Archiv für Februar 2009

Zur Rekonstruktion von Leiblichkeit

Der Terminus „Leiblichkeit“ repräsentiert das auf den Begriff gebrachte Denken über den empfindsamen Körper; eine Rekonstruktion von Leiblichkeit – will man das Körperetwas begreifen –, erschöpft sich nicht nur im Reden über den polytexturell1 verfassten Körper, sondern über all jene Wahrnehmungen, Adaptionen, Rezeptionen und Wirkungen, die ein solcher Körper als manifester Leib mit sich bringt bzw. hervorruft. Die Soziologie2, welche sich auf einer Makroebene ähnlich wie die global gefassten Cultural Studies dem Körper als kulturellem Phänomen angenommen hat, kann in der Konsequenz ihrer theoretischen Befassung keinerlei Auskunft über die tatsächlichen Geschehnisse und Formen von Leiblichkeit geben. Sie identifiziert die Semantiken als auch die Semiologie des Körpers, des Geschlechtskörpers oder des rassifizierten Körpers etc., jedoch bleibt ein „blinder Fleck“ an der Stelle, die den eigentlichen Wendepunkt von der „reinen“ Beschriebenheit des Körper hin zum angefassten, dezentrierten und verschwendeten wie auch missbrauchten Körper als Korpus, eben als Leib umfassen. Die Dekonstruktion von Körperidentitäten und Identitätspolitiken leistet bspw. an der Erfahrung von Gewalt nur einen behelfsmäßigen Rekurs auf biologisch-medizinische Deutungen und Fassungen des geschundenen bzw. verletzten Körpers. Eine Re-Zentrierung der unmittelbaren Erfahrungen der eigenen Leiblichkeit eröffnet erst den Blick auf die direkte Betroffenheit eines jeden vermeintlich überzeitlich geltenden Ordnungs- bzw. Klassifizierungsprinzipien subsumierten Körpers (hier insbesondere der Geschlechtskörper, der „Volkskörper“ und ähnliche soziale Zuschreibungen). Nicht das es lediglich darum ginge, der „bloßen“ Theorie die unmittelbare physische Erfahrung gegenüberzustellen, was lachhaft wäre und vollkommen losgelöst von der Theorie bleiben würde, sondern um eine konsequente Erweiterung des Blickfeldes im Wortessinne, um die für jeden wahrnehmbare Kontingenz des eigenen Daseins. Dieser neu justierte Blick kann dann in eine Genealogie von „Tat- und Unfallort“ sowie sexualisierter Gewalt, aber auch allgemein in die Rekonstruktion anthropologischer Konstanten („Nation“, „Rasse“, „Klasse“ und „Geschlecht“) integriert werden um an ihrer kritischen Negation zu arbeiten. Somit wäre auch der interessefreie Impetus der Soziologie – ihrerzeit als herrschaftsapologetische, dem Jargon der Eigentlichkeit verpflichtete Sozialtechnologie institutionalisiert –, aufgegriffen und verwertet. Im Anschluss daran ergeben sich folgende Leitgedanken für eine Integration leibphänomenologischer Feststellungen:

• Dualismus von Geist und Körper
• konstituiert das ICH (Ich-Bewusstsein)
• auf Seiten des Geistes ist das ICH durch Zielsetzung, Interessensverfolgung und gemeinhin der Artikulation eines Willens charakterisiert
• der Körper rezentriert den Menschen als physisches Wesen, als materielle Ressource des ICH
• das ICH bewegt sich folgerichtig in einem Zustand des „selbstvergessenen Weggegebenseins“ im Zustand der „Gesundheit“
• diese ist gleichsam unabdingbare Voraussetzung des Daseins (mehr als bloße Existenz!)
• der Körper ruft die eigene Verletzlichkeit und Sterblichkeit ins Bewusstsein
• das Schmerzempfinden rezentriert die eigene Leibgebundenheit, Leiblichkeit
• die eingeschränkte Leiblichkeit bedeutet eine Beschränkung der Interessensverfolgung im Maße der physischen Einschränkung --> die Willensfreiheit bleibt hiervon jedoch zunächst unberührt
• die psychische Verletzlichkeit korreliert mit der eigenen Leiblichkeit (Psychosomatik), ist zugleich ein kulturelles Konstrukt (Individual- und Massenpsyche) sowie Kontrast des reflektierenden ICHs (dies ist mit der Erkenntnis der kulturellen Konstruktion von Psyche und im weiteren Sinne des Habitus (inkorporierte Verhaltensweisen) der Ausgangspunkt für ein transzendental reflexives ICH)
• die gesellschaftlichen Implikationen eines „verhinderten“ Körpers sind allgemein auf ihren politischen und auch ökonomischen Charakter hin zu überprüfen:
• einerseits erzwingt das gesellschaftliche Dasein eine Einsicht in die Notwendigkeit; das Feld der sozialen-ideellen Interaktion ist sogleich wiederum zu dekonstruieren
• der Freitod als autarke Entscheidung des reflexiven ICHs/ Selbst gleichermaßen zu fokussieren wie die kapitalistische Vergesellschaftung, welche Gesundheit, Kultur und auch Geist der Verwertung unterwirft
• ein selbstreflexives Verhältnis zur eigenen Leiblichkeit und insonderheit zum Schmerz kann dann eine Distanzierung von der Leibgebundenheit des ICH hervorrufen, erfordert jedoch die Erkenntnis der kulturellen Konstruktion des Körpers als auch die Transzendenz des „ewigen Leidens“ (moralische Antizipationen; keine Verdrängung!)
• die Absolutheit des Geistes kann dann als lebensrettende Maßnahme erscheinen um mit der Allgegenwart des Todes in ein vernünftiges Verhältnis zu treten (Thomas Bernhard: „Der Tod ist immer da, aber er hat mich immer stark gemacht. Er kann aber auch Menschen schwächen, vor allem dann, wenn sie nicht nachdenken; dann umarmen sie die Krankheit und tanzen in den Tod.“)

  1. Hier in dem Sinne, dass verschiedenste Texte, Aussagen und Bilder sowie Zeichen, also eine ganze Semiotik ineinander verwoben werden und somit einen historisch spezifischen Diskurs, ein Diskursregime, welchem körperspezifische, essentialistische Semantiken nahezu „anhaften“, repräsentiert. [zurück]
  2. Augenscheinlich etablieren sich im Rahmen eines erweiterten kulturwissenschaftlichen Denkens, welches den Körper fokussiert, auch innerhalb der Soziologie Subdisziplinen wie Körper-, Raum- und Gewaltsoziologie, die hier noch nicht betrachtet sind. [zurück]