Archiv für Dezember 2008

Antipolitische Apologetik

Begriffe wie »parteilose Demokratie«, »good governance«, »globale Zivilgesellschaft«, »kosmopolitische Souveränität«, »absolute Demokratie« – um nur einige wenige der heute modischen Begriffe zu zitieren – sind ausnahmslos Bestandteile einer antipolitischen Vision, die sich weigert, die für das Politische konstitutive antagonistische Dimension anzuerkennen. Sie zielen auf die Schaffung einer Welt jenseits von »links und rechts«, »jenseits von Hegemonie«, »jenseits von Souveränität« und »jenseits von Antagonismus.« Mit dieser Sehnsucht wird jedoch völlig verkannt, worum es in demokratischer Politik geht und welche Dynamik bei der Konstituierung politischer Identitäten zu bewältigen ist, und sie trägt, wie wir sehen werden, zur Verschärfung des antagonistischen Potentials einer Gesellschaft bei.

[Chantal Mouffe: Über das Politische. Wider die kosmopolitische Illusion, Suhrkamp: Frankfurt/Main, 2007, S. 8]

Die moralisch begründete Weigerung vieler demokratischer Theoretiker, sich mit Schmitts Denken auseinanderzusetzen, ist meiner Meinung nach typisch für die moralische Tendenz, die für unseren postpolitischen Zeitgeist charakteristisch ist. Die Kritik an dieser Tendenz steht sogar im Zentrum meiner Überlegungen. Eine Kernthese meines Buches steht im Gegensatz zu dem, was postpolitische Theoretiker uns glauben machen wollen. Sie lautet, daß wir gegenwärtig keineswegs das Verschwinden des Politischen in der Dimension der Gegnerschaft erleben, sondern daß heute das Politische vielmehr im moralischen Register ausgetragen wird. Mit anderen Worten, es besteht immer noch in einer Wir-Sie-Unterscheidung, die aber statt in politischen jetzt in moralischen Kategorien definiert wird. Statt mit einem Kampf zwischen »rechts« und »links« haben wir es mit einem Kampf zwischen »richtig« und »falsch« zu tun.

[ebd., S. 11]

In konsequenter Fortschreibung des Marxschen Diktums des politischen Indifferentismus, extrapoliert Mouffe die als Hegemonialprojekt vorgestellte Leugnung politischer Gegensätze, welche sich nicht nur in elaborierter Ideologieproduktion wie Theoriebildung artikuliert, sondern auch innerhalb alltäglicher und sich selbst perpetuierender Diskurse am Wirken ist. Dabei kommt dem bewusst forcierten Leugnen jeglicher Antagonismen, jeglicher politisch, ökonomisch und gesellschaftlich gefasster Interessensgegensätze ein besonderer Stellenwert in der aktuellen Absicherung von öffentlicher Definitionsmacht zu. Die scheinbare Interesselosigkeit, die mancherorts tatsächlich als bloße und dumpfe Indifferenz seine Fortführung erlebt, ist grundsätzlich jedoch alles andere als frei von politischem Willen. Der proklamierte „Kompromiss“, der heutigentags als einzig „rationales“, gleichsam probates Mittel zur Entscheidungsfindung und Handlungsanleitung fungiert, artikuliert in neutraler Rede konsequente kapitalistische Ausbeutung sowie deren politische Macht- und Herrschaftsformen in einer „Semantik des Unscheinbaren“, sodass der unbefangene Betrachter sich tatsächlich bestätigt sieht, wenn ihm vom „Ende der Geschichte“ gesprochen wird, in der es einzig um die Verhinderung eines clash of civilizations zu tun wäre. Unterdrückung wird somit jedoch negiert, bestehende Verhältnisse sublimiert, euphemisiert und kritiklos hingenommen.

Die Ära der Postpolitik ist eine moralische und holt sich beständig Rüstzeug von moralischen Instanzen, die als solche wieder aufgewertet werden (Religion, Nation, Sitte, Familie und Privatheit, Kulturindustrie etc.). Die Privatisierung sozialer und individueller Risiken münden in einem „Kult des Moral- und Selbstmanagements“, dem jeder einzelne „bei Strafe seines Untergangs“ unterworfen ist. Hierin liegt sogleich die konsequente Fortschreibung Marxscher Kapitalismuskritik: das Paradox der Freiheit, Freiheit der Person, Freiheit der Wahl etc. sind nichts anderes, als die Freiheit zur Konkurrenz, bei dem letztlich individuelle Kraftanstrengung und absichtsvolle Durchsetzung des Eigeninteresses eine hybride Gesellschaftlichkeit produziert, die neben diversen Formen des Ausschlusses und der Ausgrenzung wie Armut auch in ihrer scheinbaren postmodernen Aufgeklärtheit nichts anderes darstellen, als die Durchsetzung liberalistischer Postulate:

Gemeint sind damit Lehrer/innen, Journalist(inn)en, Fernseh- und Radiomoderator(inn)en, Geistliche, Schriftsteller/innen, Künstler/innen und Schauspieler/innen, die in der Strategiebildung die Aufgabe zugewiesen bekommen, die neoliberalen Botschaften unter das Volk zu bringen. Das geschieht in der Regel nicht in transparenter Form, die auf Zweck und Ziel hinweist, sondern in Gestalt scheinbar objektiver Informationsvermittlung. Die „Secondhand Dealer“ sind insofern Objekte der neoliberalen Strategie zur öffentlichen Meinungsbeeinflussung.

[Christoph Butterwege, Bettina Lösch, Ralf Ptak: Kritik des Neoliberalismus, VS Verlag: Wiesbaden, 2007, S. 77]

Butterwege et al. verweisen hier auf die Notwendigkeit in scheinbar postpolitischen Verhältnissen, die sich „jenseits von Hegemonie“ wähnen (!), den „Kampf um die Köpfe“ in fortwährender Manier zu führen. Den Neoliberalismus ins Denken jedes einzelnen zu verankern ist das erklärte Ziel jener, die für sich den Anschein von common sense reklamieren, den faden „Bürgerwillen“ artikulieren und gerade darin ihren politischen und ökonomischen Interessen nachgehen, diese vielmehr forcieren und goutieren lassen. Der Rückgriff auf Handlanger und Erfüllungsgehilfen jeglicher Couleur verstärkt den Eindruck, dass es sich nicht um Einzelinteressen, sondern um das „Wohl aller“ handelt. Dies ist gleichsam die Fortschreibung der Mikrophysik der Macht, der Art und Weise, unterdrückende Diskurse in alle Poren der Gesellschaft dringen zu lassen. Das Stiften von Hegemonie muss bereits in der Schule einsetzen: Aufbereitung von Lehrmaterialien, Exkursionen zu einschlägigen Verbänden etc. Auch im Bereich der sog. Freizeit muss beständig am Zeitgeist gearbeitet werden, sodass sich neoliberales Gedankengut von selbst plausibilisiert. Es sind nicht mehr nur Politiker und Kapitalisten, sondern Menschen aus den verschiedensten Bereichen des alltäglichen und öffentlichen Lebens, die die antagonistische Definitionsmacht stärken.

Die Frage nach dem genuin „Politischen“ einer Gesellschaft wird nicht gestellt und soll unterbleiben. Wo Gegensätze, Widersprüche kenntlich gemacht sind, würden diese nach Auflösung verlangen. So ist es nur folgerichtig, dass am letzten Tag des Kalenderjahres, politisch Verantwortliche wie Würdenträger, die Honoratioren der Gesellschaft tief Luft holen und Durchhalteparolen eigentümlichster Art anstimmen. Man muss schlussendlich seine Untertanen auf Gefolgschaft einschwören. Dies unter Rekurs auf persönliche Schuldzuweisung, individuelles Fehlverhalten und der Beschwörung einer höheren Interessensgemeinschaft, die sich im inhaltsleeren wie abstrakten „Wir“ synthetisiert. Das genügt meistenteils, um als Handlungsimperativ und Movens des ewigen Weitermachens zu genügen: für eine Arbeits- und Alltagsethik ist den meisten noch ein so redundant und unreflektiert genutztes Wort wie „Finanzkrise“ einleuchtender als eine Befragung der je eigenen Interessenlage.

Zur „Neuen Berliner Schule“

Das Medium Film eignet sich ebenso wie jede andere Form der Kunst zu verschiedensten auch propagandistischen Zwecken. Dies ein Grund dafür, warum die Kunst stets auch von staatlicher Seite gefördert wird. Die Kunst ist dem bürgerlichen Individuum auf eine besondere, nämlich spielerische Art und Weise zugänglich. Kunst verneint den Alltag, selbst in der Darstellung desselben schwingt ein Rest von Transzendenz mit: die je verschiedene Ästhetik. Im Film vor allem als Visualisierung, als Inszenierung eingesetzt, kann sie jedoch sogleich auch Mittel der (Selbst)Reflexion sein, kann Prozesse des Innertwerden anstoßen und Kritik perpetuieren, prolongieren und intensivieren. Als Dokumentarfilm in scheinbar nüchterner, faktengetreuer Schilderung gegebener Umstände gleichfalls wie als Spielfilm, der stets den Rückgriff ins Fiktive wahrt und sich diverser Charaktere bedient.

Gleichwohl ist dem genauen Beobachter bewusst, das Kritik, Porträt und Unterhaltung schwer in eins fallen. Nicht zuletzt das Angebot an stets neuen Filmen offenbart dies, trotz der Vielzahl von Produktionen. Verklärungen, Verbrämungen, Moralisierungen, Naturalisierungen sind Bestandteil einer Filmkunst, die sich dem Status quo unterwirft und rege dazu beiträgt haltlose Zustände in der ihm eigenen subtilen Form zu apologetisieren. Dennoch ragen immer wieder einzelne Filme aus dem großen Sammelsurium hervor, die nicht nur zum allgemein recht gern angestimmten „Nachdenken“ anregen, sondern in ihrer vermeintlichen Stille Zustände offenlegen, die aufgrund der Detailtreue, Behutsamkeit und Tiefenschärfe dem Betrachter erstmalig in dieser Form ins Bewusstsein treten. Der Film kann dann zu einer Art Spiegel werden, der dazu beiträgt, bestehende Verhältnisse auf ihre Gültigkeit hin zu befragen, gar infragezustellen.

In der berufsmäßig mit dem Film betrauten Branche ist es üblich, Erscheinungen zu kategorisieren, um sie der Allgemeinheit als Erkennungsmerkmal darzubieten, als Fixpunkt. So hat sich denn auch für eine Form des Films, der insbesondere in Berlin angesiedelt ist, das Wort der „Berliner Schule“ eingebürgert. Es ist insbesondere diese Filmschule, der es gelingt, alltägliche Erscheinungen in ungewohnter Form ins Bild zu rücken. Der Plot scheint dabei fast schon hintanzustehen, doch zeigt sich alsbald, dass es gerade die Nüchternheit ist, welche o.g. Effekt erzielen kann, sofern man sich als Zuschauer darauf einlässt.

Dieser Film soll in der Folge näher beleuchtet und auf seine soziologische und gesellschaftskritische, letztlich politische Bedeutung hin befragt werden. Wovon geht dieser Film aus? Welche Mittel nutzt er? Wie thematisiert er das Thema Identität? Welchen Begriff von Heimat artikuliert er? Gelingt es ihm Wirkung zu entfalten, wenn ja, in welcher Form? Kann solcher Film überhaupt unterhaltend wirken? All dies sind Fragen, die beispielhaft an Filmen von Regisseuren wie Angela Schanelec, Christian Petzold, Maria Speth und Marcus Lenz debattiert, kontextualisiert und in Kontrast zu überregionalen, sog. internationalen Filmen von so heterogenen und arrivierten Regisseuren wie Polanski, Kieslowski, Kubrick, Tarkovsky und Bergman gesetzt werden sollen.

Übersicht der Studie: Die „Neue Berliner Schule“ – Ein filmanalytischer Versuch über das gesellschaftskritische Potenzial einer Alltagsästhetik

I. Das Medium Film und seine Funktion
a. Der Film im Vergleich zu anderen Künsten
b. Die Funktionen des Films
II. Die „Neue Berliner Schule“
a. Repräsentanten
b. Ästhetik
c. Aussage
III. Gesellschaftskritik im Film
a. Potenzen
b. Gesellschaftliche Bedingungen
IV. Kontextualisierung: Die „Neue Berliner Schule“ im Vergleich
V. Fazit oder „Eine Meinungsbildung erfolgt woanders.“

Läsionen

Abendliche Abstecher in die Gesellschaft sind stets lehrreich. In gewisser Hinsicht eignet sich die Vielzahl an möglichen Konstellationen des Sozialen zur Feldforschung. Die Grundtendenz jedoch ist Abspaltung, Weg-Wollen: die Gesellschaft droht einen in ihrer Masse zu zermalmen. Dies als Apriori jedes Spaziergangs gesetzt, ist das Beobachten geradezu eine Last, der man alsbald wieder entschwinden will, um zur Ruhe zu gelangen. Hat man lang genug seinen eigenen Kopf kultiviert, seine eigene Welt illustriert und die Geschehnisse in ihrer ewig gleichen Art und Weise analysiert, die Strukturprinzipien und Imperative durchdrungen, so bleibt dies als einzige Möglichkeit. Weg von diesem Kontakt, der keiner ist, weg von den Blicken, die strafen wollen, sobald sie Ungewohntes lokalisieren, vermeintliches nicht an den von ihnen gesetzten Platz gehörig Befundenes wittern: Argwohn, Perversion, Entfremdung, Würgen. Der isolierte Blick wird marginalisiert, letztlich stigmatisiert. So entfernt man sich, geht zu Fuß. Unterhalb des Weges bleibt man stehen und hält inne. Das Passieren einer Seitenstraße ruft wohlbekannte Assoziationen hervor, die Augen verwandeln sich zum Objektiv, das Gemüt zum Filter. Blautöne passieren die Netzhaut, ein kalter Luftzug, Ausatmen, Hören, den eigenen Körper wahrnehmen, die eigene Dezentrierung konstatieren, das eigene Leben begreifen. Den Positivismus des Alltags zur Seite gelegt, abgestreift und alle verankerten Institutionen gemustert, bleibt die Frage nach dem „wohin“? Daseinsberechtigungen besitzt diese Gesellschaft keine, sodass ihr Verschwinden niemanden berühren sollte. Vermeintlich. So hört man die eigenen Schritte auf dem Kopfsteinpflaster, fühlt sich vom Gelb der Laternen umwoben und steckt die kalten Fingerspitzen in die Hosentaschen. Man selbst übergibt sich nicht. Das Schlechte ist extern, niemals intern. Bestandsaufnahmen der schlechten Institutionen wollen dieses Verhältnis allzu oft verkehren, in einen injizieren und materialisieren. Die Erkenntnis erleichtert, jedoch nur ein kleines Stück, denn über Schlechtes wissen, zerstört zunächst einmal Illusionen, Handlungsorientierungen. Daraus erwächst jedoch die Katharsis, die Dekonstruktion wird zum Programm der Isolation. Diese Gesellschaft verabscheuen ist keine Narretei, sondern lebensrettende Maßnahme. Hand an sich legen sollen andere, wir erstürmen unsere Konjunktive des Lebens und zerschmettern die Büsten der erstarrten Apologie.

Zeit und Zeitkulturen

Denn die maßgebende Zeitvorstellung unserer Kultur folgt dem Grundsatz Zeit ist Geld, den Max Webers angeblicher Mustervertreter des kapitalistischen Geistes Benjamin Franklin formuliert hat. Obwohl der Westen mit guten Gründen beanspruchen kann, dass die Erfolge seiner spezifischen wissenschaftlich-technischen Kultur, vor allem die ökonomischen, auf der Beherzigung dieses Grundsatzes beruhen, bleibt der zugleich von der kulturkritischen Sehnsucht nach einer Welt erfüllt, in der die Menschen Zeit haben oder gar zeitlos glücklich sind. Außereuropäische Kulturen, die gerade dabei sind, die europäisch-amerikanische Zeitkultur zu übernehmen, um sich im globalen Wettbewerb behaupten, werden ebenso nostalgisch idealisiert wie die Wahnidee, bei unserem Lebensstandard müsste doch eigentlich eine Neuauflage des mediterranen dolce far niente möglich sein, nach dem Motto des irischen Sprichworts: When God created time, he made plenty of it – aber natürlich ohne die dort einst dazugehörende Armut. Eine Wahnidee deswegen, weil das auf einem wachstumsorientierten Aktivitätenmarkt nicht möglich ist.“

[Wolfgang Reinhard: Lebensformen Europas. Eine historische Kulturanthropologie: C.H.Beck: München, 2004, S. 582]

Tatsächlich ist das Bewusstsein in sog. Wohlstandsnationen des Westens in Regressivität befangen, wenn es darum geht, zwar den bedrängenden Alltag zu wollen und zu affirmieren, ihn mit keiner Silbe zu kritisieren, zugleich jedoch in sich nicht den Wunsch auf ein angenehmeres Leben aufgibt. Der strukturelle Widerspruch wird geleugnet, den könnte man an politische Rationalitäten und ökonomische Imperative knüpfen. Gleichwohl besteht auch in einer gedrosselten Zeitkultur keinerlei Grund zur Hysterie angesichts vorfindlicher Produktivkräfte. Den Bedarf an Gebrauchswerten würde man allemal zustande bringen und müsste dabei nicht einmal auf Armut in der Peripherie („komparative Kostenvorteile“) setzen, um global eine Atmosphäre des guten Lebens zu erbauen. Jedenfalls das Faktum sprich für sich: die Sehnsucht nach Entschleunigung, Erleichterung, Abwesenheit von Stress und Armut. Man sollte dies nicht für eine Elitenbedürfnis halten, sondern viel tiefer in eine Gesellschaft eindringen, um festzustellen, dass der gewahrte Reichtum sich gegen die Individuen kehrt, sich gleichsam als Warenfetischismus in sie einschreibt, ausschließt, ja sogar konsequent verarmt. Der Gegenstand ist weniger ein psycho-logischer, denn ein polit-voluntaristischer. Auch sind es nie die geschaffenen (technischen) Potenzen per se, die Regressivität produzieren, sondern stets deren Anwendungen, die bestimmten Auflagen unterliegen.

Zur Zukunft der Humangenetik – Prävention oder neue Eugenik?

Als Rekurs und Kommentar zu virulenten Debatten um Für und Wider von Humangenetik, soll hier kurz angerissen werden, wie zwiespältig naturwissenschaftliche Begriffsbildung einerseits ist, und wie deren Resultate in der Endkonsequenz passende Materiatur für politische Regulation unerwünschter Erscheinungen der Gegenwart darstellen. Einer neuer Biologismus als scheinbare Objektivität?

Der Text kann hier in Gänze als pdf gelesen werden.

Katarakte des Alltags

Oft hatte ich nach den Gesprächen, Gedankenaustauschen mit Harrer ein viel größere Anzahl an Fragen in meinem Kopf und also Geiste, als es noch vor der Unterredung zu besorgen stand. Dies identifizierte ich jedoch niemals als einen Mangel, ein Fehlen an Wissen – und es war durchaus immer ein Fehlen an Wissen meinerseits, wie es ein geradezu überbordendes Maß an Wissen auf seiten Harrers andererseits war –, sondern stets als einen Ansporn, mich noch intensiver, noch angestregter und noch zielstrebiger der Lektüre und also Wissensakkumulation, dem Erkenntnisgewinn zu verschreiben. Jedoch, so musste ich alsbald desillusioniert feststellen, war dies alles andere als eine leichte oder angenehme Angelegenheit. Es erfordert vor allem zwei Dinge: Zeit und Geduld. Wiederum zwei Dinge, die im gewöhnlichen Alltag, der ein bürgerlich-kapitalistisch verfasster ist, alles andere als im persönlichen Vorrat vorhanden sind, allen Beschwichtungen zum Trotz. Als interessant erwies sich während meiner Studien, die oftmals bloße Grübeleien, stupendes Starren oder konsterniertes Im-Kreis-Gehen waren, der Abgleich mit anderen Zeitgenossen, zunächst Kommilitonen, später bloßen, banalen Mitmenschen, die ihr Leben leben, wie man so schön blöd sagt. Hierbei stieß mir insbesondere ein Umstand ganz besonders ins Auge: Dass es, wenn es denn überhaupt einmal ums Wissen ging – und in der Regel ist dies eine Ausnahme im gesellschaftlichen Verkehr –, so doch immer nur auf eine widerwärtig plumpe Art. Wissen galt und gilt dann als ein Mangel an Macht, an Potenzen, andere Menschen in dem Maße symbolisch oder gewalttätig zu beeinflussen, dass mit einem und den dazugehörigen Weltinterpretationen, Weltphilosophien und Weltspintisierereien konform gingen. Wissen ist dort als ein Instrument identifiziert. Allerdings nicht in pragmatisch-progressiver Hinsicht; nicht, um sich die Welt so weit wie möglich kommod zu machen, die Natur entsprechend zu bearbeiten, her- bzw. einzurichten, sondern lediglich in einer stumpfen Form des Vorankommens. Vorankommen angesichts vorliegender Störfälle, Katarakte des Alltags, Prüfungen, Examina, Nachtmittagskaffeklatsch, Tresengespräche, sportliche Interaktion, kurzum das weite, nahezu unendlich Feld des gesellschaftlichen Verkehrs, den Produktionsprozess und die Ausbeutung mit inbegriffen. Hieraus nimmt dieser ideologisch-fetischisierte Wissensbegriff denn auch seinen Anstoß: die Welt ist eine codierte, verschlüsselte, essentialisierte, naturalisierte, physiologisierte. Sie ist regressiv und repressiv, doch in keinster Weise dem Wissen aufgeschlossen gegenüber. Sie ist eine verhausschweinte, voller Domestiken. Im Geiste Gesinnungslumpen, Proletarier in politökonomischer Hinsicht. Wissenschaft ist verbrämt, ihre naturwissenschaftliche Seite der Profitlogik in strengster Weise ergeben, in methodischer Hinsicht auf Verifizierung bedacht und erprobt. Ihr gesellschaftlicher Gegen- bald schon Widerpart, die Geisteswissenschaft als ideologisch bzw. naiv verlacht, als Beiwerk einer Welt gedacht, die mit sich alles andere als im reinen ist. Einer Welt, die beständig Produkte der Zerstreuung, Theoreme der Lenkung, Etagen sozialer Arrondierungs- und Hierarchisierungskämpfe benötigt. Wenn ich mich denn also verlacht fand, weil ich auf ein physikalische oder ästhetische, auf eine biotechnologische oder chemische, auf eine ethnologische oder gar juristische (!), politische (!), medizinische (!) oder psychopathologische (!), statische, baustoffbezogene (!) oder materialkohärente (!) Frage, nicht sofort oder auch auf längere oder längste Sicht keine Antwort parat hatte, wendete ich mich einfach ab und schwieg und überließ es dem Rest, dem enervierenden Plenum, sich im stumpfen Positivismus der Alltäglichkeit, des Positivismus des Sozialen, der Interaktion und bürgerlichen Gefühls- und Beurteilungswelt („Geschmackssache“!; „gut bzw. schlecht“!) und Wissenssoziologie zu baden. Ich verbat mir ab einem gewissen Zeitpunkt jedes Gefühl der Erniedrigung und Beleidigung und widmete mich ganz der (Re)Aktualisierung meines Wissens, welches niemals nur ein leidlicher Selbstzweck war; hielt mich Büchners Lenz: „Er ging gleichgültig weiter, es lag ihm nichts am Weg, bald auf- bald abwärts. Müdigkeit spürte er keine, nur war es ihm manchmal unangenehm, daß er nicht auf dem Kopf gehn konnte.“