Archiv für Juni 2008

Gesellschaftskritik mit Marx und Foucault

Mögliche Schnittpunkte in der Arbeit von Marx und Foucault finden sich eindeutig bei der Formierung und Normierung des modernen Subjektes des Industriezeitalters. Betrachtet Marx im „Kapital“ die kapitalistische Produktionsweise in ihrem Durchschnitt, stellt ihre Erscheinungs- und Verlaufsformen dar und macht in der Konsequenz eine politische Stellungnahme unausweichlich, da grundlegende Prinzipien der Gesellschaft ausgeleuchtet und auf ihren gewaltätigen Charakter hin betrachtet werden, so greift Foucault bei der nicht nur psychosozialen Formation des Individuums ein, welches in diesen Verhältnissen zurechtkommen muss und mitunter auch will. Das falsche Erklären, vielmehr Deuten der den Einzelnen, Atomisierten umgebenden Prozesse verstand Marx als das notwendig falsche Bewusstsein von der kapitalistischen Gesellschaft, welches erheischt ist, um sich einerseits im Alltag zurechtzufinden, andererseits in seiner Fehlerklärung eben jene Formen und Prozesse reproduziert. So mag bspw. das Verhalten Einzelner stets Anlass zu Kritik geben, unangetastet bleibt jedoch der tatsächliche Grund kapitalistischer Ausbeutung wie daraus resultierender Armut auf seiten der Mittellosen. Für Foucault ergeben sich jedoch darüber hinaus ganz andere Fragestellungen, die nichtsdestoweniger dasselbe Individuum, das in den kapitalistischen Produktionsprozess unmittelbar (Arbeiter oder Kapitalist) bzw. mittelbar (Grundeigentümer) involviert ist berrühren, oder aber mithilfe gewisser Techniken zu berühren versuchen, was demgemäß das Ausüben von Macht und Herrschaft impliziert. Zentral wird die Analyse der Genealogie des modernen Selbst, also die Art und Weise, in der der moderne Mensch (er)lernt, mit der ihn umgebenden Welt zu interagieren. Dass er dabei zumeist nur eine untergeordnete Rolle spielt, erweist sich nicht zuletzt als nur fader Trugschluss, sondern stellt den Auftakt für gewaltätige Praktiken her, die in Zusammenhang mit eigens erfahrener Unzulänglichkeit und/oder Unbrauchbarkeit als Folge der Produktionsweise einerseits, aber auch der Konstitution eines anthropologischen Idealtypus korrelieren. Dieser Anthropologismus, welcher den Individuuen quasi überzeitliche, ahistorische „Wesensmerkmale“ einzuschreiben versucht, schlägt sich jenseits der (semi)wissenschaftlichen Diskurse im Alltagsbewusstsein als Typisierung der Individuuen nieder. Daraus folgt unmittelbar das Scheiden der Menschen in Mehrheitler und Marginale, also Abweichende. Die Konstitution des modernen Körpers ist Sache des aufkommenden Staatsapparates, der sich vielfältige Formen der Regulation und Produktion „seiner“ Bevölkerung zunutze macht: Bevölkerungspolitik, Demographie, Geburtenkontrolle, Erziehungswesen etc. sind Ausgestaltungen einer neuartigen Betreuungsweise, die sich der Menschen als eines Inventars politisch und ökonomischer Macht bedienen will. Foucault bezeichnet dies als „Biopolitik“, die sie begleitenden Regierungstechniken (Exekutive) als „Gouvernementalität“. Beides Instrumente, um gesellschaftliche Dispositive (Diskurse, Architekturen, Performanzen, Institutionen etc.) zu lancieren und reformulieren. Zur Herausstellung betreibt Foucault genealogische Arbeit, d.h., er durchleutet historische Quellen und also Entstehungsprozesse, arbeitet Entwicklungen mit Rückblick auf das Mittelalter, gar auf die Antike heraus, sodass sich alsbald konstatieren lässt, dass der Anthropologismus des 18./19. Jahrhunderts lediglich eine (mitunter blutige) Schimäre darstellt, jedoch keineswegs eine Kausalität repräsentiert. Dargestellte wird viel eher der hinter den Aussagen und Entscheidungen liegende „Wille zur Macht“, das Ausüben von Herrschaft, das gebieterische Verfolgen von Partikularinteressen. Nur in dieser Gesamtheit kann politische Macht gestützt, gesichert werden, sodass stets aufs Neue Normierungs- und Disziplinierungstechniken angewandt werden müssen, um den gesellschaftlichen Diskurs, alle Diskurse verknappen, reorganisieren und adäquat halten zu können. Das Machtdispositiv ist integraler Bestandteil der geltenden Produktionsverhältnisse, reflektiert somit die ökonomischen Interessengegensätze auf ihre juristischen, kulturellen und sozialen Grundlagen. Foucault erlaubt es, den Marxschen Ideologiebegriff jenseits eines schematischen Ableitungsverhältnisses (Basis-Überbau) auf Internalisierungsprozesse der Individuen auszuweiten. Wo Marx den Kapitalismus theoretisch dekonstruiert (und nur andeutungsweise aufzeigt, welche ideellen und somit auch praktischen Folgen dies für den Einzelnen haben kann, nicht muss!), dekonstruiert Foucault das moderne Selbst als ein zu großen Teilen konstruiertes. Er stellt den gedachten Idealtypus den „Unangepassten“, den „Anormalen“ gegenüber, die gleichsam für den gesellschaftlichen Prozess als „Unbrauchbar“ oder „Unrentabel“ charakterisiert werden, somit normiert, zumindest aber letztinstanzlich von der Menge ferngehalten werden müssen, um den reibungslosen Ablauf des Geschehens nicht zu unterbrechen. Durch die Ausweitung des Blickfeldes auf soziale Interaktionsprozesse, auf staatliche Bevölkerungspolitik, kann die Unzulänglichkeit des ökonomischen Determinismus umgangen werden, denn keineswegs erweist es sich als logisch, dass alle herrschenden Ideologien (Homophobie, Sexismus, Rassismus, Diskriminierungen et al.) mit Untergrabung der kapitalistischen Produktionsweise gleichsam „absterben“, da sie gerade nicht nur an die Formation der Produktionsverhältnisse gebunden sind und waren, also vielmehr das Denken der Dichotomien („Außen“, „Fremde“ usf.) längeren Bestand aufweist und ebenso theoretisch zerstört werden müssen, um tatsächlich eine qualitative Änderung des Daseins hervorzurufen. Der Realsozialismus machte sich ebenso biopolitische Maßnahmen zu eigen, wie bürgerliche Staaten: die Errichtung von Straflagern, Gulags sowie die Psychiatrisierung vermeintlicher oder tatsächlicher Dissidenten bezeugen dies und verweisen auf die Bedingungen von Gesellschaftskritik, die ihre Berücksichtigung finden müssen.

Apriori

Und doch erschien es mir eigenartig, dass der Harrer während meines gesamten Aufenthaltes auf seinem Ferienanwesen konsequent darauf zu verzichten schien, mich weiter, tiefer in sein Empfinden und also Denken eindringen zu lassen. Selbst in unseren analytischen Gesprächen, die mittlerweile zu einem regelrechten Ritual geraten waren, welches wir tatsächlich und mit nicht zu leugnender Pedanterie stets am Nachmittag gegen zwei Uhr führten, wurde mir jede weitere Möglichkeit versperrt, den Harrer durch forciertes und intensiviertes Beobachten, Studieren näher kennenzulernen, wie ich es eigentlich gewünscht hatte.

„Wir leben stets und fortwährend mit einem Vorgefühl. Wir wissen um eine Sache, ahnen dessen Beschaffenheit, Konsistenz, Auslagerung etc., sind jedoch nicht in der Lage, eine unbestimmte Distanz letzthin überschreiten, und den Gegenstand des Interesses somit vollkommen ausleuchten zu können. Es handelt sich um eine Gratwanderung auf einem in der Tat mehr als schmalen Grat, dem wir stets mehr Aufmerksamkeit zugestehen müssen, als uns lieb und recht ist, einzig um nicht abstürzen und also an der schieren Undurchdringlichkeit der Dinge zugrundegehen zu müssen. Wir bleiben in der Situation des Rezipierens, der Perzeption stehen und also stecken, wir konsumieren, aber durchdenken nicht, wir gebrauchen, aber analysieren und klassifizieren nicht, wir praktizieren, aber rekurrieren nicht, wir sehen, aber hören nicht, wir spüren, aber fühlen nicht, wir häufen an, aber filtern nicht, und bleiben folgerichtig in einer tumben Wartestellung verhaftet, die stets neue Appetitzügler wie Brechmittel erheischt, und toto coelo sind wir nur Anbetende, Fetischisierende, Götzendienende, aber niemals, niemals! Mündige, nur Beherrschte. Wir verharren in einer Wartestellung und mit zunehmendem Warten verstärkt sich unser Ohnmachtsgefühl, das keineswegs ein bloßer Mangel an Erfahrung oder gar Wissen ist, sondern stets Gefühl der Unhaltbarkeit eines uns zutiefst ersehnten Soll-Zustandes, eines nivellierten Status quo des Daseins, welches uns zugleich auf höherer Ebene in eine andere qualitative Beschaffenheit und damit Lebensweise emporheben würde, einzig wir sind nicht in der Lage unser Denken, das in seiner Bewegung ja stets ein über die Dinge hinausweisendes, alles zersetzendes ist, in eine dem gewünschten Zustand adäquate Form umzuwandeln. Wir erreichen niemals, niemals! sage ich, den ersehnten Punkt Null, der uns in seiner konsequenten Abwesenheit innerlich vielerlei Schmerzen bereitet; jenen Punkt Null, an dem sich alles Erlebte endlich aufhebt und auch aufheben lässt, an dem wir nicht länger konservieren und also vorgeben müssen. Wir ahnen die allergrößte Klarheit in den Dingen, scheitern jedoch an der materiellen Umsetzung dieses Begriffes, und befürchten mit immer neuem Scheitern, dass wir gleichsam einer Schimäre folgen, dass wir in stumpfer Ontologie verharren und niemals die »episteme«, derer wir uns lästigerweise immerfort bedienen müssen, weil uns keine anderen zur Verfügung stehen – und dass, obwohl wir um ihre detailgetreue Ausformung wüssten! –, detruieren können, neue Begrifflichkeiten konturieren können, immer nur verzweifeln können, niemals überschreiten können, immer nur bedauern können, niemals entgegnen können, immer nur die Niederlage einstecken können, jedoch niemals den Sieg davontragen können, immer in der Tragödie unseres Dasein verstrickt bleiben können, müssen! („müssen“ betont), niemals Darsteller der Komödie sein können.“

, so Harrer. Es war Vormittag, ich trat an das Fenster meines Gästezimmers, welches ich als wesentlich angenehmer als den mir im sogenannten „Zuhause“ zugestandenen Raum empfand. Die Gründe dafür waren mir bereits mit meiner Abreise vom sogenannten „Zuhause“, dass ich viel eher ein „Unhause“ nennen mag, eindeutig klar und lagen einzig und allein in der Person des Harrer und der mich erwartenden Umgebung, die gleichsam eine qualitative, ich will nicht qualitativere sagen, weil es im Gegensatz zu meinem sogenannten „Zuhause“, dass ja ein „Unhause“ ist, überhaupt keine Steigerung der Erscheinungsform möglich ist, dass es sich um vollends entgegengesetzte Ausgangs- und somit Aggregatzustände handelte, die einen Vergleich und also eine daraus gefolgerte Steigerung vollends konterkarierte. Ich richtete den Blick auf die angrenzende Landschaft, die mir in ihrer Weite ein unbestimmtes Gefühl verlieh; vielleicht war es seichte Melancholie, die sich in der Magengegend niederschlug, ich vermied jedoch weiters Mutmaßen, wollte ich doch den Moment nicht mit irgendwelchem Kitsch beladen und verunglimpfen. Vielmehr erinnerte ich die Aussagen des Harrer, versuchte dabei auch die syntaktischen Besonderheiten, die mir schon während des Hörens der Harrerschen Ausführungen, dem Prolongieren (Harrer), aufgefallen waren, und in der Tat dachte ich einstweilen an das Sprechen im Konjunktiv. Dass der Harrer dauernd, wenn nicht gar fortwährend in der Möglichkeitsform sprach, zeichnete vor meinem geistigen Auge ein völlig unerwartetes Bild des Positiven in diesem Meer des Schrecklichen, als dass ich die Reden des Harrer in ihrer Quintessenz, „Seelenabgründe“, so Harrer, doch immer wieder wahrnahm. So sah ich nun nicht nur Felder, Wälder, einen See vor mir, sondern plötzlich Abzweigungen, Tore und Portale, welche sich zu öffnen schienen. Man müsse geistig abbiegen können, wie man physisch eine uns belastende Umgebung verlassen und damit folgerichtig gegen den bornierten Kopf stoßen müsse, sagte Harrer. Geistigabbiegenkönnen war wohl die eine Essenz, die ich für mich aus dem Gesprochenen wie Gedachten herausfiltern konnte, doch gleichsam wollte mich eine andere Antizipation nicht in Ruhe lassen: sollte das Denken im Konjunktiv nicht zugleich Ausdruck der Resignation sein oder war gerade dies die angemessene, auch grammatikalische, Form für den Protest, den Widerstand? Ist das Präsens an den Positivismus und Empirismus verloren, so scheint mir das Plusquamperfekt an alle Apologeten gegangen, sodass wir Protestanten (nicht religiös!), wir Kombattanten im Geiste uns nur zurecht des Konjunktivs zum einen und doch noch im verstärkten Sinne des Futur bedienen müssen. Den Historikern bliebe dann noch das Perfekt. Ich goss mir Tee ins Glas und lief für eine Weile im Zimmer auf und ab und während meines Aufundabgehens, war die Atmosphäre im gesamten Anwesen zugleich die totenstillste. Ich musste ein Fenster öffnen, denn war mir die Lautstärke der Stadt, welche eine tagtägliche Bedrohung für meinen Geist und für meinen Körper, also für meine gesamte Konstitution war, so bedeutete diese Art und Weise der Ruhe einen sinisteren Zustand des Unwägbaren, weil Unerwartbaren, weil Unauslotbaren. Die frische Luft erreichte mich sofort, mit tiefen Atemzügen fühlte ich meinen Puls sich verschnellen. Auf einmal ward es mir, als überkäme ich mich eine ungeahnte Fröhlichkeit („Fröhliche Wissenschaft“!, so Harrer), die ich sofort in ein Mehrebenensystem eingliedern musste: unterhalb war die Ahnung totaler Abwesenheit alles Lästigen, mir abträglichen, oberhalb befand sich die Antizipation weiterer Schimären und in der Mitte, mir geradewegs vorgelagert schien eine Dumpfheit, ob des Wissens, um den baldigen Zusammenbruch jener Stimmung. Was war die andere Essenz? Was war die Verlassenheit, die Scheußlichkeit, die Atemnot, in den Ausführungen des Harrer, was war des Vegetative, Psychosomatische, was das Pragmatische? Es begann zu regnen in heftigen Strömen, doch vermied ich es das Fenster zu schließen, vielmehr reckte ich meinen Kopf über die Balustrade, um den Regen auf meinem Haupt und in meinem Gesicht zu spüren, doch desavouierte der auskragende Dachfirst meine Anstrengungen, sodass ich aus einer kurzentschlossenen Naivität heraus das Zimmer verließ, die Treppe hinunterlief, mehr –stolperte und nach draußen gelang. Mich umfing der laue Regen, mein Herz schlug schneller, ein warmes Glücksgefühl durchströmte mich und jegliches Fabulieren ward verworfen. Ich beschloss zu Gehen und wanderte in Richtung des angrenzenden Waldstückes. Den Harrer hatte ich nirgends gesehen, vielleicht würde ich ihn im Wald treffen, denn ich merkte stärker als je zuvor, dass ich dem Harrer ähnelte, dass ich der Harrer war und doch nicht war, dass ich der Harrer sein wollte und doch nicht sein wollte, dass ich der Harrer hier sein musste und hier nicht sein konnte, die Grenzen nicht überschreiten konnte.

Passepartout

Es sollte sich bald zeigen, dass mein Aufenthalt auf dem Harrerschen Ferienanwesen mir genau das zu geben schien, was ich unterhalb des Alltags, der ja stets ein fürchterlicher, widerwärtiger war, so sehr vermisste: fruchtbaren Bezug auf den Gegenüber; erfüllende Konversation. Dabei war dieser Wunsch, der bald regelrechter Drang in mir zu werden schien – übrigens ein Phänomen, das nicht nur vegetative Symptome hervorrief –, keineswegs nur aus einem Empfinden des Mangels geboren. Schlichten Mangel an Konversation konnte man mitunter auch an der Akademie oder aber mit dahergelaufenen Parvenüs, man mag es kaum glauben, tilgen; freilich brauchte es dazu einer gewissen Ironie und Kunst der Gesprächsführung, welche den Anderen stets im Ungewissen lassen würde, ob der eigenen Intentionen, die in jenen Fällen tatsächlich nur belustigender, uns unterhaltender Art wären. Nein, in den Gesprächen mit Harrer herrschte eine Atmosphäre der Assimilation, ich möchte bald sagen der Heterotrophie vor. Es waren auf der eine Seite jene Assimilate, welche die Plätze unserer Residuen einnahmen, wie es auf der anderen jene Absorption war, die uns gleichsam auf eine höhere Ebene hob, ja bald einen kathartischen Effekt auf uns ausübte. Eines Nachts erwachte ich aus einem Traum, der mir doch schwer mitzuspielen schien, denn als ich der Umgebung gewahr wurde, bemerkte ich Schweißperlen auf meiner Stirn und auch das Kopfkissen sollte sich als durchnässt erweisen, nachdem ich es befühlte. Sodann versuchte ich mich des genauen Trauminhaltes zu erinnern, gelangte jedoch nach den angestrengtesten Rekonstruktionsversuchen zu lediglich unbefriedigenden Skizzen, welche gleichsam ein bizarres Bild ergaben, das insbesondere durch ungewöhnliche Farbgebung hervorstach. So sah ich vor meinem geistigen Auge bald ein diffuses Blau, bald ein ungenau changierendes Gelb und jedesmal flackerten gebrochene Lichtstrahlen mitten in sich eventuell erhebende Konturen oder Silhouetten, sodass es mir geradezu unmöglich ward, irgendwelche mir vertrauten Personen, etwaige Konstellationen, zu erinnern, welche ich in der Folge mitunter hätte klassifizieren und also deuten können. Jedoch verwarf ich weiteres Nachdenken und beschloss, mich mit einem Glas Wasser zur Beruhigung anzuhalten und also innezuwerden. Während ich die Treppe hinunterschritt, um zur Harrerschen Küche zu gelangen, bemerkte ich ein eigentümliches Geräusch, welches zweifellos aus der Bibliothek des Harrer zu drängen schien. Zunächst packte mich der Schauder, ob des unerwartet eingetretenen Zwischenfalls inmitten der Nachtruhe, dennoch wollte ich mich eines trivialen Umstandes versichern und schaute nach. Im Zimmer erblickte ich den Harrer, ausgebreitet auf dem großen Pult liegend, welches aus bestem Mahagoniholz gezimmert war. Sein Kopf weilte zwischen einem Buchdeckel und auch um ihn herum lagen die verschiedensten Werke, die ich – wie alle Bücher jener Bibliothek – zu den wunderbarsten und schönsten Ausgaben zählte, welche ich jemals in meinem Leben erblickt hatte, mitunter nur der Tatsache hervorragender Bindearbeit geschuldet. Der reichlich bizarre Anblick war jedoch nur Symptom, gleichsam den merkwürdigen Geräuschen, die tatsächlich aus dem Munde des Harrer stammten, der, wie auch ich nur wenige Minuten zuvor, in einem scheinbar sehr aufwühlenden Traumgeschehen involviert war. Unvermittelt erinnerte ich mich des Gesprächs, welches Harrer und ich einige Tage zuvor über die den Harrer plagenden Alpträume geführt hatten. Sollten sich nun abermals jene schlimmen Erfahrungen geltend machen, wie sie den Harrer laut eigener Auskunft stets an den Rand der Atemnot brächten? Ich wusste es nicht und wollte es nicht einmal wissen; zu dieser späten Stunde war mein Geist ein Stück weit vernebelt und ich erging mich in der seichten Stimmungslage, welche einen Schläfrigen ereilt, der sich zwar einerseits jedes Mal gegen den anklingenden Schlaf zu erwehren versucht, zugleich jedoch mit dem Gedanken, in jeder Minute sich von der Müdigkeit vollends einlullen und also einhüllen zu lassen, kokettiert. Ich warf einen Blick auf die ausgebreiteten Bücher und Schriften, versuchte Autoren ausfindig zu machen, Namen im Licht der noch brennenden Tischleuchte zu identifizieren. In der Tat sollte sich mein Auge nicht enttäuscht finden, denn ich gewahrte die mir wohl vertrauten Autoren, las Nietzsche, Foucault, Marx und Hegel einerseits, wie ich auch Flaubert, Dostojewski, Blanchot, Bernhard andererseits las. Mir trat ein Gedanke zu Bewußtsein, den ich mit dem Zubettgehen am vorangegangenen Abend und später mit dem Hinunterschreiten der Treppe des Harrerschen Ferienanwesen stillschweigend antizipiert hatte, ja der sich mir förmlich als unvollendeter Gedanken aufzuzwingen schien: dass der Harrer all jene Literatur nicht nur aus reiner Neugierde, aus beliebigem Interesse heraus wählte, sondern vielmehr an ihr das Feld der Diskursanalyse erproben wollte, sich einen getreuen Begriff des Begriffs „Wahrheit“ machen wollte, so, wie er in unserer Gesellschaft stets unbekümmert ausgesprochen und also reproduziert wurde. Ich wollte mich in einen beistehenden Clubsessel setzen, sah jedoch die verzerrten Umrisse meiner Gestalt im Fensterglas, Residuum der schwächlichen Reflexionen, welche die Tischlampe hervorrief. Jener Anblick missfiel mir über die Maße, denn seit jeher konnte ich die Reflexionen gebrochenen Lichts, welche mein Antlitz auf einer Glasfläche in der Dunkelheit zeichneten, nicht ausstehen, da ich mich stets als im Glashaus sitzend und somit als beobachtet und angreifbar empfand. Sodann schaltete ich das Licht aus, setzte mich und begann allerlei Gedankenspiele, die allerdings jedes Mal um dieselbe Einheit oszillierten und mich stets zum Ausgangspunkt meiner Betrachtung zurückwarfen, ohne dass ein nennenswertes Ergebnis daraus resultierte. So verstrich etliche Zeit, es mögen zwei, vielleicht gar drei Stunden gewesen sein, in denen Harrer nicht von seinen Geräuschen und also wohl von seinen erregenden Träumen ließ, doch nun merkte auch ich, wie sich der Schlaf in meine Augen drückte und mein Kopf mir schwer ward. Bald darauf musste ich eingeschlafen sein, ohne dass ich den genauen Zeitpunkt rekonstruieren kann. Nur kurze Zeit später müssen sich jene Ereignisse zugetragen haben, welche mir beim neuerlichen Nachdenken eine regelrechte Gänsehaut und auch Furcht beibringen.

Erster Versuch über »Subjektivierungsformen und Ausgrenzung«

Nichts scheint heutzutage notwendiger als die Bildung einer eigenen »Identität«. Was darunter zu verstehen ist, entzieht sich jedoch dem Alltagsbewusstsein und gewusst wird in der Regel lediglich der Umgang mit, denn das Wesentliche der »Identität«. So wird auf Performanz im intersubjektiven Austausch rekurriert und dabei jene Erscheinungsformen des denkenden Ich erst konstituiert. In dem Maße, wie das Wissen um die eigene Identität nur eine Schimäre darstellt, welche landläufigen Postulaten nacheifert oder aber sich im Ideal einer vorgestellten Seinsweise offenbart, wird deutlich, dass das Bedürfnis, eine höchsteigene Identität zu besitzen essentieller zu sein scheint, als die Reflexion über den Inhalt des Tuns als auch des Umstandes auch gesellschaftlicher Art, welcher solcherart Praxis für das Individuum erst hervorruft. Im Alltag und im Austausch bilden sich Verhaltensmuster und Mentalitätsstrukturen aus, werden reproduziert und beanspruchen jeweils für sich die Deutungshoheit über den „richtigen“ Lebensweg, den korrekten Typus. Es ist jenes Denken, welches dort, wo es Überlegenheit für sich reklamieren mag, Ausgrenzung auf der anderen Seite hervorruft und somit neben dem höchsteigenen Soll-Zustand das Stigma konstituiert.

Eine Analyse verschiedener Subjektivierungsformen, deren Auftreten wie Entstehungsgründe setzt eine Definition grundlegender Begrifflichkeiten voraus, anhand derer aufgezeigt werden kann, wie sich Diskursformen in einer Gesellschaft etablieren, die für sich in Anspruch nimmt auf der Freiheit und Gleichheit der Individuen zu gründen, damit jeglichen einengenden Raum für das Individuum genommen zu haben und stattdessen der freien Entwicklung eines jeden offenstehen müsste.
Ist vom Subjekt die Rede, so wird meist bereits eine Einschränkung suggeriert: das Subjekt repräsentiert nur eine Einzelheit, und insoweit es nur Einzelheit ist, ist es zugleich Isoliertheit, vermag die Welt nicht adäquat zu beurteilen und ist in der Urteilsbildung stets auf seinen eingeschränkten, da subjektiven Horizont, zu verweisen. Es ist eine Kritik stillschweigend vorausgesetzt, die Objektivität leugnet. Dort, wo dem Individuum allerdings keinerlei Richtigkeit bezüglich eigener Urteilsbildung konzediert wird, erscheint jedoch zugleich die Form seines nur persönlichen Auftretens als Teil der stummen Masse, deren Mitglieder jedes für sich austauschbar scheinen. Gemeinhin wird ein negativer Begriff von Individuum wie Subjekt auf der einen, als auch von Masse und Objektivität auf der anderen Seite gepflegt. Ein Rückbezug des Einzelnen auf die Allgemeinheit fände nur unter erschwerten Umständen, jedoch niemals als korrekte Wiedergabe des „Wahren“ statt, sodass die je spezifischen Erscheinungsweisen des Individuums als beliebige, jedoch auch irrelevante gelten.
Jedoch tut sich bei solcherlei Überlegung ein neuerliches Problem auf: zunächst ist das Leugnen der detailgetreuen Wahrnehmung und Wiedergabe der Objektivität genauso verkehrt, wie das Gegenteil richtig wäre. Erkenntnis findet bereits im Aussprechen methodologischer Zweifel statt und zeigt sich über jede Kritik an der Art und Weise wie das Individuum seine Umwelt rezipiert blamiert, da die dieser Überlegung zugrundeliegende Tätigkeit bereits für sich erkennend ist. Darüber hinaus unterstellt die Annahme einer „unmöglichen“ objektgerechten Wahrnehmung ein Mindestmaß an Wahrheit, in der sein Postulat sich ausbreiten und reproduzieren kann. Zumindest ist ein Raum begrenzt, innerhalb dessen dieses Wissen zirkulieren darf und kann. Es ist jener Raum, der für sich das Etikett „Wahrheit“ in Anspruch nimmt, von dem aus gerichtet werden darf über die verschiedensten Wahrnehmungsweisen. Dabei hat der Begriff des Raums die folgerichtige Ausdehnung, auch dreidimensionaler Natur, denn es handelt sich bei jenem Diskurs, um eine Form des „Wahrheit“ sprechens, der sich bis ins Alltagsbewusstsein hinein durchsetzt, quasi als Residuum eines etablierten Standpunktes in die Gesellschaft hinein diffundiert und darin stillschweigend oszillieren kann, weil sich jeder Beteiligte seiner Instrumente bedient, um jene „Wahrheit“ aufs neuerliche zu generieren. Der Sprechende tritt auf, bedient sich bestimmter Bedeutungen, sobald er eine Aussage formuliert und will mit seinem Reden zugleich auf gesellschaftliche Relevanz verweisen. Dies tut er durch die Verbindung von Sprache und Tat, wobei es der konkreten Tat überhaupt nicht bedarf, sondern bereits die Sprache wirkmächtiges Mittel genug ist, um verschiedene Handlungen zu perpetuieren. Das (soziale) Konnotat eines Wahrheitsdiskurses ist die Praxis der Bezeichnung (Denotation) wie auch die Gestaltung und das Aufgreifen eines (sozialen) Konnotates, welches mit jeder Äußerung suggeriert wird oder stillschweigend mitschwingt.

Wird fortgesetzt…

Introspektion

Abends setzte ich mich zum Diner an den großen, gediegenen Tisch im Esszimmer des Harrerschen Ferienanwesens in Erwartung einer mir verträglichen Speise, wie sie so oft, ja tatsächlich jeden Tag im Anwesen des Harrer durch die Huber, der einzigen Wirtschafterin im Hause, und der einzigen weiblichen Bediensteten, denn neben ihr arbeitete lediglich der Rennschneider im Garten des Harrerschen Ferienanwesens, zubereitet wurde. Wie ich mich nun also setzte und einen Blick auf das Interieur um mich herum warf, welches ich als klassisch und gediegen, zugleich jedoch als modern und überaus stimulierend für meinen Kopf als auch Geist wahrnahm, bemerkte ich nicht, dass der Harrer gleichsam paralysiert die Treppe herunterkam, jedoch vielmehr heruntertrottete. Erst nach einer Vielzahl von Sekunden, „Momenten, die mir wie Stunden erschienen“, wie der Harrer später sagte, gewahrte ich ihn in der Tür zum Esszimmer; dabei empörte mich am meisten der Gesichtsausdruck Harrers, welcher eine Konsternierung ohne gleichen ausdrückte. Es schien mir, als habe der Harrer eine ihm mehr als unliebsame Begegnung gehabt; irgendetwas schien ihn innerlich nahezu zu zerfressen. Die Stimmung im Esszimmer war ab diesem Augenblick die gespannteste, wohingegen die Atmosphäre, welche stets ruhig, nun allerdings die totenstillste zu sein schien. Ich wollte den Augenblick nicht durch weiteres Schweigen und den Harrer somit zum baldigen Zerbersten bringen, glaubte ich doch, mit jeder weiteren verstrichenen Sekunde würde es zu einer Art eruptiven Ausbruch kommen, gleich jenen Anfällen, welche den Harrer innerhalb des akademischen Diskurses während seiner gesamten Laufbahn begleiteten und mithin bei manchen meiner Kommilitonen als „arroganten Tyrann“ charakterisierte. Ich hob demnach an und erkundete mich nach seinem Befinden, fragte, ob etwas vorgefallen sei. Es war mir, als würden Minuten verstreichen, ehedem der Harrer zu antworten begann. Was er dann jedoch sagte, verwunderte mich auf das Äußerste: „Steger, bisweilen habe ich Ihnen nie von den mich plagenden Alpträumen erzählt, doch es scheint mir an der Zeit, Ihnen diese vegetative Verstimmung meines Körpers zu offenbaren, da ich dies nicht länger vor Ihnen verheimlich will, noch durch eine irgendwie geartete Lüge mich rechtfertigen mag. Es ist so, dass mich Alpträume seit meiner Kindheit begleiten. Nicht, dass dies eine besondere Tatsache wäre, schließlich äußerten sich Verstimmungen des Geistes insbesondere in der Kindheit in vielgestaltiger, bald polymorpher Gestalt, deren ideell-manifeste Form nun mal der Traum ist. Jedoch wurden mir Alpträume bald schon zum ständigen Begleiter und während meines Studiums, also dem Beginn meiner wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit diesem hier (er wies mit ausladender Bewegung in den Raum), konsultierte ich einen Psychiater. Eine Dummheit, wie sich alsbald herausstellen sollte, denn in der Tat sind Psychologen, Psychiater, jenes gesamte Pack, das sich der Psyche, die ja vielmehr eine konstruierte Seele ist, annehmen und sie letzthin zu verhunzen mag, bis schlussendlich jeglicher Saft aus ihr gesaugt ist. Egel der malträtierten Seele! Jedoch will ich nicht langatmig ausschweifen. Vielmehr denke ich, Ihnen in gewissen Teilen den Inhalt jener Träume näher erläutern zu müssen. Allerdings hoffe ich, Sie nicht durch meine Schilderungen zu brüskieren.“ – „Keineswegs, Harrer. Sie wissen, dass Sie in meinen Augen vollstes Vertrauen genießen.“ Der Harrer hob denn zu seinen Äußerungen an, bald intensiver, bald fahriger. Mithin ward es mir schwer, den Ausführungen zu folgen, ja mein Bewusstsein schien sich mit fortdauernder Erklärung sukzessiv zu verengen, dafür jedoch auf bestimmte Schlüsselwörter zu fokussieren. Zumindest glaubte ich, mancherlei Wort in besonderer Häufigkeit zu vernehmen, insbesondere Adjektive und Attribute wie „schrecklich“, „widerwärtig“, „fratzenartig“, „niederdrückend“, „düster“, „schmerzend“ oder „blutrot“, „kalkweiß“, „fluoreszierend“, „gebrechlich“, „verletzlich“, „tödlich“. Daneben verwandte Harrer eine Vielzahl von Substantiven und Begriffen, die ich erst in der Nacht, beim nochmaligen Durchdenken des Geschehens, das ich im Nachhinein nur noch als einen Zwischenfall verstanden wissen will, klassifizieren und damit auch logisch rekonstruieren konnte. Es waren dies Worte wie Nietzsche, Foucault, Marx oder Dostojewski, Schönberg, Bartók; Tod, Leben, Ekel, Hass, Wut, Kälte, Widerwille, Leiden, Schmerz, Dunkelheit, Einsamkeit, Paralyse, Atemnot, Apathie, Katatonie, wieder Atemnot, Schwindel, Erstickungsanfälle, Idiosynkrasie, und immer wieder Atemnot. „Die Atemnot, Steger, die Atemnot macht mir am meisten zu schaffen. Es ist die Atemnot, welche mich umzubringen droht. Die Atemnot, die Atemnot, diese entsetzliche Atemnot befördert mich fortwährend an die Grenzen meines Lebensapparates, gefährdet meine gesamte Konstitution, die Atemnot, Steger!“, um nur einen seiner wenigen mir vollkommen klar im Gedächtnis gebliebenen Sätze zu zitieren. Ich dachte an jene Notiz, welche ich noch am Morgen auf dem Sekretär vorfand, dachte an die Fotografie und dachte auch daran, dass der Harrer der letzte der Menschen jener Fotografie war, welcher noch lebte, welcher nicht durch eigene Hand oder Dritte – wie im Falle Karrers –, zu Tode gekommen war. Ich versuchte mich zu beruhigen und schloss die Augen in der Hoffnung, dass der nächste Tag ein wenig Klarheit in das Gedankendickicht bringen würde, zu dem ich Harrer unbedingt befragen wollte. Auch schien mir die Rolle seiner wenigen, bereits toten Freunde oder Vertrauenspersonen, ergründenswert. Zwar wusste ich, dass sich der Webersche Nachlass in der Sichtung und also Reformulierung befand, doch schien mir ein neuerliche Gedanke jegliche Geistesfreuden, die ich noch am Vormittag empfunden hatte zu verdrießen. War das Band, welches sich zwischen diesen, wie soll ich sagen, Existenzen?, knüpfte tatsächlich das des totalen Grenzgangs, der kompletten Grenzerfahrung, des Unaussprechlichen gewesen, als das ich es schon einmal, damals dumpfer, antizipiert zu glauben schien? Ich war mir nicht im Mindesten im Klaren über die zu treffenden Schlussfolgerungen, gewahrte dafür umso stärker die Attraktivität, die das Wesen Harrers auf mich ausübte und war der festen Überzeugung, dass auch ich mich bereits auf jenem schmalen Pfad der Transzendenz befand, der mir stets so wünschenswert erschien.

Dispens

Harrer hob oft an, um mir von seinen Gedanken, seinen Vorstellungen und Sehnsüchten zu erzählen. Es waren dies Gespräche voller Vielgestaltigkeit und Schönheit, welche ich tatsächlich nur bei diesem Menschen in solcherart Klarheit vernommen habe. Niemand anderes brachte Empfindungen, die auch mir so tief innewohnten derart luzide auf den Punkt wie es der Harrer tat. Natürlich bot sich im Alltag, der tatsächlich immer ein grausamer, alles kreative in uns abtötende war, nicht der geeignete Ort für jene nahezu ästhetischen Gespräche. Doch hatten wir uns wieder einmal vom alltäglichen Trott und also Ballast freigemacht und uns auf das Ferienanwesen in der Paysage, ich erwähnte es bereits einmal, zurückgezogen, so waren unseren Gedanken und Ideen, unserem Denken keinerlei Grenze gesetzt. Es war hier, wo ich den mir angenehmsten Ort zum Leben vorfand und es war eben jener Ort, an dem der Harrer zu sterben, dem Tod also entgegentreten wollte, wie er sich stets ausdrückte. Der Harrer war Zeit seines Lebens ein einsamer Mensch, jedoch vermied er es konsequent an seinem Zustand, den er gern als „vollkommene Deprivation und tumbe Isolation“ charakterisierte, etwas abzuändern; die Prämisse, wonach das Anbiedern oder zumindest willentliche Kontaktieren von Mitmenschen, besser Zeitgenossen, den eigenen – auch und insbesondere geistigen – Tod nur beschleunigt hervorrief, konnte und wollte Harrer nicht aufgeben, und auch ich muss zugeben, dass ich stets Worte der Zustimmung anfügte, wenn unser Gespräch auf jenes, bald lästige Thema zu rekurrieren drohte.

Die Liebe ist das höchste Gut. Scheinbar. In der Liebe, die die wohl stärkste Form der intersubjektiven Anerkennung durch den Anderen ist, erfahren wir die volle Potenz unseres Menschseins, glauben dies zumindest. Aus der Distanz heraus. Nicht das isolierte Durch-die-Welt-wandern, sondern das Sich-Vereinen mit dem Anderen erhebt uns auf eine qualitativ höhere Stufe. Während es geradezu notwendig ist, viele Jahre in vollkommener, auch emotionaler, Abstinenz und Distanz zu verharren, um nicht an den latenten Attraktionen der Gesellschaft kaputtzugehen und unser Empfinden konterkariert, bald desavouiert zu sehen, benötigen wir ab einem gewissen Zeitpunkt die Aufwartung des Anderen. Wir benötigen Zuwendung wie Anerkennung, um nicht zu verwildern, zu verrohen, uns in unseren mit der Zeit immer kruder! werdenden Gedankengebäuden zu verlieren und bald daran mental wie physisch zugrundezugehen. Es ist die Umarmung und der Kuss, die menschliche Nähe und Wärme einerseits, wie es Intelligibiliät und kritische Analyse, kreativer und fruchtbarer Bezug und Austausch auf der anderen Seite sind, welche uns am Leben erhalten, das Leben potenzieren und somit in einer Gesellschaftsform wie der unsrigen, welche den Antagonismus gewaltsam institutionalisiert und sich alle menschlichen Regungen einverleibt hat, als lebenserhaltende Maßnahme wirken. Es ist das menschliche Lachen, welches den Kammerton unserer Lieblingssuite prolongiert einerseits, wie es die intellektuelle Interaktion ist, die unsere vereinzelte Lektüre intensiviert und das akkumulierte Wissen somit klassifiziert andererseits. So verbringen wir Jahre in der allergrößten und allerbedrückensten Einsamkeit gleichsam mit dem Wissen um einen schlechten, uns abträglichen gesamtgesellschaftlichen Zustand, der uns und unsere Interessen fortwährend negiert und all unsere Taten nur funktionalisiert; zugleich erwächst aus jener Einsamkeit, gespeist durch allerhand angehäufter Ekelgefühle, die Springquelle für den Umsturz, das Bewusstsein des Wandels, welcher nicht nur eine Änderung der Mentalitätsstruktur erheischt, sondern den aktiven Bezug auf Kommilitonen und Zeitgenossen gebietet. Die vielgestaltige Erotik des Anderen wirkt dabei wie der Katalysator eines anzustrebenden Ist-Zustandes, der bisweilen nur imaginiert auftritt und sich durch vielgestaltige gesellschaftliche Imperative verneint findet. Nicht, dass Lust nicht praktikabel wäre in unserer jetzigen Umgebung; jedoch zeigt sich auf kurz oder lang die Inkongruenz des sogenannten Privaten oder Intimen mit dem auf einer Meta-Ebene gelagerten Soll-Zustand, dem herrschenden Diskurs, welcher brutale wie nur fiktive, in den Gedanken der jeweiligen Zeitgenossen inhärent waltende Dispositive lanciert, forciert, aktiviert und in einem fort perpetuiert. Intersubjektiv erwächst Hass aus kollektiver Irratio, Missgunst aus kollektivem Renegatentum, Ekel aus kollektiver Tumb- und Stumpfheit sowie Tod und Leid aus kollektiver Kontrollsucht („Hass“, „Missgunst“, „Ekel“, „Tod und Leid“ dick hervorgehoben). Erst das Ausschalten gesellschaftlicher Dispositive der Macht wie Sexualität, Wissen und Wahrheit sowie deren unseren Wünschen adäquate Kalibrierung; erst das Terminieren jener Institute der Mikrophysik der Macht wie Justiz, Gefängnis, Psychiatrie, den Exklusionsmechanismen hiesiger Wissensformationen, dispensiert uns vom allgegenwärtigen Wundschmerz, der sich in polymorpher Gestalt in uns Individuen einschreibt.

Diese wirklich grundlegenden, vom Harrer stets als „primitive Grundeinsichten“ herausgestellten Ausführungen, schrieb Harrer inmitten einer stürmischen Aprilnacht, in der ich bereits nach den für mich in der Tat anstrengenden Gesprächen des Tages das Bett und also den Schlaf aufgesucht, ihn jedoch infolge involvierten Nachdenkens nicht gefunden hatte. Am nächsten Morgen wanderte ich durch die Zimmer des Anwesens und betrat zu guter Letzt das Harrersche Arbeitszimmer, welches direkt an die große, mir so liebgewordene Bibliothek anschloss. Auf dem Sekretär lag die kurze oben wiedergegebene Notiz, daneben stand eine Fotografie, deren Entstehungszeit ich grob geschätzt auf zwanzig zurückliegende Jahre datierte. Abgebildet waren neben dem Harrer auch Weber (wohl noch vor seiner endgültigen Ausreise nach England), ein gewisser Karrer, seineszeichens Geologe, Ethnologe und Kulturwissenschaftler, über dessen Namensähnlichkeit mit Harrer stets gewitzelt wurde, sowie Keuner, der sich recht früh das Leben nahm. Am Bildrand stand eine junge Frau mit brünettem Haar, das Gesicht wies einen eigentümlichen, mithin konsternierten Ausdruck auf, der von einer inneren Unruhe zeugte, zugleich jedoch von unendlicher geistiger als auch körperlicher Schönheit, obwohl letzteres in dem Maße unbedeutend wird, wie Schönheit ein relativer Wert ist. Mein Betrachten wurde jedoch unterbrochen als ich die Töne einer mir wohlvertrauten Melodie vernahm, die eindeutig aus dem Musik- und Musizierzimmer des Harrer drangen. Ich fand den Harrer in Bademantel auf einem Diwan liegend vor. Er schien mich kaum zu gewahren, wies jedoch mit einer bald müden, bald apathischen Geste gen CD-Spieler. Ich entdeckte die Platte mit Schubert auf dem Cover und erinnerte mich mit einem nicht zu leugnenden Wohlgefühl des Musikstücks, dessen Titel ich nun wiederlas: Klaviertrio No. 2 in Es-Dur, op. 100. Ich setzte mich auf einen Stuhl unweit der Terassenpforte und wandte meinen Blick vom Harrer ab, der Landschaft des Gartens zu; überließ mich vollends meinen wohligen Schimären.

Interferenzen

Mehrere Wochen nachdem ich damit begonnen hatte, den Weberschen Nachlass zu sichten und also zu ordnen, mir ein klareres Bild über den Gedankenwust des Weber zu verschaffen, verfiel ich auf die Idee, die mich beklemmende Atmosphäre Hampshires zu verlassen und mich nach Südfrankreich, genauer, in die Provence zu begeben, um eine für mich, meinen Geist wie meine Konstitution angenehmere Umgebung zu schaffen, in welcher ich glaubte, mich leichter, ja gewandter mit den Weberschen Papieren und den Weberschen Ideen und Konstrukten auseinandersetzen, sie gar redigieren und in der Folge eventuell kommentiert publizieren zu können. In der Tat bot mir der Sterbeort des Weber inmitten Hampshires eine regelrecht bedrückende, mein ganzes Wesen niederhaltende Stimmung, die meine Erinnerung an den Weber zugleich färbte, in ein eigentümliches Licht rückte und mich während meiner gesamten Arbeit, die ja insbesondere ein prüfendes Nachdenken und Schließen erheischte, vollends konterkarierte. Nur hier, in der südlichen Provence, jedoch unweit von Aix, konnte ich meine Gedanken – auch dank des gemäßigten Klimas –, welches im Vergleich zu Hampshire, das ein raues, sprödes, ja karges Klima bot, auf geeignete Art und Weise dem Weberschen Nachlass widmen. Nur hier, wo die Gastfreundschaft hoch, die Neugier, Anbiederung und Penetranz der Anrainer beeindruckend gering war, gelang es mir morgens für zwei bis drei Stunden durch intensiviertes Lesen und also Studieren der Weberschen Schriften, einen ersten, einen vorgefassten, jedoch schon mehr als antizipierten Begriff zu erarbeiten, welcher meine Arbeit zu lenken schien und von dem aus ich – zumindest vorerst –, in deduktiver Manier vorschreiten wollte. In meinem Fortschreiten fand ich eine Randnotiz recht autobiographischer Gestalt, welche ich in der Folge wiederum, ungeachtet der Tatsache, dass das Webersche Werk mittlerweile einem Pariser Verlag zum Lektorat vorliegt, gern zitieren mag. Durch weiterreichende biographische Forschung, ward es mir möglich, den Enstehungszeitpunkt näher zu rekonstruieren, sodass ich nun sagen kann, dass der Weber, der Zeit seines Lebens auf Datierungen jedweder Art verzichtete, was meine Arbeit naturgemäß erschwerte, jedoch ihn, also den Weber nur desto besser charakterisierte, diese Note im Alter von einundzwanzig Jahren, also in seiner Jugend, abfasste:

„Camus notierte in den 30ern: »Ein Buch schreiben, das den Sinn gibt.« Diese Frage tritt mir unwillkürlich in den Geist, und wahrscheinlich hängt dies mit meinem Abschied aus dem Ostseebad Z. zusammen. Fünf Tage mehr oder minder praktischer Abwesenheit liegen hinter mir, gleichfalls das Wiederentdecken einer ambivalenten Freundschaft: jener zwischen Meer und Konvention. Erfüllt von sauerstoffreicher Seeluft, haftet dem Fahren mit dem überaus modern und komfortabel anmutenden Reisebus, der jedoch durch die konsequente Abstinenz jeglicher Reisegefährten um ein Vielfaches bequemer erscheinen würde, eine nicht zu leugnende Ironie an, die gleichsam erst durch ein geflissentliches Tun wie auch Unterlassen entsteht. Ich höre Schönberg in Gedanken und beobachte die sich unvermittelt ergießenden Schauer, welche die sogenannten Touristen mehr als nass und darüber hinaus äußert dümmlich ausschauen lässt. Aus dem Seitenfenster herausschauend, das Piano im Ohr und ein seichtes Gefühl in der Magengegend verspürend, befinde ich mich in einer jener transzendenten Zeitzonen, die nur einem Abreisenden vertraut sein mag. […] Während der Fahrt erwacht das Gefühl der mir vertrauten und mich zugleich ängstigenden Verlassenheit. Ist es Melancholie? Nein, vielmehr fühle ich die kränkende Härte des Alleinseins. Ankommen in B. bedeutet ein stetes Fliehen, und auch die Musik vermag nicht herauszuhelfen. Sie malt Bilder, Assoziationen, an die ich leere Erinnerungen knüpfe.“

Gebaren

In Tagen der größten Deprivation und des größten Unmutes ob der Umwelt, kehrten Harrer und ich jedesmal der Stadt, die eine vermaledeite war, den Rücken und zogen uns auf das Ferienanwesen des Harrer in der Paysage zurück. Nur hier, wo die Luft die allerbeste, der Geräuschpegel zugleich der allerniedrigste war, fanden wir zurück zu jener Atmosphäre, welche uns im Alltag nur in den seltensten Fällen begegnete, einzig dem Umstand geschuldet, dass der Alltag ein furchtbarer, uns wie alle anderen zersetzender war. Der Alltag, sagte Harrer stets, perpetuiert sich selbst. Er sei die Abwesenheit des leichten Atemzugs, die Präsenz des Nervendrucks, der Anfälligkeit für Schmutz, Banalität und körperliche Degeneration. Müßig zu erwähnen, dass wir in jener erreichten Stimulanz der ländlichen Umgebung, jedwedes Reden über die Gebrechen der hybriden Gesellschaft, welche seitens des Harrer fortwährend als eine Un-Gesellschaft bezeichnet wurde, vermieden, uns somit mit keiner einzigen Silbe auf den Alltag, der ja stets ein entsetzlicher war, bezogen. Sofern irgendein Überbleibsel der „schrecklichen Präsenz“ (Harrer), den Bezug auf Gegenstände der Trivialität erheischten, erwiderte der Harrer gegenüber den auf dem Anwesen Bediensteten – tatsächlich nur eine Hauswirtschafterin wie ein Gärtner –, in regelrecht barschem Ton, den ich nur aus mancherlei Streitgesprächen innerhalb seiner akademischen Auseinandersetzungen kannte, welcher die Frau Huber oder aber den Herrn Rennschneider zurechtwies, uns nicht allzu lang mit solcherlei „nervenaufreibenden“ Fragen zu bedrängen; im Zweifel sei die Entscheidung, welche sie, gemeint waren die Huber oder aber der Rennschneider oder aber beide zugleich oder aber, was nicht selten vorkam beide nacheinander, mitunter alternierend (besonders an Regentagen), zu treffen gedenken, die richtige, sodass wir uns fürderhin in unsere analytischen Gespräche vertiefen konnten. In der Tat waren unsere Gespräche, die ich gern als Gedankenaustausch bezeichnen möchte, die konsequente Abwesenheit von ekelerregender Banalität, von Effekthascherei, plumper Anbiederung oder stumpfsinniger Empörung ob des Anderen. Vielmehr führte der Harrer oder führte ich eine Hypothese an, welche wir danach gleichsam hermeneutisch (auf eine einheitliche Methodik konnten wir uns leider niemals verständigen) oder gegebenenfalls diskursanalytisch auseinandernahmen und rekonstruierten. Der Harrer erwähnte nebenher Skizzen über Literaturerfahrungen, die ganz anders als gewöhnliche Geschmacksurteile, die wir nur zu gut von den Mehrheitsparvenüs kennen –, sich durch ein Tiefenprofil, die Intentionen als auch Strukturen das jeweilige Werk betreffend, auszeichneten. So sprach er nie davon, dass er einen Roman von Dostojewski gelesen habe, sondern führte aus, dass es hier (im Jüngling) oder dort (im Idioten) besonders gelungen sei, dem Leser eine Art Vorgefühl des damaligen Ist-Zustandes, und dabei nicht nur der unmittelbaren Lebensumwelt, welche wir ja auf einfachere Weise einer sozialhistorischen Abhandlung hätten entnehmen können –, sondern mittels Empathie, emotionalem Gespür als auch Zurateziehen der herrschenden Verhaltensschablonen bürgerlicher Gesellschaften, erlangen könnten. Wir würden von dem damals gültigen Wissen erfahren, welches sich gleichsam in die Individuen eingeschrieben hätte, ihnen gewisse institutionelle, konstitutionelle, psychologische, juristische, moralische und klinisch-pathologische Verhaltens- und Diskursformationen vorgab, welcher sie sich als Teil eines größeren Rahmens bedienen würden, bis es zu einem transzendentalen Bruch (Harrer) kommen würde, gleich dem transzendentalem Obdach, das Lukàsc dem bürgerlichen Roman zuweist, wobei der Harrer sofort und jedesmal den Lukàscschen Begriff der Romantheorie und seine Abhandlungen über den bürgerlichen Realismus als einen gefärbten bzw. als gefärbt zurückwies; er sprach stets von einem neuerlichen Schablonendenken, das sich vorfindbare Objekte kommensurabel und damit für eigene legitimatorische Zwecke nützlichen machen wollte, welches wiederum einem reinem Funktionalismus gleichkäme. Harrer interessierte sich vielmehr für die Ausgestaltung jener Wahrscheinlichkeiten in der kulturellen Debatte einer je gegebenen Gesellschaftsformation, einer Entität (Harrer), und weniger für detailgetreue Exaktheit. Dass gewisse Diskurse in ihrer sozialen Performanz eindeutig nachweisbar seien, bezeugten die Humanwissenschaften bereits seit dem 18. Jahrhundert, jedoch sei die Reproduktion von Wahrscheinlichkeit, die Ausgestaltung eines vagen Begriffs von Wahrheit, welcher innerhalb einer Gesellschaft als Medium und Mittler fungiert, das Cruciale, nicht das positivistische oder empirische Nachbeten von Fakten, die sich tatsächlich nur in ihrer Performanz, jedoch niemals in ihrer Konvergenz unterschieden, so Harrer. Letzteres bewiesen allein die Naturwissenschaften, welche einem genug Mittel an die Hand gaben– reichlich bornierter Machart mitunter, wie Harrer stets hinzufügte –; die in unermüdlicher Übereinkunft über den Terminus inkognito an die Arbeit und also an die Forschung gingen. In jenen Ausführungen des Harrer war ich zumeist der getreue Zuhörer, welcher dann im Anschluss Nachfragen anschickte oder aber das Thema auf weitere Bereiche, weitere Politikfelder auszudehnen suchte. Ward es uns zuviel oder aber glaubten wir uns in allzu kruden Ideen vertieft und versteift zu haben, schlug der Harrer stets ein „freies Spiel der Geisteskräfte“ vor und lud mich ins Musik- und Musizierzimmer, hob allerdings nicht selbst an, sondern ließ einen Datenträger intonieren. Vielfach Bartók oder Ligeti oder aber Britten, insbesondere die Cello-Suite No. 1. Das Hören jener Musik entkrampfte unseren Kopf, ließ unsere Mienen erhellen und uns wieder aufnahmebereit werden. Harrer warf denn oft nahezu unvermittelt die Phrase in den Raum, wonach er „die Stadt auf das abgrundtiefste hasse, den Lärm und Gestank; das unkoordinierte Gewusel, das Gestolper, Gerülpse und Gepöbel verabscheue; die Banalität und Borniertheit junger wie alter Zeitgenossen geradezu widerwärtig finde und stets befürchte Opfer eines gewaltsamen von Dritten hervorgerufenen Todes zu werden, wo doch nur ich allein über mein Verschwinden befinden will. Der Tod gehört mir, nicht ich stolpere in ihn („ich“ und „ihn“ betont) – so wie es die allermeisten Menschen tun, ganz gleich, ob krank oder gesund –, sondern der Tod zeigt sich überrascht angesichts meiner – auch geistigen – Konstitution und Offenheit ihm gegenüber. Jedoch wird dieser Gedanke in einem fort durch das Schalten wie Walten jener Parvenüs und Mehrheitler zerstört, mein Leben vollends desavouiert; durch alle gesellschaftlichen Instanzen hindurch vermaledeit. Steger, ich hasse diese Welt! Es langweilt mich vor politökonomischer wie bilateraler Interaktion, es ekelt mich vor dem Ichseinmüssen, jenem schrecklichen Identitätsgebaren.“

Anmerkung zur »Fußball-EM 2008«

An den Grundlagen hat sich nichts nichts geändert und nach wie vor gelten die Anmerkungen, welche ich bereits 2006 zur damaligen Fußball-Weltmeisterschaft im sogenannten „eigenen Land“ verfasst hatte. Nun findet das Massenspektakel in der Schweiz und in Österreich statt; „Deutsche im Geiste“ für nicht wenige. Noch immer hat der Nationalismus Hochkonjunktur und wahrscheinlich ist ebenjener der letzte Kitt, der diese hybride Gesellschaft zusammenhält. Noch immer ist es offenbar angenehmer seine tagtägliche Frustration ob des eigenen Stands in der hiesigen Politökonomie, dem Status des Idioten in Händen von Staat und Kapital in einem einzigen Meer aus grölend-pöbelndem oder bisweilen elaboriertem – die Nuancen entsprechen lediglich den gesellschaftlichen Hierarchien –, Staatsrassismus von unten („Volk“) wie von oben („Regierung“) hochleben zu lassen. Schon morgen ist man wieder Manövriermasse und abhängige Variable des Kapitals, aber der Pathos, der „gesunde Patriotismus“, ja die hämische Freude gegenüber anderen Nationen wird zum Kanal für akkumulierte Ernüchterung. Dabei braucht es nicht einmal einen Erfolg irgendeiner Mannschaft, sondern einzig das Wissen um „Zusammengehörigkeit“. Die imaginierte Vorstellung eines übergeordneten „Wir“, das in der Tat nur in der zwangsvermittelten Zusammenkunft des staatlich goutierten Gelderwerbs besteht, soll aufgelöst werden in den vermeintlich höheren Kontext der „Volksgemeinschaft“, welche sich selber ins Delirium befördert. So ruft sogar der Hauptschüler, dem noch Minuten zuvor (mal wieder) durch die politisierte Öffentlichkeit eine schlichte Unbrauchbarkeit in der „heutigen Arbeitswelt“ bescheinigt wurde, sein „Deutschland, Deutschland“, ohne sich je einen Begriff über dieses Etwas gebildet zu haben, das ihn als genau das behandelt wie alle 82 Millionen andere: Teil des Staatsvolks, das neben dem üblichen Rassismus, Sexismus, der Homophobie und latenten bis offenen Aggressivität (ganz gleich ob Sieg oder Niederlage, zur Not hält irgendein Passant seinen Kopf hin) nun auch „endlich wieder entspannt“ über „sein Land“ fabulieren kann…

Marx über Maschinerie und Produktivität

Die von der kapitalistischen Anwendung der Maschinerie untrennbaren Widersprüche und Antagonismen existieren nicht, weil sie nicht aus der Maschinerie selbst erwachsen, sondern aus ihrer kapitalistischen Anwendung! Da also die Maschinerie an sich betrachtet die Arbeitszeit verkürzt, während sie kapitalistisch angewandt den Arbeitstag verlängert, an sich die Arbeit erleichtert, kapitalistisch angewandt ihre Intensität steigert, an sich ein Sieg des Menschen über die Naturkraft ist, kapitalistisch angewandt den Menschen durch die Naturkraft unterjocht, an sich den Reichtum des Produzenten vermehrt, kapitalistisch angewandt ihn verpaupert usw., erklärt der bürgerliche Ökonom einfach, das Ansichbetrachten der Maschinerie beweise haarscharf, daß alle jene handgreiflichen Widersprüche bloßer Schein der gemeinen Wirklichkeit, aber an sich, also auch in der Theorie gar nicht vorhanden sind. Er spart sich so alles weitre Kopfzerbrechen und bürdet seinem Gegner obendrein die Dummheit auf, nicht die kapitalistische Anwendung der Maschinerie zu bekämpfen, sondern die Maschinerie selbst.

[Karl Marx: Das Kapital, Bd. I, MEW 23, Dietz: Berlin 1962, S. 465]

[…]

Gesteigerte Produktivkraft der Arbeit und ihre wachsende Intensität wirken nach einer Seite hin gleichförmig. Beide vermehren die in jedem Zeitabschnitt erzielte Produktenmasse. Beide verkürzen also den Teil des Arbeitstags, den der Arbeiter zur Produktion seiner Lebensmittel oder ihres Äquivalents braucht. Die absolute Minimalgrenze des Arbeitstags wird überhaupt gebildet durch diesen seinen notwendigen, aber kontraktiblen Bestandteil. Schrumpfte darauf der ganze Arbeitstag zusammen, so verschwände die Mehrarbeit, was unter dem Regime des Kapitals unmöglich. Die Beseitigung der kapitalistischen Produktionsform erlaubt, den Arbeitstag auf die notwendige Arbeit zu beschränken. Jedoch würde die letztre, unter sonst gleichbleibenden Umständen, ihren Raum ausdehnen. Einerseits weil die Lebensbedingungen des Arbeiters reicher und seine Lebensansprüche größer. Andrerseits würde ein Teil der jetzigen Mehrarbeit zur notwendigen Arbeit zählen, nämlich die zur Erzielung eines gesellschaftlichen Reserve- und Akkumulationsfonds nötig Arbeit.

Je mehr die Produktivkraft der Arbeit wächst, um so mehr kann der Arbeitstag verkürzt werden, und je mehr der Arbeitstag verkürzt wird, desto mehr kann die Intensität der Arbeit wachsen. Gesellschaftlich betrachtet, wächst die Produktivität der Arbeit auch mit ihrer Ökonomie. Diese schließt nicht nur die Ökonomisierung der Produktionsmittel ein, sondern die Vermeidung aller nutzlosen Arbeit. Während die kapitalistische Produktionsweise in jedem individuellen Geschäft Ökonomie erzwingt, erzeugt ihr anarchisches System der Konkurrenz die maßloseste Verschwendung der gesellschaftlichen Produktionsmittel und Arbeitskräfte, neben einer Unzahl jetzt unentbehrlicher, aber an und für sich überflüssiger Funktionen.

Intensität und Produktivkraft der Arbeit gegeben, ist der zur materiellen Produktion notwendige Teil des gesellschaftlichen Arbeitstags um so kürzer, der für freie, geistige und gesellschaftliche Betätigung der Individuen eroberte Zeitteil also um so größer, je gleichmäßiger die Arbeit unter alle werkfähigen Glieder der Gesellschaft verteilt, je weniger eine Gesellschaftsschicht die Naturnotwendigkeit der Arbeit von sich selbst ab- und einer andren Schichte zuwälzen kann. Die absolute Grenze für die Verkürzung des Arbeitstags ist nach dieser Seite hin die Allgemeinheit der Arbeit. In der kapitalistischen Gesellschaft wird freie Zeit für eine Klasse produziert durch Verwandlung aller Lebenszeit der Massen in Arbeitszeit.

[ebd., S. 552]

Marx beschreibt den grundsätzlichen Nutzwert von Maschinerie als auch des Einsatzes von Technik, um einen größeren materiellen Ertrag bei prinzipiell geringerem handgreiflichem Aufwand seitens des Arbeitenden zu erzielen. Zugleich verweist er auf die Produktionsverhältnisse, welche die an und für sich positive, da aufzuwendende Arbeit verringernde, Anwendung der Maschinerie in kapitalistischen Produktionsweisen zeitigt: hier erfolgt sie lediglich um einen größeren Warenausstoß zu erzeugen, die Ausgaben für Arbeitskraft zu minimieren und somit einen größeren Profit zu generieren. In der Konsequenz sinkt der gesamtgesellschaftliche Arbeitslohn, da auch die Güter der Reproduktionsbranche (i.E. Lebensmittel, Wohnen, Kleidung, Unterhaltung, Mobilität, Bildung ) verbilligt werden. Einem wachsenden Warenangebot steht eine schrumpfende Kaufkraft gegenüber. Darüber hinaus erweitert sich der Anteil an Mehrarbeit, welche gemäß Arbeitsvertrag seitens des Lohnarbeiters zu leisten ist und vom Kapitalisten abgeschröpft wird: die notwendige Arbeit – derjenige Anteil, welcher erheischt, um den Arbeiter zu reproduzieren, verringert sich, da die gesamtgesellschaftliche Arbeitszeit zur Herstellung von Gebrauchswerten der steten Innovation unterliegt. Anders formuliert: ein Arbeiter schafft unter Anwendung arbeitssparender Technik mehr Warenwerte in kürzerer Zeit. Für den individuellen Kapitalisten ergibt sich die Möglichkeit der Preissenkung, um gesamtgesellschaftliche Kaufkraft auf sich zu ziehen. Die Ausgaben für variables Kapital (Lohnarbeit) sinken, sofern Waren der Reproduktion verbilligt werden. Zugleich erhöht sich die Mehrarbeit, da keinerlei Arbeitszeitverkürzung eintritt, stattdessen mindestens gleich lang, wenn nicht gar länger, gearbeitet werden muss, um einen Lohn zu erzielen.
Der Zynismus dieses Geschehens: der Arbeiter schafft mehr Gebrauchswerte in verminderter Zeit, erfährt jedoch keinerlei Arbeitserleichterung oder -verkürzung, hat obendrein mit sinkendem Lohn zu rechnen, sieht sich infolge verschärfter Wettbewerbsbedingungen der Kapitalisten untereinander einem stets steigenden Heer an Arbeitslosen gegenüber, welche wiederum das Lohnniveau drücken. In dem Maße, wie er vermehrten gesellschaftlichen Reichtum durch seine Arbeit schafft, schmälert er zugleich seinen Anteil an jenem. Ein gewalttätiger Schwachsinn, welcher jedoch nicht durch technische Innovationen oder Effektivierung der Produktivkräfte an und für sich hervorgerufen wird, sondern einzig und allein der Verfahrensweise des Kapitalismus entspringt.