistemologische Feld, die episteme, in der die Erkenntnisse, außerhalb jedes auf ihren rationalen Wert oder ihre objektive Formen bezogenen Kriteriums betrachtet, ihre Positivität eingraben und so eine Geschichte manifestieren, die nicht die ihrer wachsenden Perfektion, sondern eher die der Bedingungen ist, durch die sie möglich werden. In diesem Bericht muß das erscheinen, was im Raum der Gelehrsamkeit die Konfigurationen sind, die den verschiedenen Formen der empirischen Erkenntnis Raum gegeben haben. Eher als um eine Geschichte im traditionellen Sinne des Wortes handelt es sich um eine »Archäologie«.
Nun hat aber diese archäologische Untersuchung zwei große Diskontinuitäten in der episteme der abendländischen Kultur freigelegt, die, die das klassische Zeitalter in der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts einleitet, und die, die am Anfang des neunzehnten Jahrhunderts die Schwelle unserer modernen Epoche bezeichnet. Die Ordnung, auf deren Hintergrund wir denken, hat nicht die gleiche Seinsweise wie die der Klassik. Wir haben vergeblich den Eindruck einer fast ununterbrochenen Bewegung der europäischen Ratio seit der Renaissance bis zu unseren Tagen […]; diese ganze Quasi-Kontinuität auf der Ebene der Ideen und der Themen ist wahrscheinlich nur eine Oberflächenwirkung. Auf der archäologischen Ebene sieht man, daß das System der Positivitäten sich an der Wende das achtzehnten zum neunzehnten Jahrhundert auf massive Weise gewandelt hat. Das heißt nicht, daß die Vernunft Fortschritte gemacht hat, sondern das die Seinsweis der Dinge und der Ordnung grundlegend verändert worden ist, die die Dinge dem Wissen anbietet, indem sie sie aufteilt.

[Michel Foucault: Die Ordnung der Dinge, Suhrkamp: FfM., 1971, S. 24ff.]

Foucault thematisiert in wenigen, jedoch klaren Sätzen, welche die Programmatik seiner Forschungen ist: wie kann und wie wird Wissen in einer spezifischen Gesellschaftsformation konstituiert und distribuiert? Im engeren Sinne wirft er die Frage nach der geltenden „Informationshoheit“ einer Gesellschaft aus, die sich zwar das Etikett der „freien Forschung“ anheftet, darüber hinaus jedoch den spezifischen Gegenstand des Interesses unter vorgelagerter Perspektive auf den Begriff bringt und beurteilt. Es ist also die Korrespondenz zwischen „eingeschliffenem Kategorienapparat“ sowie praktischer Durchsetzung, die einen jeweiligen Diskurs bestimmt. Dass diese Diskurse sich in der Folge als eine logische Folge, als ein quasi-natürlicher Ablauf darstellen, dem eine beinah transzendente Inhärenz innewohnen soll, ist dabei nur der Auftakt zur Verklärung der Realitäten und damit zur Befestigung entrückter Verhältnisse. Zu erkennen, was dem jeweiligen »Wissen« einer Gesellschaft vorgelagert ist, wird darum zum Schlüssel von Ideologie.

Zerfall

Der Tod ist ständig gegenwärtig, Steger! Der Tod ist immer und überall gegenwärtig. Bereits mit der Geburt kommen wir mit dem Tod in Kontakt: meine Mutter starb während der Geburt und nur eine Unachtsamkeit der Hebammen, schon ist der Säugling erstickt, Steger. Man kann es nicht leugnen, der Tod steckt in allen Bewegungen, Gesten und Worten, latent, unterschwellig und subtil von mir aus, jedoch, Steger, jedoch schwingt er stets als drohendes Konnotat mit! Überall! – Da haben Sie vollkommen Recht, Weber. Auch mir ist es aufgefallen, dass wir dem Tod eigentlich niemals entrinnen können. Diese grundlegende Erkenntnis, ich meine jene Erkenntnis vom Sterbenmüssen, hat mir bereits als Knaben zugesetzt. In meine Lektüre vertieft, begleitete ich Spanier auf Eroberungszügen durch Südamerika: der Tod war allgegenwärtig. Später wandelte ich durch das mittelalterliche Europa und las von den Schrecken der Pest. Der Pest, Weber! Der sogenannte Schwarze Tod, so genannt, weil er schleichend an einen herantritt, sich wie ein fremdes Rülpsen über den eigenen Körper erstreckt und jenen vernichtet. Später folgte ich dem Marquis de Sade und Jack the Ripper auf ihren Streifzügen durch dunkele Unterwelten: alle Kreaturen, alle Handlungen sprachen nur von einem: dem Tod! – Ja, Steger, die Knabenerfahrung, jene von Ihnen so grad hervorgehobe Grunderkenntnis des eigenen Menschsein, ist die erschütterndste. Nicht das Geschwätz dahergelaufener Zeitgenossen, die uns nur mit ihren Alltagslappalien, ihrem Gejammer und Geseufze aufhalten, und sich ihren Kopf an einer wie der anderen Ecke andauernd, wenn nicht sogar immerfort stoßen, nicht dieses Gerede zersetzt uns, nein, jene Grunderkenntnis, das Wissen um den Tod und der dadurch gegebenen Endlichkeit des irdischen Seins. – Korrekt, diese Kontingenz, um mit Sartre zu sprechen, diese Kontingenz kann uns kaputtmachen, jedoch nur, wenn wir dumm und stumpfsinnig bleiben, und niemals über den eigenen Horizont hinausblicken. Wer darin verharrt, ja der geht alsbald an sich zugrunde. An sich in seiner Indigniertheit. – Nun ja, das würde ich vollends unterschreiben, gebe jedoch zu beachten, Steger, dass tatsächlich alles lächerlich ist, wenn man an den Tod denkt, ja sogar Kritik scheint damit mehr als abstrus. Sie kennen doch Bernhards berühmten Ausspruch? – In der Tat, Weber, in der Tat tue ich das und lassen Sie mich offenherzig gestehen, dass ich seinerzeit, also damals, als ich mich zum ersten Male jenem Bernhardschem Ausspruch gegenüber sah, lauthals auflachen musste. Jedoch war ich mir nicht recht sicher, ob es sich dabei nicht vielmehr um eine sich Laut verschaffende Verzweiflung handelte, denn Freude. Gewiss, ein Stück weit herrschte auch Freude in mir vor, denn ich wußte zugleich um den positiven Gehalt jenes Bernhardschen Ausspruchs, den ich im Nachhinein eigentlich nur noch als Bernhardsches Diktum bezeichnete, allein seines programmatischen Gehaltes wegen. – Interessant, Steger, fahren Sie fort. Was genau meinen Sie mit programmatischem Gehalt? – Es ist erheiternd, dass Sie mich das fragen. Es bestätigt mich in meiner Hypothese der Vorhersehbarkeit bestimmter Äußerungen aufgrund ihrer psychischen Bedingtheit, konkret meine ich die Spezifikation unseres Gesprächs, also dessen Inhalt, welcher bislang Verzweiflung thematisierte und nun so etwas wie Aufhellung zu versprechen scheint. – Mhm. – Nun, Weber, ich will nicht großartig ausschweifen, bitte sehen Sie es mir nach. Das Programmatische an Bernhards Diktum war für mich die Erkenntnis, dass, wenn Leben schon kontingent und Handlungen aufgrund ihres kontingenten Charakters ad absurdum geführt würden, es doch einem darum zu tun sein müsste, das Optimalste, ja das Beste aus dem eigenen Leben zu machen und nun entschuldigen Sie diese wirklich banale Ausführung, welche einer landläufigen Redensart gleicht. Ich meine, es kommt darauf an, das eigene Leben nach einem selbst gefassten Kriterium zu leben, das da heißt: Bequemlichkeit. Damit beziehe ich keinerlei Stellung für ein kollektives Dämmerverhalten, stupende Faulheit, sondern meine vielmehr, das es darauf ankommt, sein Leben nur nach der Maßgabe eines guten Lebens zu führen. Das Wort „gut“ ist zweifelsohne vielfach konnotiert, bisweilen moralisch, doch was ich herausstellen will, dürfte nicht schwer für Sie zu durchdringen sein. – Gewiss, Steger, ich gehe vollends mit Ihnen konform und teile Ihre Prämisse, selbst wenn Sie sie nicht einmal äußern, so kann ich sie doch wohl antizipieren. Doch Sie wissen wie ich, dass die instrumentelle Vernunft um sich greift. Steger, wir leben in einer kapitalistisch verfassten Welt, welche sich darüber hinaus als sogenannte beste aller möglichen Welten geriert und dabei mehr als wortwörtlich schlagkräftigen Erfolg hat. – D’accord, Weber, d’accord, aber wir beide dürfen nicht ausblenden, dass auch der Kapitalismus keine Naturkonstante ist. Dass Herrschaft keine Naturkonstante ist. Wir beide kennen die Apologeten des Bürgertums. Ach, Weber wie sehr habe ich mich schon als junger Mensch gelangweilt, wenn mein Dozent Hobbes anführte, wenn er Locke, wenn er Bentham anführte. Wenn er das Eigentum, die Freiheit des Individuums anführte und dabei doch nur Ausbeutung und Knechtschaft meinte! – Steger, mir erging es doch nicht besser. In mein Studierzimmer kamen sie getrampelt und riefen mir zu: „Max, du solltest mehr Smith lesen!“ oder „Max, du solltest mehr Say, Malthus und Ricardo lesen!“ oder aber „Max, du solltest deine Idealisten vergessen und mehr Schopenhauer, mehr Cioran, mehr Spengler, mehr Hayek, mehr Friedman, mehr Müller-Armack, mehr Schumpeter, mehr Weber, mehr etc. lesen!“ und mein Nein niemals derart stark genug war, um sie ohne Affekte wieder aus dem Zimmer drängen zu können. – Apologetik treffen wir überall an, Weber, glauben Sie mir. Apologetik und Affirmation sind omnipräsent. Herrschaft und Ausbeutung werden nur verklärt und idealisiert. Heutigentags springt die Naturwissenschaft mit ein; wir erleben eine Renaturalisierung gesellschaftlicher Dispositive. Die feuilletonistische Kritik, die stets eine der dümmsten und affirmativsten Kritiken war und ist, führt ständig die Molekular- oder die Neurobiologie an. Literaturwissenschaftler kommen nicht ohne Physiologen, nicht ohne Enzephalographie aus, und wollen damit wiederum nur alles auf die Natur des Menschen zurückführen, doch es gibt diese vielbeschriene Natur gar nicht! Der Mensch ist lediglich Geworfen in eine widerliche Umgebung, die niemals seinen Interessen entspricht, entsprechen kann. Zumindest nicht unter den herrschenden Verhältnissen. Und die herrschenden Ideen sind doch immer nur die ewig wiedergekäuten Ideen der herrschenden Klasse, Weber. Nein, man muss dem Ganzen irgendwie beikommen, um sich selbst gerecht zu werden, um bequem leben zu können. – Meinen Sie nicht, man kann auch hier ein gutes Leben führen? – Wohl wahr, das ist mehr als möglich, schauen Sie doch nur uns beide an. Materiell geht es uns bestens! Doch ideell leiden wir doch in größtem Maße. Zudem ist die einzelne, isolierte Bequemlichkeit stets nur auf Sand gebaut. Wir können nur bedingt gut leben, ohne jedoch stillschweigend die Maschinerie, den Apparat gutzuheißen. Um uns herum wird gelitten, wird laboriert! – Korrekt, jedoch was sollte man denn tun? Jedermann ist doch nur bestrebt, das optimalste Leben in den gegebenen Zuständen zu führen, Sie und ich tun doch nichts anderes, Steger. – Gewiss, Weber, doch ist es ja wohl eine Sache, sich in herrschenden Zuständen zurechtfinden zu müssen, weil hinter allem ein Gewaltapparat steht und wacht, dass seine Maßstäbe Gültigkeit bewahren, wie es eine andere Sache ist, den theoretisch durchdrungenen Strukturen auch noch eigene Parteinahme – auch im Privaten – folgen zu lassen. Dann stelle ich mich nämlich affirmativ zu einem System, welches mich wie den Anderen nur unterdrückt und sich dadurch quasi wie von selbst perpetuiert, womit wir denn auch wieder beim allgegenwärtigen Tod wären. Der Tod ist dem Kapitalismus tief eingeschrieben. Der Tod ist Ware, ist Geschäft wie alles andere und darüber hinaus, durch den gesellschaftlichen Imperativ des Akkumulierens auch noch leidliches Ende eines Lebens, das hier niemals geführt werden durfte, verstehen Sie, Weber? – Durchaus, und ich muss Ihnen gestehen, dass es mich mehr als wütend macht, dass mir jene Borniertheit noch nicht selbst derart vor Augen gekommen ist. Gewiss, es nicht zu leugnen, das diesem System bis in die winzigsten Ebenen Irratio und Destrucio innewohnen und mich, Sie, jedermann aushöhlen, sofern wir uns nicht erwehren. Passiv, wie Sie sagen; jedoch wird diese Passivität nur Auftakt für fortwährende Konzentration sein. Gehe ich recht in der Annahme? – Voll und ganz, Sie haben diesen Prozess, der ja zunächst nur ein mentaler ist, ein immanentes Abstrahieren und Sichselbstentfernen, auch trefflich umschrieben, wenn sie von Konzentration sprechen. Sukzessiver Konzentration, wenn sie mir dieses Attribut erlauben vorn anzustellen. – Aber gewiss doch, Steger. – Ach, Weber, ich habe vollkommen die Zeit vergessen, ihre Vorlesung beginnt in fünf Minuten und ich muss in die Sprechstunde. – Leider müssen wir hier schon wieder abbrechen. Kommen Sie heut Abend zu Bartók? – Sie wissen, dass ich mir Bartók niemals entgehen lasse. Schon gar nicht, wenn die Streichquartette intoniert werden. – Sehr gut, sicherlich haben wir dann im Vorfeld Gelegenheit weiter und eingehender miteinander zu diskutieren. Ich würde mich zumindest sehr freuen. – Aber selbstverständlich, mein lieber Weber. Haben Sie schon einmal an die Weichheit ihres Körpers gedacht, an die generelle Zerbrechlichkeit der Körper und welchem Maße an allgegenwärtiger Destruktivität sie ausgesetzt sind und werden? Bornierten Gedanken, Redewendungen, abgenutzten Gesten und Bewegungen, widerlicher Nahrung und widerlichem Getränk, vermaledeitem Schlaf und vermaledeitem Wachen, Unterdrückung, Repression und Ausbeutung psychisch und physisch! Der Tod ist tatsächlich allgegenwärtig. Hier allgegenwärtig, Weber. – Jawohl, Steger, Sie sehen mich kopfschüttelnd. Es ist niederdrückend. In allen Winkeln… – Sie müssen los. – Nun gut, bis heut Abend, Steger. – Auf bald.

Skizzierter Vergleich zwischen Faschismus und Demokratie

Wenn von Faschismus die Rede ist, wird die Erläuterung gern mit einem negativem Vergleich begonnen; dann wird dem Faschismus als politischer Herrschaftsform vorgehalten, was sie alles nicht sei, und das wiederum als Klassifizierung und Beschreibung verstanden. So sei er, der Faschismus, bspw. undemokratisch oder aber illiberal, mitunter gilt er sogar – zumindest in der historischen Betreuung des Gegenstandes von der Warte eines bundesrepublikanischen Historikers – als unnational, was nur verdeutlicht, dass sich Geschichte als eine einzige Erfolgsgeschichte lesen soll, die gerade durch den deutschen Faschismus beschmutzt worden wäre. Doch was eint solcherlei Vergleiche allesamt? Sie berufen sich auf einen willkürlich gesetzten politmoralischen Maßstab, der dem jeweiligen Blickwinkel unterliegt. Dieser Betrachtungsweise entspricht der Faschismus denn auch nicht, sodass damit der Vergleich im Prinzip als abgeschlossen gilt, denn eines ist allen Betrachtern gemein: das, was sich nach der Herrschaft der Nationalsozialisten etablierte, gilt allemal als gut, nicht nur weil es sich bewährt hat.

Eine Theorie des Faschismus muss jedoch ihren Anfang mit einem unmittelbaren Vergleich zwischen ihm und der bürgerlichen Gesellschaft nehmen, da diese letztlich der Nährboden für faschistische Verhältnisse ist. Im Groben lassen sich daraus zwei Thesen ableiten: Zum einen findet sich in jeder bürgerlichen Gesellschaft eine Kritik des Materialismus des Volkes durch den Staat und dessen Repräsentanten; zum anderen gibt es demgegenüber eine Kritik der Politik in Namen des Volkes.

Der Ausgangspunkt einer nationalistischen Politisierung des Volkes ist dabei mehr als „normal“, zumindest jedermann vertraut: in Zeiten einer global prozesszierenden Kapitalistenklasse, in der Standorte einem direkten Vergleich unter Aufwands- und Ertragskriterien unterworfen werden, und die Politik, deren Anliegen ein erfolgreiches Staatswesen ist, sich dazu anschickt, die Bedingungen für Kapitalisten optimal herzurichten, findet sich eine Anklage der Bürger, die sich durch die in Gang gesetzten Widersprüche, aber ja vielmehr über deren Auswirkungen in Richtung Politik beklagen. Sogleich erteilt der Staat diesem Protest eine Abfuhr, wenn er davon spricht, dass ganze Teile des Volkes nicht zu Lasten des Gemeinwesens werden sollten. So heißt es mitunter, dass von einem „Besitzstanddenken“ abstrahiert werden müsste1, oder ein viel zu hohes „Anspruchsdenken“ herrsche2 , wer darüber hinaus eine sogenannte „Vollkaskomentalität“ anklagt, sieht sich gezwungen all seine Untertanen erst einmal zurechtzuweisen: Vollkasko gibt es nur in der gleichnamigen Versicherung, jedoch nicht im politökonomischen Alltag einer bürgerlichen Gesellschaft. Rekurriert wird in jenen Sonntagsreden beständig auf die willentlich vollführte Armut weiter Teile der Bevölkerung, verpackt als gebotenem „Sachzwang“. Gleichzeitig wird der auf Kompensation zielende Materialismus der Ausgebeuteten zurückgewiesen unter dem Verweise auf das große Ganze, dem vielzitierten Gemeininteresse, dem sich alle Partikularinteressen unterzuordnen hätten, um das Staatswesen als Ganzes wieder nach vorn zu bringen. Politiker schauen in ihre Klassengesellschaft und stellen ein neuartiges „Sozialschmarotzertum“ fest; Menschen die zuvor per Dekret auf ein Dasein mittels Hartz IV festgelegt wurden, bekommen im Nachhinein den Vorwurf der parasitären Inanspruchnahme staatlicher „Leistungen“ zu hören, ganz so, als wäre die Gesetzgebung nicht die willentlich forcierte Verarmung der Bevölkerungsmehrheit. Stattdessen beklagt man ein fehlendes Interesse am Gemeinwohl, wohlwissend, dass überhaupt kein Gemeininteresse besteht, und wenn überhaupt, dann darin, dass sich alle Mitglieder der Klassengesellschaft an den gesetzlichen Schranken zu orientieren haben und darin versuchen, das für sie Mögliche herauszuziehen. In Analogie zu faden Debatten über Mindestlöhne oder Managergehälter wird denn auch der oft gezogene Vergleich zwischen Extremen und Gerechtigkeit aufgemacht, ganz so, als beruhe nicht alles auf einem Gewaltverhältnis, indem jeder eben nur zu den Mitteln gelangt, die er mittels individueller wie kollektiver Macht durchzusetzen versteht. Dabei spielt es prinzipiell keine Rolle, ob von einem Lokführer die Rede ist, welcher sich zuvor qua Streik ein Lohnniveau von vielleicht 2000 Euro erstreiten konnte, oder aber, ob von einem Vorstandsvorsitzenden einer Bank gesprochen wird, welcher ja „unmöglich tausendmal besser sein kann, als seine Belegschaft“, wie seine Dotation doch eigentlich darlegen würde. Solcherlei Vergleiche blamieren sich in der Tat an den etablierten Herrschaftsverhältnissen, in denen jede Konzession nur nach Maßgabe des gültigen Rechts erfolgt. So ist es denn auch nur systemkonsequent, dass einer auf Hartz IV festgeschrieben wird, während ein anderer Millionen aus dem Apparat für sich gewinnen kann. Es ist hingegen reine Ideologie zu glauben, ein jeder bekäme das gezahlt, was er verdient. Insofern kürzt sich das hochgepriesene Gemeininteresse auf eine Beachtung und Pflege der gültigen Eigentumsordnung heraus, welche stets nur die Bedingung dafür ist, dass der Reichtum Weniger in potenziertem Maße die Armut der großen Mehrheit fördert.

In der Folge ist es nur logisch, wenn Politiker dieses Interesse, das vielmehr Staatsinteresse genannt werden muss, durch eine übermäßige Betätigung der Privatinteressen der Bürger gefährdet sehen3. Da der Staatserfolg oberste Priorität genießen soll, gilt es individuell Mäßigung walten zu lassen. Hier prägen Demokraten denn auch den Satz, wonach man nicht fragen solle, was das Land für einen selbst tun, sondern was man selber, für das eigene Land tun könne (frei nach Kennedy) und finden sich schon in der Nähe von Faschisten, die auch wissen: „Gemeinnutz geht vor Eigennutz“ (Hitler).

Die Demokratie und das politisierte Volk jedoch interpretiert die Auswirkungen der Klassengesellschaft jeweils als Scheitern der Regierung, welche lauter Fehler bei Ausübung ihres Amtes beginge. Dann wird gern von „Missmanagement“ in Betrieben und der Regierung gesprochen und auf Ideal guter, funktionierender Herrschaft verwiesen, wonach alle Gefährdungslagen dieser Gesellschaftsordnung doch nur Ausdruck eines (moralisch) verwerflichen Handels von Einzelpersonen, Parteien, Verbänden wie Interessensgruppen und Kapitalisten wäre. Gedacht wird dabei ein prinzipielles Übereinstimmungsverhältnis der jeweiligen Interessen, dass sich natürlich nur an der Realität blamieren kann und eben auch blamiert., denn es ist nachweislich der Systemzweck, der all jene Folgen immer wieder aufs Neue hervorruft. So ist denn auf von den Bänken der politischen Opposition stets der Ruf zu vernehmen, dass das Land mit der jeweiligen Regierungspartei gegen die Wand gefahren werden würde, das überhaupt allerlei Fehlentscheidungen getroffen würden, die den Abstieg der Nation bedeuten. Man selbst bietet sich dem Wähler als billige Alternative zur Herrschaft an und verspricht, nach der Wahl alles „konsequent anders“ zu machen und nur noch „schonungslose Wahrheit“ verlauten zu lassen. Das kommt beim politisierten Volk an und mit Übernahme der Ämter stellt sich heraus, dass einzig das Personal und die Besetzung der Posten gewechselt ist, weil es natürlich auch niemals um etwas anderes ging, als eben die Einnahme von Ämtern und Macht. Die betriebene Politik würde den Leuten denn auch weiterhin als konsequente Verfolgung einer notwendigen Linie vertreten und dieses Spiel reproduziert sich denn auch von Legislatur zu Legislatur.

Die Geschädigten interpretieren den eigenen materiellen Nachteil denn auch nicht als fälliges Staatsprogramm, dem sie unterworfen sind. Der Schluss daraus wäre ein Vergleich zwischen disparaten Interessen, wonach es nicht um das Wohl des Einzelnen geht und es ihm folglich auch nicht um das Land zu gehen bräuchte. Die Kritik der Politik im Namen des Volkes verlangt dies jedoch auch gar nicht, sondern ist blankes Spiegelbild der politischen Propaganda der Herrschenden. Sie halten nach wie vor den Idealismus einer Gemeinschaft hoch, wo diese Gemeinschaft schlicht nicht besteht und hierhin befindet sich der Nährboden für Faschisten.

Faschisten kritisieren die Heuchelei demokratischer Politiker (Pluralismus, Exekution der ewiggleichen Maßnahmen unter Vortäuschung eines Gebotes in Namen des „Wählerauftrages“) als falsche Konzession an Partikularinteressen sowie vor dem Hintergrund eines fiktiven Gemeininteresses. Sie sehen den Staat und die politische Macht prinzipiell gefährdet und wollen von einer grundsätzlichen Trennung von Staat und Wirtschaft, wie sie in der Demokratie beständig gelebt wird4 nichts wissen. Faschisten weisen denn denn auch die Rede von bestehenden „Sachzwängen“, welche der Politik die Hände binden würden zurück und fordern die Bündelung und Konzentration politischer Macht („Nationale Konzentration“)5. Faschisten wittern gerade in dem Treiben der Individuen Gefahren für den Bestand des Staatswesen in gleichem Maße, wie sie Bedrohungen durch das Ausland ausgemacht haben wollen. Nur eine rigorose „Volkseinheit“ könne demnach den Verfallsprozess der Nation aufhalten, sodass es nur logisch sei bspw. die Vertreter des Materialismus des Volkes in der Gesellschaft auszuschalten (Gewerkschaften und Kommunisten verbieten und verfolgen). Es stünde eine „Säuberung“ des Gemeinwesen im Sinne eines fehlenden inländischen Patriotismus an; überall wird „Entartung vom deutschen Geist“ entdeckt, da doch die Identifikation mit dem Staate an und für sich das höchste Gebot sei. Mit einem Mal entdeckt man sogenannte Systemfeinde und manche werden zu widernatürlichen „Undeutschen“, zu einem „Fremdvolk“ in Gestalt der Juden, welches die Interessen des deutschen Volkes konsequent „verraten“ würde6. Vorgestellt wird eine Idee eines „Fremden“, dem man als kämpferische Bewegung von unten begegnen müsse und damit außerdem den Kampf um den Staat initiiert hat. Der „Kampf ums Vaterland“ hat unmittelbar zur Folge, dass das Volk in Taugliche wie Untaugliche geschieden wird; Letztere werden dann zu Systemfeinden deklariert, die es ebenso auszuschalten gilt, wie die politischen Gegner, da man sich von jeglichem „Ballast“ zu befreien habe, ja alle Potenzen anstrengen müsse (ganz gleich welcher Form, ob Soldat, Arbeiter oder Mutter). Deutschland wird entweder Weltmacht oder wird gar nichts sein, lässt ein Hitler verlauten und kündigt damit ein Staatsprogramm an, dass nach innerer Aufräumarbeit (Exekution von missliebigen Personen, Gleichschaltung der Gesellschaft, Konzentration wirtschaftlicher Macht in staatlicher Hand) es insbesondere die Abhängigkeit der eigenen Nation von ausländischen Mächten zu kündigen gilt. Der Krieg wird damit zum logischen Ziel einer Nation, die sich als den Verlierer des Ersten Weltkrieges betrachtet und seinen Stand in der Welt als jämmerlich versteht.

Der Faschismus ist somit die totale Krisendiagnose des bürgerlichen Staates mitsamt seines Programms der Staatsrettung. Neofaschisten argumentieren im Übrigen ganz ähnlich. Auch bei ihnen sind die Übel der Gegenwart „kulturelle Überfremdung“, das internationale Kapital sowie eine Weltordnung nach US-amerikanischem Gusto. Worin besteht deren Ziel? Auch in der Machterlangung, um den Dienst aller Bürger an der eigenen Nation durchzusetzen und sich damit gegen das Ausland zu behaupten. Dass sie dies mittels politökonomischer Propaganda ganz im Stile von Demokraten tun, wenn sie bspw. auch auf Missmanagement und die Einführung von Mindestlöhnen rekurrieren, verwundert nicht weiter, da doch ihre Grundlagen dieselben sind, vollkommen getrennt von deren blutiger Durchsetzung. Der entscheidende Unterschied heutigentags ist jedoch, dass, obwohl sich die Bürger die Argumente der „Nationalen“ durchaus einleuchten lassen („Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg“; „Die Politiker wirtschaften nur in die eigene Tasche“ etc.), die Folgen, die dies für den Staat haben soll nicht mehr gebilligt wird. In der Diktion faschistischer Renegaten befindet sich das Staatswesen vor dem Untergang und verdient gerettet zu werden. Der praktische Alltagsverstand der politisierten Bürgern weiß jedoch aus eigener Erfahrung, dass trotz vorherrschender „Schieflage“ des System und einer bspw. konstant hohen Arbeitslosigkeit, der Staat insgesamt mehr als gut in der internationalen Konkurrenz dasteht, was Parteien wie die NPD denn auch unter fünf Prozent und ihre Bewegung relativ klein hält. Die Krisendiagnose der Faschisten wird nicht geglaubt, und deren objektive Schwäche bleibt ihre Monokausalität die angeklagten sozialen Missstände betreffend7, im Unterschied zur historischen Situation am Ende der Weimarer Republik, sodass hieraus gar keine Massenbewegung erwachsen kann.

Die Differenz zwischen Demokratie und Faschismus schrumpft angesichts tatsächlich anerkannter Krisen schnell auf minimale Unterschiede zusammen, wie nicht erst die Anstrengungen eines Krieges zum „Schutz der eigenen Nation“ zeigen. Sobald eine Gefährdung des Gemeinwesens aufscheint, ist man schnell dabei gewährte Rechte einzuschränken oder gar abzuschaffen, den Dienst auf Kriegsproduktion umzustellen und bspw. die Klärung der nationalen Lohnfrage zu verschieben.

  1. Angeklagt wird dabei natürlich nicht der Besitz, welcher ja in Ordnung geht und bestehen soll, sondern vielmehr der Anspruch all jener, die sich durch die herrschenden Verhältnisse auf eine irgendwie geartete Weise zurückgesetzt sehen. [zurück]
  2. Auch hier ist stillschweigend vorausgesetzt, dass für die Mehrheit der Indienstgenommenen eines Staatswesens ein gutes Leben überhaupt nicht auf der Agenda steht, sondern allenfalls als Nebenprodukt gelingender Akkumulation existieren kann. Die fade Rede vom „Gemeinwohl“ zielt im Übrigen auf das gleiche. Im Prinzip ist also jedermann klar, dass ein Leben voller Lohnarbeit und Mühsal keinerlei Freude, Genüsse oder Bequemlichkeit zu bieten hat. Und niemand sollte sich folglich verwundert zeigen, wenn heutigentags längst fällige „Reformen“ in drastischerem Maße nachgeholt werden müssten, um den Standort attraktiv zu halten. Dass darunter denn auch die eigene Lebensqualität zumindest der lohnabhängigen Bevölkerung zu leiden hat, ja das ist bitteschön notwendige Konsequenz… [zurück]
  3. Dies findet denn auch Anwendung unter allen Mitgliedern der Gesellschaft: so wirft man mitunter einem Klaus Zumwinkel vor, er hinterziehe dem Gemeinwesen Steuern, und dass, obwohl (sic!) er doch zu den Leistungsträgern dieser Gesellschaft gehört und zuvor den Börsengang der Deutschen Post erfolgreich auf den Weg gebracht und den Betrieb dadurch auf Rentabilitätskriterien verpflichtet hat. [zurück]
  4. Hier gilt noch immer, dass das „freie Spiel“ der Marktkräfte optimale Wirkungen für die gesamte Gesellschaft zeitigt. Hier gilt darüber hinaus, dass die Bürger als Privatpersonen ihrem Geldererweb nach kapitalistischer Maßgabe nachzugehen haben, denn gerade das, hat sich als die beste Variante der Reichtumsmehrung herausgestellt, an der einem Staat mehr als gelegen ist. [zurück]
  5. Die zitierten „Sachzwänge“ sind darüber hinaus reine Ideologie, denn es sind nach wie vor die Staaten selber, die sich von der Globalisierung, also der Ausweitung der Geschäftssphären ihrer Kapitalistenklasse, ein erträgliches Geschäft versprechen, es daher nach Maßgabe kapitalistischer Vernunft fördern und analysieren und allerhand Maßnahmen betreiben, um den daraus resultierenden Ansprüchen an den heimischen Standort gerecht zu werden. Es sind im Übrigen jene Sachwalter, die in gleichem Atemzug die Bedeutung bspw. des EURO als dem Zahlungsmittel Nummer eins in der Welt herausstellen möchten, welche sich wiederum beklagen, dem Staat seien die Hände gebunden. [zurück]
  6. Für Nationalsozialisten spielt es dabei überhaupt keine Rolle, dass sie Vertreter dieses „den deutschen Geist zersetzende“ Bewusstsein sowohl in der Spitze des internationalen Finanzkapitalismus vertreten wissen wollen („jüdisches, raffendes Kapital“) und zugleich in den Schaltzentralen der kommunistischen Arbeiterbewegung („jüdischer Bolschewismus“). Dies findet vielmehr Ausdruck in der These der „jüdischen Weltverschwörung“, die sich quasi metaphysisch über alle empirische Realität erhaben zeigt. [zurück]
  7. Auch hier sei auf die grundsätzliche Übereinkunft politisierter Bürger mit faschistischen Argumenten verwiesen, wenn es da heißt, dass Ausländer die tatsächlichen „Sozialschmarotzer“ seien, welche in der Folge breit denunziert werden, und das nicht nur in rechten Kreisen, sondern weit in demokratische Gefilde hinein, es sich also vielmehr um einen Gemeinplatz nationalistischer Bürger handelt. Erst unter dem Verweis auf den praktischen Nutzen, welche „ausländische Fachkräfte“ für diese Gesellschaft zeitigen wird dann auch akzeptiert, dass keine kollektiven Abschiebungen oder Deportationen stattfinden. [zurück]