Zur »Lage der arbeitenden Klasse«

Das Gesellschaftsbild der Arbeiter wird bestimmt durch die konkrete Erfahrung der Herrschaftsverhältnisse in der Produktion. Es ist im Gegensatz zu dem der Beamten und Angestellten nicht hierarchisch gegliedert, sondern dichotomisch, zerfällt in ein ›Oben‹ und ein ›Unten‹ (Herkommer, 1965). Unzufriedenheit und Apathie bestimmen die Einstellung zur beruflichen Sphäre. Der festgestellte passiv-resignative Fatalismus der Arbeiter entspricht der objektiven Situation, der sie ausgeliefert sind. Sie können ihre soziale Realität weder durch individuelle Anstrengungen verändern, noch besteht die z. Z. Möglichkeit, diese durch kollektives Handeln zu verändern, da eine machtvolle Interessenvertretung der Arbeiterklasse fehlt. Die Herausbildung kollektiver solidarischer Verhaltensmuster findet kaum am Arbeitsplatz ihren Niederschlag. Hier muß sich der Arbeiter fügen, will er nicht seinen Arbeitsplatz verlieren. Wo die kollektiv solidarischen Verhaltensmuster in politische Aktionen umschlugen, die eine grundlegende Veränderung der Situation der Arbeiter anstrebten, wurden sie im Interesse des Bürgertums zerschlagen. Wesentlich von solidarischen Verhaltensweisen bestimmt sind daher nur die für das Kapital ungefährlichen erweiterten Verwandschaftsbeziehungen, die Freundschafts- und Nachbarschaftsbeziehungen, die fast immer lokal konzentriert auftreten (Gans, 1962). In diesen Sozialbeziehungen finden auch Freizeitaktivitäten des Arbeiters statt. […] Diese subkulturelle Abwehrleistung wirkt sich auf die verschiedensten Verhaltensmuster aus. Um in einer grundsätzlich widersprüchlichen und unbefriedigenden Situation überhaupt handlungsfähig zu sein, werden Normen aufgestellt, deren Befolgung rigide verlangt wird, Konflikte werden auf Gegensätze reduziert, Ambivalenzen geleugnet, Veränderungen abgewehrt. Der Mangel an Ambivalentoleranz, Normenrigidität, Schwarz-Weiß-Denken, Antiintellektualismus, bestimmte Formen von Konservatismus und Traditionalismus« (Hack, 1969/70, S.3) der Arbeiter können so erklärt werden.

[W. Gottschalch, M. Neumann-Schönwetter, G. Soukup: Sozialisationsforschung, Fischer: FfM., 1971, S.80]

Diese Freundschafts- und Verwandschaftsbeziehungen sind ebenfalls geschlechtsspezifisch organisiert und absorbieren einen großen Teil der Aktivitäten und Interessen beider Ehepartner, so daß weniger in der Ehe als primär in diesen Beziehungen affektive Befriedigung gesucht wird. Die häufige Abwesenheit des Vaters aus der Familie bedeutet, daß die Mutter faktisch in der Familie dominiert, was aufgrund der stereotypen Geschlechtsrollenvorstellungen von beiden Partnern subjektiv abgelehnt wird. Diese Dominanz wird durch die in vielen Fällen notwendige Berufstätigkeit der Frau weiter unterstützt. Damit ist eine negative Bewertung des Ehemanns verbunden, der ja seiner Versorgerrolle nur unzureichend nachkommt und damit auch seine Autorität nicht mehr legitimieren kann, obwohl er sie weiter aufrechterhält. Das in der Arbeiterschicht aufrechterhaltenen männliche Rollenstereotyp, , die Überbetonung von Männlichkeit und Aggresivität, die Bewunderung körperlicher Stärke und Gerissenheit können nur aus der objektiven Lage der unteren Schichten verstanden werden. […] Die aus der Arbeitswelt stammende Frustration des Mannes – und bei Berufstätigkeit auch der Frau –, setzt sich in aggressives Verhalten sowohl gegenüber den Ehepartnern als auch den Kindern um. Das Verhalten der Arbeiterfamilie kann allgemein als relativ autoritär, sexualfeindlich und formell angesehen werden. Trotz dieser sich aus der objektiven Situation ergebenden familialen Spannungen wird die Familie – zusammen mit einigen Nachbarschafts- und Freundschaftsbeziehungen, in denen die Familie eingebettet ist – als Schutzraum gegenüber der bedrohlichen Außenwelt aufgefaßt, in dem ungehindert Aggressionen und Regressionen ausgelebt werden können. Um diese Funktion der psychischen Stabilisierung der Mitglieder aufrechterhalten zu können, wird das einzelnen Familienmitglied nicht als Individuum mit seinen besonderen Eigenschaften, sondern als Gruppenmitglied gesehen. Die permanent vorhandenen Konflikte zwischen den Familienmitgliedern werden nicht differenziert verbalisiert, sondern soziale Verbundenheit und Solidarität werden maximal betont. Die Identität des Individuums wird durch seine Gruppenzugehörigkeit und durch Konformität mit den Normen der Gruppe bestimmt. Die rigiden Rollenerwartungen in der Familie ermöglichen einen hohen Grad der Übereinstimmung in der Definition der sozialen Situation, eine relativ einheitliche Realitätsdeutung. […] Die Versorgung des Kindes stellt primär ein materiell-ökonomisches und zeitliches Problem dar. Bereits eine kurze Darstellung des häuslichen Milieus macht die Problematik der Erziehung deutlich. »Die häusliche Umgebung läßt sich überspitzt charakterisieren durch überfüllte und hygienisch oft unzureichende Wohnungen; das Fehlen einer abgeschlossenen ›Privatsphäre‹ für jedes Individuum, besonders aber auch das Fehlen räumlicher Trennung von Erwachsenen und Kindern; mangelhafte Ausstattung der Wohnung mit ›stimulierenden‹ Gegenständen: monotone Wohnungseinrichtung; wenig adäquates Spielzeug; beschränkte Möglichkeit, schon im frühen Alter zu lernen, mit später wichtigem ›Kulturwerkzeug‹ wie Bleistiften, Büchern, Zeichenpapier etc. umzugehen« (Soz. u. komp. Erz., 1969, S. 103). Die materiellen Bedingungen und die psychischen Belastungen, denen die Eltern in Beruf und Familie ausgesetzt sind, erklären, daß Verhaltenseinschränkungen und Disziplinierungen in der Erziehung überwiegen.

[ebd. S. 84f.]

Die Form der Sozialbeziehungen in der Arbeiterschicht spiegelt sich in ihrer typischen Sprachweise, dem restricted Code. Dieser ist dadurch gekennzeichnet, daß die Wahl des Vokabulars und der grammatischen Formen von einem Beobachter mit hoher Wahrscheinlichkeit vorausgesagt werden kann. […] Die Arbeiterkinder verwenden entsprechend häufiger soziozentrische Satzformen, so wie Zustimmung erheischende und Solidarität verstärkende Floskeln, was die Orientierung an einer kollektiv standardisierten Gruppenmoral ausdrückt. Die Individualität des Sprechers tritt zurück hinter der Solidarität und Verbundenheit mit den Zuhörern, mit denen ein gemeinsamer Erfahrungshorizont stillschweigend angenommen wird.

[ebd, S. 86]

Im Vergleich zur Mittelschicht orientieren die Eltern der Arbeiterschicht ihre Erziehungsziele und -techniken stärker am Geschlecht ihrer Kinder. Gute Manieren, Sauberkeit und Folgsamkeit gelten in der Arbeiterschicht als mädchenhaft, Zuverlässigkeit, Ehrgeiz und Selbstbehauptung als männlich. Schichtspezifische Unterschiede werden besonders in bezug auf die Rolle des Mädchens deutlich. […] Das frühe Interesse des Mädchens in der Arbeiterschicht an hetero-sexuellen Beziehungen wird von Kagan auch im Zusammenhang mit der traditionellen Frauenrolle gesehen, die in der Arbeiterschicht stärker betont wird.

[ebd., S. 138f.]

Im Fortgang der kapitalistischen Produktion entwickelt sich eine Arbeiterklasse, die aus Erziehung, Tradition, Gewohnheit die Anforderungen jener Produktionsweise als selbstverständliche Naturgesetze anerkennt.

[Karl Marx: Das Kapital, MEW Bd. 23, Dietz Berlin, 1962, S. 765f.]

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