Archiv für November 2008

Komplement des falschen Bewußtseins

„Zusammen mit der Individualisierung und der sozialen Polarisierung trägt die neoliberale Leistungsideologie, wonach „jeder seines Glückes Schmied“ ist, zur Entsolidarisierung bei und verhindert, dass eine gemeinsame Abwehrfront zustande kommt. Denn die Armut erscheint teilweise sogar unmittelbar davon Betroffenen nicht als gesellschaftliches Problem, das nur politisch erfolgreich bekämpft werden kann, sondern als selbst verschuldetes Schicksal, das eine gerechte Strafe für Faulheit oder die Unfähigkeit darstellt, sich bzw. seine Arbeitskraft auf dem Markt mit ausreichendem Erlös zu verkaufen, wie der Reichtum umgekehrt als mehr oder weniger angemessene Belohnung für eine überdurchschnittliche Leistung betrachtet wird.“

[Ch. Butterwege, B. Lösch, R. Ptak: Kritik des Neoliberalismus, S. 215f., VS Verlag: Wiesbaden, 2007]

In konsequenter Fortschreibung des Marxschen Gedankens vom „falschen Bewußtsein“, welches in der kapitalistischen Gesellschaft auf zweierlei Weise notwendig scheint, steht das obige Zitat. Nach Marx ist es eine Sache, für die vorherrschenden Asymmetrien des Gesellschaftlichen Partei zu ergreifen und sich zum Anwalt des guten Gelingens zu machen. Dies geschieht, ganz gleich, ob man persönlich sein Interesse dadurch befördert oder zurückgesetzt sieht. Die Mehrheit der „Manövriermasse des Kapitals“, jene „abhängig Beschäftigten“, deuten die hierzulande waltenden Prinzipien als gute, welche nur nicht adäquat reguliert und gehandhabt werden, weshalb alle vier Jahre der Gang zur Wahlurne als Mittel der Artikulation dienen soll.

Es handelt sich hierbei also auch bei den klaren Verlierern um falsche Denkmuster, welche ja geradezu erheischt scheinen, um nicht an der Irratio des Systems zugrunde zu gehen. Allerdings ist dies in der Endkonsequenz nur eine Selbstlüge, eine mehr schlecht als rechte Verbrämung von Zuständen, deren Herr man niemals ist. Den unerkannten Gegenstand auf das eigene Interesse zu beziehen ist demgemäß Dummheit, konsequentes Leben des „falschen Bewußtseins“. Auf doppelte Weise notwendig, um in diesem System „über die Runden“ zu kommen, jedoch vollends unnütz, um ein für alle Involvierten gutes und dem Stand der materiellen Produktivkräfte entsprechendes Leben zu garantieren. Dass sich die Ideologie bis ins Private (neben und getrennt von allen tatsächlich passierenden Sozialisierungen/ Privatisierungen gesellschaftlicher Risiken) und die scheinbar undurchdringlichsten Poren des Lebens fortschreiben, beweist nur mehr, inwieweit das Ausbeutungswesens nicht als solches durchdrungen und kritisiert wird. In der Folge kommt es zu Konkurrenzdruck, Arbeitsintensivierungen und akkumuliertem Elend, schleichender Prekarisierung sowie schleichender Pauperisierung der Massen. Widerstandsformen erscheinen sodann gar als Beschneidung persönlicher Freiheit, wo diese die eigenen Handlungsalternativen tatsächlich nur untergraben.

Projektierung

Nur in Kürze finden sich einige grundlegende Stichworte zu einer Einheit verdichtet niedergeschrieben, um sie in der Folge in ihrer gesamten theoretischen Breite auszuführen. Versucht wird, die vorherrschenden Formen von Legitimation des „Gemeinwesens“ darzustellen, sie zu analysieren und auf ihren politischen Gehalt hin zu reflektieren. Die Darlegungen werden sich sogleich als Kritik am vorherrschenden Diskurs verstehen, und keineswegs auf eine rein deskriptive Form der Analyse verweisen. Dabei soll nicht die Identifizierung und Festschreibung normativer Implikationen im Vordergrund stehen, die aus der Kritik selbst resultierten sollten. Vielmehr kommt es darauf an, in der Auseinandersetzung mit gegenwärtigen gesellschaftlichen Deutungs-, Darstellungs-, Artikulations, Arrondierungs- und Repräsentationsformen deren Ideologisierung offenzulegen und dem Beobachter ein theoretisches Werkzeug zu adäquater Dekonstruktion und Transzendenz an die Hand zu geben.

Legitimation der Gegenwart

Eine Diskursanalyse der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft

Inhalt

1. Aporien, Widersprüche und Nivellierungsformen innerhalb des Status quo
1.1. Darstellungs- und Repräsentationsformen des Gegenwärtigen:
1.1.1. Wahrheitsregime
1.1.2. Hegemonialstrukturen
1.1.3. Sozialdisziplinierungen
1.1.4. Selbsttechnologien
1.2. Selbstverhältnisse als Kontinuum liberaler Freiheitspostulate?

2. Die gesellschaftlichen Grundlagen des Status quo
2.1. Politische Wesensmerkmale
2.2. Ökonomische Wesensmerkmale
2.3. Kulturelle Wesensmerkmale
2.4. Interdependenzen: die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaftsform im „ideellen Durchschnitt“

3. Phänomenologie des Alltagslebens
3.1. Eine Irreführung
3.1.1. Wahrnehmungsweisen
3.1.2. Raumempfinden
3.1.3. Zeitempfinden
3.1.4. Raum-Zeit-Kontinuum im digitalen Zeitalter
3.1.5. Reflexion und Introspektion
3.1.6. Bewusstseins- und Identitätsbildung
3.1.7. Körperempfinden
3.1.8. Handlungsformen
3.2. Eine Legitimation
3.2.1. Schein und Anschein
3.2.2. Interesse und Mangel
3.3. Eine Dekonstruktion
3.3.1. Diskurs- und Machtanalyse

4. Ideologisierung und Diskursivierung des Alltagslebens
4.1. Gegenwärtige Tendenzen und Rationalitätsmythen
4.2. Neuauflage des Biologismus I: die Neurophysiologie
4.3. Neuauflage des Biologismus II: die Humangenetik
4.4. Neuauflage des Biologismus III: die wissenschaftliche Rezeption des Biologismus in Psychologie, Psychiatrie und Kriminologie
4.5. Neuauflage des Biologismus IV: die gesellschaftlichen Implikationen biologistischer Argumentation und deren öffentliche Streuung

5. Konjunkturen der Exklusion

5.1. Antisemitismus
5.2. Islamophobie
5.3. Rassismus
5.4. Sexualisierung
5.5. Homophobie

Das Leben als ästhetisiertes

Während ich meinen mir zur Routine gewordenen Spaziergang machte, meinen Spaziergang durch die Stadt, meinen Stadtspaziergang, so dachte ich über das Leben nach, über mein Leben und wie es geraten sollte. Dabei ist mir sofort und ohne weiteres Zögern bewusst gewesen, dass mein Leben und das Leben generell nur als ein in höchster Form ästhetisiertes zu bestehen hat, ja das tatsächlich alle Versuche zu Leben, ohne den entscheidenden Grad an Ästhetik erreicht zu haben, nahezu albern und dumm und nicht weiter lebenswert sind. Das Leben, habe ich mir gleich gesagt, muss ein ästhetisiertes sein! Aber was heißt das?, habe ich mich danach gefragt und bin einige Minute grübelnd und ziellos gelaufen und in meiner grübelnden Ziellosigkeit, meiner vermeintlich grübelnden Ziellosigkeit an einen Ort gelangt, an dem sich diese Frage auf adäquate Weise wenn nicht zu beantworten, so doch zumindest zu kontrastieren schien. Ich gelangte an einen Friedhof, und Orte solcher Art sind mir stets willkommen, denn sie erlauben das beschwerdefreie Atmen und also Vorausschauen. In der absoluten Stille, dich mich umgab, wollte ich meinen angerissenen Gedanken erneut aufgreifen, aber ich scheiterte! Ich scheiterte nicht an meinem Gedächtnis oder aber an meinem Herzen, neinnein, ich scheiterte an der Umgebung, die in der Tat weniger frei war, als ich zunächst antizipierte. Lauter sonntägliche Menschen, die sonntäglich gekleidet in sonntäglicher Manier meinten, diese Sonntagsheuchelei mit einem galanten Schlendern über den Invalidenfriedhof auf eine irgendwie geartete Weise zu adeln, aber sie gewahrten ja nicht, dass sie diesen Sonntag und alle dagewesenen Sonntage jener Art zu allen Zeiten auf vollendete Form konterkarierten, bloßstellten, negierten, ausradierten und ihre Köpfe entleerten, nur um unterhalb der Woche wieder all jenen Ballast und also Unrat anzuhäufen und zu sammeln, damit er sich am sogenannten Wochenende (was heißt das?) am Gegenüber, am Gerät, am Plenum, an der Obrigkeit, an der Unterwürfigkeit und an der Niederträchtigkeit abarbeiten konnte; und das Ganze siebzig Jahre nach der Progromnacht, nach der Kristallnacht! In zunehmender Raserei und also Atemnot verließ ich den Invalidenfriedhof und machte kehrt in Richtung des Hamburger Bahnhofs. „Gehen wir also zum Hamburger Bahnhof!“, hörte ich den längst toten Harrer sprechen und ich erinnerte mich ob der Klangfarbe, die stets eine regelrecht helle gewesen war, wenn der Harrer sagte: „Gehen wir also zum Hamburger Bahnhof!“ Der Harrer verweilte dort gern, verabscheute jedoch die Anwesenheit von anderen Menschen. Nicht selten schimpfte man ihn einen Soziopathen, dabei konnte ich ihn voll und ganz verstehen, denn die notwendige Kontemplation, welche erheischt ist, um sich den vorgefundenen Gegenständen auf adäquate Weise zu widmen, wird durch die Anwesenheit um Anerkennung bettelnder Mitmenschen nie erreicht, sodass man solcherlei Unternehmungen konsequenterweise ignorieren musste und also am Hamburger Bahnhof dergestalt vorbeistapfen musste, wie ich es in diesem Moment tat, dabei jedoch meinen Gedanken vom ästhetisierten Leben wieder aufnahm und ihn nun in Verbindung mit der honorierten Kunst, mit der am Hamburger Bahnhof zur Institution geratenen Kunst vergleichen und also folgerichtig in den Abort werfen konnte, denn es war nicht die Ansehung durch Dritte, welche ästhetisiert, es war nicht die Reflexion innerhalb der Künstlersubjektivität, welche ästhetisiert und es war also nicht die Lebensform, welche sich im Gestus des als des von der Gesellschaft isoliert lebenden Idioten geriert, welche ästhetisiert. Ästhetisierung erlangt man einzig durch Kreation dessen, was festgehalten zu werden verdient. Dasjenige, welches wir durch eigene Hand geschaffen haben, uns darin wiedererkennen, und uns letzthin darin selbst überschreiten können. Transzendenz des Ego ist das Leitmotiv der Ästhetisierung, die konsequente Auflösung aller Begrifflichkeiten, aller Semantiken, aller Semiotiken, aller Praktiken in der Überschreitung, sodass einzig die Zerstreuung in der Vielfalt und Unendlichkeit übrig bleibt, in der wir in einem fort hin- und hergewirbelt und hin- und hergezogen werden, aber es sind nicht mehr wir, es ist nicht mehr „Du“ oder „Ich“, sondern einzig und allein die vollendete Idee, die totale Entgrenzung und also Auflösung. In diesem Gedanken kehrte ich Heim und wollte Erbrechen, den in meinen Poren steckenden Ballast erbrechen und alle Risse tilgen, um mich als kleine Entität in die Vivisektion zu begeben, hinabsteigen um hinaufzusteigen, gehen, um anzukommen, untergehen, um aufzugehen. Wäre die Müdigkeit nicht derart zentnerschwer, dass sie mir die Glieder und also die Gedanken beschweren würde, wie leichtfüßig könnte ich der Welt begegnen. Somit bleibt die Lethargie als Hemmschuh aller Aktivitäten; Lethargie, in die ich durch den Traum tauche; Aktivitäten, die mich in meinen Träumen einholen, mich an die Hand nehmen und die Wege zu jenen Schauplätzen zeigen, an denen die Schnittstellen zwischen Realität und Parallelität, Realität und Pararealität liegen.

Fortschreibung

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