Archiv für März 2009

Ein theoretisches »framework« zur sexualisierten Gewalt

Über sexualisierte Gewalt zu sprechen, sie zu thematisieren und analysieren, bedeutet an Grundfesten einer Gesellschaft zu rütteln, sofern eben diese Gesellschaft sich durch Körperbilder und –identitäten definiert, die das komplette Gegenteil eines durch (sexualisierte) Gewalt beeinträchtigten und geschädigten Körpers postulieren. Eine Theorie der sexualisierten Gewalt sollte jedoch nicht nur die Verlaufsformen beschreiben, die Handlungsmotivationen ausloten, sondern darüber hinaus die strukturellen Ursachen für sexualisierte Gewalt ausfindig machen, sodass Raum für Kritik und Dekonstruktion bleibt. Dabei darf der Mensch nicht unter den Körper subsumiert werden. Ein Primat des Körpers kann nicht Gegenstand einer Theorie sexualisierter Gewalt sein. Vielmehr dient der Körper als Hilfskonstruktion, anhand derer alle für den einzelnen Menschen wesentlichen Implikationen sexualisierter Gewalt bestimmt werden können.

Es gilt hierbei folgende Theoriestränge zu vereinen: Die Soziologie des Körpers und der Körperidentitäten, die Gender/Queer Studies, Cultural Studies im Allgemeinen sowie gesellschafts- und kapitalismuskritische Theorien sowie Governementality Studies, insoweit sie Strukturprinzipien der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft adäquat beschreiben. Darüber hinaus sollen die bislang nur marginal inbegriffenen Disability Studies herangezogen werden, sodass die (psycho)somatischen Effekte von (sexualisierter) Gewalt in einen Kontext einbezogen werden können, der rekonstruktiv, phänomenologisch, genealogisch und diskursanalytisch die Geschehnisse, Essentialisierungen und Ideologisierungen von Gewaltverhandlungen kritisch urbar macht.

In der Folge werden etliche Fragen der Subjektivierung von Gewalt und deren Folgen für das Individuum zu beantworten sein:

• Was heißt es (sexualisierte) Gewalt zu erfahren?
• In welche Erfahrungsräume und Identitätskonzepte sind diese Erfahrungen eingebunden?
• Inwieweit geben eben diese Räume und Konzepte die Erfahrung vor, bestimmen oder konstruieren sie?
• Welche Körper- und Sexualitätsideale beeinflussen die Formen der sexualisierten Gewalt?
• Was sind die wesentlichen Wechselverhältnisse innerhalb gewaltvoller Handlung und was stimuliert sie, reizt sie und ruft sie hervor?
• Wo beginnt das Denken der Individualität und wo endet dieses, findet es seine Grenzen?
• Was muss ein Denken über Körperoberflächen und –grenzen beinhalten?
• Inwieweit lässt sich die Trennung zwischen Geist und Körper bezüglich sexualisierter Gewalt im Einzelnen und Gewalt allgemein aufrechterhalten?
• Welche Rolle nimmt die individuelle psychosoziale (kognitive) Reaktion auf Gewalt ein?
• Was bedeutet es, im Bewusstsein fort zu existieren, jedoch elementarer sinnlicher Erfahrung und Artikulation sowie der praktischen Umgestaltung der Welt beraubt zu sein (Stigma und Weltbezug)?
• Wie oder ist in der Folge ein Denken über den eigenen Freitod zu legitimieren?
• Und welchen Stellenwert besitzt die Artikulation von Gewalt, Schmerz und Tod in der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft?
• Inwieweit sind diese Denk- und Handlungsformen in einen kapitalistischen Verwertungsprozess integriert, oszillieren um diesen oder aber sind von der Verwertungslogik beeinflusst?

Bewegung, Aktionismus und Hegemonie

Folgt man heute einem Aufruf zu handeln, so vollzieht sich diese Handlung bzw. dieser Akt nicht im leeren Raum, sondern innerhalb der hegemonialen ideologischen Koordinaten. Diejenigen, die »wirklich etwas tun wollen, um den Menschen zu helfen«, werden sich an (zweifelsohne ehrenwerten) Projekten wie Medecins sans frontières, Greenpeace, feministischen und antirassistischen Kampagnen beteiligen, die von den Medien nicht nur toleriert, sondern sogar unterstützt werden, selbst dann, wenn sie auf ökonomisches Gebiet vordringen (etwa indem sie Unternehmen anprangern und boykottieren, die ökologische Vereinbarungen mißachten oder in ihren Betrieben Kinder beschäftigen); solange sie eine gewisse Grenze respektieren, werden derartige Projekte toleriert und unterstützt. Dennoch ist genau diese Form von Aktivität ein perfektes Beispiel für Interpassivität, dafür, daß man bestimmte Dinge nicht tut, um etwas zu erreichen, sondern um zu verhindern, daß wirklich etwas geschieht, sich etwas Grundsätzliches verändert. Alle diese beherzten, humanitären, politisch korrekten usw. Aktivitäten lassen sich auf die Formel bringen »Laßt uns ständig irgend etwas verändern, damit insgesamt alles beim Alten bleibt!« Wenn die »Cultural Studies« den Kapitalismus kritisieren, dann tun sie dies auf die für die liberale Hollywoodparanoia typische Weise: Der Feind ist »das System«, die versteckte »Organisation«, eine anti-demokratische »Verschwörung«, nicht der Kapitalismus und die Staatsapparate. Das Problematische an dieser kritischen Haltung ist nicht nur, daß sie die konkrete Gesellschaftsanalyse durch den Kampf gegen abstrakte paranoide Fantasien ersetzt, sondern daß sie, in einer typischen paranoiden Geste, die gesellschaftliche Realität unnötigerweise verdoppelt, als stecke hinter den »sichtbaren« kapitalistischen und staatlichen Organen eine Geheimorganisation. Man sollte aber einfach akzeptieren, daß eine heimliche »Organisation innerhalb der Organisation« gar nicht erforderlich ist. Die »Verschwörung« steckt bereits in der »sichtbaren« Organisation als solcher, im kapitalistischen System, in der Art und Weise, wie der politische Raum und die Staatsapparate funktionieren.

[Slavoj Žižek: Die Revolution steht bevor. Dreizehn Versuche über Lenin, Suhrkamp: Frankfurt/Main, 2002, S. 18f.]

Indem Žižek auf das alte bürgerliche Vorurteil von der „konstruktiven Kritik“ zu sprechen kommt, verweist er zugleich auf die Heuchelei und nur moralisierende Kritik mancher linker Parteigänger, die den alten sozialdemokratischen Staatsglauben nicht aufgegeben, sondern vielmehr zu ihrem Programm gemacht haben: dann ist „die Bewegung“ alles, wohingegen die Theorie, das Dekonstruieren und Analysieren zur überflüssigen Lachnummer werden. Doch der sogenannte „lange Marsch durch die Instititutionen“ beweist nur, inwieweit auch vermeintliche Gesellschaftskritik gegen die Kritiker gewandt und dem Status quo einverleibt wird, somit vielmehr als neuer augenscheinlich „konformer“ Standpunkt konsensfähig und auch verkäuflich gemacht wird. Dann ist der Protest legitimes Mittel der Interaktion, trägt er doch wunderbar zum aktiven Erhalt dessen bei, was als zu Verwerfendes galt. Kapitalismuskritik wird zum Amalgam einer höchst cleveren und indifferenten Produktionsweise sowie deren politischer Regulation. Ein alter Treppenwitz, möchte man meinen, dennoch alles andere als „common sense“: der Adressat der Kritik gerät vollends aus dem Blickfeld, man betreibt Spiegelfechterei, betreibt Symbolpolitik, bringt hier und da einige konkrete Änderungen hervor, jedoch nur in redundanter Manier, identifiziert nicht den alten gesellschaftlichen Antagonismus und jagt seinen Schimären hinterher. Ein Irrglaube, der sich bis in die akademischen Sphären („kritische Wissenschaft“) prolongiert.

Zum Sexualitätsdispositiv in pornografischer Inszenierung

Welche Pornografie erlaubt ist und welche nicht (und hier sind keine illegalen Formen von Pornografie wie Kinderpornos oder Snuff-Pornos gemeint, die unter Gewalt fallen) soll und darf nicht Sache des Staates sein und auch nicht Sache einer feministischen oder religiösen Hardlinerminderheit sein, sondern sie muss Sache der Zivilgesellschaft sein. Die beinhaltet nämlich die unterschiedlichsten gesellschaftlichen Gruppen mit jeweils spezifischen Gruppenidentitäten und spezifischen Codes, die durchaus voneinander wissen und auch im Alltagsleben aufeinander stoßen. Wer welche Pornos aus welchen Gründen konsumiert ist nebensächlich, solange alle (bei Bedarf) adäquaten Zugang zu pornografischem Material ihres Geschmackes haben.

[…]

Eine queer-feministische Haltung zu Pornografie setzt eine politische Haltung voraus, die jede Form von moralisierender Schwarz-Weiß-Malerei ablehnt und differenzierte Herangehensweise an problematische gesellschaftliche Themen bereitstellt. An die Stelle der erhobenen moralischen Zeigefinger sollten meiner Meinung nach ethische Überlegungen treten, die darauf ausgerichtet sind, Menschen zu schützen und nicht Menschen zu verurteilen. Die pornografischen Bilderfluten werden in Zeiten des Internets nicht urplötzlich abnehmen, schließlich sind sie angebunden an die Produktion ökonomischen Mehrwerts- und die Pornoindustrie setzt Milliarden um.

[…]

Es ist im Vorderkopf zu behalten, dass die realen gesellschaftlichen Zustände den produzierten Bildern und ihren Wirkungen immer vorausgehen. Die Bilder können zwar die Zustände widerspiegeln und sie unter Umständen auch verstärken, aber nichtsdestotrotz ist Pornografie nicht die Ursache von Sexismus, sondern sie wird in einem sexistischen System von den Individuen wahrgenommen und interpretiert.

[Claudia Münzing: Pornografie zwischen PorNo und PorYes in Nina Degele: Gender/Queer Studies, Fink: Paderborn, 2008, S. 213ff.]

Es ist fragwürdig, einerseits die im Hintergrund der Pornografie stehenden Machtmechanismen zu identifizieren, in der Folge jedoch einen offenen Umgang mit ihr und also mit der Sexualität zu postulieren. Es ist nur richtig, Pornografie in dieser Gesellschaft zu verorten, doch wie verhält es sich mit dem jeweiligen Bezug auf sie? Wenn man von moralischen Ablehnungen Abstand nimmt, zugleich jedoch die „Zivilgesellschaft“ auffordert, sich zu ihr positionieren, dann setzt dies zumindest innerhalb dieser einen reflexiven Pornografiebegriff voraus. Jedoch greift bereits hier der abgelehnte Moralbegriff erneut zu, denn wie ließe sich rational/normativ begründet eine Form pornografischer Aktion ablehnen, dafür andere Varianten als offenes Verhältnis des Individuums zur Sexualität feiern, wenn nicht stets ein normativer Begriff des gerechten Umgangs mit dem Anderen vorausgesetzt sein würde? So ist Pornografie nicht Ursache von Sexismus, spiegelt aber in ihrer Eingebundenheit in die bürgerliche-kapitalistische Gesellschaft erst einmal zwei wesentliche Strukturprinzipen wider: Profitorientierung und in deren Folge die Tauschwerthaftigkeit audiovisuell inszenierter sexueller Performationen; darüber hinaus reifiziert gerade die Performanz innerhalb sexueller Praktiken die binäre Geschlechterdichotomie, was den heteronormativen Mainstreamporno1 anbelangt, in dem herrschende Körperpolitiken und -identitäten reproduziert werden. Wenn demnach sexuelle Begehr Gegenstand kapitalistischer Verwertung ist, so ist dies erst einmal nur ein Faktum: alles ist Gegenstand kapitalistischer Verwertung, solang es Abnehmer und also Zahlungskraft gibt. Das Bedürfnis nach sexueller Befriedigung ist somit noch nicht erklärt. Es kann nicht deterministisch aus der Profitlogik folgen, auch wenn zahlreiche Diskurse über Sexualität gerade auch der Verwertung und somit der Bedürfnisstruktur zuspielen. Das im Fetisch sich artikulierende vouyeurhafte Betrachten sexueller Praktiken muss darüber hinaus auf ein dem Verwertungsprozess vorgelagerten Bewusstsein basieren, das Begierde in die Individuen einschreibt und in der Konsequenz diverse Aneignungspraktiken, sowohl konsumorientierter audiovisueller Art und Prostitution, als auch Praktiken sexualisierter Gewalt hervorrufen. Dies kann keine kollektive „Triebstruktur“ sein, sondern muss vielmehr Bestandteil eines gesellschaftlichen Sexualitätsdispositivs sein, welches integraler Bestandteil der „Mikrophysik der Macht“ und somit Teil der Individuen ist:

Wie der Wirtschaftsliberalismus – und aus analogen Gründen – erzeugt der sexuelle Liberalismus Phänomene absoluter Pauperisierung. Manche haben täglich Geschlechtsverkehr; andere fünf- oder sechsmal in ihrem Leben oder überhaupt nie. Manche treiben es mit hundert Frauen, andere mit keiner. Das nennt man das „Marktgesetz“. In einem Wirtschaftssystem, in dem Entlassungen verboten sind, findet ein jeder recht oder schlecht seinen Platz. In einem sexuellen System, in dem Ehebruch verboten ist, findet jeder recht oder schlecht seinen Bettgenossen. In einem völlig liberalen Wirtschaftssystem häufen einige wenige beträchtliche Reichtümer an; andere verkommen in der Arbeitslosigkeit und im Elend. In einem völlig liberalen Sexualsystem haben einige ein abwechslungsreiches und erregendes Sexualleben; andere sind auf Masturbation und Einsamkeit beschränkt. Der Wirtschaftsliberalismus ist die erweitere Kampfzone, das heißt, er gilt für alle Altersstufen und Gesellschaftsklassen. Ebenso bedeutet der sexuelle Liberalismus die Ausweitung der Kampfzone, ihre Ausdehnung auf alle Altersstufen und Gesellschaftsklassen.

[M. Houellebecq: Ausweitung der Kampfzone, Rowohlt: Reinbek, 2004, S. 110ff.]

Das Zweischneidige der Diskussion äußert sich nicht zuletzt auch in der Frage, ob eine mögliche Trennung zwischen Begierde und Sexualität einen anti-essentialistischen Nutzwert birgt. Indem die Begierde als das „wahre“ der Befriedigung zugrundeliegende Element auch der Pornografie ausgemacht wird, wiederholt sich nur die Wesenhaftigkeit der zuvor kritisierten Kategorien der pornografischen Inszenierung von Sexualität. Die Begierde wird dann schnell zu einer weiteren anthropologischen Konstante, nur dass diese dem Anliegen ihrer Verfechter mehr entspricht. Das Rekurrieren auf Begierde wäre daher nichts anderes als eine weitere Form von Ideologie. Darüber hinaus bleibt es fraglich, ob Sexualität jenseits pornografischer Inszenierung tatsächlich all jene gewaltfreien, harmonischen Formen besitzt, die in der (moralischen) Ablehnung von Pornografie mitschwingen. Es ist gerade das Gegenteil, welches die heteronormative Sexualität und die in deren Folge institutionalisierte Geschlechterdichotomie in Form von Körperidentitäten und –praktiken hervorruft, deren Konsequenz u.a. auch Pornografie ist. So mag man vereinzelt auf eine Abwandlung oder Umwandlung von Pornografie dergestalt drängen, dass monolitisch erscheinende Körperidentitäten dekonstruiert und an deren Stelle nur mehr das „unbeschriebene“ Individuum steht, welches sich seinen Bedürfnissen gemäß assoziiert. Doch wozu dann noch das Rekurrieren auf Pornografie, die ja in ihrem Kern bereits von Beginn an eine gesellschaftliche Abgrenzung und somit ein Schattendasein führt? Eingeschlossen sind darin auch all jene subalternen Praktiken, die getrennt von der mittlerweile als durchaus „legitim“ erscheinenden Pornografie bestehen: ihre sanktionierten und inkriminierten Formen, die ihre Grenzen stets an den liberalistischen Postulaten der Gesellschaft finden, da sie sich über den Partikularwillen des Individuums hinwegsetzen und Zwangsmittel anwenden, um zur Befriedigung zu gelangen.

Das Zitat aus Houellebecq’s Roman illustriert anschaulich, dass vollkommen losgelöst von einer queer-feministischen Kritik pornografischer Inszenierung, der Begriff des Ausschlusses (Exklusion) mitgedacht werden muss, insofern die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft Handlungsweisen vorstrukturiert, die mit dem Sexualitätsdispositiv korrelieren. Sexualität ist Bestandteil alltäglicher Kämpfe um symbolisches, kulturelles und ökonomisches Kapital. Sie setzt Handlungsweise voraus, die von einschlägigen Charaktermasken bestritten werden müssen und Teil von Arrivierungskämpfen sind, sich somit in die Psyche der Individuen prolongieren. Eine Dekonstruktion von Pornografie in queer-feministischer Hinsicht, muss somit den Begriff der Sexualität konsequent gesellschaftlich verorten und vor vorgreifenden Identitätspolitiken zurückschrecken, diese vielmehr als affirmativ verwerfen und an deren Stelle die fortgeschriebene Rationalisierung von Sex und Begierde setzen, welche Butler bereits antizipierte:

Können wir noch von einem »gegebenem« Geschlecht oder von einer »gegebenen« Geschlechtsidentität sprechen, ohne wenigstens zu untersuchen, wie, d.h., durch welche Mittel das Geschlecht und/ oder die Geschlechtsidentität gegeben sind? Und was bedeutet der Begriff »Geschlecht« (sex) überhaupt? Handelt es sich um eine natürliche, anatomische, durch Hormone oder Chromosomen bedingte Tatsache? Wie muß eine feministische Kritik jene wissenschaftlichen Diskurse beurteilen, die solche »Tatsachen« für uns nachweisen sollen? Hat das Geschlecht eine Geschichte? Oder hat jedes Geschlecht eine andere Geschichte (bzw. andere Geschichten)? Gibt es eine Geschichte, wie diese Dualität der Geschlechter (duality of sex) errichtet wurde, eine Genealogie, die die binären Optionen möglicherweise als veränderbare Konstruktion offenbart? Werden die angeblich natürlichen Sachverhalte des Geschlechts nicht in Wirklichkeit diskursiv produziert, nämlich durch verschiedenen wissenschaftliche Diskurse, die im Dienste anderer politischer und gesellschaftlicher Interessen stehen? Wenn man den unveränderlichen Charakter des Geschlechts bestreitet, erweist sich dieses Konstrukt namens »Geschlecht« vielleicht als ebenso kulturell hervorgebracht wie die Geschlechtsidentität. Ja, möglicherweise ist das Geschlecht (sex) immer schon Geschlechtsidentität (gender) gewesen, so daß sich herausstellt, daß die Unterscheidung zwischen Geschlecht und Geschlechtsidentität letztlich keine Unterscheidung ist.

[Judith Butler: Das Unbehagen der Geschlechter, Suhrkamp: Frankfurt/Main, 1991, S. 21f.]

  1. Diesem wie auch immer gearteten Mainstreamporno, der sich vielleicht in allgemein geläufigen Körperbildern sowie patriarchalen Sexpraktiken zusammenfassen lässt, soll keinesfalls ein „wahrer“, auf Authentizität drängender Pornofilm entgegengesetzt werden. Diese Haltung wäre vielmehr affirmativ und würde vom Status quo nur als Teil und Strategie produktiv urbar gemacht werden, sich somit als für eine Gesellschaftskritik nutzlos erweisen. [zurück]

Weitergehende Anmerkungen zur sexualisierten Gewalt

Sexualisierte Gewalt zu konstatieren ist keine Besonderheit. Die amtlichen Statistiken weisen ihr Bestehen Jahr für Jahr nach; und wenn auch ihr Bestand in relativen wie absoluten Zahlen suggerieren mag, dass sie nur von untergeordneter Bedeutung sei, so ist sie doch schon allein aufgrund ihres Vorhandenseins Projektionsfläche heterogenster politischer, kultureller und gar ökonomischer Auseinandersetzung und Diskursivierung. Gleichsam will darüber ähnlich wie über den Tod nicht gesprochen werden und dies nicht, weil es sich um Kriminalität handelt – Wirtschaftskriminalität ist beständiges Thema in der öffentlichen Debatte –, sondern eher, weil es Strukturprinzipien dieser Gesellschaft streift, die für gewöhnlich verklärt werden. Sexualisierte Gewalt zu konstatieren tangiert insofern Bereiche des modernen Lebens, die durch die Individuen mit besonderer Aufmerksamkeit gelebt werden. Letztlich berührt sexualisierte Gewalt das „Ich“ am stärksten: Sie zielt unmittelbar auf den Körper und somit auf die leibliche Integrität der/des Einzelnen. So sind uns durchaus die verschiedenen Formen der als „Kriminalität“ identifizierten und rechtlich sanktionierten Praktiken bekannt. Wir scheiden zwischen Eigentums- und Beschaffungskriminalität und auch sind uns weitere davon abgeleitete „Delikte“ nicht zuletzt durch die Lektüre der Tageszeitung, aber auch ihrer medialen Berichterstattung und bisweilen Inszenierung auf eigentümliche Weise vertraut. Eigentümlich, da von uns gewusst und in dieser Welt „irgendwie“ verortet, jedoch zugleich aus dem vereinzelten Blick und der alltäglichen Praxis verbannt, ausgeblendet und mitunter verdrängt, da sie das komplette Gegenteil so mancher Ideologie des gesellschaftlichen Lebens antasten oder konterkarieren1.

Sexuelle Gewalt ist insoweit eine „spezielle“ Form der Kriminalität, als dass sie sich auf unvermittelte Weise auf den Menschen richtet. Der Mensch soll nicht einfach „beiseite geschafft“ werden, weil er vielleicht unliebsamer Zeuge ist. Er soll auch nicht als lebendige „Zielscheibe“ dienen, auf die sich nationalstaatliche oder politische Gewalt fixiert, wie dies am eindrucksvollsten der Krieg repräsentiert. Das mitunter schwer auf den Begriff zu bringende Wesen der sexuellen Gewalt ist ihre Dichotomie: Das Vereinen zweier an und für sich widerstreitender Prinzipien, die einerseits sexuelle Lust befriedigen helfen soll, andererseits das als Objekt der Begierde vorgestellte Lebewesen zu zerstören sucht. In gewisser Hinsicht ist die Dichotomie nicht allein schon aufgrund ihrer diversen Verhandlung in den Teildisziplinen der modernen Wissenschaft zurückzuführen. Unterschiedliche Herangehensweise liefern verschiedenste Erklärungen für sexualisierte Gewalt: Philosophie, Theologie, Psychologie, Psychiatrie, Soziologie, Ethnologie, Anthropologie, Rechtswissenschaft und Biologie stellen dabei nur die bekanntesten Felder universitärer Befassung mit dem Thema sexualisierter Gewalt dar und allen ist gemein, dass sie zwar denselben Gegenstand zu objektivieren suchen, jedoch aufgrund unterschiedlicher Perspektiven und nicht zuletzt aprioristischer Deutungsmuster wie kultureller Vorannahmen eine gewisse Verschleierung in die Analyse mit einbringen.

Doch zunächst müsste wie bei allen Analysen das Erkenntnisinteresse, besser das Ziel der Untersuchung herausgestellt werden. Forschung erfolgt nie in Form des Selbstzwecks, sondern hat im Gegenteil die Durchdringung bislang unerkannter Gegenstände zur Referenz. Forschungsergebnisse sollen sich in eine pragmatische Handhabe des Lebens umformen lassen, sodass in der Folge eine Mehr an Lebensqualität daraus resultieren kann, ganz gleich, welcher Art. De facto scheint dies nicht common sense der Wissenschaft zu sein, denn nicht zuletzt der Umstand, dass verschiedene Theoriezweige sich auf nicht wenige Zeit ein und desselben Gegenstandes annehmen, verweist auf das beständige Bedürfnis einer mit sich selbst im Unklaren bestehenden Gesellschaft nach kultureller Hegemonie und Deutungshoheit. Insofern ist der Ideologievorwurf, den sich Geistes- und Gesellschaftswissenschaften ausgesetzt sehen, nicht einfach von der Hand zu weisen. Allein der Umstand historischer Forschungsumgebungen, sogenannter „Wissensräume“, die sich bis in die diversesten „scientific communities“ translarieren, zeigt auf, dass nicht zuletzt die Wissenschaft selbst politisch-räumlicher Dispositionen unterliegt und beständig dazu aufgefordert ist, jenseits herrschender Institutionalisierungen ihren Bestand als auch ihre Fortexistenz kritisch zu reflektieren.

Eine Theorie sexueller Gewalt muss ihren Anfang bereits beim verwendeten Begriff nehmen: Was setzt das Reden über sexuelle Gewalt voraus? Es sind zweierlei Begriffe, die als Paar auftretend ein kulturelles Konnotat aufweisen, das beim Sprecher/Leser unterschiedliche Bedeutungen suggeriert und assoziieren lässt. Ein erster Unterschied stellt sich mit der Vorstellung der als „Tat“ verstandenen Handlung ein. Wer tritt auf? Faktisch vertraut ist jedermann die Differenz von Vergewaltigtem und Vergewaltiger. In der Debatte werden beide Akteure als „Opfer“ und „Täter“ identifiziert und ihr Handeln zugleich in den Kontext des „Tatorts“ eingebettet. Wir müssen uns demnach bereits fragen, ob nicht solcherlei Charakterisierungen lediglich moralische Begriffe sind, die wir zunächst abzustreifen haben, weil sie unseren nüchternen Blick trüben. Fest steht jedoch, dass wir schlussendlich an einer kritischen Stellungnahme, an einem Urteil nicht vorbeikommen, andernfalls würden wir erneut in den Selbstzweck zurückfallen und die Analyse als wertlos enttarnen.

De facto sind es immer Menschen in einer Wechselbeziehung, die Handlungsketten anstoßen. Natürlich kann ich als Einzelner leben und Leben gestalten. Prozesse, Praktiken von kultureller Bedeutung entstehen jedoch erst aus dem Wechselbezug und sind somit schlechthin genuin für die Konstitution des Sozialen. Im Umkehrschluss ist Sozialität und Gesellschaft mithin nicht ohne Wechselverhältnisse zu erreichen, wäre vielmehr Isolation und individualistisch. Alles Denken beginnt im „Ich“, das sich selbst in der Welt verortet und dabei auf seinen Körper stößt. Das „Ich“ identifiziert die Wesenheit seiner Erscheinung und setzt sich in Bezug zu seinem Körper, gleichermaßen zu Um-Welt, also zur Welt jenseits der eigenen Körpergrenzen. In der Folge identifiziert das „Ich“ andere Menschen, Mit-Menschen, spiegelt sich ihnen und/oder grenzt sich von ihnen ab.

Doch wie begegnen sich nun die Menschen, in deren Folge wir sexuelle Gewalt konstatieren? Gehen wir davon aus, dass die eigene Willensfreiheit auf Gestaltung des eigenen Lebens zielt, in deren Folge sowohl vereinzelte Handlung, aber auch Kooperation auftreten, so findet sich in der gewaltvollen Handlung die Negation dessen, ja vielmehr die Zerstörung der Kooperation hin zur Kontradiktion. Die Bezugnahme erfolgt unter gegenteiliger Auffassung und unter Leugnung der Interessensgleichheit. Die eigene Willensfreiheit endet am Beginn des Willens des Anderen. Und so, wie der eigene Wille seine Grenzen erfährt, findet auch Hoheit über den eigenen Körper seine Grenzen an der Körperoberfläche, der Haut. Neben den Willen tritt die Macht auf, die es auf negative Weise erlaubt über den Anderen zu disponieren. Der bislang nur in psychischer Form auftretende Wille, welcher in der Konsequenz auf physische Weise prolongiert wird, ja in der Regel nur durch aktive Körperfunktionen erfüllt werden kann, realisiert sich nunmehr in unmittelbar auf den Gegenüber zielender Kraftanwendung. Was wir in moralischer Betrachtung Gewalt heißen, ist zunächst lediglich Umsetzung von Arbeit, Anwendung von Kraft gegenüber einem zum Objekt reduzierten Interessensgegenstand. Der größere Kraftaufwand setzt sich durch und erreicht führt zum vom „Ich“ vorgegebenen Soll-Zustand, der Bedürfnisbefriedigung. Was jedoch als Sieg der stärkeren Physis ersteht, ist nichts anderes als der Bruch des Willens des Anderen. Wir setzen voraus, dass der Andere der Handlung nicht zugestimmt hat bzw. sich in seiner Entscheidung durch das Gegenüber beeinflusst war (Es ist im Übrigen eine zu verwerfender Standpunkt, wonach die Attraktion und Zurschaustellung des Körpers gewaltvolle Handlungen nahezu induzieren solle und insoweit dem Malträtierten eine „Teilschuld“ zuweist!). In Form der Hegelschen Dialektik von Herr und Knecht finden wir nun zwei Menschen, die sich in unterschiedlicher Position bestätigt sehen oder bestätigt sehen wollen: die Herrschaft über den Anderen ist zugleich die Unterwerfung unter den Anderen. Letzteres ist jedoch eine Notwendigkeit. In erster Linie notwendig, da aus der Perspektive der Unterwerfung Bedrohlicheres vom eigenen Körper und also Leben abgewendet versucht wird; notwendig in zweiter Linie, weil die bereits empfundene Unterwürfigkeit in sowohl psychischer als auch physischer Hinsicht in der Regel nicht ohne weiteres bzw. ohne den Eingriff Dritter aufgehoben werden kann.

Im Denken über sexuelle Gewalt ist zugleich eine Lokalisierung, eine räumliche Verortung antizipiert und vollzogen. Räume der Gewalt werden in den Gedanken der Beteiligten als „angefasste“ oder „beschmutzte“ Orte identifiziert und haben somit ihre natürliche Neutralität verloren. Das Wissen um ein Geschehen lässt jedoch auch für Dritte manchen „Tatort“ in auratischer Form zu einem gewissen alltäglichen Mythos werden: „Hier ist es geschehen!“, mag es dann heißen. Doch getrennt von der Verhandlung des Raumes, ist es notwendig eine Untersuchung von Räumen der Gewalt anzustrengen. Hier wäre zu klären, inwiefern es einerseits geologische und aggregative Besonderheiten gibt, die sexuelle Gewalt begünstigen (Lichtverhältnisse, Geomorphologie, Agglomeration, Ökologie, Arrondierung und Strukturierung bis hin zu Semiologie verschiedener Räume, d.h. ihrer kulturellen „Beschriebenheit“ und Aufladung mit Symbolen gesellschaftlicher Interaktion, im weitesten Sinne also Zeichen, die informativ und/oder handlungsanleitend wirken sollen.)

Dies sind erst einmal formelle Voraussetzungen einer Betrachtung sexueller Gewalt. Daran anschließend muss die inhaltliche Befassung neben Formen und Artikulationen der Gewalt und der Empfindung von Anstrengung sowie Schmerz einen Einblick in die physischen Bedingungen von sexueller Gewalt nehmen. Hieran knüpfen leibphänomenologische Betrachtungen an, die insbesondere das dichotome Denken über den Körper zu reartikulieren suchen, damit eine Schnittstelle zwischen „Ich“ und dem als Wesenheit verstandenen Körper herzustellen suchen. Doch was impliziert sexuelle Gewalt darüber hinaus, nicht zuletzt, da sie als ein Akt der Vergeschlechtlichung verstanden wird? Sie ist mehr als eine bloße Inszenierung, ein bloßes Schauspiel auf der Bühne der leiblichen Repräsentation. Das institutionalisierte Geschlechterverhältnis ist insoweit auf seine psycho-physischen Legitimationen hin zu betrachten. Neben der Dialektik von Herr und Knecht äußert sich in sexueller Gewalt nicht zuletzt die Trennung zwischen weiblichem und männlichem Geschlecht, mit je unterschiedenen biologischen und kulturellen Konnotationen. So sind Handlungsmotive, Bedürfnislagen, gesellschaftliche Verhandlung und Inszenierung, politische Artikulationen und juristische Verankerungen sowie Sanktionierungen sexueller Gewalt zu beleuchten. Da die Machtverhältnisse das Körperinnere durchziehen, um mit Foucault zu sprechen, wird es notwendig an der Ausformung von Körperidentitäten und Essentialisierungen von „Natur“ zu arbeiten. Das gesellschaftstheoretische Urteil über sexuelle Gewalt kann nur in eine politische Stellungnahme münden, die sogleich das herrschende Selbstverständnis der Gesellschaft kritisch reflektiert und der sexuellen Gewalt vorgelagerte Determinanten herausschält. Eine Historisierung sexueller Gewalt soll dabei die Kontingenz biologischer Taxonomie aufweisen und sogleich einen Schnittpunkt zur parallel, jedoch asymmetrisch herrschenden Produktions- und Lebensverhältnissen innerhalb der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft aufzeigen. Deren Strukturprinzipien, so wird bereits jetzt konstatiert, wird eine einfaches „Tilgen“ von sexueller Gewalt durch rationale Konsensualisierung bzw. „konsequente Aufklärung“ (gendering) nicht beseitigen! Doch um nicht in ein einfaches dogmatisches Ableitungsschema zu verfallen, dient insbesondere das Faktum ungleicher gesellschaftlicher Teilhabe und ein in der Folge nur rudimentär sowie asozial verlaufener Zivilisationsprozess beginnend bei der neolithischen Arbeitsteilung der Geschlechter hin zur stillschweigend quittierten „Referenz des Wissens“ (sogenannte gender codes)in der modernen bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft dazu bei, den „blinden Fleck“ des Denkens über sexuelle (sexualisierende, sexualisierte!) Gewalt freizulegen.

Wird fortgesetzt…

  1. Eine Kritik des Alltagslebens im Sinne Lefebrves und Bourdieus, die zugleich stets eine Kritik an der Reproduktion der Arbeitskraft und deren Notwendigkeit impliziert, ist anhand geopolitischer, soziologischer und ethnografischer Untersuchungen der praktischen Handhabe klassenspezifisch ausgeformten Lebens im Kapitalismus notwendiges Desiderat einer jeden gegen den Zeit(en)geist gewendeten Theorie. [zurück]