Archiv für Oktober 2008

Arrivierte

Es ist immer wieder eine Albernheit über das eigene Leben zu räsonieren, denn unter dem Strich ist es ein Nullsummenspiel. Ich weiß von vornherein, dass ich mein Leben hasse und an der Abwesenheit menschlicher Kontakte laboriere, die Lebensumstände mir ganz und gar abträgliche sind und konsequente Heuchelei eines Tages in Erstickungsanfällen münden muss! Der Harrer ist tot und das macht mich verrückt, wirft mich in meine Isolation zurück, ohne dass ich gegenwärtig wüsste, wie ich sie bewältigen könnte.

Es ist kurios Mitmenschen, Zeitgenossen bei der Regelung, Regulierung ihres Alltags und der daraus notwendig resultierenden Konsequenzen („Freizeit“, das ich nicht lache!) zu beobachten. Fast überall wird versucht, Distinktionsgewinne zu erringen. Was das heißt? Jeder ist versucht sich abzugrenzen, abzuheben, seine Lebensart (was ist das?) hochzuhalten, besonders zu unterstreichen. In gewisser Weise ein Paradoxon, denn warum sollte man versucht sein, Dinge, deren Herr man sowieso nie ist und niemals war, durch in der Tat alberne Praxen zu verbrämen? Aber dies geschieht. Und es geschieht hinweg durch die gesamte Hierarchie der Habita, der Lebensstile wie Lebensformen, durch alle sozialen Schichten. Es ist keine Klassenfrage, aber die Klassenfrage schreibt letztlich noch die Mittel zu, oder spricht sie ab, mit denen dann die Ausformungen des „dummen Selbst“ zu geschehen hat. Essgewohnheiten, Wahl der Kleidung, des Wohnortes, der Beziehungen und vermeintlichen Interessen, ja selbst die Art und Weise zu sprechen und also die Stimme zu modulieren gerät zu einem Akt reinster Performanz. Abstrus! Man möchte meinen, dass je umfangreicher die Bildung, desto vernüftiger ist der Mensch den Dingen zugewandt. In unserer, also in der bürgerlichen Gesellschaft, die bekanntermaßen „Freiheit des Individuums“ (gemeint ist die Selbstdisziplinierung und also Unterwerfung) als Lebensmaxime proklamiert, herrscht das genaue Gegenteil vor. Bildung ist hier ein Ausdruck von Zertifikaten, Konzessionen, erfolgreich (was heißt das?) abgelegten Examina, akkumulierten Befürwortungen, doch keineswegs von auf die praktische Gestaltung und Umformung der Welt gerichteten Wissens. Man missverstehe mich nicht! An instrumentellem Wissen mangelt es dieser Gesellschaft keineswegs, auch nicht an Empathie (noch für jeden Blödsinn findet sich ein „Verständiger“), die Kombination hin zu einer emanzipierten Persönlichkeit (auch dies wird rhetorisch-praktisch gekehrt und also subversiv entleert) sucht man jedoch vergebens. Stattdessen liefert man sich tagtägliche Arrivierungskämpfe, Arrondierungskämpe, Allokationskämpfe; spinnt seine kleinen Intrigen und übt mit der Art und Weise seine Lebensmittel zu beschaffen seinen ganz eigenen Gestus des Grauens, dass es zum Kotzen ist. Symbolisches Kapital hier, symbolische Gewalt dort. Und hierin soll man sich aufhalten? Hierin soll man leben? Eine einzige Perfidie! Mit dem Kopf renne ich gegen die Wand um das Dröhnen durch den Schmerz zu betäuben. „Mit dem Kopf gegen die Wand, mit dem Kopf gegen die Wand“, höre ich den Harrer sprechen. Sehe ich ihn? Er sitzt am Klavier und erteilt mir Lehrstunden in Kompositionstechnik. Ein einzige Perfidie!

Fortschreibung

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»Exzellenz«

Im Rahmen der virulenten Debatten um Für und Wider von sogenannten Eliteuniversitäten eine Anmerkung zur Konstruktion von wissenschaftlicher Exzellenz durch politische und akademische Wortführer:

Wissenschaftliche Exzellenz ist aus soziologischer Sicht nichts selbstverständlich Gegebenes, sondern eine soziale Konstruktion im Spannungsfeld zwischen zwei sich überkreuzenden Achsen mit jeweils zwei Polen. Die eine Achse verläuft zwischen der funtkionalen Anspassung an den internationalsisierten Wettbewerb um wissenschaftlichen Exzellenz und der pfadabhängigen Konstruktion von wissenschaftlicher Exzellenz durch die Trägheit gegebener Institutionen. Die andere Achse wird durch die symbolische Konstruktion von Exzellenz in einem diskursiven Feld gebildet, das zwischen dem Pol totaler Vermachtung und Machtungleichheit und dem Pol der idealen Sprechsituation gleichberechtigter Diskursteilnehmer augespannt ist. Statt von einem diskursiven Feld kann deshalb auch von einem Machtfeld der Wissenschaft gesprochen werden. Dispositive der Macht, das heißt Programme der Exzellenzprüfung und –zuschreibung, werden von den Machtinhabern genutzt, um die Machtverteilung zu erhalten, während Herausforderer von ihnen Gebrauch machen, um die Machtverteilung zu ändern. Konsekrationsinstanzen (Instanzen der Exzellenzzuschreibung) ermitteln und begründen Exzellenz anhand einer im diskursiven Feld herrschenden Rhetorik. Die Bedeutung dieses Machtfeldes legt nahe, nicht phänomenologisch von der »sozialen« Konstruktion, sondern diskursanalytisch (Foucault) und feldtheoretisch (Bourdieu) von der »politischen« Konstruktion wissenschaftlicher Exzellenz zu sprechen.

[Richard Münch: Die akademische Elite. Zur sozialen Konstruktion wissenschaftlicher Exzellenz, Suhrkamp: Frankfurt/Main, 2007, S. 10f.]

Jargon

Gegen den „eingeschliffenen Kategorienapparat“ die „rationelle“ Sprache des Analytikers hochzuhalten, bedeutet manchem Zeitgenossen gleich wieder nur eine narzisstische Spielerei, die nicht weiter auf ihren Inhalt hin zu prüfen ist. Sprache für sich begründet noch keine Hegemonie. Erst deren politische Implikationen weisen die restringierenden Effekte des Diskurses aus und stiften Hegemonie. Sprache ist jedoch zugleich konstituierender Gegenstand der Theorie. Ungeprüftes Übernehmen vermeintlicher „Konstanten“ in die Begriffsbildung reproduziert Ressentiments auf wissenschaftlichem Niveau:

- Weshalb verwenden Sie einen besonderen und besonders schwierigen Jargon, der Ihre Ausführungen für den Laien häufig unverständlich macht? Liegt darin nicht ein Widerspruch: einerseits das Monopol, das sich die Wissenschaftler zuschreiben, anzuprangern, andererseits es in dem Diskurs, der dies anprangert, wieder aufzurichten?

P.B. Häufig genügt es, der Umgangssprache ihren Lauf zu lassen, sich dem sprachlichen laisser-faire zu überlassen, um, ohne es zu wissen, eine bestimmte Sozialphilosophie zu akzeptieren, Wörterbücher strotzen von politischer Mythologie (ich denke etwa an eine Vielzahl von Adjektivpaaren wie brillant-ernsthaft, oben-unten, selten-gewöhnlich usw.) Die Freunde des »gesunden Menschenverstandes«, die sich in der Sprache wie Fische im Wasser bewegen und die in diesem Bereich wie anderswo auch die objektiven Strukturen auf ihrer Seite haben, können sich (bis auf die Euphemismen) glasklar ausdrücken und gegen den Jargon wettern. […] Die sprachlichen Automatismen zu zerschlagen heißt nicht, künstlich eine dinstinguierte Differenz zu schaffen, die den Laien auf Distanz hält; es heißt, mit der Sozialphilosophie zu brechen, die dem spontanen, unreflektieren Diskurs eingeschrieben ist.

[Pierre Bourdieu: Soziologische Fragen, Suhrkamp: Frankfurt/Main, 1993, S. 36]

Welk

Wissen Sie, Weber, es mutet paradox an, dennoch bin ich in manchem Augenblick doch recht froh, nicht in Besitz einer übernatürlichen Kraft zu sein, ich fürchte, ich würde sie in einem Moment der allergrößten Anspannung doch einmal benutzen, um mir Luft zu verschaffen. Das ist nur hypothetisch gesprochen, aber ich denke, Sie verstehen sehr gut, welches Gefühl ich meine. Allgegenwärtige Brutalität. Diese persönliche Einengung ist unerträglich. Diese persönliche Bedrängnis, in die wir geraten sind, in die wir alltäglich gedrückt werden, ist irrational. Abends, oder besser Nachts, wenn ich durch die Stadt laufe und mich ein ums andere Mal über die tagtäglichen Gestaltwandlungen dieser Bizarrerie, eben dieser Stadt, wundere, mich gar plötzlich auf eine irgendwie geartete Art und Weise angesprochen sehe, angepöbelt sehe, angerempelt sehe, verhöhnt sehe, möchte ich mir wieder Freiraum schaffen, meinen Freiraum zurückerlangen. Sie wissen so gut wie ich, dass derlei Gedanken abstrus und regressiv sind.“ – „Und dennoch…“ – „Und dennoch stimme ich immer wieder dieses Lied an? Das ist es, was Sie sagen wollen, nicht wahr? Ganz recht, Weber. Eine gewisse Inkonsequenz. Doch es ist ja gerade jener letzte Schritt, das Überschreiten der Grenze, vor der ich mich fürchte, um mich und mein Selbst, meine leibliche Integrität fürchte. Ist es nicht so, dass die virulenten Verfallsprozesse mehr und mehr nach uns greifen, wir uns hineingeworfen sehen in einen undurchsichtigen Strudel? Strudel voller Emotionen, Strudel voller Komplikationen und Strudel voller Perversionen des Lebendigen? Zeitgenossen sind durchtrieben und pervers, plump, platt, ungerührt, widerspenstig, argwöhnisch, klein- und spießbürgerlich, borniert, in keinster Weise weltmännisch oder offenherzig. Sehen Sie, kaum hebe ich zu einer persönlichen Ausführung an, wird mir ins Wort gefallen und ertönt ein „Halt’s Maul, Alter!“; natürlich in mannigfacher Nuancierung, dennoch wird stets ein- und dasselbe gemeint.“ Harrer wandte sich dem Fenster und also der Dunkelheit zu. Er starrte lange in das fahle Laternenlicht. Durch einen angewinkelten Fensterflügel registrierte ich, dass es regnete. Ein sich entfernender Motor war zu vernehmen, ebenso das markante Geräusch über Sand fahrender Räder. „Legen Sie doch mal die Platte auf, welche dort drüben zuoberst liegt. Stück Nummer Fünf. Ich denke, das rahmt den Moment sehr gut ein.“, sagte Harrer, der den Blick nicht von der Straße wendete. Erneut fragte ich mich, was eigentlich diese Art der Zusammenkunft begründete. Ich fühlte mich nicht unwohl, neinnein, das nicht, jedoch stieg ein Gefühl der Beklemmung in mir auf. Natürlich waren mir all diese Gedanken Harrers vertraut und dennoch störte es mich, wiederum an die Außenwelt erinnert zu werden, an die tiefliegende Enttäuschung, an Isolation, an getrübte und gefärbte Blicke.

Als ich den Harrer spät in der Nacht verließ, war unsere Verabschiedung eigentümlich: er reichte mir nicht die Hand, fasste mich dafür jedoch auf die Schulter: „Passen Sie auf sich auf, Weber. Feldforschungen sind zwar gut in der Nacht durchzuführen, allerdings sind sie nicht ungefährlich. Zu viele Megalomanen sind unterwegs dort draußen. Alle wollen Sie ihre mehr als untröstliche Existenz durch eine Demonstration ihrer tatsächlich physischen Stärke aufwerten. Ein vermeintlich falsches Wort, und es war Ihr letztes. Wir dürfen uns niemals gefangen fühlen in unserer Haut, auf unseren Wegen. Gefangenschaft der Freiheit! Gefangenschaft der Freiheit.“

Lege ich nun die Platte auf und lasse den Titel Nummer Fünf abspielen, erinnere ich die Szenerie ganz genau, den Blick Harrers auf die Straße. Der Blick eines nun Toten, eines Freitoten. Ein Blick der so vollkommen anders war, als jener, der im Ferienanwesen herrschte. Umso vieles angespannter, angestrengter. Höre ich die Musik, so ertönen die letzten Worte Harrers. Die letzten Worte eines nun Toten. Die tatsächlich letzten Worte Harrers an mich gerichtet: Gefangenschaft der Freiheit.

Disparat

Vollkommen aufgewühlt gelangte ich nach Haus und musste nach jener entscheidenden Notiz Harrers suchen. Ja, ich stellte beinah die gesamte Wohnung auf den Kopf, um sie zu finden. Ich wollte heute von der Klippe springen, mich entgrenzen, explodieren und alles um mich herum ein für allemal transzendieren. Gefühle relativieren sich wieder, scheinen mitunter einfach nur banal, wenn eine andere Situation vorherrscht als jene, welche die Erregung hervorrief. Nichtsdestoweniger fand ich, wonach ich suchte:

Man ist schnell versucht, dem eigenen Selbst das Ende zu bereiten, alles andere um einen herum zu verfluchen. In Momenten größter Anspannung sollten wir dennoch nicht um uns Schlagen, denn jeder Schlag ruft eine Reaktion hervor und potenziert das Leid, reißt uns endgültig in den psychischen Abgrund. Wir müssen Abstand wahren, Abstand halten, immer Distanz wahren, Distanz halten, um nicht unterzugehen, fortwährend zu laborieren. Entgrenzung des Selbst als Maßstab der Fortbewegung im Dickicht der Handlungslogiken, die uns aufgemacht werden. Naturgemäß können wir niemals Transzendenz erreichen, aber ist dies notwendig? Wir müssen den Noten lauschen, der Rhythmik folgen und die Borniertheit und das Brutale, Primitive abperlen lassen. Dumme Askese? Eher lebenserhaltende Maßnahme im Prozess der fortgeschriebenen Unterminierung.

Paradoxien

Unablässig gehen mir Fragen durch den Kopf dergestalt, wie und in welcher Art mein Leben zu dieser Existenz geraten war, in die ich mich geworfen fühle. Seit Harrers Tod, seit seinem Selbstmord, um genau zu sein, ist mir nach und nach, mehr und mehr bewusst geworden, in welchem Vakuum ich mich selbst befinde, ja, wie sehr ich mich auf die Konversationen mit Harrer und also Bestätigungen durch Harrer verlassen habe. Ja, ich habe mich regelrecht auf diesen Austausch verlassen, darauf gebaut, wie die Leute sagen, und dies erweist sich nun als Trugschluss. Es scheint so, als haben Harrer und ich eine Eigenwelt, ein privates Mehrebenensystem geschaffen, in der nur wir uns gegenseitig navigieren, dirigieren, motivieren, justieren und transzendieren konnten. Doch all dies ist auf einmal verschwunden und zurück bleibt nur der bittere Geschmack der Ernüchterung. Nun wandle ich durch Straßen, über Plätze, befinde mich in gelebten Rollen wie gefüllten Verkehrsmitteln und muss konstatieren, dass diese Welt, als die ich sie schon immer gewahrt habe, nicht zu delegitimieren ist. Nein, sie kann nicht verschleiert werden. Ihr Schleier ist weg. Mit dem Selbstmord Harrers, wurde auch der diese schreckliche Welt – und diese Welt ist schrecklich, grässlich, grausam, abstoßend, plump und hässlich –, umgebende Schleier, Mantel, wie auch immer, entfernt. Die widerlich Fratze freigelegt und ich registriere meine Armut. Soziale Armut, ökonomische Armut und sehe mich auf eine Stufe geworfen, die vollends inkongruent mit meinen Lebenserwartungen, Lebenszielen ist, ja diese vollkommen verquert, ad absurdum führt. So gehe ich Tätigkeiten nach, wandere auf vorgegebenen Pfaden, befolge diese und jene Weisungen und quittiere manche Sentenzen, und all dies geschieht ohne eine inhaltliche Stellungnahme, ein Überprüfen und Abgleichen mit meinen eigenen Interessen. Die vorgegebenen Bahnen, die mir ständig und überall als meine höchst eigene, höchst private und dadurch höchst individuelle Entscheidung FÜR dieses Leben suggeriert werden, sind ein Hohn, ein Spott auf das, was mich tatsächlich bewegt. Mehr und mehr bestärkt mich das Gefühl, dass all jene Rückzugsversuche mit Harrer qualitativ nie mehr waren als eben dies: Rückzugsversuche als Rettungsversuche als lebenserhaltende Maßnahme oder einfache Regression. Doch wenn die Maßgabe, die Lebensmaxime lautet, ein möglichst bequemes, angenehmes und kreatives Leben zu führen, dann können all diese Handlung in toto nur Dummheiten, Albernheiten und Perversitäten sein. Und gerade in diesen Perversitäten konstruiert man mir ein Geordnetheit, eine innere Logik. In der Tat verlaufen die vielfach reproduzierten und tausendfach diffundierten Handlungen nach einer immanenten Logik, beispielsweise der Profitlogik, jedoch ist es gerade diese Art der Systemlogik, welche den Irrationalismus auf Vernunftebene erhebt. Und dies kann freilich nicht in einem jedermann zuträglichen Fortgang geschehen. Die Verfallsprozesse, überhaupt das institutionalisierte Krepieren und Marodieren, sind nicht zu übersehen, nicht zu leugnen. Im öffentlichen Diskurs jedoch regiert die Apologie. Kulturelle Hegemonie ist die Referenz und das Äquivalent für all die wirklich verqueren Prozesse, die sich nicht zuletzt handgreiflich an den Individuen geltend machen. Kulturelle Hegemonie, die in einschlägigen Kreisen, als „Wertewandel“ moralisch verbrämt wird, ohne dabei die politischen Implikationen zu leugnen. Heuchelei ist das Komplement all dessen. Und Heuchelei wird mir an jeder Ecke hinterhergeschmissen, hinterhergeworfen, hinterhergerülps, hinterhergerauntzt und hinterhergeunkt. Unvermittelt sehe ich mich in eine Situation versetzt, in der Heuchelei den einzigen Fortschritt, besser, die Fortexistenz begründet. Ich selbst heuchle und sage die Grußformel, obwohl ich lieber Ausspucken wollen würde, lache zurück, obwohl ich mich lieber Abwenden wollen würde, antworte parierend, obwohl ich lieber Kritik anbringen wollen würde. Und gerade durch dieses Verhalten des unausgesetzten, unreflektierten Fortschreibens der jeweiligen Lebenssituationen, funktioniert der Apparat, die Maschinerie derart einwandfrei. Protest wird zermahlen, da er marginal und fehlgeleitet ist. Wer die kulturelle Hegemonie stiftet, der verfügt bereits über alle notwendigen Machtinstrumente, um seine Herrschaft abzusichern, sie auf Konsens zu gründen. Doch es ist diese zerstreute Vielheit („Gesellschaft“!), welche in ihrer sogenannten Individualität, in ihrer sogenannten Freiheit, ein großes Ganzes reproduziert und erst aufrecht erhält. Würde dieses willentliche Tragen zumindest in ein widerwilliges Ertragen verwandelt, so bestünden schon erste Haarrisse im System. Freilich wäre nichts über die Stoßrichtung ausgesagt und ob überhaupt eine progressive Bewegung erfolgen würde. Allerdings wäre ein anderes geistiges Klima konstituiert, ein fruchtbarer Boden, wenn man so will. Dieser Nährboden müsste entsprechend informiert und delegiert werden, kleine Formationen hervortreten lassen, welche in unausgesetzten Gegenbewegungen die allgemeine Stoßrichtung blockieren, den Motor, das Getriebe ins Stocken versetzen würden. Dann wäre der Auftakt für ein freies Atmen und ein kopfschmerzfreies Gehen geleistet. Konsens als Initiationsmoment. Ich müsste keine Wagen durch Discounter schieben, keinen Taten ohne ungewollten Bezug nachgehen und mir an jeder Ecke das Flehen um ein paar Cents anhören, das Schütteln mit dem Kopf gewahren und das Abwenden der Blicke als moralische Entgrenzung erleben. All dies wäre getilgt, niemand würde sich vorstellen können, dass Menschen derart „gelebt“ haben, wie gegenwärtig „gelebt“, geheuchelt wird. Man würde sagen: „Tatsächlich, derart abstrus wurde gelebt? Unfassbar wie borniert diese Menschen waren!“, in einer Manier, wie alte Alben durchgeblättert werde. Hier wird Leben nur geheuchelt, vorgegeben. Tatsächlich wartet jedermann auf Erlösung, auf das Ableben. Qualen die aufgebürdet werden. Doch es ist nicht Religion, es ist nicht Natur, es ist rein Menschenhand, die den Knebel aufsetzt. Es ist Perversion. Synchrone Lebensläufe als Paradoxien des Selbst, der Selbsterfahrung, der Selbsreflexion, des Selbsthasses, Selbstekels. Schimären, die sich das verwirrte Individuum zurechtlegt, um das Übel in sich zu suchen. Ein Unterfangen, das nur notwendig in die Irre leiten kann. Der Harrer reagierte mit Selbstmord, ich gebe ein paar Cents, oder einen Euro. Es scheint gar nicht zum Lachen, dass das Geldstück, verhundertfacht die Hoheit über Wohnraum, vervielfacht über Kleidung und Nahrung darstellt. Akkumuliert wirkt es am besten als Fetisch. Paradoxien des Selbst, Paradoxien des Alltags. Ich schaue mich um, und weiß, dass ich nur aufzählen kann, dass sich manche Gedanken verflüchtigen, doch nun will ich nach einer Note Harrers suchen. Einer kleinen Analogie, in der er Ähnliches in metaphorisierter Weise wiedergab. D’accord, Harrer war in der Lage das Wesentliche in luzider Art aufzubereiten. Aber Harrer, ja Harrer hatte ja Selbstmord begannen. Ex nihilo sah ich mich bereits auf den Spuren Harrers wandeln. Paradox, wieder nur eine Paradoxie.