Archiv für März 2010

Post-Säkularismus und Gesellschaftskritik

Vorweg muss ich erwähnen, dass dieses Fragment ebensolches geblieben ist, weil mein Analyseraster sich weiter verschoben hat. Auch ist die Begriffskonstruktion „Post-Säkularismus“ wohl eher eine Überschätzung eines nur affirmativ-ideologischen Phänomens, das im Rahmen einer Konjunkturtheorie ideologischer Begriffe besser verortet als hier um die Gefahr der begrifflichen Hypostase gefasst werden kann. So sollen auch die nachfolgenden Gedanken vor allem den Diskussionsprozess wiedergeben, der um eine konzise Theorie kapitalistischer Vergesellschaftung der Gegenwart kreist.

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Der Begriff Post-Säkularismus steht zunächst als leerer Begriff im Raum: das Präfix „Post“ verweist bloß auf etwas Vergangenes, das man überwunden glaubt; das Suffix und Substantiv „Säkularismus“ erinnert dagegen an eine spezifische Phase der modernen Rationalität: eben das Zeitalter der Trennung von Religion (Glauben) und Vernunft (menschliche, intelligible Ordnung). Die Zusammenlegung beider Teile führt uns in einen undefinierten Raum, der alles, nur nicht säkular ist. Oder doch? Das Dilemma jeder temporären Termini offenbart sich in ihrer Unbeschriebenheit, weswegen sie immer zu präzisieren sind, um eine tatsächliche Analyse leisten zu können. (mehr…)

Zum Theorem der „Konvergenz“

Nur kurz will ich in einigen Gedankenketten die zentralen Aussagen zum Theorem der Konvergenz festhalten, wie sie sich mir aktuell darstellen. Dabei wird mir klar, dass, sosehr Konvergenz auf die Zentralisierung heterogener Erscheinungen abstellt, es dennoch keinen abschließenden Begriff der Konvergenz geben kann. Vielmehr zeigt sich im Verlauf des Studiums die schlichte Offenheit und also Kontigenz des Begriffs. Insofern verstehe ich ihn zwar als hypothetisches Konzept, dem dennoch ein Gemeinsames innewohnt, das sich in vielerlei besonderen Äußerungen offenbart.

Wenn hier von Konvergenz gesprochen wird, so zielt der Begriff stets auf seine politischen Implikationen: politische Inhalte konvergieren, tendieren also zu einem gewissen festzustellenden Grenzwert. Mit der Kontingenz des Begriffs geht auch seine Deutung in normativer Hinsicht einher. Inhalte könne nur dann als konvergierend identifiziert werden, wenn ihre Aussagenstruktur elementare Analogien aufweist. Normativ ist dies insoweit, (mehr…)

Der Diskurs der Subkulturstudien

Hier: falsche Gegensätze der „Anti-Mainstream-Diskurse“ in der Jugendkulturforschung:

[Sarah Thornton zit. nach Marchart, O. (2008): Cultural Studies, Konstanz, UVK: 121]

Konvergenz politischer Inhalte und die Notwendigkeit außerparlamentarischer Gegenmacht

Der nachfolgende Text fasst bislang nur unwillkürlich zusammengetragene Gedanken zusammen, ist dabei gleichwohl nicht mehr als eine Skizze. Aktuell verschieben sich meine thematischen Einflüsse derart schnell, dass jedes Textprodukt sich bereits nach kurzer Zeit wieder einer Kritik ausgesetzt sieht. Dennoch, an dieser Tatsache ändert sich wenig, sehe ich den Status quo durch zwei entscheidene Strukturelemente gekennzeichnet: Die Hegemonie des politischen wie auch ökonomischen Liberalismus, die uns im Westen in Form der parlamentarischen Demokratie sowie der kapitalistischen Verkehrswirtschaft erscheinen. Beide Strukturmerkmale sollen sich im Prozess der Globalisierung (gleichwohl ein inhaltlich entleerter Begriff), Transnationalisierung, kurzum der räumlich wie auch zeitlichen Entgrenzung politischer und ökonomischer Herrschaft verorten lassen. Zugleich scheint es mir gebotener denn je, eine theoretische Vermittlung zwischen empirischen Prozessen der Prekarisierung/Pauperisierung innerhalb wie außerhalb des nur lokalen Arbeits- und Verwertungsprozesses (kapitalistische Produktion), als auch dessen Kontinuität und Translation in globaler Politik und auf weltumspannenden Einfluss zielenden staatlichen (auch korporatistischen) und überstaatlichen (regionale Blockbildung sowie Transnationale Konzerne) Handelns zu ermitteln und darzustellen. Ziel ist die Analyse des kapitalistischen Staates im Post-Fordismus, der sich nicht nur in affirmativ-ideologisch-hegemonietheoretischer Hinsicht durch einen „neuen Geist des Kapitalismus“ (Boltanski/Chapiello) auszeichnen soll. Claus Offe lieferte bereits Anfang der 1970er Jahre folgende These: „Wir können deshalb sagen, daß staatliche Herrschaft dann und nur dann Klassencharakter hat, wenn sie so konstruiert ist, daß es ihr gelingt, das Kapital sowohl vor seinem eigenen falschen wie vor einem antikapitalistischen Bewußtsein der Massen in Schutz zu nehmen.“ (Strukturprobleme des kapitalistischen Staates, Suhrkamp: Frankfurt/M., 1972, S. 77) (mehr…)

Politischer Indifferentismus

Bourdieu über den Zusammenhang von beruflichem Aufstieg, der teils als einzig „legitime“ Perspektive des Kleinbürgers und Mittelschichtlers gilt, sowie politischer Apathie und dem Aufkündigen von Solidarität:

Es läßt sich in der Tat nachweisen, daß die Einklagung des Rechts auf »persönliche Meinung« und der Argwohn gegenüber jeder Form von Delegation, zumal auf politischer Ebene, dem System von Dispositionen jener Individuen logisch eingeschrieben sind, deren gesamte Vergangenheit und Lebensentwurf auf der Hoffnung individuellen Heils gründet, auf persönlichen »Gaben« und »Verdiensten«, auf dem Bruch mit belastender Solidarität, ja der Aufkündigung als hinderlich empfundener Rücksichten, schließlich auf der systematischen Entscheidung, in allen Bereichen – Wohnen wie Arbeit, Freizeit wie Denken – dem Privaten, Intimen absoluten Vorrang einzuräumen gegenüber dem Öffentlichen, Kollektiven, Gemeinsamen, Beliebigen, Entlehnten.

[Pierre Bourdieu: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, Suhrkamp: Frankfurt/Main, 1982, S. 650]

Nicht selten treten die Anforderungen individuellen Erfolgs – Besuch von Abendkursen oder Fügsamkeit gegenüber Vorgesetzten – in Konflikt mit denen kollektiven Wohls – aktive Beteiligung an Gewerkschaftsarbeit usw. –, teils aus pragmatischen Gründen, teils aber auch, weil darin jeweils gegensätzliche Gesellschaftsbilder wirksam werden. Umschulung und Aufstieg – wie auch fachliche Weiterbildung – wären wohl kaum derart positiv sanktioniert, sicherten sie nicht die Zustimmung zur Institution und zur sozialen Ordnung generell.

[ebd., Fußnote 27]

Zur Differenz von ökonomischem und kulturellem Kapital

Bourdieu thematisiert hier am Beispiel der Lehrer (an Gymnasien und Hochschulen) sowie der Freiberufler die wesentliche Differenz von ökonomischem und kulturellem Kapital, zeigt dessen Streuung in der Sozialstruktur und vermittelt über die je spezifischen Aneignungsweisen, der Binnenlogik von Feld und Habitus. Hieraus speist sich die politische Kompetenz, äußern sich Interessensgegensätze, Weltbilder und mobilisieren sich je nach Durchsetzungsstärke und Fähigkeit zur Artikulation wie Partizipation gesellschaftliche Kraft- und somit Macht- und Herrschaftsverhältnisse dort, wo die bestehende Ordnung aufgrund priviligierender Zugänge oder abzusichernder Positionen gestützt oder aber um die Anerkennung des individuellen Standpunktes umgeformt werden soll. Der Zugang zu „legitimen“ Kulturgütern gelingt durch hohes Einkommen, hierüber lässt sich Sozialprestige erwerben, das sich in der Folge als „soziales Kapital“ manifestieren und in politischen Einfluss umformen lassen kann. Umgekehrt, bei denen mit geringem Einkommen, jedoch gleichem oder gar weitaus höherem Bildungstitel äußert sich die fehlende Anerkennung der schulischen Erfolge als idealistische und moralische Kritik an den Klassifizierungsprinzipien der im Werteverständnis als „bürgerlich“ zu bezeichnenden spätkapitalistischen Gesellschaft des Westens. Bourdieu legt in diesem Ausschnitt Elemente einer politischen Soziologie dar: (mehr…)

Umrisse einer politischen Soziologie des Spätkapitalismus

Bindestrichsoziologien bergen die Gefahr, das Analyseobjekt zulasten der Großtheorie unzulässig zu fokussieren. Wenn der entscheidende Unterschied zwischen „traditioneller“ und „kritischer Theorie“ jedoch gerade im Rückbezug der gewonnen Einzelerkenntnisse auf die gesellschaftliche Totalität besteht, dann darf sich eine spezielle Soziologie nicht mit der bloßen Feststellung von Fakten begnügen, sondern muss „aufs Ganze“ (Hegel) gehen.

Hypothetische Ausgangspunkte einer politischen Soziologie müssen die in der gegenwärtig vorgefundenen gesellschaftlichen Realität bestehenden Macht- und Herrschaftsverhältnisse sein. Macht und Herrschaft verweisen auf die zu einem gegebenen Zeitpunkt bestehenden Rechtsinstitutionen, die als objektiv gültige Normen die Handlungs- und Denkformen der Gesellschaftsmitglieder strukturieren. Macht und Herrschaft erstehen jedoch nicht urplötzlich als gegebene Entitäten, (mehr…)

Spiele der Wahrheit

Spiele der Wahrheit oder, auf einen Begriff gebracht, Wahrheitsspiele bezeichnen die Art und Weise, wie in der Welt Wahrheit produziert wird: eben als Spiel, als fortwährendes Ringen um die Deutungshoheit der objektiven Welt. Es drückt sich darin einerseits die Überzeugung aus, dass Wahrheit selbst ein diskursiver Gegenstand ist, also etwas, das einem raum-zeitlichen Wandel unterliegt und aktiv durch Menschen hergestellt wird und somit nicht einfach gegeben ist. Wahrheit ist kein Naturgesetz und auch keine quasi-religiöse Offenbarung, sondern soziale Konstruktion, mithin ein rekursiver Begriff. Sie fußt auf Erfahrungen, Wahrnehmungen, Interpretationen und Messungen. Sie kann präzisiert und rationalisiert werden; aber im Prozess der fortschreitenden Rationalisierung der Lebenswelt liegt zugleich ihre Grenze: es offenbart sich der behelfsmäßige Charakter von Wahrheit.

Ohne auf ihre etymologischen Hintergründe näher einzugehen, ist es ohne Weiteres einsichtig, dass Wahrheit schlechthin als zentrale Referenz im intersubjektiven wie gesellschaftlichen Austausch gilt. Sich auf die Wahrheit als feste Größe zu berufen bedeutet nicht nur am Beispiel normativer Setzungen ihre heilsgeschichtliche Semantik: „Bekenne dich!“ Das verweist uns zugleich auf den zweiten Aspekt des Begriffs: Wahrheit als soziale Referenz, als Bezugspunkt der Rede und Sprache allgemein wie auch als Norm für jedwede legitimationswürdige Praxis, wird als Normalität gedeutet, als klarer Ansatzpunkt für jedwede Debatte.

Die Wahrheit zu sagen ist für ein solch gewaltiger Norm unterworfenes Individuum mehr als prägend: Dinge wahr sprechen, im Austausch mit Dritten auf Wahrheit zu pochen bedeutet immer, sich der Gültigkeit einer Wahrheit und damit einer Scholastik, einer Exegese und Auslegung von Wissen zu bedienen, als auch an sie zu glauben, und wenn schon nicht affirmativ, so – wo es um gewalttätige Dinge geht -. zumindest zwangsvermittelt, was notwendigerweise beschränkt ist. Wenn wir einsehen, dass es diese eine Wahrheit als Letztgültigkeit nie geben kann, sondern lediglich Inseln isolierten Wissens, welches zunehmend vernetzt wird, so ist auch klar, inwiefern wissenschaftliche Analysen sich selbst zu objektivieren haben, wollen sie nicht regressive Apriori mit in die jeweilige Analyse einfließen lassen.

Man muss weitergehen und darauf beharren, Wahrheit und Interesse nicht gegeneinander auszuspielen. Gilt Wahrheit als normativer Begriff und wird sie Grundlage einer Moral, so sollten wir stets fragen: „Welche Wahrheit meint ihr?“ Wahrheit ist an Interessen gekoppelt, in ihr drückt sich eine herrschende Lehre, drücken sich Hegemonie wie Ideologie aus; sie ist Gegenstand des sogenannten Macht-Wissen-Komplexes (Foucault), der nicht nur technokratische Komponenten beinhaltet, sondern Weisen der Subjektivierung und damit genuin für das Selbstverständnis einer Kultur ist. Wer die „normative Kraft des Faktischen“ beschwört mag zwar einem Alltagspositivismus zuspielen und durchaus die legitimen Verfahrensweisen einer historischen Gesellschaftsordnung auf seiner Seite haben, ob es sich dabei jedoch nicht im Einzelfall um eine schädliche Angelegenheit halten kann (man denke nur an Patriarchat oder Ausbeutung, an Frohndienste und Marktlogiken) kann gar nicht abschließend fixiert werden. Im Zweifel verharrt man in sogenannter Alternativlosigkeit („There is no alternative!“). Wahrheit als interaktionistische Referenz ist insofern gleichzusetzen mit religiöser Terminologie. Sie kann überhaupt nicht gleichgesetzt werden mit dem Begriff des Wissens, denn letzterer beruht auf Analyse, Messung und Vergleich, mithin gegen landläufige Auffassungen vom „guten Leben“. Damit bleibt konzediert, dass Erkenntnisse einer Beurteilung unterliegen müssen, genauso wie es klar ist, Forschungsergebnisse im Zweifel zu beschränken, wenn die Konsequenzen ihrer Anwendung Schaden für Mensch und Umwelt stiften können. Nur kann das nicht selbst im Forschungsgegenstand begründet liegen, sondern lediglich Resultat der Bewertung durch die entsprechend geschulte Mehrheit sein.

Verleugnung der Realität

Die gegenwärtige Finanz- und Wirtschaftskrise, kurz „Krise“, die ihren Auftakt bereits im Sommer 2007 mit zur Spekulation erhobenen Hypothekenkrediten in den USA nahm und ihren (emotionalen, wenn auch noch nicht vollends materialistischen) Höhepunkt in 2008 erreicht zu haben schien, ist heute mehr und mehr aus dem Alltagsbewusstsein verdrängt: Berichterstattung findet wenn überhaupt, so nur in technisch-pragmatischer Hinsicht statt, also wenn es seitens der berichterstattenden Medien darum geht, den nationalen Regierungen sowie den Institutionen der weltweiten Good Governance zu bescheinigen, dass sie dieses oder jenes Instrument, diese oder jene Stellschraube an der globalen Finanzarchitektur anziehen oder auch lockern sollten (!), statt vermeintlich unwichtige politische Felder wie das der Sozial- und Arbeitsmarktpolitik – die ja gerade erst die Möglichkeiten schaffen, den aus Unrentabilität freigesetzten Massen paternalistisch zu begegnen –, zu beackern. Die formelle Information über den gegenwärtigen Stand der Technik verweist uns sogleich auf die herrschende Lehre, die Hegemonie des entpolisierten kapitalistischen Diskurses: (mehr…)