Archiv für Mai 2010

„Profis der rationalen Seelenpflege“

Als rationalisierende Mystik im wissenschaftlichen Zeitalter liefert die frei interpretierte Psychoanalyse Legitimationen, die den so willkürlichen wie notwendigen Voraussetzungen eines Ethos den Anschein einer rationalen Begründung gibt. Der Übergang von Ethik zu Therapeutik schafft das Bedürfnis nach dem Therapeuten, von dem es selber herstammt: zweifellos gerät die Suche nach psychischer Gesundheit mit ihrem Rückgriff auf die Profis der rationalen Seelenpflege (Psychoanalytiker, Psychotherapeut, Eheberater usw.) in eine dialektische Beziehung zur Entwicklung einer Körperschaft, die fähig ist, das Bedürfnis nach ihrem eigenen Produkt zu produzieren, d.h. einen Markt für die Güter und Dienste, die anzubieten sie vorbereitet ist.
Gewiß hat man sich davor zu hüten, diesem einzigen Faktor den gesamten Wandel in der privaten Ethik zuzuschreiben, der tatsächlich nur aus einem Bündel kausaler, aber (relativ) voneinander unabhängiger Serien herrührt: dem Auftauchen neuer psychologischer Theorien (Psychoanalyse, genetische Psychologie usw.), dem Andrang von Töchtern aus bürgerlichem Hause zum Studium und ihrem dadurch veränderten Lebensstil, dem Wandel des Reproduktionsmodus, der dazu führt, daß schulische Fehlleistungen allmählich mehr zählen als moralische Fehler (wobei die Schulangst, die in erster Linie Jungen befällt, an die Stelle der ethischen Angst tritt, die hauptsächlich bei Mädchen anzutreffen war), der Zunahme des Frauenanteils auf dem Arbeitsmarkt und auch dem Wandel der ökonomischen Produktion selbst, die immer stärker gezwungen ist, den Bedarf an ihrem eigenen Produkt überhaupt erst zu produzieren und Seltenheit künstlich zu schaffen, und damit über alle Mittel und Wege dazu beiträgt, eine Konsumentenmoral zu fördern. Zweifelsohne hängt der Aufschwung der therapeutischen Moral zusammen mit dem Entstehen einer Körperschaft von Spezialisten (Psychoanalytiker, Sexologen, Eheberatern, Psychologen, Fachjournalisten usw.), die das Definitionsmonopol für legitime pädagogische oder sexuelle Kompetenz beanspruchen, wie sich auch die Bildung eines Produktionsfeldes für Güter und Dienste – entstanden aus der Differenz zwischen der nunmehr geforderten und der wirklich vorhandenen Kompetenz in diesen Bereichen – nur im Zusammenhang mit den gesamten Konvertierungsstrategien verstehen läßt, mit deren Hilfe von Familie und Schule auf die Rolle einer ethischen Avantgarde vorbereitete Akteure in den Nischen des Lehrkörpers und Ärzteschaft den Ersatz für prestigereichen Positionen finden konnten, die der Arbeitsmarkt ihnen verwehrte.

[Bourdieu, Pierre (1987/1982): Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 580f.]

Krankheit, Behinderung und Tod als Tabu

Der Text kann auch als PDF (Klick) abgerufen werden.
Darüber hinaus werde ich in den kommenden Tagen hoffentlich zu einer Korrektur [sic!] der orthografischen und syntaktischen Flüchtigkeitsfehler kommen. Eine Ergänzung des Literaturverzeichnis bildet den Abschluss. Die Diskussion selbst ist mit diesem Aufsatz erst wieder angestoßen worden; auch hier hoffe ich bald mehr nachreichen zu können.

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Nun habe ich in vergangener Zeit verstärkt auf die Strukturprobleme des kapitalistischen Staates hingewiesen, und nur skizzenhaft versucht darzustellen, in welche Widersprüche sich eine Politik verstrickt, die zumindest den Anschein zu wahren sucht, dass Klassenauseinandersetzungen obsolet und nur noch Fußnote der Geschichte seien. Anhand der Debatte um den Begriff des „Spätkapitalis­mus“, wie er von Offe und Habermas (1) bereits in den frühen 1970ern eingeführt worden war, konnte ansatzweise verdeutlicht werden, in welch‘ großen Zyklen sich die kapitalistische Produkti­ons- und Lebensweise bewegt: indem sie über verschiedene Akkumulationsregimes (Aglietta) die Aneinungs­weisen von Profit über Raum und Zeit zu restrukturieren versteht, gelingt es ihr auch – historisch und sozial höchst ausdifferenziert –, wenn auch nur temporäre Befriedigungen des immanenten Ak­kumulationsdranges zu erreichen. Ich will das nun nicht mit weiteren Beispielen untermalen, an­hand des griechischen Staatsbankrottes (2) und der naturwüchsigen Rettungsaktionen der EURO-Partnerstaaten – die vielmehr als Konkurrenten um gelingenden Standort verstanden werden sollten –, lässt sich eine Folgeerscheinung der ökonomischen Globalisierung ersehen. Freilich muss diesen Analysen wesentlich mehr Platz eingeräumt werden. Auch eine ausführliche Besprechung und Illus­tration des Spätkapitalismus-Theorems halte ich für angezeigt und hoffe dies noch unter dem Primat einer Theorie kapitalistischer Entwicklung nachreichen zu können. (mehr…)

Politische Programmatik und Legitimationskrisen

Betrachtet man als interessierter Zeitgenosse die Reportage zur Landtagswahl in NRW so scheint eines festzustehen: eine doch klare Abwahl der herrschenden Koalition aus CDU und FDP. SPD und Grüne scheinen sich zu rüsten für eine Neuauflage ihres „rot-grünen Projekts“, auch wenn dazu die wenigen Stimmen der in den Landtag neu hinzutretenden Linken notwendig sein werden. Wenn man sich etwas von der vorschnell und nur reflexartigen Freude distanziert – und um das nicht zu sehr zu verwässern: es ist sicher erfreulich dass „Schwarz-Gelb“ hier eine Klatsche einstecken muss –, so verweist die Nachlese der Wahl wieder auf das strukturelle Dilemma demokratischer Parteipo­litik oder besser: auf die Strukturprobleme der parlamentarischen Demokratie. Die Dialektik von Wahlwerbung und Akklamation lässt sich stets nur um die Preisgabe der sog. „Wahlversprechen“ aufrechterhalten. Seit dem in Westdeutschland bestandenen sog. „Wirtschaftswunder“, das ja nur Folge von Marshallplan und Restruktuierung der kapitalistischen Produktionsweise in der neu konstituierten BRD war, herrscht das autoritative oder auch „konservative“ Sozialstaatsmodell (Esping-Andersen 1990) vor, das sozialen Frieden (auch: Sozialpartnerschaft) mit beständigem Wirtschaftswachstum zu harmonisieren sucht. Diese „Institutionalisierung des Klassenkonflikts“ lief aufgrund einiger politischer und ökonomi­scher Organisationsprinzipien (politisch: der Nationalstaat; ökonomisch: das Bretton-Woods-Sys­tem) bis in die 1970er Jahre sehr stabil. Brüche setzten dann ein sowohl in der a) Akkumulation von Kapital (wem der Begriff befremdlich erscheint, so auch von Eigenkapitalrenditen oder sektoralen Grenzproduktivitäten gesprochen werden, es ändert inhaltlich nichts) sowie b) der politischen Absicherung des Klassenkonflikts (in der Soziologie etablierte sich dafür zunächst der Begriff „Zweite Moderne“ bzw. „Risikogesellschaft“ [Beck] oder „Neue Unübersichtlichkeit“ [Habermas]). (mehr…)