Archiv für September 2008

Redundanzen

Die Nachricht vom Ableben des Harrer überraschte mich naturgemäß nicht. Nein, ich fand mich nicht überrascht, als ich durch einen Dritten, zu dem ich immer nur in rein äußerlicher und zu dem auch der Harrer immer nur in recht oberflächlicher Beziehung standen, von Harrers Selbstmord erfuhr. Ich nickte nur beiläufig auf die bekundete Anteilnahme, und das einzige, woran ich mich erinnern kann, vielleicht auch nur erinnern will, sind jene Worte, die ich beinah selbstverloren aussprach, ja sie weniger zum Überbringer der schlechten Nachricht, denn vielmehr zu mir selbst sagte. Es waren dies die Worte: Selbstmord? – Selbstmord. Mit einer eigentümlichen Betonung, die mir noch stark präsent ist, sprach ich sie und mit jedem Wiederholen erschienen sie mir klarer und zutreffender: Selbstmord? – Selbstmord. Dass der Harrer also Selbstmord begann und damit seinem Leben ein für allemal ein Ende bereitete, schien nur konsequent und in der Tat hatte er es durch vielfaches und bedeutsames Schweigen und Aussparen wie auch Offenbaren immer wieder angedeutet, niemals krass expliziert!, neinnein, stets waren es nur diffuse Andeutungen, denen ich jedoch – der Moment schuldete dies einfach –, nur diese einzige und doch sehr klare Botschaft entnehmen konnte. „Hier geht es nicht weiter, Weber, denn hier, also hier, hier („hier“ stets betont) kann und will ich nicht länger zurechtkommen! Jeder Tag bereitet mir aufs neuerliche Atemnot und mit jedem weiteren Versuch auf eine irgendwie geartete Weise in Kontakt mit Zeitgenossen, mit Anderen zu treten, wird es unerträglicher, mir geradezu vermaledeit durch unser historisches Apriori. Jenes Apriori, das wir nur mehr beiläufig gewahren, wenn wir uns in Konversation begeben. Wir sprechen jemand an oder sehen uns angesprochen, schon erbrechen wir lauter Unrat und lauter Mist und der uns gegenüber Lauschende quittiert bald willentlich, bald unwillentlich und doch immer jene performative Grundannahme wahrend, all das, was wir äußern. Doch es scheint viel eher ein „Wie“, denn ein „Was“ zu sein, denn tatsächlich erhalten wir immer dieselben Reaktionen und liefern ein und dieselbe Antwort. Und das auf vollkommen entgegengesetzte Fragen und Themen. Kurzum das Gesellschaftliche ist mir versaut und ich will es nicht. Ich will keinen Kontakt. Alles Getue zehrt an mir und wirft mich zurück auf eine primitive Stufe, die ich gar nicht ausfüllen mag. Es gerät mir überhaupt schon schwer die gängigen Verkehrsformen noch im Hinterkopf und also abrufbar zu erhalten, denn es ist durchaus nicht zu leugnen, dass alle Interaktionsriten einem historisch-kulturellen Wandel unterliegen. Antworte ich denn heute überhaupt noch zeitgemäß und wenn ja: was heißt das? Wie muss mein Sprechen, wie muss mein Habitus geartet, geformt und dekliniert sein, damit Akzeptanz, diskursive Akzeptanz erreicht wird und uns nicht alsbald ein „Verrückter!“ entgegengeschleudert wird, einzig, weil wir uns selbst abstrus erscheinende Bezugsweisen und -formen verwerfen, in den Dreck ziehen und damit willentlich ignorieren?“, so Harrer. „Laufe ich durch einen Raum oder schaue ich von einem Ende des Raumes zum anderen, frage ich mich, was Realität darstellt. Ist dieses Sprechen realistisch? Ist dieses Denken realistisch? Ich sehe, was ich tue und spüre, was mir widerfährt und dennoch gerate ich in Zweifel, ob dies tatsächlich die Realität ist, die ich reflektiere und nicht vielmehr eine Meta-Ebene. Mitunter bin ich versucht zu glauben, dass wir tagtäglich in einem Mehrebenensystem wandeln. Anfangs erscheint es uns wie ein Spiel und wir sind mühelos in der Lage, zwischen den verschiedenen Ebenen unterscheiden uns auf die jeweilige mit ihren Prinzipien einlassen zu können, doch ab einem nicht mehr genau bestimmbaren Punkt verrückt diese Auffassung. Es scheint wie ein Grenzüberschreiten. Wir überwinden eine Grenze, glauben es zumindest. Doch von diesem Punkt an, können wir nicht mehr derart spielend leicht hin und her wandeln wie einst. Wir gewahren alles als Einheit, als eine Ebene, die sich jedoch durch Ausfallerscheinungen charakterisiert, Bildstörungen, Übertragungsprobleme, Tonausfälle, Interferenzen und Redundanzen. Sinnzusammenhängen verschieben sich, sind beliebig austauschbar und übereinander sowie untereinander aufhebbar, kreuzbar etc. Ob nun „Guten Tag“ oder „Haltet ihn!“ gerufen wird, spielt dabei keinerlei Rolle mehr, denn die Semantik ist getilgt. Die Symbolik des Alltags, welche uns sonst an die Hand nimmt und führt, oder aber ins Gesicht schlägt und zerrt – was je nach Empfindung und Standpunkt zur Welt unterschiedlich ausfallen mag –, ist verschwommen und gleichfalls aufgehoben: die Semiotik getilgt. Verstehen Sie, Weber, dass ich in dieser Welt des ewigen Sich-zurecht-finden-müssen nicht weiter rudern mag. Die Bibliotheken sind voll, doch mein Kopf leer. Jedes gelesene Buch vergrößert die Leere in meinem Kopf und potenziert damit den Schmerz. Ja, ich bin naiv! und ich weiß, schallende Ohrfeigen und höhnisches Gelächter sind nur der Anfang. Ich antizipiere weitaus Bedrohlicheres, doch erwähnte ich bereits, dass es mein Tun und niemals das Handeln Dritter sein kann und sein darf, welches mein Dasein bestimmt!“ Es scheint nahezu paradox diese Erregung des Harrer zu erinnern, denn es handelt sich nicht nur um eine Vorankündigung, es war eine regelrechte Inszenierung. Ich weiß nicht einmal, ob mich der Tod des Harrer berührt. In der Tat fehlt mir der Austausch. Das ist schon alles, es ist jedoch zugleich das Wichtigste.

Notizen zur Körpergeschichte

Körpergeschichte ist zugleich Theorie der Identitätsbildung innerhalb eines spezifischen gesellschaftlichen Kontexts. Identitäten werden darin auf jeweils neue Weisen verhandelt, gelebt und reproduziert. Da sie durch intersubjektive Wechselverhältnisse hervorgebracht werden, sind sie sogleich historisierbar und auf ihren jeweiligen instrumentellen Charakter hin bestimmbar. Identität bildet sich demnach durch gesellschaftliche Dispositive, die verschiedene Diskurse lancieren, forcieren, prolongieren und letztlich zu tradieren versuchen. Diskurse beinhalten dabei verschieden Arten und Weisen, auf den einzelnen Menschen zuzugreifen und ihn zu formen. Zugriff und Formung haben bis dahin noch keinerlei negatives Konnotat. Vielmehr wird der abträgliche Charakter dieser „Behandlung“, die denn auch zu einer Zurichtung verkommt, erst in der spezifischen Intention, der Interessenlage deutlich. Diskurse lassen sich daher neben ihrer Historisierbarkeit auch auf ihren politischen Gehalt bestimmen und kritisieren.

Mit dem Entstehen der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft muss, soll und hat sich auch die Form des gesellschaftlichen Verkehrs, des Bezugs der Individuen untereinander zu ändern. Die Entstehung neuer ökonomischer Imperative erfordert eine synchrone Ausbildung von Bewusstseins- und Mentalitätsstrukturen, derer sich die Gesellschaftsmitglieder zu bedienen haben, wollen sie „erfolgreich“ am Prozess beteiligt werden. Wo dies nicht der Fall ist, erfolgt die Ausschließung in Form von vielfältiger Diskriminierung. Der Diskursanalytiker Philipp Sarasin1 sieht vor allem die Wirkmächtigkeit des im 19. Jahrhundert entstehenden „Hygienediskurs“ eng mit der Bildung von Identität, die gleichsam eine Selbstkonstituierung oder Technologie des Selbst vorschreibt, verknüpft. Jener Diskurs um die Formung des eigenen Körper als eigentümliche Leiblichkeit ist fünf Merkmalen unterworfen:

1. Zunächst existiert der Prototyp des „sauberen“ Körpers in Form einer streng hierarchisierten und kategorisierten Schablone, die sich am Geschlecht, der Klasse als auch der „Rasse“ festmachen soll. Zum Leitbild wird der männliche, bürgerliche, d.h. ökonomisch unabhängige und weiße Körper. Dieser gibt gleichsam alle weiteren Implikationen des Diskurses vor. Nur hierin sollen sich (zumindest eurozentrisch betrachtet) „Autonomie“ und „Freiheit“ äußern können.
2. Darüber hinaus ist der Hygienediskurs auf eine öffentliche Vermittlung angewiesen: den Medien kommt dabei die öffentlichkeitswirksame Aufgabe zu, den Prototypus zu proklamieren und illustrieren. Körpergeschichte ist somit zugleich Mediengeschichte, denn »das, was die Hygieniker in einem langen, geduldigen Prozess zwischen die Subjekte und die Körper geschoben haben, um sie bis zur Fiktion der Selbstidentität zu amalgamieren, sind tatsächlich Technologien verschiedenster Art: Es sind Bücher, Texte, Bilder, Praxisformen und Werkzeuge der hygienischen Sorge um sich.«2
3. Zudem tritt die Sprache der Physiologie und treten die spezifischen Diskurse der Physiologen hinzu und leisten einen wesentlichen Beitrag zur Konstruktion des modernen Körpers, da eben jene Sprache, wie auch das weit verästelte, gesellschaftlich gestreute und teilweise tradierte, populäre und vorurteilsbehaftete Sprechen über die Physis ein neuartiges „hygienisches Wissen“ konstituiert. Dieses „Wahrheitsregime“ verspricht Selbstregulation wie Selbsterkenntnis auf seiten der Individuen und liefert sogleich die Schnittfläche für ein esoterisches, nur in akademischen Kreisen zirkulierendes Wissen von der Physis einerseits, sowie verschiedenen Repräsentationsformen andererseits, welche Aneignungs- und Wahrnehmungsweisen des Körpers vorstrukturieren.
4. Die Frage der Geschlechterdifferenz sowie geschlechtlichen Kodierung der Körper zielt dabei jedoch weniger auf die Suche nach biologisch-morphologischen Unterschieden zwischen „Mann“ und „Frau“, sondern verweist vielmehr auf ein gendering neuronaler Prozesse: So geraten Gehirn und Nerven zum Referenzwert hygienischer Untersuchung und suchen im Verhältnis von Reiz und Kontrolle Differenzen, die bspw. in weiblicher Sensibilität und männlicher Selbstregierung münden sollen. Dabei wird vorausgesetzt, dass der männliche Körper als Primus, der weibliche Körper hingegen als biologische „Sonderform“ betrachtet wurde.
5. All jene daraus abgeleiteten Wissensformen und Anleitungen versteht Sarasin als Techniken der Unterwerfung: Selbstregierung, die Sorge um sich und seine Physis als auch die fortwährenden Appelle an das eigene Ich zwecks Mäßigung und Disziplin werden als zentrales Konzept des Hygiendiskurses des 19. Jahrhunderts verstanden.

  1. Philipp Sarasin, Reizbare Maschinen. Eine Geschichte des Körpers 1765-1914, Frankfurt/M. 2001 (Suhrkamp) [zurück]
  2. ebd., S. 26 [zurück]