Archiv für Juni 2010

»Die Machtverhältnisse durchziehen das Körperinnere«

Emotionen gelten als das Gegenteil von Rationalität. Wenn der Alltag als rationalisierter verstanden wird, so hat das Ausleben von Emotionen darin meist eine negative Besetzung: affektuelles Handeln, wie es bereits Weber aufführt, ist das Negative, weil nicht Durchdachte. Im Strafprozess wird die Tat im Affekt als mildernder Umstand berücksichtigt; dem Individuum, als das die Justiz Menschen stets nur behandelt, wird zugestanden während der Wahlhandlung nicht recht bei Sinnen gewesen zu sein und sich durch situationsbedingte Faktoren beeinflusst gelassen zu haben. In der Abwesenheit des Alltags feiern die Individuen hingegen Emotionen als unmittelbaren Ausdruck von Lebensbejahung, als letzte Bastion vor der „kalten“ und „nüchternen“ Rationalität, die alle Bürokratien, Institutionen und Apparate, kurzum das moderne kapitalistische Leben und staatliche Herrschen charakterisieren. Hier gesellen sich Spontanität zu Liebe, Eifer zu Romantik. Hier ist der Ort der Identitätskonstruktionen und der emotionalen Selbstbehauptung. Individualisierung als Topos und als Postulat der bürgerlichen Gesellschaft kann nur in der praktischen Ausgestaltung von Emotionen tatsächlich zur Bedeutung kommen, was ihre Sanktionierung im routinisierten und regulierten Alltag nur mehr in absurdes Licht führt (Stichwort: fetischistisches Bewusstsein [Marx]). Und dennoch bietet die Inszenierung des Selbst nur fades Surrogat für fehlende Bestätigung, die nur durch praktische und intellektuelle Tätigkeit zu erlangen ist (1).

Es ist der Frauen- und Geschlechterforschung zu verdanken, dass (mehr…)

Anmerkung zur Fotografie

Mein Verhältnis zur Fotografie hat sich in den letzten zwei Jahren doch stark gewandelt. Standen früher die reine Konservierung und Inszenierung von teils verzerrt wahrgenommenen oder aber surrealistisch (in der subjektiven Konstruktion) gefärbten Gegenständen im Vordergrund, so hat mich die Zwischenzeit verstärkt über die Bedeutung, die Potentiale und den soziologischen Gehalt der Fotografie als einer Kulturtechnik nachdenken lassen. Das Ausbleiben neuer Fotografie hatte seinen Grund nicht nur in einer durch den Alltag vermaledeiten Zeitordnung/planung, sondern auch in einem gewachsenen Zweifel an ihrer Notwendigkeit. Dabei zielte Notwendigkeit keineswegs auf die oberflächliche Ebene der Betrachtung, wonach eine Fotografie ebenso gut wie eine andere sei und es doch im Kern bloßer Ausdruck der Langeweile und Saturiertheit des Fotografen sei. Wenn Form und Inhalt von Belang sein sollen und die Fotografie sich eben gerade als elaborierte Kulturtechnik offenbaren soll, dann hat die Auswahl und Begründung der Auswahl von Motiven/Gegenständen Notwendigkeit in sich zur Voraussetzung.

Angeregt durch die Schriften Bourdieus ist mir immer stärker bewusst geworden, inwiefern die Fotografie Ausdruck eines spezifischen Lebensstils oder Habitus ist: Nicht erst die Wahl von Motiven, sondern bereits das Nachdenken über die zugrundeliegenden Techniken und Methoden, sowohl in der Zusammenstellung des Equipments als auch der Variation von Perspektiven (Bildanordnung) oder Aufbereitung (Farbgebung, Tendenz zur Betonung der hohen Kontraststufen, Grauwerteeinsatz etc.) bedeuten stets distinktive Praktiken, die selbst in der Verleugnung noch als Abgrenzung gegenüber jenen wirken, die sich nicht dieser Kulturtechnik in der Weise bemächtigt haben, dass sie damit auf Gehör pochen können. (mehr…)

Notiz zum »Zynismus«

In Anlehnung an den Philosophen Stanley Cavell möchte ich sagen, daß der Ton sehr wichtig ist, da er auf die allgemeine emotionale Verfassung der Erfahrung verweist. Dieser Zynismus impliziert eine radikale Abkehr von der traditionellen Kultur der Romantik und entspringt der Routinenbildung, die durch die bloße Masse an Begegnungen und durch Marktstruktur und Marktkultur ausgelöst wird, die kennzeichnend für die Partnersuchdienste im Internet sind. Der Zynismus ist eine besondere Gefühlsstruktur, die besonders in spätkapitalistischen Gesellschaften aus einer Eigenschaft des Bewußtseins und des Handelns hervorgeht. Ich denke, daß Adorno diesen Zynismus im Sinn hatte, als er skizzierte, wie sich die Konsumenten in den Gesellschaften der Gegenwart auch dann noch genötigt fühlen, Produkte der Werbung zu kaufen und benutzen, wenn sie sie durchschauen. Durchschauen und Gehorchen, so Adorno, das ist die dominante Art im Umgang mit Konsumgütern in spätkapitalistischen Gesellschaften. Der Zynismus ist der Ton, den man benutzt, wenn man etwas durchschaut und sich trotzdem genötigt fühlt, die gleiche Sache wieder und wieder zu tun. (Illouz, Eva (2007): Gefühle in Zeiten des Kapitalismus, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 113)

Zum Begriff »Massenloyalität«

Es liegt auf der Hand, daß die Erfolgsziele ein Resultat der ökonomischen Voraussetzungen einer Gesellschaft sind. Der Grad der Entfaltung der Produktivkräfte ist davon nur ein Faktor. (Kein Tibetaner und kein Europäer des Mittelalters hätte im demonstrativen Konsum von Gütern einen – statusbedingten – Lebenssinn erblickt.). Bedeutsamer sind die Produktionsverhältnisse und die aus ihnen resultierende Klassenstruktur. Was von den Angehörigen einer Kultur als erstrebenswertes Lebensziel angesehen wird, was sie in Bewegung setzt, was sie veranlaßt, Mühe, Versagungen und Anstrengungen auf sich zu nehmen, das sind die in einer Gesellschaft als ‚Lebenserfolg‘ definierten Ziele. Diese werden von denen definiert, die Herrengewalt an den entscheidenden Produktionsmitteln haben und die damit auch über jene Apparate verfügen, die diese Erfolgsziele verkünden, verbreiten und allgemein durchsetzen können. Dies ist die entscheidende Funktion der Bewußtseinsindustrie in allen ihren Zweigen, vom Marketing bis zu den Massenmedien. Daneben wirken auch die Lebensweisen derer, die zur beneideten Oberschicht der Gesellschaft zählen, als Stimuli. (mehr…)

Randnotiz »NRW«

Hatte man sich vor fünf Wochen noch über einen Regierungswechsel in Nordrhein-Westfalen gefreut, so hat mittlerweile Nüchternheit Einzug gehalten. Zunächst war dort das nur fingierte Gespräch zwischen SPD, Grünen und der Linken, die an angeblich an fadenscheinigen Aussagen über die DDR gescheitert sein soll („Unrechtsstaat DDR“!). Abgesehen davon, dass Geschichtsklitterung Residuum des elendigen Antikommunismus ist, so verweist ein solch‘ nur formales Ablehnen auf das tieferliegende Desinteresse an einer etwas anderen Gestaltung der Regierungspolitik. Nun muss sich der Beobachter nichts vormachen: Regieren wird durch allerhand Determinanten erschwert und somit auf (kapitalistische) Linie getrimmt. Politikverflechtung, Divided Government1 und Korporatismus erschweren das Handeln ebenso wie die Notwendigkeit für kapitalistisches Wachstum in der Region zu sorgen. (mehr…)

Zur politischen Funktion des »Richterrechts«

Der Fall dürfte hinlänglich bekannt sein: einer Berliner Verkäuferin wird wegen angeblicher Unterschlagung eines Pfandbons (Streitwert: 1,30 €) gekündigt. Die Mitarbeiterin, seit 15 Jahren in der Supermarktkette beschäftigt, klagt sich durch die Instanzen und wird zunächst überall in der Kündigung bestätigt. Mit dem heutigen Urteil des Bundesarbeitsgerichts, wird die außerordentliche Kündigung als nicht angemessen betrachtet, die Berlinerin kann weiterhin im Betrieb tätig sein. Tenor: eine Abmahnung hätte genügt. Bevor es zur Kündigung komme, müssten zunächst sozialer Umstand des Betroffenen wie auch die Bewährung im Dienst in Rechnung gestellt werden. (mehr…)

Zum Verhältnis von kapitalistischer Peripherie und Kulturindustrie

Die am Freitag beginnende Fußball-Weltmeisterschaft findet bekanntlich in Südafrika statt. Das Land, dass sich erst sei gut fünfzehn Jahren vom Apartheid-Regime losgesagt hat – und das nach wie vor an den eingeschliffenen Semantiken des britisch-niederländischen Kolonialismus1 nicht nur rhetorisch zu zehren hat (vgl. die Unruhen im Frühjahr/Sommer 2009, die sich vornehmlich in den armen Vororten der Großstädte äußerten und gegen Armut, Arbeitslosigkeit und Wohnverhältnisse richteten; vgl. ferner den Lynchmord an einem neonazistischen weißen Farmer im Frühjahr 2010); ferner mit dem AIDS-Virus und der Gewaltkriminalität nicht fertig wird (mehr…)

Pauperisierung, Verelendung und Verwahrlosung – Anomische und apolitische Aspekte der gesellschaftlichen Entwicklung im Spätkapitalismus

Wenn angesichts anstehender Beratungen der Regierungskoalition über mögliche Einsparungen im Sozialetat debattiert wird, mag das den gleichmütigen Beobachter des tagespolitischen Geschehens kaum beeindrucken: zu sehr ist man gewöhnt an eine politische Regulierung von Krisentendenzen, die stets (Harvey 2007 u. 2010) eine Neuordnung und Restrukturierung der Vermögensverhältnisse bedeutet. Was als „Klassenkampf von oben“ (1) bezeichnet wird, ist dabei Ausdruck eines systemimmanenten Handlungsdrucks der politischen Elite: gelingende Kapitalakkumulation unter dem Druck expansiver und zugleich sich konzentrierender Märkte ebenso zu gewährleisten wie eine soziale Integration all jener, die für dieses Primat des Profits in Anschlag genommen werden: als Bevölkerung und somit Ressource für das Kapital. (mehr…)

Zur Kulturindustrie

Adorno und Horkheimer formulieren 1944 im Exil jene Fragmente, die sich zur Dialektik der Aufklärung zusammenfügen sollten. Die wohl bekannteste These über die sog. Kulturindustrie hat bis heute nichts an Bedeutung verloren:

Kulturindustrie endlich setzt die Imitation absolut. Nur noch Stil, gibt sie dessen Geheimnis preis, den Gehorsam gegen die gesellschaftliche Hierarchie. Die ästhetische Barbarei heute vollendet, was den geistigen Gebildeten droht, seitdem man sie als Kultur zusammengebracht und neutralisiert hat. (mehr…)