Archiv für April 2009

Vom ‚anthropologischen Kreis‘

In unserer Naivität haben wir uns vielleicht vorgestellt, einen psychologischen Typ beschrieben zu haben, den Irren durch hundertfünfzig Jahre seiner Geschichte hindurch. Jedoch müssen wir feststellen, daß wir bei der Abfassung der Geschichte des Irren, wenn auch nicht auf der Ebene einer Chronologie der Entdeckungen oder einer Ideengeschichte, sondern indem wir der Verkettung der fundamentalen Strukturen der Erfahrungen folgten, die Geschichte dessen geschrieben haben, was das Erscheinen einer Psychologie überhaupt ermöglicht hat. Darunter verstehen wir ein kulturelles Faktum, das der abendländischen Welt seit dem neunzehnten Jahrhundert eigen ist, jenes massive Postulat, das vom modernen Menschen ausgesprochen wird, das aber auf ihn zurückschlägt: Das menschliche Wesen charakterisiert sich nicht durch eine bestimmte Beziehung zur Wahrheit, sondern enthält als ihm eigen eine gleichzeitig dargebotene und verborgene Wahrheit.
Lassen wir der Sprache freien Lauf: der homo psychologicus ist ein Nachfahre des homo mente captus.
Da die Psychologie nur die Sprache der Alienation sprechen kann, ist sie also nur in der Kritik des Menschen möglich oder in der Kritik an sich selbst. Die Psychologie steht immer und von Natur aus an einem Kreuzpunkt der beiden Wegen, wo einerseits die Negativität des Menschen bis zu einem extremen Punkt vertieft wird, an dem Liebe und Tod, Tag und Nacht, zeitlose Wiederholung der Dinge und die Hast der Jahreszeiten, die ihren Lauf nehmen, einander zugehören, und wo schließlich mit Hammerschlägen philosophiert wird; und wo andererseits das Spiel unaufhörlichen Wiederaufnehmens, Zurechtrückens von Subjekt und Objekt, von Innen und Außen, von Gelebtem und Erkanntem sich übt.
Die Psychologie war durch ihren Ursprung notwendig eher das Zweite, wobei sie dies jedoch bestritt. Sie ist unerbittlich Teil der Dialektik des modernen Menschen bei der Auseinandersetzung mit seiner Wahrheit, das heißt, daß sie nie das ausschöpft, was sie auf der Ebene der wirklichen Kenntnisse ist.
In diesen geschwätzigen Verbindungen der Dialektik jedoch bleibt die Unvernunft stumm, und das Vergessen kommt aus der stummen Zerrissenheit des Menschen.

[Michel Foucault: Wahnsinn und Gesellschaft, Suhrkamp: Frankfurt/Main, 1973, S. 550f.]

Foucault umreißt in dieser Schlußpassage von „Wahnsinn und Gesellschaft“ die Oszillation, welches ein Denken durchgemacht um schlussendlich bei sich und also der negativen Klassifizierung des Wahnsinn als des „Nicht-Seins“ zu enden. Damit ist zugleich der Grundstein für die Entstehung der Wissenschaft „Psychologie“ gelegt; der Übergang von der ehemaligen und noch während des Ausklangs des Mittelalters betriebenen Praxis des Ausschlusses all jener „Irren“ hin zu einer direkt auf den Kopf und Gedankeninhalt des als „verirrt“ identifizierten Menschen manifestiert. Schlussendlich wird klar, dass es sich hierbei in erster Linie um die Straffung des Begriffsapparates, um eine Art „klarer Identifikation“ handelt, seitens der Mehrheitsgesellschaft, welche für sich die Hoheit über die Vernunft in Anspruch nimmt. Foucault stellt heraus, dass es sich natürlich um eine epistemologische Verschiebung und das Durchscheinen eines neuen Diskursregimes handelt, welches eben jene „psycho-logische“ Behandlung und (moralische) Beurteilung wie Sanktionierung zum Zwecke der Heilung vorsieht. Die Geisteskrankheit und der Wahnsinn beenden somit auf ihrer langen Reise von idealer Bewunderung (vgl. A. Dürers Melencolia I), über das Verfrachten auf die bei S. Brant und H. Bosch bezeichneten „Narrenschiffe“ wie dem Einsperren in Leprosorien, hin zu der Vertreibung und Einsperrung in Asyle, Internierungslager und auch Arbeitshäuser unter Anklage der „Un-Vernunft“ des Gedankeninhalts als auch des gesprochen Wortes (Semantik und Semiologie des Wahns) mit dem Ziel ihrer (moralischen) Genesung, der Eingliederung in die Gesellschaft und damit auch in die mittlerweile etablierten liberalen Ökonomien, dem experimentellen Anschauungsmaterial des ärztlichen Blicks (Geburt der Klinik), bis hin zur Etablierung der Wissenschaft „Psychologie“ und ihren Verlaufsformen der Analyse und Psychiatrie.

Anthelion

Es ist wahrscheinlich mehr das Gefühl einer Paralyse, dich mich umgreift, umhüllt, umschließt. In beständigen Gedankenzirkulationen treibe ich mich durch den Tag und in diesem Treiben gelange ich selbst keinen einzigen Meter vorwärts. Aber ich gelange auch gedanklich und also geistig oder intellektuell, wie man zu sagen pflegt, nicht voran, verharre auf derselben Stelle und dieses diffuse Gefühl wird immer größer und stärker. Diffus ist es, weil ich es nur unterhalb meines eigentlichen Daseins empfinde, aber ich empfinde. Ich empfinde immerhin. Das könnte man ja bereits als etwas Besonderes konstatieren, letztlich ist es jedoch nur ein jämmerliches Spaltprodukt meiner verqueren Existenz. Es ist aber nicht nur dieses Diffuse, leicht bläulich, leicht violett changierende Etwas, das mich umfasst, neinnein, es hat darüber hinaus den Charakter einer sanften Ohrfeige oder eines Anziehens um des Abstoßens willen. Würde ich es auf einen getreuen Begriff bringen können, mir wäre vielleicht diese Last genommen, obwohl ich bereits jetzt weiß, mit einem nur antizipierten Begriffs-Etwas weiß, dass die Last niemals schwinden wird, nein, die Last bin ich vielmehr selbst, oder anders, das Selbst, das sich Ich nennt, belastet mich, wobei sich dem die Frage nach dem Ich sowie dem Mich anschließen würde. Wären dies nicht alles Palliative? Leere Hüllen, in die wir Bedeutungen verpflanzen? Semantisches Wurzelwerk, dass sich um unsere Körper schlingt, sie vereinnahmt, ihnen vorausgeht und auch unserem Denken zumindest in diesem einem Punkt beständig vorausgeht; man denke nur an die Redeweisen von der körperlichen Konstitution und dem Wandel ihrer Beschaffenheit – da fliegt ein Betonteil an meinem Fenster vorbei und landet mit einem satten Schmatzen im aufgeweichten Boden –, die Beschaffenheit also, die wir mal als „kränklich“, anderntags als „zum Bäume ausreißen“ identifizieren. Doch was meinen wir damit? Meinen wir Gegenstände, die sich von ihren Plätzen lossagen, denen wir einst den ihn vermeintlich gebührenden in unserem Kopf zugewiesen hatten? So in etwa, wenn wir von der Himmelsrichtung Norden sprachen und im Geiste jegliche Ausrichtung unseres Etwas danach justierten. Stets dachten wir, wir würden uns nach Norden, also in nördlicher Richtung ausrichten und mit einem Mal stellt sich heraus, dass dies alles nur ein Fehler, ein einziger Fehler, eine einzige synkope Täuschung war! Unvermittelt stehen wir auf der Mitte des Weges, wahrscheinlich an einer Weggabelung und fragen uns, ob wir nun in den nunmehr vermeintlichen, ehemaligen Norden gehen sollen oder nicht doch besser in den Süden, wobei sich dieser Süden nunmehr als falscher Süden, da falsches Gegenteil zum falschen Norden herausgestellt hat, sodass wir uns in einem Verwirrspiel wiederfinden, das eventuell mit der Entscheidung enden könnte doch den Weg Richtung Norden einzuschlagen, da wir vielleicht mit einer Wahrscheinlichkeit von einem Viertel doch in den Norden, aber auch mit einer Wahrscheinlichkeit von drei Vierteln eben nicht gen Norden gehen würden. Aber welche Auswirkungen hätte diese neue Ausrichtung auf unser Selbst und Dasein? Es wird dann offensichtlich, dass eine Ausrichtung jedweder Art nur ein theoretischer Behelf sein kann, um so etwas wie Orientierung zu erlangen. Ja, das war es doch: Himmelsrichtungen dienen der Orientierung, zumindest taten sie dies, solang sie mit einen semantischen Gehalt verknüpft waren, der von der Mehrheit einer Glaubensgemeinschaft akzeptiert und als unverbrüchlich angesehen wurden. Schließlich hatte sich das gesamte gesellschaftliche Leben eben nach dieser vereinbarten Himmelsrichtung zu justieren, ganze Skizzen und Pläne, ganze Konzeptionen von Raumgestaltung und auch die Abgrenzung von Territorien mithin in gewaltiger, blutiger Manier hatten dem zu folgen. Welche Absurdität, dass all dies durch das Wegbrechen des semantischen Gehalts als nichtig herausgestellt wurde. Also braucht es diese Erschütterungen? Oder braucht es sie gerade weil wir selbst uns festgefahren fühlen? Sind Brüche nur Korrekturen unser narkotisierten Köpfe, der neurotischen Blende, die wir tagtäglich vor uns hertragen und andauernd darum bitten, der Andere oder das Gegenüber möge seinen Blick auf ebendiese Blende richten, nur um sich geblendet zu sehen? Vielleicht richte ich meinen Kopf doch besser auf und schaue über den mir vorgegebenen Tellerrand, schon stelle ich fest, dass die Welt noch in derselben Bewegung und derselben Starre verharrt. Hier Starre, dort Bewegung, was heißt das? Ist die Starre nicht nur eine weitere Form der Bewegung, eben ihr Negativum? Also die Abwesenheit eines Tuns, eines Sprechens und einer Bewegung. Übrigens ist genau das etwas, das mir sehr behagt: die Abwesenheit eines Tuns, eines Sprechens und einer Bewegung, wenn, ja wenn man diese Trinität als ein Ganzes betrachtet, das wie eine Kettensäge beständig sich am Wurzelwerk zu schaffen macht, ja eher sich an unserem höchsteigenen Bestand an Wesenheit – das was wir zu seien glauben –, zu schaffen macht, daran nagt, vielleicht wie ein Fäulnis erregender Pilz für Wucherungen und Auswuchtungen sorgt, sodass wir alsbald daran zu Grunde gehen? Aber nein, das trifft noch nicht den Gedanken, den ich treffen wollte. Also zurück auf Anfang. Es ist eine Kettensäge und sie zerfräst langsam, aber dennoch fortwährend unseren Bestand, unseren Gehalt, es schlägt uns die Füße weg. So fühlen wir uns, wenn wir aufstehen, wenn wir aus dem Fenster schauen, wenn wir auf die Straße treten, wenn wir in andere Gebäude eintreten, wenn wir mit Anderen in Interaktionsriten schreiten, wenn wir jemand, der uns besonders nahe steht verlassen, wenn wie verlassen werden, wobei darüber noch einmal gesondert nachzudenken wäre, insbesondere aufgrund der moralischen Konnotation dieses Handelns, wenn wir uns Schlafen legen, wenn wir uns anfassen, wenn wir uns betrachten, was wahrscheinlich die furchtbarste Möglichkeit der Selbsterkenntnis und der eigenen Beschränkung darstellt, wenn wir glauben, wir bewegten uns in aller Seelenruhe, obwohl wir nur um die Hälfte verlangsamt voranschritten, immer unter demselben Telos der Gewalt voranschritten, wenn wir dächten, die Zeit sei zumindest für einen Augenblick verschwunden, dabei sind nur wir es, die sich in diesen Momenten verstecken und vor dem Etwas flüchten, wenn wir uns an die Stirn fassen, um zu signalisieren, dass eine Art Gedankenbewegung, und wenn auch nur eine banale, geschieht, wenn wir uns die Schuhe zuschnüren oder eine Geste vollführen und dabei auf unsere Extremität schauen, wie sie sich nahezu von selbst bewegt, gerade so, als würde sie ein Eigenleben führen, was uns naturgemäß veranlasst, die Geste sofort einzustellen, nur um uns zu beruhigen, dass es doch kein Eigenleben jenseits unseres eigenen Lebens gibt.

Blau ist die Farbe, die alles umschließt. In der Dunkelheit des Zimmers zentriere ich mich mittig und spüre es an mir, sehe es um mich herum. Blau ist die Farbe. Es scheint beinah so als würden die Wände anfangen zu sprechen, aber die Wände wissen ohnehin Bescheid, hören beständig zu. Blau ist die Farbe. Meine Fingerspitzen sind kalt, jede Berührung tut mir weh, vielleicht einen Schritt vorwärts wagen? Oder zur Seite? Nein, besser nicht, es könnte ungeahnte Auswirkungen auf meine Stabilität haben. Blau ist die Farbe. Sie bewegen sich da draußen, gehen voran und arbeiten. Sie können mich nicht sehen, ich aber beobachte all ihre Bewegungen sehr genau, und sie haben nichts Zerbrechliches, sind unantastbar, wie in Stein gemeißelt, monolithisch. Da drängt der Streicher an mein Ohr, es war doch das Geräusch der Kreissäge, nun gewandelt, transformiert. Kein anderer Frequenzgang, keine andere Elongation der Amplitude. Blau ist die Farbe. Kleines Zucken der Lider, aber keine Bewegung. Rechts, links, rechts, links, rechts, links, rechts, links. Es verschiebt sich, ja, es wird unterschwelliger. Nein, es hebt sich selbst empor, ich muss nichts dazu tun. Es geschieht von selbst. Blau ist die Farbe. Ein Rauschen, kleine Messerstiche, ein gewaltiges Pochen, ich spüre es an den Schläfen. Verzerrt, verstärkt, verzerrt, verstärkt. Rechts, links, rechts, links. Blau ist die Farbe! Ein Abdriften, ein Anzug, Repulsion und neuerliche Refraktärphase. Das Pochen wird heftiger, ich gehe in die Knie. Ach, wie weich mir die Glieder sind, aber ich kann die Augen schließen, dachte sie seien geschlossen, aber nein, neinnein, es ist nur die Dunkelheit. Es entschwindet, wie ein Echolot kommt es leiser zurück, weg, vollkommen entschwunden. Blau ist die Farbe!! Sie schlagen gegen das Mauerwerk, mit stählernen Fäusten. Ihre Schritte hallen wie kleinen Implosionen, tausendfach verstärkt. Blau ist die Farbe!! Abwesenheit! Blau ist die Farbe!! Blau ist die Farbe!! Blau ist die Farbe!! Die Farbe ist Blau, sage ich!!

Räume der Entgrenzung

Und diesmal habe ich meine Aufgabe beendet, ich habe die allerletzten Minuten überschritten, meine Gegenwart hier hat keine Berechtigung mehr, keine menschliche Beziehung, kein festzulegendes Ziel erwartet mich mehr. Dennoch ist da etwas, etwas Furchtbares, das im Raum schwebt und sich anscheinend nähern möchte. Noch keine Trauer, noch kein Kummer, noch kein deutlich bestimmbarer Mangel, sondern etwas anderes, das man das nackte Entsetzen vor dem Raum [Hervorhebung im Original, Anm. d. Verf.] nennen könnte. War das das letzte Stadium? Was hatte ich getan, um eine solches Schicksal zu verdienen? Was hatten ganz allgemein die Menschen getan? Ich spüre jetzt keinen Hass mehr in mir, nichts mehr, an das ich mich klammern kann, keinen Anhaltspunkt und keinen Hinweis; nur noch die Angst, die Wahrheit aller Dinge, eine Angst, die in allem der beobachtbaren Welt gleicht. Es gibt keine reale, keine sinnlich erfassbare, keine menschliche Welt mehr, ich habe die Zeit hinter mir gelassen, habe weder Trauer, keine Pläne, keine Sehnsucht, keine Selbstaufgabe und keine Hoffnung mehr; da ist nur noch Angst. Der Raum kommt, nähert sich, versucht mich zu verschlingen. Mitten im Zimmer ist ein leises Geräusch zu hören. Die Gespenster sind da, sie bilden den Raum, umgeben mich. Sie ernähren sich von den toten Augen der Menschen.

[M. Houellebecq: Die Möglichkeit einer Insel, Rowohlt: Reinbek, 2007, S. 434f.]

Mag man sich zu Houellebecq stellen wie man will, dass man ihn nun nicht nur auch als Körpersoziologen, sondern auch als Raumtheoretiker lesen kann, ist eine ungeahnte neue Facette, die in jedem Fall in die aufgeworfenen Debatten bezüglich der Verhandlung und Medialisierung sexualisierter Gewalt, sowie ihr vorgelagerter Semantiken und Assoziationsketten eingebunden zu werden verdient.