Archiv für Januar 2009

Zur Gewalt II

Die seinerzeit angerissenen Gedanken verdienen eine Fortschreibung dahingehend, dass explizit auf die Gewaltformen eingegangen werden muss. Dabei interessiert in erster Linie die Frage nach dem zugrundeliegenden Interesse und in zweiter Linie die Form der Gewaltausübung und deren Realisierung durch die Involvierten. Es wird zu untersuchen sein, inwieweit die bürgerliche Gesellschaft eine Gewaltkultur erzeugt, die wiederum gewalttätiges Handeln vorstrukturiert. Dabei soll auch der Begriff der sexualisierten Gewalt eingeschlossen werden, welcher getrennt von politischer und ökonomischer Gewalt gedacht wird. Nicht in der Form eines Logozentrismus, jedoch in Form der logischen Entfaltung unter Beachtung der spezifischen Qualität von Gewalt.

Zur genealogischen und phänomenologischen Rekonstruktion und Kontextualisierung von »Tat- und Unfallort« II

I. Gewalt – Zur Definition einer inflationären Vokabel
II. Gesellschaftliche Grundlagen von Gewalt
a. Politische Gewalt
b. Ökonomische Gewalt
III. Gesellschaft und Gewaltkulturen
a. Subjekt- und Körperkulturen
b. Dispositive der Macht
IV. Sexualisierte Gewalt – Eine Sonderform von Gewalt – Warum?
a. Exurs zu „Sexualität und Wahrheit“ (Foucault)
b. Exkurs zu „Kapitalismus und Schizophrenie“ (Deuleuze/Guattari)
V. Gewalt und Folge
a. Zur „Tat“
b. Zum „Tatort“
c. Zu Identitäten – Intersubjektive Wechselverhältnisse in der Gewaltausübung und deren Dekonstruktion
i. Zur „Dialektik von Herr und Knecht“
VI. Schmerz und Schmerzempfinden
a. Physischer Schmerz
b. Psychischer Schmerz
c. Zum „Unfallort“
VII. Öffentliche Verhandlung von Gewalt
a. Moralisierung, Psychologisierung, Biolgisierung
b. Zur Verifikation alter Kategorien („Rasse“, „Klasse“, „Nation“ und „Geschlecht“) – Dekonstruktivismus II
c. Bürgerliche Kriminalitätstheorien und Positivismus
VIII. Fazit und Ausblick

Zum Fetisch des Geldes

Man hat gesehn, daß die Geldform nur der an einer Ware festhaftende Reflex der Beziehungen aller andren Waren. Daß Geld Ware ist, ist also nur eine Entdeckung für den, der von seiner fertigen Gestalt ausgeht, um sie hinterher zu analysieren. Der Austauschprozeß gibt der Ware, die er in Geld verwandelt, nicht ihren Wert, sondern ihre spezifische Wertform. Die Verwechslung beider Bestimmungen verleitete dazu, den Wert von Gold und Silber für imaginär zu halten. Weil Geld in bestimmten Funktionen durch bloße Zeichen seiner selbst ersetzt werden kann, entsprang der andre Irrtum, es sei ein bloßes Zeichen. Andrerseits lag darin die Ahnung, daß die Geldform des Dings ihm selbst äußerlich und bloß Erscheinungsform dahinter versteckter menschlicher Verhältnisse. In diesem Sinn wäre jede Ware ein Zeichen, weil als Wert nur sachliche Hülle der auf sie verausgabten menschlichen Arbeit. Indem man aber die gesellschaftlichen Charaktere, welche Sachen, oder die sachlichen Charaktere, welche gesellschaftliche Bestimmungen der Arbeit auf Grundlage einer bestimmten Produktionsweise erhalten, für bloße Zeichen, erklärt man sie zugleich für willkürliches Reflexionsprodukt der Menschen. […]

[Karl Marx: Das Kapital. Erster Band, MEW Bd. 23, Dietz: Berlin, 1962, S. 105]

Wir sahen, wie schon in dem einfachsten Wertausdruck, x Ware A = y Ware B, das Ding, worin die Wertgröße eines andren Dings dargestellt wird, seine Äquivalentform unabhängig von dieser Beziehung als gesellschaftliche Natureigenschaft zu besitzen scheint. Wir verfolgten die Befestigung dieses falschen Scheins. Er ist vollendet, sobald die allgemeine Äquivalentform mit der Naturalform einer besondren Warenart verwachsen oder zur Geldform kristallisiert ist. Eine Ware scheint nicht erst Geld zu werden, weil die andren Waren allseitig ihre Werte in ihr darstellen, sondern sie scheinen umgekehrt allgemein ihre Werte in ihr darzustellen, weil sie Geld ist. Die vermittelnde Bewegung verschwindet in ihrem eignen Resultat und läßt keine Spur zurück. Ohne ihr Zutun finden die Waren ihre eigne Wertgestalt fertig vor als einen außer und neben ihnen existierenden Warenkörper. Diese Dinge, Gold und Silber, wie sie aus den Eingeweiden der Erde herauskommen, sind zugleich die unmittelbare Inkarnation aller menschlichen Arbeit. Daher die Magie des Geldes. Das bloß atomistische Verhalten der Menschen in ihrem gesellschaftlichen Produktionsprozeß und daher die von ihrer Kontrolle und ihrem bewußten individuellen Tun unabhängige, sachliche Gestalt ihrer eignen Produktionsverhältnisse erscheinen zunächst darin, daß ihre Arbeitsprodukte allgemein die Warenform annehmen. Das Rätsel des Geldfetischs ist daher nur das sichtbar gewordne, die Augen blendende Rätsel des Warenfetischs.

[ebd., S. 107f.]

Marx erläutert die Besonderheit des Geldes als dem allgemeinen Äquivalent innerhalb des Warentauschs. Indem alle Waren sich zum Geld als Drittem gegenüber in Beziehung, in unmittelbare Austauschbarkeit setzen, erfährt das Geld (seinerzeit noch in Gold und Silber repräsentiert, heute davon vollends emanzipiert) eine ungeahnte Aufwertung. Bewusst ist dem warentauschenden Subjekt nur eines: der Bedarf an Geld als der Verfügungsmasse über sämtliche Gebrauchswerte ist nie endlich. Dass sich alle Waren zum Geld als Material der abstrakten Wertgegenständlichkeit verhalten ist jedoch nicht nur reine Imagination, wie die Rede vom bloßen Geldzeichen nahelegen mag. Zwar wird den Banknoten heutigentags per staatlichem Dekret Autorität verliehen. Die jeweilige Währung ist das gesetzliche Zahlungsmittel und dessen Emission obliegt lediglich der staatlichen Nationalbank. Dennoch sind es die Waren bzw. die Warenbesitzer welche sämtliche Warenwerte sich im Geld reflektieren lassen, somit den konkreten Gebrauchswert und vom Gehalt der Produkte abstrahieren und in Form kommensurabler Größen nivellieren, dem Geld kommt nicht von jeher die ihm beigemessene Bedeutung zu, sondern ist Prozess:

In demselben Verhältnis, worin der Warenaustausch seine nur lokalen Bande sprengt, der Warenwert sich daher zur Materiatur menschlicher Arbeit überhaupt ausweitet, geht die Geldform auf Waren über, die von Natur zur gesellschaftlichen Funktion eines allgemeinen Äquivalents taugen, auf die edlen Metalle.

[ebd., S. 104]

Zur Gewalt

Eine Theorie der Gewalt muss ihren Anfang bei den Gründen und Motivationen für die jeweilige gewaltvolle Handlung nehmen. Es muss davon ausgegangen werden, dass Menschen keineswegs inhaltsleer, „sinnlos“ wie es oftmals heißt, dazu übergehen, gegen andere, Dritte Gewalt anzuwenden. Gewaltanwendung versteht sich insofern als bloßes Mittel zur Durchsetzung des eigenen Interesses, welches zunächst als unbefriedigtes auftritt. Wir finden somit einerseits das Interesse, ein Mangelempfinden verbunden mit einer Zielgerichtetheit, die in der Auflösung oder Aufhebung des Mangels andererseits seine Realisation erfährt. Dies besteht getrennt von den jeweiligen konkreten Inhalten bzw. Motiven, jedoch auch nicht gegen diese gerichtet. Nur wenn dies erkannt wird, kann dazu übergegangen werden, von einer rein repressiven bzw. restringierenden Form der Gewaltkritik hin zu einer Transzendenz der Gewalt zu zielen. Beachtet werden muss jedoch eines: Die tatsächliche Kausalität existiert unabhängig von der einzelnen Bedürfnislage. Anders formuliert heißt dies, dass es wesentliche strukturelle Prinzipien, Systemgrundlagen gibt, die fortwährend dazu anzustiften – keinesfalls ein Determinismus, aber doch motivierend! –, sich gesellschaftlich sanktionierter Formen der Aneignung durch und vermittels Gewalt zu bedienen.

Gewalt wird zum einen zur Beschaffung materieller Güter angewandt. Dies in mannigfaltiger Form wie Raub und Eigentumsdelikte, Erpressung und Beschaffungskriminalität im weitesten Sinne etc. Zum anderen aufgrund psycho-sozialer Motivationen artikuliert in Begriffen wie Ehre, Anerkennung, Rechtschaffenheit, (National)Stolz und dgl. mehr. Eine dritte davon abgeleitete Form ist die sexualisierte Gewalt in Form von Nötigung, Vergewaltigung und Missbrauch zur Erlangung sexueller Befriedigung. Es ist augenscheinlich, dass verschiedene Gewalten einen mehrdimensionalen Aspekt aufweisen wie bspw. die sog. Habgier verdeutlicht, bei der materielle und ideelle Beweggründe in eins fallen. Gleichfalls treten Raub und Erpressung in Verbindung mit sexualisierter Gewalt auf. Dies besteht wohlmerklich getrennt von der höchstamtlichen Form der Gewalt: der Staatsgewalt1, welche sich durch das Gewaltmonopol innerhalb der Gesellschaft definiert und als einzige Partei auf sog. „legitime Gewalt“ setzt, um die eigene Herrschaftsgrundlage, die „öffentliche Sicherheit und Ordnung“ aufrechtzuerhalten.

Die Formen der Gewalt und ihre spezifischen Beweggründe sind denn allerdings auf das ihnen Gemeinsame, das Genuine zu reflektieren: Welcher Art systemischen Umfeld bedarf es, um Gewalt als zwar zivilrechtlich illegitim, intersubjektiv jedoch legitim erscheinen zu lassen? Zunächst aus physisch-psychischer Sicht als reines Faktum der (Lebens)Angst beim Malträtierten, Drangsalierten, Viktimisierten (dem sog. „Opfer“); aus Sicht des Gewaltanwendenen („Täter“) aufgrund der Machtausübung und also des Willensbruchs beim Anderen, welche notwendig erscheint, um das je verschiedene Ziel zu erreichen.

Man muss davon ausgehen, dass bestimmte gesellschaftliche Gegebenheiten Ausschluss von Mittel bzw. Trennung von der Verfügung über Dinge des Bedarfs produzieren. Hier bleibt als erstes zu konstatieren:

• Die gegenwärtige bürgerlich-kapitalistische Gesellschaftsform produziert Ausschluss
• Dies geschieht aufgrund der in ihr waltenden Prinzipien, die sich grob in der Eigentumsgarantie sowie freien Konkurrenz (der formellen Gleichheit gegenübertretender Rechtssubjekte) festhalten lassen.
• Hieraus erwachsende Kriminalität ist strukturell verfasst und keineswegs eine Ausnahme der „höheren Prinzipien“, wonach jedem das Beste widerfahre, sofern die Grundregeln des System (freier Handel führt zur Wohlstandsmehrung; formelles Wahlrecht führt zur adäquaten Verteilung politischer Rationalitäten und Entscheidungen) beachtet würden (kurzum: „invisible hand“ sowie Bedarfsregelung gemäß Angebot und Nachfrage)

Wenn es feststeht, dass Bedürfnisse nur in Form zahlungskräftiger Nachfrage auftreten können, so werden all jene Interessen desavouiert, welche keinerlei Zahlungskraft auf sich vereinigen können und sozusagen „mittellos“ um Befriedigung bitten.

Die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft, welche in ihren Fundamenten auf der Freiheit und Gleichheit fußt, produziert nicht nur fortwährenden Mangel durch Ausschluss auf der einen, sondern auch anhaltenden Verschleiß wie Verschwendung von Ressourcen und Kapazitäten infolge unabgerufener bzw. nicht nachgefragter Gebrauchswerte auf der anderen Seite. In der Endkonsequenz kommt es vermittel durch technologische Produktivkraftsteigerungen zu einem nahezu ungeahnten Reichtum, der mit einer sich andauernd potenzierenden Armut einhergeht. Es ist diese Armut, welche versucht ist, sich Geltung zu verschaffen.

Eine Variante des Geltendmachen von Ansprüchen ist die Kriminalität (in kriminologischen Diskursen als „Devianz“ oder „Delinquenz“ vorgestellt). Diese Varianten setzen sich in der Folge auch in der bereits oben beschriebenen Form durch: Willensbruch zur Erlangung des erheischten Gebrauchswert, der sich in mannigfacher Weise materialisieren kann: als Rechtstitel, als Geld (die Zugriffsmacht zum abstrakten Reichtum)2 oder aber Verfügung über einen Menschen artikulieren kann. Ohne näher auf die einzelnen Verlaufsformen der hier als Begleiterscheinung auftretenden Gewalt einzugehen, muss also festgehalten werden, dass die Gewalt ein Stück weit strukturell ist und nur durch Überwindung bzw. Aufhebung dieses Widerspruchs beseitigt werden kann. In der Umkehrung heißt dies: Wo kein Mangel produziert, sondern befriedigt wird, da auch keinerlei Notwendigkeit des Willensbruch auf der anderen Seite zwecks Erlangung des Gegenstands des Interesses. Es muss also die exklusive Verfügungsmacht fallen, sodass dieses Konfliktpotential verschwindet.

Wie begegnet man dem ideellen „Überbau“ einer Gesellschaft, in der Kriminalität erscheint? Muss zunächst nicht erst der Begriff „Kriminalität“ auf seinen Entstehungshintergrund beleuchtet werden? Wenn „Kriminalität“ als Begrifflichkeit eingeführt wird, um „Delinquenz“ oder „Devianz“ zu umschreiben, so ist er mehr als Folie eines hinterlegten Kontrasts zu verstehen, der verschiedene Phänomene anhand geltender Prinzipien lediglich positivistisch anhäuft und in der Folge durch das ihm eigene Kategoriensystem subsumiert.

Zunächst bedarf es einer Diskursanalyse der Begrifflichkeit(en), die ansonsten unreflektiert in die Analyse mit einfließen würden. „Kriminalität“ ist jedoch als Topoi untrennbar mit der bürgerlichen Gesellschaft verbunden. Wir stoßen auf dieselben Schnittmengen, auf die wir bereits in der Betrachtung des Ausschlusses durch Eigentum gestoßen sind: das positive Recht liberaler Herkunft.

Es ist dieses Rechtssystem, das sich – in allerhand liberaler Philosophien reflektiert –, getrennt von der politisch und ökonomischen Ausgestaltung des Alltags in den Köpfen und Gedanken der ihm unterworfenen Menschen widerspiegelt. Es bedarf demnach einer kritischen Reflexion über die ausgeübte Informations- und Wissensproduktion, das „Erzählen“ und „Erfinden“ von Wahrheiten, der kulturellen Hegemonie als auch der idealen Sprechsituation, die das entgegengesetzte Denken und Reden zu marginalisieren sucht.

Um den Gedanken kurz zusammenzufassen: die ideelle Darstellung der bürgerlichen Gesellschaft bedarf der kritischen Überprüfung, da aus der Reflexionen Vorstellungen vom Zustand der Gesellschaft entstehen, die das Handeln jeweiliger Menschen strukturieren (Moral, eherne Grundsätze und Prinzipien, Idealismus, Soll-Zustand, Wünschen, Hoffnungen und Träume: all dies dient als neuerliche Kontrastfolie, als Reaktion auf vorgefundene Verhältnisse und es bleibt zu klären, ob und inwiefern dieses Denken lediglich „falsches Bewusstsein“ und also als Ableitung einer zu verwerfenden Realität zu verstehen sind, oder ob den Gedanken bereits Tendenzen einer Transzendenz des Status quo innewohnen).

Die sexualisierte Gewalt ist dichotomisch verfasst: Sie beinhaltet sowohl Schnittmengen mit der bürgerlichen Vorstellung vom Menschen (Individualphilosophie als Kontinuum der gültigen liberalen Rechtsphilosophie), der konstruierten Vorstellungen der menschlichen Sexualität und der Repräsention in den bürgerlichen Wissenschaften vom Menschen (Humanwissenschaften). Gleichwohl hat es Vergewaltigung oder Missbrauch bereits in der Antike gegeben. Es bleibt somit auch hier zu klären, inwiefern der angelegte Maßstab einer vorgefasster, eine Art Apriori ist, der das konstante Bild der Kategorien ad absurdum führt, weil er vorangegangene Gesellschaften inadäquat beschreibt (aufgrund des seinerzeit anders gearteten Selbstverständnisses einer Gesellschaftsform) oder ob ihm tatsächliche überzeitliche Geltung zukommt.

Das Reden über Sexualität impliziert zumindest das Vorhandensein der Kategorie des „Sexes“. Sexualisierte Gewalt ist nicht von ihrem Inhalt zu trennen. Wir denken in ihm eine Verschärfung des Angriffs auf das „Opfer“ (hier in Anführungszeichen, da das Sprechen über Missbrauchte keineswegs ein analytisches ist), da die leibliche Integrität in hohem Maß angetastet wurde. Der vollzogenen Willensbruch impliziert neben körperlichen Wunden, einen psychischen Schmerz, der sich von den Gewaltanwendungen der Beschaffungs- und Eigentumsdelikte in der Form unterscheidet, dass er sich primär auf den Menschen selbst richtet. Der Angriff beinhaltet dabei zwei einander widerstreitende Prinzipien: die Befriedigung der Lust (in der Psychopathologie des 19. Jahrhunderts erstmalig als sog. „Trieb“ identifiziert; in der Psychoanalyse Freuds dann unter dem Etikett des „Unbewussten“ sowie des „Es“ fortgeschrieben) in Form der sexuellen Stimulation, gleichermaßen wie das Wissen um seine Sanktion, welches all jene Prozesse in Gang setzt, die einzig dazu dienen, die Spuren der als „Tat“ verstandenen Handlung zu verwischen, das Gegenüber als potentiellen „Zeugen“ zu eliminieren, wiederum notfalls gewalttätig. Beide Prinzipien („Lustprinzip“ und „Realitätsprinzip“) wirken in gleicher Form auf den Menschen ein und strukturieren sein Handeln und dies ist nicht als Widerspruch zu verstehen, sondern vielmehr als Selbstentlarvung.

Diesem Komplex schließen wie gesagt allerhand von Fragen an, welche vorab aufzuwerfen wären, ohne einer moralischen Betrachtung anheimzufallen3. Neben dem „Sex“ gilt es, die „Lust“ und ihren gesellschaftlichen Gebrauch zu identifizieren. Welche Formen ihrer Anwendung sind legitim, welche sanktioniert und weshalb? Es ist klar, dass sich eine enge Kohärenz zwischen herrschender Individualphilosophie und ihrer rechtlichen Kodifikation auftut. Da sexualisierte Gewalt oft in Form der „heterosexuellen Matrix“ auftritt, ist auch diese Binarität zu beleuchten. Was konstituiert hierin Identitäten wie „Mann“ und „Frau“ in gleicher Weise, und wie setzt sich das Anerkennungs- bzw. Unterwerfungsverhältnis systematisiert („Dialektik von Herr und Knecht“) durch? Neben der Sexualität ist somit die Identität von Geschlechtern mitsamt ihren kulturellen Projektionen, den sog. Geschlechtsidentitäten (gender) als auch ihrer biologischen „Erfindung“ zu hinterfragen. Dass sich die Semantiken der Geschlechter im wechselseitigen Austausch manifestieren und reproduzieren ist ein Gemeinplatz, doch wenn dies so offensichtlich ist, warum wird davon nicht abgelassen und inwieweit trägt dieses Ressentiment dazu bei, Varianten der Sexualität zu präformieren und damit auch Gewalt als quasi notwendig erscheinen zu lassen? Ohne eine spezifischen Begriff von Gesellschaft, die den „Sex“ produziert, lässt sich somit auch diese Form der Gewalt nicht grundsätzlich kritisieren und aufheben. Erheischt ist ein soziales Feld, das Identitäten nicht nach sozialen Konstruktionen quasi „bereinigt“ in ein Wechselverhältnis treten lässt, sondern zur Emanzipation des Selbst beiträgt, worin dieses auch immer bestehen mag (progressive Gesellschaftstheorien stehen von jeher unter dem Verdacht der nur fortgeschriebenen Essentialisierung vom „Wesen des Menschen“).

Schlussendlich ist dann auf die herrschende Gewaltordnung, welche staatlich durchgesetzt ist, zu rekurrieren. Da sich diese Gewaltordnung durch den Begriff der „Nation“ (Imagination einer naturwüchsig entstandenen Einheit) definiert, ist ein letztes Kapitel der Gewalt anzureißen: das der zwischenstaatlichen Gewalt. Sowohl auf der Makroebene (Staaten treten gegeneinander als Souveräne mit jeweiligem Hoheitsanspruch auf), als auch auf der Mikroebene (die der Herrschaft unterworfenen „Bürger“ internalisieren das Subordinationsverhältnis und ideologisieren die Konkurrenz der Nationen in rassistischer und homophober, letztlich gewalttätiger Form). Hier sind die Gründe für diesen falschen Bezug auf die politische Macht und deren Grundlagen transparent zu machen, um einer Kritik gerecht werden zu können:

Es gibt keinen Körper der Republik. Der Körper der Gesellschaft wird dagegen im Verlauf des 19. Jahrhunderts das neue Prinzip. Diesen Körper wird man auf quasi medizinische Weise schützen müssen: anstelle der Rituale, durch die man die Integrität des Körpers des Monarchen wiederherstellte, wird man Rezepte und Therapien anwenden wie Eliminerung der Kranken, Kontrolle der von ansteckenden Krankheiten Befallenen, Ausschluß der Delinquenten. Die Eliminierung durch Marter wird so durch Methoden einer Aseptik ersetzt: Kriminologie, Eugenik, Aussondern der „Entarteten“…

[Michel Foucault, Mikrophysik der Macht, Merve: Berlin, 1976, S. 105]

  1. Die Staatsgewalt ist gemäß ihrer politischen Rationalität gesondert zu kritisieren. Fest steht, dass es einer übergeordneten Gewalt nur dann bedarf, wenn es widerstreitende Interessen zu regulieren und unter ein gemeinsames Sturktur- bzw. Ordnungsprinzip zu subsumieren gilt. Der Begriff der „Herrschaft“ erweist sich somit in doppelter Hinsicht als kritikwürdig: Herrschaft worüber und wofür? [zurück]
  2. Dass das Geld die Zugriffsmacht schlechthin ist, ist keine Besonderheit, die den ewigwährenden Prinzipien des Handels geschuldet ist, sodern Resultat staatlicher Politik. Staatliche Souveränität der Moderne äußert sich nicht nur in der Hoheit über Territorium und Bevölkerung, sondern auch über Reichtumsquellen der eigenen Nation (Anfänge bebildert der Absolutismus mit seiner merkantilen Ausgestaltung des Produktionswesens, welcher durch bürgerliche Revolutionen politisch und durch liberal-individualistische Initiativen ökonomisch abgelöst wurde.). Die staatliche Hoheit setzt per rechtlicher Verfügung fest, dass der Tausch sich in einer allgemeinen Äquivalentenform materalisieren soll. Dieses Äquivalten ist in der Tat aus dem Handel und der Praxis erwachsen, durch Gewohnheit verfestigt worden. Die Entdeckung von Silber- und Goldvorkommen im Zuge außereurpoäischer Expansionen sowie der in den Edelmetallen repräsentierte Arbeitswert sorgen für eine erhärtetes Bestreben, diese Form des Reichtums zu mehren und als allgemeine Verfügungsmacht durchzusetzen. Die Zeiten des Goldes sind heute vorbei, was geblieben ist, sind bunte Zettel mit Notation, die zugleich einen Gegenwert darstellt. Dessen Gültigkeit verdankt sich einzig des staatlichen Gewaltmonopols, das dahinter steht und alle Scheine mit Kreditfunktion beglaubigt. [zurück]
  3. Hierzu sei exemplarisch Foucault zitiert: „Die Diskurse über den Sex – spezifische, gleichzeitig nach Form und Gegenstand unterschiedene Diskurse – haben unaufhörlich zugenommen: eine diskursive Gärung, die sich seit dem 18. Jahrhundert beschleunigt hat. Ich denke hier nicht so sehr an die Vervielfachung »unziemlicher«, frevlerischer Diskurse, die rücksichtslos, voller Spott für die neuen Schamhaftigkeiten, den Sex beim Namen nennen; wahrscheinlich hat die Verschärfung der Anstandsregeln im Gegenzug eine Aufwertung und Intensivierung der unanständigenen Rede hervorgerufen. Das Wesentliche aber ist die Vermehrung der Diskurse über den Sex, die im Wirkungsbereich der Macht selbst stattfindet: institutioneller Anreiz, über den Sex zu sprechen, und zwar immer mehr darüber zu sprechen; von ihm zu sprechen zu hören und ihn zum Sprechen zu bringen in ausführlicher Erörterung und endloser Detailanhäufung.“ (Michel Foucault: Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit I, Suhrkamp: Frankfurt/Main, 1983, S. 24)

Fortschreibung

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„Kommunikation“ als Leerformel

Natürlich ist die Blindheit für den Antagonismus nicht neu. Der gute Kern und die ursprüngliche Unschuld des Menschen galten in der demokratischen Theorie lange als Voraussetzung einer lebensfähigen Demokratie schlechthin. Im allgemeinen war eine idealisierte Anschauung von menschlicher Gesellschaftlichkeit, die sich im wesentlichen durch Empathie und Reziprozität leiten ließe, die Grundlage des modernen demokratischen Denkens. Gewalt und Feindseligkeit wurden als archaisches Phänomen betrachtet, das dank fortschreitenden Austauschs und der per Gesellschaftsvertrag möglichen transparenten Kommunikation zwischen rationalen Teilnehmern beseitigt werden kann. Wer diese optimistische Anschauung in Frage stellte, wurde automatisch als Feind der Demokratie angesehen.

[Chantal Mouffe: Über das Politische. Wider die kosmopolitische Illusion, Suhrkamp: Frankfurt/Main, 2007, S. 8f.]

Chantal Mouffe weist nochmals auf den Irrtum jener Demokratietheoretiker hin, die durch „rationale Konsendsfindung“ in kommunikationstheoretischer Manier jeglichen gesellschaftlichen Gegensatz von Interessen negieren, damit zugleich jedoch demokratische Politik aushöhlen. „Kommunikation“ ist hierbei kein reines Schlagwort, sondern tatsächlich der wesentliche Multiplikator innerhalb einer postulierten Gesellschaft „jenseits von Hegemonie“.

Tatsächlich jedoch handelt es sich sowohl im Alltag, der jegliche Interessensgegensätze auf bloße „Missverständnisse“ oder „Kommunikationsprobleme“ reduzieren will, als auch bei einer politischen Theorie, die sich in idealen Sprechsituationen, Diskursethiken und rationalen Konsensualisierungen ergeht, um reine Ideologie mit untrennbar verbundenen Handlungsanleitungen, die ein falsches Bewusstsein vom Status quo erzeugen helfen. Ein politischer Wille scheint sich dahinter jedoch nicht mehr zu verbergen.

Gleichwohl bleibt „Kommunikation“ zentrale Referenz in Gesellschaftsentwürfen, die sich jenseits des Kapitalismus wähnen:

Anhand der Debatten über den Städtebau und anhand realisierter Beispiele lassen sich einige Merkmale der »sozialistischen Stadt« benennen, die das Leitbild für die Stadtpolitik in der DDR kennzeichneten. Flierl (1995, 57f.)1 nennt drei »konstitutive Prinzipien« der Stadtentwicklung und Stadtgestaltung, die die DDR-Städte von Städten in kapitalistischen Ländern unterscheiden sollten:
a) Ganzheitlichkeit, d.h. Städtebau in Ensembles, die die »komplexen städtischen Funktionen gleichzeitig berücksichtigen« sollten.
b) Zentralität, d.h. daß die Mitte der Stadt auch als Mitte des gesellschaftlichen Lebens aufgefaßt und zu gestalten versucht wurde. Im bewußten Gegensatz zur City der »kapitalistischen Stadt« sollte das Stadtzentrum »Ort nicht vordergründig kommerzieller Zentralität des Kaufens und Verkaufens, des Handels und der Geschäfte, […] sondern primär als Ort kommunikativer Zentralität […] als Ort einer auf gesellschaftliche Gemeinsamkeit orientierten räumlichen Ordnung« konzipiert werden. »Charakteristisch sollte sein, daß im Mittelpunkt der Zentren […] Gebäude und Anlagen der Bildung, Kultur und Erholung, der Tagungen, Kongresse und Begegnungen, also zentrale Einrichtungen gesellschaftlicher Kommunikation angeordnet sind. […] Ebenso charakteristisch ist, daß im Zentrum gewohnt wird.«
c) »Dominanz« war das dritte Prinzip im Städtebau, die »Hervorhebung und Betonung des gesellschaftlich Bedeutsamen […] zum Zwecke gesellschaftlicher Präsentation und vor allem Repräsentation. […] [Beabsichtigt wurde], das für den Sozialismus Bedeutsame […] vor allem auch gegenüber dem Alten baulich-räumlich hervorzuheben«. Dazu gehört auch die Hervorhebung von wichtigen Straßen und zentralen Plätzen sowie die Idee, daß jede Stadt eine »Höhendominante höchster Zentralität als neue sozialistische Stadtkrone« haben sollte (z.B. der Fernsehturm in der Mitte vom Berlin oder das Hochaus der Universität in Leipzig usw.).

[Hartmut Häußermann, Dieter Läpple, Walter Siebel: Stadtpolitik, Suhrkamp: Frankfurt/Main, 2008, S. 93f.]

  1. Bruno Flierl: »Stadtgestaltung in der ehemaligen DDR als Staatspolitik«, in: Marcuse/Staufenbiel (Hg.) 1991, S. 49-65 zit. bei H. Häußermann, D. Läpple, W. Siebel: Stadtpolitik, Suhrkamp: Frankfurt/Main, 2008 [zurück]

Gleich, wie man sich zu den realsozialistischen Planungskonzepten der DDR und ihrer Umsetzung stellen mag, so wird doch ein prinzipieller Unterschied zwischen den Politikansätzen offensichtlich, der nur konsequent seine Fortführung in der jeweiligen Theoriebildung fand bzw. findet:

Dient die kommunikationstheoretische Wende mancher zeitgenössicher Kommentatoren gemäß Mouffe dazu, Antagonismen zu negieren, dafür den Interessensausgleich zu postulieren und somit über gesellschaftliche Spaltung hinwegzutäuschen, sie vielmehr stillschweigend vorauszusetzen und zu vertiefen, so erscheint „Kommunikation“ in einer (ideellen) postkapitalistischen oder „sozialistischen“ Gesellschaft als die getreue Umsetzung der o.g. postpolitischen Theoriekonzepte. Ein Paradox: macht dies doch die genuine Differenz beider Lager aus. Wollen die Postpolitiker jeglichen gesellschaftlichen Antagonismus auch und insbesondere ökonomischer Natur leugnen, so zeigt sich die „sozialistische Stadt“ im Konkreten darüber bereits erhaben, hat sie doch diesen Antagonismus für sich überwunden und hin zur „sozialistischen Gesellschaft“ aufgelöst. „Kommunikation“ ist dann legitimes Mittel des sozialen Austausches, der Planung etc.

In der Tat offenbart sich auch in der Stadtpolitik die Frage nach gesellschaftlichen Macht-, Herrschafts-, und Rechtsverhältnissen. Die Verwendung des Bodens als auch die Gestaltung des öffentlichen wie privaten Raums bestätigen dies. Wo die Nutzung und Planung von Raum kapitalistischen Verwertungsinteressen subsumiert ist, scheidet Kommunikation als taugliches Mittel des gesellschaftlichen Austausches von jeher aus. In letzter Instanz führt somit nichts an der Machtfrage vorbei.

Am Beispiel der Stadtpolitik lässt sich dies einfach aufzeigen: So unterliegt die Wohnraumgestaltung nicht mehr einer sozialen Quotierung. Aufwertungstendenzen, in der Stadtsoziologie als „Gentrifizierung“ (engl. gentrification von Adel bzw. gentry abgeleitet) vorgestellt, sind dabei nur das logische Komplement einer universal durchgesetzten kapitalistischen Marktökonomie. Rentabilität des eingesetzten Kapitals – hier vor allem Verzinsung der Grundrente des Eigentümers –, diktiert die Art und Weise der Umgestaltung oder Neugestaltung. Alte (Sozial)Strukturen werden aufgebrochen, Mieter werden verdrängt, öffentlicher Raum teilweise privater Domäne zugeschlagen. Ein asymmetrischer Prozess, der soziale Polarisierung fortschreibt.

Im Anschluss daran soll grob folgende Studie ins Auge gefasst werden:

Stadtplanung und Raumgestaltung – Ein Versuch über Möglichkeiten und Grenzen einer stadtpolitischen Umgestaltung des Status quo:

I. Eine Notwendigkeit
a) Menschliche Agglomeration
b) Erfordernisse
II. Die Möglichkeiten
a) Architektur und ihr Verhältnis zu anderen Künsten
b) Ressourcen und Pragmatik
c) Stadtsoziologische Aspekte (Arrondierung, Arbeitsteilung etc.)
III. Die Grenzen oder Vom Status quo
a) Politische Grundlagen
b) Ökonomische Grundlagen
c) Kulturelle Grundlagen
IV. Fazit & Ausblick