Archiv für Juli 2008

Internierung als Nichtung

Jene Geste, die den Wahnsinn in einer neutralen und uniformen Welt der Ausgeschlossenheit verschwinden ließ, stellte keinen Halt in der Entwicklung der medizinischen Techniken oder im Fortschritt humanitärer Ideen dar. Sie erhielt ihren genauen Sinn in folgender Tatsache: der Wahnsinn hat im Zeitalter der französischen Klassik aufgehört, ein Zeichen einer anderen Welt zu sein, und ist die paradoxe Manifestation des Nicht-Seins geworden. Im Grunde zielt die Internierung nicht so sehr darauf ab, den Wahnsinn auszulöschen, eine Gestalt, die in der sozialen Ordnung keinen Platz findet, zu verjagen; ihr Wesen ist nicht die Beschwörung einer Gefahr. Sie manifestiert lediglich das, was der Wahnsinn seinem Wesen nach ist, das heißt ein An-den-Tag-bringen des Nicht-Seins. Und während diese Manifestation stattfindet, wird sie dadurch sofort unterdrückt, weil sie in ihre Wahrheit des Nichts zurückversetzt wird. Die Internierung ist die Praxis, die am genauesten einem als Unvernunft verspürten Wahnsinn, das heißt einem als leere Negativität der Vernunft verspürten Wahnsinn entspricht. Darin wird erkannt, daß der Wahnsinn nichts ist; das heißt, daß er einerseits unmittelbar als Unterschied perzipiert wird (daher rühren dir Formen spontanen und kollektiven Urteils, die man nicht von den Ärzten, sondern von den Menschen mit richtiger Urteilskraft verlangt, um die Internierung eines Irren zu bestimmen), und daß andererseits die Internierung keinen anderen Zweck als eine Korrektion haben kann (das heißt die Unterdrückung des Unterschiedes oder die Erfüllung dieses Nichts, das der Wahnsinn im Tode ist). Daher rühren jene Todeswünsche, die man so oft in den Internierungsregistern von der Feder der Wächter findet, und die für dir Internierung kein Zeichen von Verwilderung, von Unmenschlichkeit oder Perversion sind, sondern genau Aussage ihres Sinns: Akt der Vernichtung des Nichts. Die Internierung zeichnet an der Oberfläche der Phänomene und in einer hastigen, moralischen Synthese die geheime und deutliche Struktur des Wahnsinns ab.

[Michel Foucault: Wahnsinn und Gesellschaft, Suhrkamp: Ffm. 1969, S. 253f.]

Architektur und Disziplinarmacht

Eine interessante Frage ist die, ob und inwiefern Architektur auf den Menschen zurückwirkt und ihn beeinflusst. Wird Architektur sobald sie verwirklicht ist zu einer Art Fetisch, dem die Bewohner oder Insassen quasi untergeben gegenüberstehen und darin nicht mehr ihr eigenes Produkt erkennen? Inwieweit ist Architektur überhaupt Ausdruck jeweils herrschender Ideen und Gedanken, sogenannter Wahrheitsregime? Wird sie in Form der manifesten Institution zum Ausschluss- und Normierungssymbol, das die Individuen sogar praktisch beeinflusst und zu Handlungen und Unterlassungen veranlasst? Gedacht sei nur an all jene Gebäude staatlicher Gewalt, die den Einzelnen vereinnahmen, verschlingen und als „geformten“ Staatsbürger freigeben sollen. Wie sollte im Gegensatz dazu Architektur in einer freien, gewaltfreien Gesellschaft aussehen? Ergibt sich mit dem Wegfall von Klassengegensätzen auch eine neue Sicht aufs Bauen wie Gestalten? Sollte Architekturtheorie demnach nicht die hergebrachten, tradierten Grundsätze des Fachs, eben jene, die nicht Teil der praktischen Umgestaltung sind, auf ihre Konstitution hin kritisch beleuchten? Mithin erweisen sich Anordnungs- und Bebauungsstrategien, generell Architekturdiskurse als Verwaltungssystem kapitalistischer Herrschaft. Die Grundzüge der Theoriebildung wären daher auf ihren ideologischen Gehalt zu überprüfen.

Von „Falschmünzerei“ zur Gouvernementalität

Während Sexualität entwicklungsgeschichtlich ursprünglich unzweifelhaft im Dienste der Fortpflanzung stand, hat der Mensch im 20. Jahrhundert Sexualität und Fortpflanzung weitgehend voneinander trennen können. Unter diesen Umständen ist Heterosexualität als Regelfall und Norm grundsätzlich entbehrlich geworden, so dass die geschlechtliche Identität beliebig gewählt werden kann. Gegen dekonstruktivistische Falschmünzerei à la Butler muss allerdings festgehalten werden, dass es eine genetische Bestimmung des biologischen Geschlechts und eine vorgeburtliche Prägung der sexuellen Identität einschließlich neurobiologischer Geschlechtsunterschiede gibt. Ob das psychosoziale Geschlecht unter diesen Umständen tatsächlich frei konstruierbar ist, erscheint zumindest fraglich und ist nach wie vor umstritten.

[Wolfgang Reinhard: Lebensformen Europas, Eine historische Kulturanthropologie, C.H.Beck: München 2004, S. 67]

Der Gendiskurs ist nicht nur eine Kampfansage an soziale und medizinkritische Bewegungen, die auf die Rolle von Ausbeutungsstrukturen, Herrschaftsprozessen und kapitalistischen Produktionsverhältnissen für die Entstehung von Krankheiten hinweisen; er funktioniert auch als Gegengewicht zu theoretischen Positionen, die auf die soziale Konstruktion und kulturelle Kontingenz von scheinbar natürlichen Entitäten wie Geschlecht oder Rasse aufmerksam machen. Es ist die vermeintlich geschlechtsneutrale Humangenetik, deren zentrale Referenz das »menschliche Genom« ist und die von einer prinzipiellen Gleichheit von Männern und Frauen vor den Launen der DNA ausgeht, die es erlaubt, geschlechtliche Differenzen und Asymmetrien biowissenschaftlich zu verankern. Der Gendiskurs ermöglicht erstens, die bipolare Geschlechterordnung scheinbar objektiv und wissenschaftlich neutral festzustellen, wobei alles Dritte oder Ambivalente als defizitär und behandlungsbedürftig ausgeschlossen wird; zweitens ist diese prinzipielle Geschlechterdualität auch hierarchisch strukturiert, da »weibliche« Faktoren und Merkmale zugunsten von »männlichen« abgewertet werden; drittens ist zu beobachten, dass im Kontext des genetischen Wissens neue Entscheidungszwänge und moralische Imperative auftauchen, deren primäre Adressaten Frauen sind.

[Thomas Lemke: Gouvernementalität und Biopolitik, VS Verlag: Wiesbaden 2007, S. 174]

Grammatologie

„Hier zu sein bedeutet Alleinsein. Hier zu sein bedeutet Einsamkeit. Doch es ist ein angenehmes Gefühl. Nichts trübt den Augenblick, alles ist von einer selten empfundenen Wärme umhüllt. Ruhe ist das vorherrschende Moment. Ruhe und ausschweifende Gedanken an Wesen, die mich streifen. Wesen, die ich vermisse.“

In dieser Randnotiz vermerkte Harrer auch, dass zu einem gewissen Zeitpunkt in seinem Leben insbesondere das intensivierte und vertiefte Hören von Musik jeglicher Provenienz sein inneres Auge geschärft und zugleich sensibilisiert hätten. Das Hören der Kammersymphonie von Shostakovich oder aber der Gymnopedie von Satie sollen dieses, gleichsam psychosomatische Erleben hervorgerufen und den Harrer am Leben erhalten haben.

„Ich kann nicht schreiben, nicht jetzt und auch nicht später. Ich kann nicht malen, nicht fotografieren. Nicht einmal das Lesen will mir gelingen. Ich bin in mir und zugleich nicht für ein Äußerliches bereit, aufnahmefähig. Ich kann nur existieren, den Moment prolongieren, alles in mir und an mir abstreifen. Am Horizont zeichnet sich schemenhaft die Sedimentation des Leiblichen ab. Transzendenz ist erheischt und antizipiert. Nichts anderes vermag abuhelfen. Sappho stirbt, ruft Schimären hervor. Ich muss mich zum Aderlasse bereithalten.“

Noch immer betrachte ich Harrer wie am ersten Tag meiner Ankunft im Ferienanwesen. Und nach wie vor ist seine schiere Präsenz eine allumfassende Erscheinung, sie durchdringt die gesamte Umwelt, schleicht sich in alle Dinge, in alle Worte, Gesten und Taten. Wenn soziale Konnotationen im Harrerschen Ferienanwesen abwesend wahren, so existiert ex nihilo eine Konnotat des Körperlichen, der Leiblichkeit, welche sich nahezu auratisch auch in mein Denken einschreibt, zumindest einzuschreiben versucht, denn ich wehre mich. Ja, ich wehre mich! Warum tue ich das, wollte ich nicht hier die völlige Systemtranszendenz spüren? Es verwundert mich, denn in dem Maße meiner Identifikation mit dem, was der Harrer ist, was der Harrer vorgibt zu sein, muss ich unversehens zurückweichen. Ist der letzte Sog abschreckend oder rebelliert nur ein Residuum von Selbst gegen die Auflösung?

„Wie denken, verschweigen aber. Wer denkt, hebt auf, löst auf, demoliert, denn Denken ist folgerichtig die konsequente Auflösung aller Begriffe, schreibt Thomas Bernhard und spricht mir aus der Seele. Die Auflösung aller Begriffe und Synthese von Ich und Außen. Endlich! Die Synthese von Ich und Außen scheint erreicht, nach jahrelangem Stolpern, und jahrelangem Suchen und jahrelangem Irren, Nicht-Ankommen, abgelehnt werden. Durch den Spiegel treten ist die letzte Tat, denn der Spiegel reflektiert nur unser Innerstes, dass gegen den Strich gelesen wird. Wir sehen in uns und der Abgrund schaut in uns zurück. Wir rufen hinein, es bleibt still. Und dunkel. Dunkelheit und Stille sind die Vorposten des Todes. Aber es nicht der Tod, der uns das fürchten lehrt, sondern die vielen unzähligen Gesellschafts-Tode, welche wir jahrein jahraus starben. Wir starben nur ontologisch; was blieb waren Narben als Triebkraft unseres Fliehens.“

Es ist mir eigenartig. Plötzlich empfinde ich eine Leichtigkeit, die zugleich Schmerzen verursacht. Warum kann ich nicht aufhören zu denken, zu ahnen? Ja, es ist ein dumpfes Ahnen, ich denke nicht. Ich denke nicht analytisch, nicht folgerichtig. Es hebt sich nichts auf, ich bin nicht, ich bin nur da. Präsent. Noch ist nichts blau. Der Wind spielt in den Vorhängen, die Terrassentür steht weit offen. Harrer hab ich vor etlicher Zeit aus dem Blick verloren. Aber spielt es eine Rolle wo er ist? Was er tut? Was er denkt? Vielleicht half er mir nur diese letzte Treppenstufe zu erklimmen. Ich renne gegen den Diwan. Ich will mich verletzen. Ich tue es. Jetzt! – Aber es ist nur dumpfer Schmerz. Nach Innen. Von Außen. Ich will von Innen ins Innere. Das Äußere soll mit hinein. – Solch fade Ideen können einzig vom Alkohol, „vom Weine, dem guten Weine!“ (Harrer) herrühren, welchen mir der Harrer nicht zu wenig einfloß. Aber ist es nur Alkohol. Ich bin naiv, muss es sein. Und warum jene Zeilen? In einem fort hat er sie gesprochen, apathisch gesprochen. Wie ein altes Mantra immer und immer wieder prolongiert. Es ist geradezu lächerlich. Glaube ich mir eigentlich selbst? Ich wusste, dass Bataille die Pforte in diesem Haus umschrieb. Die Verse, des obszönen Werks gehen mir nicht aus dem Kopf:

MEINE ANGST IST ENDLICH ABSOLUT
UND SOUVERÄN.
MEINE TOTE SOUVERÄNITÄT LIEGT
AUF DER STRASSE.
UNGREIFBAR – UM SIE HERUM
DAS SCHWEIGEN DES GRABES –
GEDUCKT IN ERWARTUNG
DES FURCHTBAREN
UND DOCH LACHT IHRE TRAURIGKEIT
ÜBER ALLES.

Sexualität, Wahrheit und Ausschlußmechanismen. Vom Diskurs zum Dispositiv.

Als Gobineau um die Mitte des 19. Jahrhunderts die Rassenmischung für den Aufstieg wie für den Verfall von Zivilisationen verantwortlich machte, sprach er damit eine verbreitete Annahme aus, hinter der mehrere Erfahrungen standen. Je mehr der Imperialismus seinem Höhepunkt zustrebte, desto deutlicher wurden auch seine globalisierenden Effekte und desto vielfältiger die Räume der Vermischung von europäischen und außereuropäischen Kulturen. Darüber hinaus hing das Motiv der Rassenmischung aber auch noch mit einem anderen Thema zusammen, das im 19. Jahrhundert so viel Faszination auslöste, wie es zugleich politische Sorgen bereitete: das Thema der Sexualität.
Von einer zunehmend strengeren bürgerlichen Moral und viktorianischen Ethik geächtet, wurde die Sexualität im 19. Jahrhundert zugleich zu einem zentralen Gegenstand ganzer Wissenschaften, Rechtssysteme und staatlicher Institutionen: von der Pädagogik bis zur Polizei, von neuen Sittengesetzen bis zu der vor allem literarisch tradierten Unterscheidung zwischen Vernunft- und Liebesehe, und von Ratgebern zur Partnerwahl bis zu Ersatzinstitutionen der kontrollierten körperlichen Ertüchtigung. In all diesen Kontexten war die Sexualität Gravitationszentrum umfassender Bemühungen ihrer Steuerung. Die aus Sicht der christlichen und bürgerlichen Moral einzig legitime Sexualität war diejenige, die der Reproduktion diente.
Entsprechend war das 19. Jahrhundert keineswegs eine Epoche der allgemeinen Unterdrückung von Sexualität – und zwar im Namen der gesunden Fortentwicklung des Gesellschaftsganzen. Auf individueller Ebene sollte die Körperlichkeit der einzelnen diszipliniert, auf kollektiver Ebene die Reproduktion der Bevölkerung reguliert werden. Je mehr daher Rassenmischung – wie bei Gobineau – biologisch gedacht wurde, desto enger verband sich dieses Thema mit der Sexualität und desto mehr war die übergreifende Rassenentwicklung wie immer auch eine Sache des Verhaltens der einzelnen. Die Sexualität war der Transmissionsriemen zwischen individuellem Verhalten und kollektiver Entwicklung und genau deshalb ein so argwöhnisch wie fasziniert beäugtes Thema des 19. Jahrhunderts.

[Christian Geulen: Geschichte des Rassismus, C.H.Beck: München 2007, S. 75f.]

Ich wollte nicht die Geschichte der sexuellen Verhaltensweisen in den abendländischen Gesellschaften schreiben, sondern eine viel nüchternere und beschränktere Frage behandeln: wie sind diese Verhaltensweisen zu Wissensobjekten geworden? Auf welchen Wegen und aus welchen Gründen hat sich der Erkenntnisbereich organisiert, den man mit dem relativ neuen Wort »Sexualität« umschreibt? Es handelt sich hier um das Werden eines Wissens, das wir an seiner Wurzel fassen möchten: in den religiösen Institutionen, in den pädagogischen Maßnahmen, in den medizinischen Praktiken, in den Familienstrukturen, in denen es sich formiert hat, aber auch in den Zwangswirkungen, die es auf die Individuen ausgeübt hat, in sich selber die geheime und gefährliche Kraft einer »Sexualität« zu entdecken.

[Michel Foucault: Der Wille zum Wissen, Sexualität und Wahrheit I, Suhrkamp: Ffm. 1977, S. 7]

Dem lichten Tag sollte eine rasche Dämmerung folgen, endend in den monotonen Nächten des viktorianischen Bürgertums. Die Sexualität wird sorgfältig eingeschlossen. Sie richtet sich neu ein, wird von der Kleinfamilie konfisziert und geht ganz im Ernst der Fortpflanzung auf. Um den Sex breitet sich Schweigen. Das legitime, sich fortpflanzende Paar macht das Gesetz. Es setzt sich als Modell durch, es stellt die Norm auf und verfügt über die Wahrheit, es bewahrt das Recht zu sprechen, indem es sich das Prinzip des Geheimnisses vorbehält. Im gesellschaftlichen Raum sowie im Innersten jeden Hauses gibt es nur einen Ort, an dem die Sexualität zugelassen ist – sofern sie nützlich und fruchtbar ist: das elterliche Schlafzimmer. Der Rest schwindet ins Halbdunkel; die Anständigkeit der Haltungen weicht den Körpern aus, die Schicklichkeit der Worte übertüncht die Reden. Wo aber das Unfruchtbare weiterbestehen und sich zu offen zeigen sollte, erhält es den Status des Anormalen und unterliegt dessen Sanktionen.

[ebd., S. 11]

Ich will einen anmaßenden Vergleich machen. Was hat Marx getan, als er seine Analyse des Kapitals auf das Problem des Arbeiterelends stieß? Er hat die übliche Erklärung abgelehnt, die aus diesem Elend die Wirkung einer natürlichen Knappheit oder eines abgekarteten Diebstahls machte. Stattdessen hat er gesagt: so wie die grundlegenden Gesetze der kapitalistischen Produktion aussehen, muß sie einfach Elend produzieren. Es ist nicht der Zweck des Kapitalismus, die Arbeiter auszuhungern, aber er kann sich nicht entwickeln ohne sie auszuhungern. Marx hat die Anklage des Diebstahls durch die Analyse der Produktion ersetzt.

Mutatis mutandis ist das ungefähr das, was ich machen wollte. Es geht nicht darum, das sexuelle Elend zu leugnen, aber es geht auch nicht darum, es negativ mit einer Repression zu erklären. Das ganze Problem besteht darin herauszufinden, welches die positiven Mechanismen sind, die auf verschiedene Art und Weise die Sexualität produzieren und bei denen am Ende Elend herauskommt.

[Michel Foucault: Dispositive der Macht, Michel Foucault über Sexualität, Wissen und Wahrheit, Merve: Berlin 1977, S. 180]

Die „Wahrheit“ sagen rekurriert nicht immer auf Objektivität. Insbesondere in menschlicher Interaktion entstehen Wahrheitsregime, die nichts anderes vorstellen als die einzig legitime Exegese. Das gesprochene Wort gilt, hat rechtliche Gültigkeit und die Infragestellung wird – politisch und/oder moralisch – sanktioniert. Der Archetypus der Sexualität formt sich über Jahrhunderte von Kulturgeschichte stets neu um. Der Bedeutungswandel des Signifikanten erheischt die Abgrenzung des diskursiven Rahmen, innerhalb dessen jeweilige „Wahrheiten“ zirkulieren. Es handelt sich um eine Ausformung von Hegemonie, die bis in die kleinsten Poren der Gesellschaft diffundiert, jegliche Erscheinungen des Diskurses durch ein Raster siebt und Sprach- wie Zeichensysteme codiert. Das „Wahr sprechen“ ist die auch im Alltag praktizierte Form von Gesellschaftlichkeit und Rückbezug. Die Worte gerinnen zur Norm, zum Wert und verlangen Taten: es entwickeln sich Institutionen, die sich um die getreue Handhabung und Einpflanzung des Diskurses in die Körper kümmern. Eine neuartige Dogmatik wird konzipiert, die ihr Rüstzeug doch auch nur von christlicher Liturgie und Exegese übernimmt. So strebt das Bürgertum unter dem Banner der Freiheit nach Autonomie jenseits religiöser Restriktion und Paternalismus, schafft sich selbst jedoch ein transzendentales Obdach, innerhalb dessen es seine als verbindlich geltenden Interessen abzusichern versucht. Die „Anomalie“ bspw. wird Residuum des Sexualitätsdispositivs, welches im 19. Jahrhundert erscheint und sich aus funktionellem Kalkül auf die biologische Reproduktion, der sogenannten „Keimzelle“ Familie ausrichtet, um die herum nur abweichende Praktiken (Homophobie) erkannt werden, welche wiederum psychologisiert, pathologisiert und kriminalisiert, letztliche „bereinigt“ werden müssen. Das Sexualitätsdispositiv mündet in die „Biopolitik“ als der Betreuung des „Volkskörpers“ von Staats wegen.

Konvergenz

Glücklicherweise währte der Aufenthalt auf dem Harrerschen Ferienanwesen noch einige Zeit, denn Gedanken an den mit unaufhaltbaren Schritten sich nähernden Alltag verursachte mir ein Unwohlsein der widerlichsten Sorte. „Ich gehe nicht mehr fort“, dies waren tatsächlich meine Worte gegenüber Harrer, welcher unverwandt neben mir im Zimmer stand und mich nach meiner verdrießlichen Miene befragte. „Ich verlasse diesen Ort nur sehr ungern. Der Alltag, Harrer, der Alltag bedeutet körperliche wie geistige Verkrüppelung, bedeutet Tod.“, woraufhin der Harrer nur beiläufig nickte, fast schien es mir so, als würden ihn meine Äußerungen, die ja tatsächlich von Innen, von „ganz tief da drinnen“, kämen, nicht weiter zu berühren. Vielleicht war meine Haltung auch naiv. In der Tat, was sollte ich diesem Mann auch berichten? Schlussendlich war er mir in meiner geistigen Ausrichtung voraus, um Jahre voraus. Dort, wo der Harrer vor zwanzig Jahren stand, werde ich frühestens morgen, oder gar übermorgen ankommen, dort wo er heute steht, frühestens in zwanzig, gar dreißig Jahren sein können! Am Abend saßen wir uns im Musik- und Musizierzimmer gegenüber und schwiegen. Keiner von uns schien das Bedürfnis zu haben, die Stille mit einer unbedachten Äußerungen zu durchbrechen, im Gegenteil, wir genossen die Ruhe, die nur selten erreicht wird, denn selbst, wenn wir glauben, nur für uns selbst sein zu können, sind wir tatsächlich doch Gegenstand Dritter, die auf uns einwirken, in irgendeiner noch so unscheinbaren Art und Weise auf uns einwirken, uns zu lenken und zu malträtieren suchen. In Form der Erinnerung suchen sie uns heim, quälen unser Gemüt und drücken unseren Kopf gegen die Wand und gegen den Boden, wollen uns zerreiben, unsere Existenz zerreiben. „Der Alltag desavouiert unser gesamten Zusammenleben nicht nur in äußerer Hinsicht. Es sind nicht nur kursierende Redewendungen und Floskeln, das Schablonendenken und falsche Kategorisieren, welches uns verhindert und also behindert, sondern vielmehr der relationale Charakter, der aus unserer gesellschaftlichen Verortung entspringt. Wir sind bereits pränatal verortet und in ein Schema eingebettet, die Form mag während unseres Lebens variieren, jedoch handelt es sich dabei um rein äußerliche, der Sache nicht inhärente Gesichtspunkte, die wir allzu schnell als „Abweichungen“ deuten, und das ist der Knackpunkt: wir deuten bloß, aber analysieren nicht! So weisen wir Zeitgenossen auf bestimmte, hier geltende Verfahrensweisen hin, wir weisen auf Kodifiziertes und Verklausuliertes hin, jedoch nicht, um zugleich eine Schranke herausgestellt und Kritik angefordert zu haben, sondern, und das ist das lachhafte, irrationelle daran, um selbst dafür Partei zu ergreifen, unser Anliegen darin erkannt zu haben, was naturgemäß niemals stimmen kann, im Zweifel nur borniert wäre, wo es mit mehr als nur Heuchelei und Prätention vorgetragen würde. Wir vertreten gegenüber Dritten Interessen, die nicht die unsrigen sind, verleihen unserer Rede jedoch nahezu exegetischen Charakter, ganz so, als formulierten und reformulierten wir stets aufs Neue sogenannte, aber in der Tat nur vermeintliche Wahrheiten. Es handelt sich hierbei um in unserer Gesellschaft kursierendes Wissen um Verfahrensweisen, die einfach nicht und niemals durchdrungen wurden, auf ihren bedrohlichen und gefährlichen und zerstörerischen Gehalt hin verstanden wurden, andernfalls würden wir nicht in derart dumpfer Manier die abgenutzten Phrasen fortwährend wiedergeben und uns vorhandener Niederschriften zum Material unserer Darlegung bedienen. Schauen Sie, gestern sah ich in der Tageszeitung eine Fotografie, es handelte sich vielmehr um eine Aufnahme, aus einem astronomischen Institut, vielleicht war es ein Planetarium, wer weiß, und auf diesem Bild war eine sogenannte Supernova zu sehen. Ein explodierter Stern, wenn Sie so wollen, eine farbige Gaswolke, hervorgerufen durch aufeinanderprallende Wassermoleküle, die sich blitzschnell erhitzen und eben diese Wolke bilden, die ihren Widerschein in dem Teleskop fand, mit dem diese interstellare Abbildung gefertigt wurde. Das faszinierende daran war jedoch nicht allein das Erscheinungsbild, das naturgemäß ein außergewöhnliches war, sondern der Zeitpunkt der Aufnahme. So war das Jahr 1006 angegeben, was einen erschrecken lässt und nur durch die Verdienste der Astronomie an Kuriosität verliert. Die Zeitkategorie ist ja im All ein vollkommen andere, der erkannte Sternenstaub ein zeitversetzter, durch Lichtjahre gestreuter. Und nun denken Sie sich, wie es im Jahr 1006 auf unserer Welt aussah, wo doch zugleich diese Bewegung im All vor sich ging. Mir schien es beinahe unbegreiflich, dass uns heute ein Bild von einem Ereignis erreicht, dessen Entstehungszeitpunkt zugleich über mehrere Kulturabschnitte hinausragt. Nehmen wir an zwischen Ursprung und Rezipienten liegt tatsächlich die gesamte geschehene uns bekannte Kulturgeschichte, so reduziert der heutige Betrachter, die verlaufene Zeit auf ein Minimum, auf einen Bruchteil einer Sekunde nur, und überschreitet sogleich ganze Epochen der Menschheitsgeschichte, mit all ihren Ausgeburten der Tyrannei und des Irrtums und Herumtappens im Dunkel und der Hybris und des Fortschritts. Welch privilegierte Position hat dieser Betrachter? Er hebt die Zeit auf, er hebt die Geschichte auf, und das mit einem einzigen Wimpernschlag.“, sagte Harrer, und verfiel wieder ins Schweigen. Ich entgegnete nichts, gewahrte dafür jedoch die Finsternis, die den Raum einnahm. Darin konnte ich ohne Weiteres untergehen, war zugleich betroffen von der Darstellung des Harrer. Ich ahnte den Aspekt, den er angerissen hatte und der noch jenseits seiner Äußerungen lag, der vielmehr in den Auslassungen mitschwang.

Der Schüler

Der Schüler weiß, dass allein die Methode darüber entscheidet, ob und wie er das Examen ablegen wird. Der Schüler, der die Methode beherrscht und also das Examen sehr gut meistert, glaubt in seiner unschuldigen Einfalt, dass auch das Leben, das gesellschaftliche Interagieren, Methodik erheischt. Doch muss er alsbald feststellen, dass es sich im alltäglichen Verkehr nicht um planvolles und durchdachtes Vorgehen handelt, sondern vielmehr um ein unkoordiniertes Stolpern und Klauben. In seiner Verunsicherung, die auch in einigen Fällen, Zwischenfällen, wie er zu sagen pflegt, zu handgreiflichen Auseinandersetzungen mit seinen Zeitgenossen geführt hat, zieht er sich vollends in seine geistige Welt zurück. In dieser Welt gelten andere Verkehrsformen als im Alltag, das Leben erscheint hierin zwar wie ein Vakuum, doch scheint es außerhalb der Fantasie kein adäquates Feld des Rückbezugs für den Schüler zu geben. Tage- und wochenlang verbringt er nun die Zeit in seinem Zimmer, Nahrung weist er immer öfter mit groben Anschuldigen seiner Mutter gegenüber zurück, und auch den Schlaf meidet er. Er hasst den Schlaf, wie er jegliche Konzentrationsstörung hasst. „Ich hasse Zwischenfälle, ich hasse Zwischenfälle.“, sind die einzigen Worte, die aus seinem Zimmer heraus und also in die elterlichen Gehörgänge gelangen. Rufen sie ihn, erhallt keine Antwort, jedoch getrauen sie sich nicht, das Zimmer des Schülers, ihres Sohnes, zu betreten. Sie könnten ihn stören. So sitzt er an seinem Schreibtisch und schaut aus dem Fenster in den blauen Himmel hinein, das oft stundenlang. Wird es dunkel, setzt er sich aufs Bett und tastet auf dem angrenzenden Bücherregal, zieht dabei willkürlich ein Buch heraus und legt es neben das Kopfkissen. Kann er danach gut einschlafen, will er das Buch am Folgetag in einem fort studieren, bleibt er hingegen schlaflos, sieht er sich gezwungen das Buch, zumeist Traktate und Abhandlung naturwissenschaftlicher und philosophischer Provenienz, zur Seite und die antizipierten Gedanken vorerst ad acta zu legen. „Heute geht es nicht. Es geht noch nicht.“, denkt er sich und vermeidet jeglichen Kontakt mit der Literatur.

Ekel

Die junge Frau weiß, dass sie aufgrund ihrer nicht zu leugnenden Schönheit das Objekt der Begierde aller Männer im Dorfe ist. Die junge Frau weiß auch, dass sich mit diesem Objekt-sein gewisse Projektionen seitens der Männer verbinden und dass sie darüber hinaus stets der Gegenstand jeder empörten Diskussion der anderen Frauen im Dorfe ist. Aus ihren Wortgefechten spricht der Neid der Alten, der Hass der Unangeblickten, Zurückgesetzten; auf jeden Fall und immerfort spricht aus ihnen die allergrößte Verachtung der jungen Frau gegenüber. Jedes Mal, wenn die junge Frau Besorgungen machen muss, dabei einige Geschäfte im sogenannten Ortskern aufzusuchen hat, spürt sie die lüsternen Blicke aller, ja tatsächlich aller Männer, ganz gleich welchen Alters und welcher Konstitution, auf ihrem Körper, ihrem Körper als Projektionsfläche. Für sie bedeutet dieses Angeblickt-, bald Angestarrtwerden jedoch den Ekel. Zwischen ihr und jener lüsternen, gierenden Welt herrscht ein fades, kaltes und vor allem sprödes Gefühl des Widerwillens. Sie will nicht angestarrt werden, sie will nicht in den Fantasien der Männer, welche stets die schmutzigsten und perversesten und niederträchtigsten sind, existent und manifest sein. Sie sagt: „Guten Morgen, Herr Schneider“, und will sich übergeben, denn der Schneider ist ein Ekel, der Schneider stinkt. Einmal, als die junge Frau noch ein kleines Mädchen war, kam der Schneider ins elterliche Haus, alles war noch intakt und also an seinem Platze, und wie er ins Haus kam, wollte er das Kind sehen, gebt mir das Kind, hatte er gesagt, gebt mir das Kind, und alle, insbesondere die Eltern hätten nur gelacht, und das Mädchen wurde geholt, der Schneider nahm sie auf den Arm und bereits damals überkam sie der Überdruss, ob des Geruchs des Schneiders. Später sagte sie immer, „ich will den Schneider nicht sehen, der Schneider stinkt, der Schneider ist Alkoholiker, er tut mir weh“, woraufhin die Eltern nur wegwerfende Handbewegungen entgegneten. Ach was, Alkoholiker! und ach was, stinken! und ach was, weh tun!, sagten sie und lachten, als staunten sie einzig über die Vokabeln ihres Kindes, das ihnen, den Alten, in der Tat schon damals um Meilen voraus, gedanklich und also geistig voraus war. Heute lebt die junge Frau allein mit ihrer inzwischen verkrüppelten Mutter im Dorf und will doch tagtäglich fort, weg aus diesem Ort, der für sie die totale Präsenz des Todes und also Schmerzes bedeutet. Hier in diesem Ort, sagt sie sich fortwährend, hier kannst du nicht überleben, auch und insbesondere in geistiger Hinsicht kannst du nur wie deine Mutter verkrüppeln. Dachte sie dies, fühlte sie sich erniedrigt. Dass ich hier weg muss, liegt auf der Hand, fühlte sie stets. Dass ich sofort weg bin, wenn es mit der Mutter endgültig aus ist, ist eine Notwendigkeit für meine eigene Existenz. Im Dorf umherlaufend, grüßte sie freundlich, behandelte die Älteren zuvorkommend und senkte nicht einmal das Haupt, wenn die neidischen Weiber in ihrem Gezänk die allerlautesten und zugleich infamsten Hasstiraden über die junge Frau ausstießen, nur um in der nächsten Sekunde – die furchtbaren Flüche waren noch nicht einmal im Hause verstummt –, der jungen Frau heuchlerisch einen guten Tag zu wünschen, sich nach dem Befinden der Mutter zu erkundigen. Zwischen den Wörtern, die an der Oberfläche doch das scheinbare Gegenteil auszudrücken schienen, herrschte in der Tat nur derselbe verletzende Ton, wusste die junge Frau und sprach ihre alltäglichen Erwiderungen, um die Besorgungen zu erledigen und das gesellschaftliche Leben nicht komplett zu desavouieren, einzig aus Abhängigkeit heraus. Die soziale Abhängigkeit bringt mich um, dachte sie immerfort, wenn sie zu ihrer Mutter zurückkehrte. Der Widerwille der alten, ausgezehrten Frau vom Dorfleben zu berichten, war zugleich der allerstärkste und dennoch zwang sie sich aufrichtig zu bleiben, der Mutter das Leid nicht noch zu vergrößern. Sobald sie tot ist, verschwinde ich, dachte die junge Frau.

Soziale Konstruktionen

Sogenannte „soziale Konstruktionen“ sind heutigentags regelrechte Kampfvokabeln in den Sozialwissenschaften geworden. Doch wo mancher nur eine Reideolosierung von Wissenschaft sehen mag, denke ich, ist es notwendig alle verschiedenen theoretischen Richtungen wahrzunehmen und auf ihren Gehalt hin zu überprüfen. Mithin wird sich allerhand fruchtbares Land für kritische Weiterentwicklungen ausmachen lassen. Der Rekurs auf „soziale Konstruktionen“ ist gerade wegen seiner politischen Stoßrichtung unerwünscht und marginalisiert, denn Denken, dass eine praktische Konsequenz zeitigt und somit den Status quo antastet, verrücken will, ist stets mit Argwohn betrachtet.
Doch worüber wird diskutiert? Was sind soziale Konstrukte und wer bildet sie? Die Antwort ist schnell gegeben, denn tatsächlich finden sich, wie der Begriff nahelegt –, die Spezifika solcher willkürlich gesetzten Kategorien, und als willkürlich, weil auf individuelle Interessen gerichtet, werden sie verstanden, in der alltäglichen, gesellschaftlichen Perfomanz der Individuen, die ihren Verkehr gemäß des konzedierten Rechts bestreiten. Als Konstrukte werden insbesondere all jene Kategorien angeführt, die für die Stigmatisierung und Diskriminierung einzelner Menschen und Gruppen herhalten mussten, um jenen Ausschließungen den Anstrich von Legitimität zu verleihen. Genannt seien: Geschlecht, Nation, Rasse, Sexualität, Konstitution. Aus diesen Metakategorien lassen sich in der Folge verschiedene Abteilungen ableiten, also der gesamte gesellschaftliche Verkehr auseinandernehmen (dekonstruieren). Es wird sich zeigen, dass Macht und Herrschaft sowie deren psychischer Reflex seitens der Einzelnen, bis in die kleinsten, ungeahnten Poren der Gesellschaft vor- und eindringen und immerfort ein Denken in Ressentiments reproduziert, verschiedene, gewalttätige Exklusionen reproduziert, andere – Gegentendenzen –, marginalisiert. Ausschlaggebend für die Stichwortgabe und also Analyse wird die Lektüre Michel Foucaults sein, dessen sogenannte Diskursanalyse, aber auch die Thematisierung von „Biopolitik“ und „Gouvernementalität“ dazu beitragen, ideologische Perfomanzen zu deligitimieren und ihren apologetischen Charakter zu rekonstruieren.

Apoplexie

Unvermittelt musste ich dem Harrer von einer alltäglichen Begebenheit erzählen, die mir während meiner Streifzüge durch die unmittelbare Umgebung des Ferienanwesens in den Sinn kamen. Noch einmal sei ausdrücklich erwähnt, dass der Alltag ein widerlicher, schrecklicher, uns und alle, die wir lieben, und alle, deren Bekanntschaft wir nicht und niemals machen, machen konnten, stets untergrabender und also auf kurz oder lang mental und physisch ausrottender, abtötender ist. Jedoch macht der in der Öffentlichkeit verängstigte und verunsicherte und angewiderte Blick ab und an eine Beobachtung von Zeitgenössischem, die wiedergegeben zu werden verdient, mitunter auch aus dem Grunde, dass sie neue Fragen aufwirft. Ich fand den Harrer in der Bibliothek, er betrieb Quellenstudium, hatte dies aber scheinbar unterbrochen und war, wie er mir erzählte, wieder einmal „abgedriftet“, weil er während der Recherche auf alte, vergessene Literatur gestoßen war, die neuerliche Sichtung verdiente. So auch dieses Prosastück von Robert Musil, in dem er las. Nichtsdestoweniger konnte ich ihn unterbrechen und hob mit meinem Bericht an. Eines Abends befand ich mich auf dem Weg nach Hause und musste leidlicherweise die öffentlichen Personennahverkehrsmittel nutzen, obwohl jeder Mensch weiß, dass die hierin stattfindende Form der Öffentlichkeit eine potenziert widerliche ist. Ich nutze die Unterirdische und stellte mich wie immer an die Türen – um möglichst schnell handeln, gar fliehen zu können, wenn dies geboten war –, und gewahrte einen Mann, vielleicht Ende Vierzig. Dieser bereits ergraute Herr zog bereits durch seine Haltung, Morphologie mein Interesse auf sich, nicht nur, dass er sich abseits in einen gesonderten Bereich gesetzt hatte, um der Masse zu entgehen. Alles an ihm zeugte von immenser Körperanspannung und also Unruhe. Sein Blick war Konnotat der Körperhaltung. Ein erster Schluss schien sich mir aufzudrängen: alleinstehend, einsam, aber um fadenscheinige Contenance bemüht. Nun geschah es, dass sich eine relativ junge Frau, von nicht bedeutender äußerer Attraktivität ihm gegenübersetzte und ab jenem Zeitpunkt ward es um den Mann geschehen, genauer um dessen Blick, welcher fortan immer wieder an der Frau haften blieb, ja scheinbar haften bleiben musste. In diesem Moment, der sich durch ein Wirrwarr an Assoziationen auszeichnete, überkam mich der Ekel. Alles fiel in eins: die Situation des Mannes, welcher mit hündischem Blick die weiblichen Konturen umkreiste, einzig, weil sich in ihm, seiner Psychophysis ein Bedürfnis, vielleicht Mangelempfinden offenbarte; gleichsam jedoch widerte mich diese plumpe Reduktion des Anderen – hier als junge Frau vorgestellt – auf das Tiefste an, da alle menschlichen Qualitäten auf den Körper als Körper, den Körper als Leiblichkeit, als kulturellem Körper samt biologisch und sexuellem Konnotat reduziert wurde. Sowohl seine Deprivation, als auch die widerliche Abstraktion am Gegenüber und darüber hinaus das Abgleichen mit meiner Lebensart, meinem Lebenswandel, welcher durchaus als der eines sogenannten „Außenseiters“ verstanden werden konnten, kompressierten die ohnehin stickige Luft – es war ein sehr heißer Tag mit viel Sonnenschein, in dessen Folge sich die Bahn enorm aufgeheizt hatte –, und erregten in mir ein Gefühl des Unwohlseins, wie auch des Alleinseins. Der Harrer nickte nur, schwieg ansonsten jedoch während meiner mitunter sehr hastig vorgetragenen Ausführung. Schlussendlich hob er an, um eine bereits vormals ausgesprochene Sentenz zu wiederholen; anders akzentuiert zu wiederholen:

„Gewisse Diskurse sind alltägliches Beiwerk und regeln den banalen Verkehr der Individuen. Eine Zeit lang haben wir jene Diskurse mitgesprochen, es zumindest immer wieder versucht, doch sind schlussendlich an der Lächerlichkeit unseres ewigen Abgleichens und Verstellens, also des Vorgebens und Nachahmens jener Mehrheitstendenzen gescheitert. Anfänglich hielten wir das für einen Mangel unser selbst. Letzthin jedoch wurde uns klar, dass es nicht diese vielen, vielen Erzählungen, irrelevanten Ausführungen des Alltags, jener Parvenüs und Mehrheitler sind, die etwas „Richtiges“ konstituieren und reproduzieren, und wir begangen die Gültigkeit der beispielsweise sexistischen oder gar homophoben Äußerungen auf ihren ideologisch wie pragmatischen Gehalt hin zu reflektieren und in der Konsequenz zu detruieren, sodass wir fürderhin von falschem Reden und falschem Denken sprechen konnten und uns des kruden Psychologismus entledigt hatten. In der Tat setzt dies in seiner Absolutheit eine gewisse Tendenz zum Sich-Abgrenzen voraus, jedoch erweist es sich als lebenserhaltende Maßnahme, trotz aller Schmerzen, die aus diesem Pfad resultieren.“