Archiv für Juli 2010

Über die »Konversion des Blicks«

Bourdieu, der sich stets gegen die eingeschliffenen Dualismen, fiktiven Gegensatzpaare und scheinbar ewigwährenden Dichotomien der Begriffsbildung, Gegenstandsapplikation und -rezeption wandte, referiert in der nachfolgenden Passage seine Wahrnehmung des sozialen Feldes „Universität“ und verweist zugleich auf die anzuwendenden Schutzmechanismen, die Studierende vor der voreiligen „Komplizenschaft“ mit der Begriffsstutzigkeit, erkenntnistheoretischen und erkenntniskritischen „Blindheit“ wie auch interesse-, status- und machtgebundenden Faulheit und Staare einer hermetisch von der sozialen Welt abgegrenzten Professorenschaft sich aneignen sollten, wollen sie nicht die scheinbar transhistorischen Produktionsbedingungen des akademischen Geistes (als Objektivation und oberster Beurteilungsinstanz über die soziale Welt1) stillschweigend reproduzieren:

Eigentlich muß man der ganzen akademischen Tradition mit ständigem Zweifel und immerwährendem Mißtrauen begegnen. Daher auch der double bind, der jedem Soziologen, der diesen Namen überhaupt verdient, dauernd droht: Ohne die Denkwerkzeuge, die er von seiner akademischen Tradition her hat, ist er nichts, ein bloßer Amateur, ein Autodidakt, ein Spontansoziologe – und auch dafür nicht gerade in bester Position, so offensichtlich sind oft die Grenzen seiner sozialen Erfahrung; mit diesen Werkzeugen aber schwebt er ständig in Gefahr, Fehler zu machen, riskiert ständig, die naive Doxa des common sense einfach durch die Doxa des akademischen common sense zu ersetzen, die unter dem Namen Wissenschaft einfach nur eine Transkription des Common-sense-Diskurses gibt. Ich nenne das den Diafoirus-Effekt [Einschub Fußnote: Nach der Gestalt des Arztes in Molières Der Bürger und der Edelmann, der ein prätentiöses und falsches Schullatein spricht.]: Ich habe oft, vor allem in den Vereinigten Staaten, festgestellt, daß es sich empfiehlt (und auch genügt), die New York Times der letzten Woche oder des letzten Monats gelesen zu haben, um zu verstehen, wovon irgendein Soziologie redet, der sie in jene grauenhafte, weder wirklich konkrete noch wirkliche abstrakte Vernebelungssprache übersetzt, zu der er, ohne daß er es überhaupt merkt, von seiner Ausbildung und von der Zensur des soziologischen establishment her gehalten wird. […] Die günstigste Situation besteht bei Lernenden, bei denen sich die akademische Bildung mit einem gewissen Aufbegehren gegen diese Bildung verbindet – meist im Zusammenhang mit einer dem Bildungsuniversum fremden Erfahrung, die sie vor der Vereinnahmung schützt –, oder auch ganz einfach mit irgendeiner Form von Widerstand gegen die aseptische, entrealisierte Darstellung der sozialen Welt, die der sozial dominante Diskurs in der Soziologie zu bieten hat. […] (mehr…)

»Die Gesellschaftsordnung ist gerettet.«

Wozu sind Kultur, Schule, Museen, Sprache, Religion oder Sport eigentlich gut? Zur Reproduktion der herrschenden Klasse. Welcher Mechanismus ist dafür zuständig? Der Habitus (Hervorhebung i. Orig, Anm. d.V.). Der Habitus bewirkt, daß man in der herrschenden Klasse Beethoven liebt, auf die Ecole Polytechnique […] gehen will und sich gewählt ausdrückt, während man in der beherrschten Klasse Tango und billige Reproduktionen bevorzugt, sich nicht sehr gewählt ausdrückt und handwerkliche Berufe ergreift. So bleibt jeder an seinem Platz. Die Gesellschaftsordnung ist gerettet.1

[Raymond Boudon über Bourdieus Habitus-Konzept, zit. bei Annette Treibel (2006): Einführungen in soziologische Theorien der Gegenwart, 7. Aufl., 240]

Im Habitus drückt sich die „Somatisierung des Sozialen“ (Bourdieu) oder auch die Körper gewordenen soziale Ordnung aus. Mittels Sprache, Gestik, Mimik, Physiognomie und Morphologie im Allgemeinen, der intellektuellen und geistigen Nähe bzw. Distanz zum jeweiligen Gegenstand werden all jene Sphären des Alltags (re)produziert, die im liberalen Mainstream stets als „Wahlhandlungen“, als freie Auswahl universell Freier naturalisiert werden. Der Habitus hingegen, der als „geronnene Geschichte“ Identitäten ganzer Klassen (Klassenhabitus) prägt, widerlegt Behauptungen eines angeblich überhistorischen oder auch emanzipierten Individuums, solang die sozialräumlichen Struktureffekte, welche negativ auf jeden Menschen zurückwirken, unerkannt bleiben. Bourdieu wurde deswegen oft ein theoretischer Determinismus und als Folge die Unmöglichkeit praktischer Veränderung der Lebenslage vorgehalten. Diese Annahmen sind falsch und entspringen einer mangelhaften Rezeption. Bourdieu selbst hat sich in seinen Veröffentlichungen stets gegen die eingeschliffenen epistemologischen Gegensatzpaare (wie Mikro/Makro oder Theorie/Empirie) ausgesprochen, dies nicht nur implizit dargetan, sondern auch als Konsequenz wissenschaftlicher Tätigkeit (die nie ein Selbstzweck sein dürfe, solche Aussagen stammen nur von Vertreter herrschender Positionen und Distanz zum Weltenlauf, vgl. bspw. die Äußerungen György Ligetis2 über die Rezeption seines Werkes) regelrecht eingefordert3. Jede wissenschaftliche Arbeit, insbesondere jedoch sozialwissenschaftliche und soziologische müsse sich über ihre eigenen Entstehungsbedingungen ebenso Klarheit verschaffen, wie der Wissenschaftler höchstselbst seinen Alltag und sein Handeln darin immer wieder distanziert betrachten und analysieren müsse, bevor er zur Konstruktion seiner Methoden und Instrumente übergeht; andernfalls würde er nur einer Konstruktion des Objekts Vorschub leisten, das er zu analysieren und erklären vorgibt (also eine konstruktivistische Parabel begründen):

Gerade die Intellektuellen mit ihrer Neigung, alle Welt zu schulmeistern, haben nicht die besten Voraussetzungen, die Stellvertreter des allgemeinen Interesses darzustellen, zu repräsentieren. […] Ich will aber auf ein intervenieren hinaus, dass die spezifischen Kompetenzen der Intellektuellen ins Spiel bringt. Bei einem Vorgang wie dem Fernfahrerstreik in Frankreich käme es darauf an, daß die Intellektuellen, die dazu in der Lage sind, die Ökonomie und Soziologie des Problems studieren, dies tun und sich in die Lage versetzen, sich mit ihren Analysen Gehör zu verschaffen. Wobei sie immer versuchen müssen, der schrecklichen Versuchung des Narzißmus zu entgehen, sich vor den Fernsehkameras aufzubauen und aus eigener Vollkommenheit zu sprechen. Sie müssen an sich selbst arbeiten, um durch die Selbstkritik sich selbst erst zur Kritik an anderen zu befähigen. [ebd.]

  1. Gibt es aktuell einen schlagerenden Beweis für den grundlegenen Widerwillen der herrschenden Klasse auch nur Millimeter vom angestammten Platz in der Hierarchie zurückzutreten, als die die mittels Bürgerbegehren niedergestimmte Schulreform in Hamburg, deren Ziele gewiss alles andere als subversiv waren? Doch allein kleine Schritte zur Überwindung von (bildungsbedingten) Herrschaftseffekten wollen erfolgreich niedergerungen und unterdrückt werden, selbst, wenn dazu die favorisierte Regierungspartei in Mitleidenschaft gezogen werden muss: http://www.ndr.de/nachrichten/hamburg/schulreform356.html[zurück]
  2. http://www.ubu.com/film/ligeti_follin.html [zurück]
  3. Auch unter vermeintlich „Linken“ findet sich jener Theodizee-Effekt, den bereits Weber unter Rekurs auf Leibniz prägte, und der bei Bourdieu terminologisch derart verwandt wird, um die Selbstgenügsamkeit des Räsonneurs zu karikieren. Überhaupt ist dieser Effekt jenseits seiner Klassengebundenheit auch stillschweigender Potenz für die scheinbar ewigwährende Fortdauer von wechselseitigen „Missverständnissen“, „Irrtümern“ und jener Ignoranz in der Wissenschaft und unter Wissenschaftlern. Das mag Ausdruck des anti-dialektischen Denkens an den Fakultäten sein, ist zu einem Gutteil aber tatsächlich sozialräumlicher Habitus-Effekt: Wer sich aus unterpriviligierten Schichten ins akademische Feld vorkämpft steht ohnehin vor großem Rechtfertigungszwang am Fachbereich, gegenüber Dekan und Hochschulleitung und muss stets wechseln zwischen Überanpassung und Protest; beides führt zu rüden Ablehnung jener, die die herrschenden Positionen im universitären Feld einnehmen und wesentlichen Anteil daran haben, über die Beurteilung und (akademische) Konstruktion und Legitimation der sozialen Welt, politische Ordnungen mindestens zu stützen, wenn nicht gar aktiv zu befördern. [zurück]

Re: »Geschlecht u. photographische Praxis«

Seinerzeit hatte ich unter Verweis auf Erkenntnisse der Familiensoziologie angemerkt, dass sich die Geschlechterverhältnisse wieder einer Re-Traditionalisierung ausgesetzt sehen, und dass trotz1 Liberalisierung des gesellschaftlichen Frauenbildes die Mutterolle keineswegs sanktioniert oder gar zur Disposition gestellt wurde, sondern heute auch unter vermeintlich „Linksliberalen“ eine neue Aufwartung erfährt. Staatlicherseits wurde dies bislang mit sog. „Elterngeld“ biopolitisch reguliert, weil Mutterschaft für bürgerlich-kapitalistische Staaten nach wie vor die wesentliche demografische Reproduktionsquelle ist2. Darüber hinaus hat die Ausweitung der Erwerbstätigkeit auf Frauen den psychosozialen und physischen Druck auf diese verdoppelt: neben Reproduktionsarbeit in Beziehung und Familie sind nun auch Bewältigungsstrategien für einen Alltag gefordert, der durch Lohnarbeit mehr als nur psychopathlogisch strukturiert (Lebenszeit somit desavouiert) wird.

Die FAZ hält hierzu im heutigen Feuilleton eine Buchbesprechung3 der kommenden Veröffentlichung von Elisabeth Badinter bereit. Das Buch (Der Konflikt. Die Frau und die Mutter, München: Beck), das Ende August in Deutschland erscheinen wird, thematisiert die angesprochene Situation aus Sicht der französischen Gegenwartsgesellschaft. Badinter verweist darin auch auf empirische Details, die die These der relativen Starre hergebrachter Geschlechterrollen konsolidiert: (mehr…)

»Marxismus 2009«

Zufällig bin ich auf eine sehr produktive Debatte marxistischer Theoretiker gestoßen, die auf einer eigens einberaumten Konferenz in London in 2009 darüber diskutierten, ob und wenn ja wie marxistische Theorie1 heute noch (oder wieder?) geeignet scheint, die gegenwärtigen Krisenerscheinungen nicht nur zu beschreiben, sondern auch zu erklären und alternative politische Gestaltungsformen hervorzubringen. U.a. David Harvey2 (u.a. „The Condition of Postmodernity“, 1989) und Slavoj Žižek3 (u.a. „The Ticklish Subject“, 1999) stellen hierbei zugleich wesentliche Bestandteile ihrer jeweiligen Analysen vor: einerseits die historisch-geografischen Veränderungen der kapitalistischen Produktions- und Lebensweise, andererseits die Zurückweisung der These vom angeblichen post-ideologischen Zeitalter. Die Videoaufzeichnungen finden sich auch auf der Homepage der Konferenz4, auf der zugleich auf eine neuerliche (bereits gelaufene) Veranstaltung in diesem Jahr hingewiesen wird; ggf. werden die Debattenbeiträge erneut hochgeladen: (mehr…)

»Die Zahl der Millionärshaushalte in Deutschland steigt deutlich«

So titelt die FAZ in ihrer Ausgabe vom 11.06.20101. Der Artikel, der nicht nur interessantes Zahlenmaterial bereitstellt, fördert damit die Quintessenz der Verarbeitung der gegenwärtigen Finanz- und Wirtschaftskrise2 zutage: die Dialektik von Krisenregulation und Reichtumsmehrung; sie ist und bleibt Beleg für die Grundlagen des Regierungshandeln: dem Fördern und Neuordnen der Vermögensverhältnisse in Zeiten ihrer akuten Bedrohung. Sie ist konsequenter Ausdruck einer politischen Herrschaft, welche das Kapitalwachstum als entscheidende Planungsgröße mit und gegen die heterogenen Interessensgruppen und Lobbys der Klassengesellschaft durchzusetzen sucht. Anders: Nicht nur, dass staatliche Bürgschaften und Ausfallkredite zur Rettung maroder Banken mitsamt Aufkauf „fauler Papiere“ bereitgestellt werden, sondern Resultante dessen ist a) die Befriedigung der Rechtsansprüche von Banken sowie b) die Bestandswahrung und -mehrung von Anleihehaltern und Aktionären ausgedrückt in der schlagkräftigsten und abstraktesten Form des Geldes: den unbaren Vermögenswerten:

Die Reichen werden wieder reicher. Aufgrund der Erholung der Finanzmärkte und steigender Spareinlagen ist die Zahl der deutschen Millionärshaushalte im vergangenen Jahr gegenüber dem Vorjahr um 23 Prozent auf rund 430.000 angeschwollen. Das geht aus einer Studie der amerikanischen Unternehmensberatung Boston Consulting hervor, die weltweite Trends bei der Vermögensentwicklung von Privatleuten untersucht. (mehr…)

Anmerkung zum »Rechtssubjekt« bei J. Butler

Judith Butlers Thesen1 über die soziale Konstruktion von Geschlecht2 als Naturkonstante wurde in der universitären Debatte mehr Raum zugebilligt, als die Auseinandersetzung mit der De-Thematisierung von Geschlecht als politischer Kategorie, konkret, des Verhältnisses von subjektbezogenen Freiheits- und Gleichheitsrechten und deren vorgelagerter epistemologischer Konstruktion. Wurde Butler vorgehalten, sie bediene pseudo-wissenschaftliche Klischees, wenn sie darauf insistiere, dass Geschlecht weder sozial, noch biologisch3 haltbar sei; so liegt ein tatsächlicher Kritikpunkt in der unaufgelösten Frage, wie mit Identitätspolitiken umzugehen sei, nachdem die heterosexuelle Matrix (also das Beziehungs- und Machtgeflecht, das die Individuen stillschweigend binär als „Frau“/“Mann“ klassifizieren und ihren wechselseitigen Begierden produzieren soll) als solche reflektiert und kritisiert wurde. Nicht die schlichte Anerkennung dieses Geflechts und deren Übersetzung in eine gezielte Sprach- und Lobbypolitik sei das Ziel, sondern deren nachgerade Rückkoppelung an die historischen Strukturen, welche die bürgerliche Subjektbildung konstituieren, wie Andrea Trumann ausführt:

Das bürgerliche Subjekt gab sich der Illusion von Autonomie und Freiheit hin, die jedoch – und da hat Judith Butler ganz Recht – tatsächlich nur auf Grund von niemals reflektierten Abspaltungen und Ausgrenzungen zu haben waren. Denn wie schon beschrieben, hatte das bürgerliche männliche Subjekt seine Befreiung aus dem als unmittelbar gedachten Naturzusammenhang durch die Abspaltung der eigenen Triebe erkauft. Diese wurden nicht nur auf Frauen, sondern auch auf die dadurch zu Homosexuellen und Schwarzen Gemachten projiziert. (mehr…)

Rezension: »Das weiße Band« (M. Haneke)

Ich hatte Gelegenheit mir nun endlich den neuesten Film1 von Michael Haneke (u.a. „Funny Games“, „Code: Unbekannt“, „Die Klavierspielerin“, „Caché“) anzusehen und möchte ein paar Worte darüber verlieren. Haneke siedelt den Film im wilhelminischen Preußen in den Jahren 1913/14 an und entscheidet sich somit, die Szenen kurz vor dem Ersten Weltkrieg abspielen zu lassen. Narrativ zusammengehalten wird das Geschehen durch den (fiktiven) ehemaligen Dorflehrer, welcher hier scheinbar im Alter zu Wort kommt und gleichsam einem auktorialen Erzähler in nichts nachsteht, weiß er doch um den gesamte Verlauf und kann daher schon seine ersten Worte im Angesicht der „Urkatastrophe“2 des Jahrhunderts (gemeint ist der Erste Weltkrieg) formulieren. Schauplatz ist ein kleines Dorf in Hinterpommern (Ostpreußen?) mitsamt einer für die damalige Zeit typischen Sozialstruktur, an deren Spitze die Familie des Gutsbesitzers (Baron) steht.

Zwar beginnt das Geschehen zunächst mit einem Paukenschlag – der Arzt des Dorfes kommt bei einem fingierten Reitunfall beinah ums Leben –, doch dient dieses Unglück dazu, sämtlich vertretene Charakter der Dorfgemeinschaft nacheinander vorzustellen. Hier zeigt sich bereits, dass Haneke nicht damit spart, klare und emotional besetzbare Protagonisten zu konturieren, die je für sich das Etikett des Guten wie Bösen sich anheften können. Eigenartig muten die Kinder des Dorfes an, welche sich zwar stets neugierig und streitlustig zeigen, zugleich aber von einer perfiden Interessensallianz künden, welche den gesamten Film in eine eher zwielichtige Atmosphäre hüllen wird. Die Rahmung erfolgt jedoch ganz klar an der weiland herrschenden Autorität, die, ausgehend vom Herrschaftsmonopol des Barons, sich über die Macht der Kirche in Gestalt des Dorfpfarres bis in die zwischenmenschlichen Beziehungen fortspinnt. Klar hat hier Haneke erneut zu seinem zentralen Aufhänger jeglicher menschlicher Interaktion gefunden: der Gewalt. So finden sich neben den aus Lehrbüchern und Erzählungen bekannten und beinah routinisiert wirkenden Züchtigungen der eigenen Kinder, ebenso Missbrauch, Folter und Vandalismus (Letztere vorgestellt als Racheakt für einen weiteren scheinbar fingierten Unfall). Kontrast hierzu bietet allein der stets freundlich und etwas naiv wirkende Dorflehrer, welcher mit seiner Zurückhaltung und demonstrativen Jugendlichkeit wohl am ehesten Ausdruck einer anderen Umgangs-, ja Lebensform geben soll. (mehr…)

Männerphantasien?

Zufällig bin ich auf eine sehr aufschlussreiche Fotoreihe von Johannes Paul Raether gestoßen, der 2006 die sog. Berliner Fanmeile1 aufsuchte, um Männer, Männlichkeitsrituale2, Nationalismus und maskuline Körperdiskurse einzufangen. Nahezu erschreckend ist das Wechselspiel aus latenter bis offener Gewalt3 und Machtgehabe, das sich auch in der Physiognomie der Porträtierten eingeschrieben zu haben scheint. Glücklicherweise haben die Großmachtphantasien am Mittwoch einen kleinen Dämpfer erfahren.

(Via)

  1. Als „Meile der Fanatischen“ erinnert sie beängstigend an Dantes Vorhölle (vgl. dazu auch Maik Hölzl in der jungen Welt vom 10.7.2010: http://www.jungewelt.de/2010/07-10/003.php ) [zurück]
  2. vgl. dazu auch Michael Meuser (2006): Geschlecht und Männlichkeit. Soziologische Theorie und kulturelle Deutungsmuster, 2. Aufl., Wiesbaden: VS [zurück]
  3. http://www.konkret-verlage.de/kvv/txt.php?text=a1 [zurück]

Weltflucht als Alternative?

Abendliche Abstecher in die Gesellschaft haben stets etwas Lehrreiches an sich, selbst, wenn der Weg nicht sonderlich erwünscht war. Jetzt, da der Sommer vollends von den Hauptstädtern Besitz ergriffen zu haben scheint, wird immer klarer, was ich sonst früher noch als Abweichung meiner selbst von an sich guten Werten wahrgenommen habe, wohl eher wahrzuehmen gelehrt und gezwungen wurde: die Einteilung der sozialen Welt in das binäre Geschlechtssystem (Frau/Mann) ist so offenkundig und aufdringlich, dass „plump“ gar kein Ausdruck dafür ist. Ich meine nicht die Basisbanalität, wonach jeden Tag die geschlechtliche Arbeitsteilung für jedermann [sic!] einsichtig ist (das ist sie ja gerade nicht!), sondern die Art und Weise, wie die Individuierten und Atomisierten1 in ihrer sogenannten, nur durch Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung hart erkämpften, Freizeit sich gegenseitig in vollkommener Narretei den Hof machen. Hier zieht man sich aufreizend an bzw. spart an Stoffen und entspricht damit selbst2 in elaborierten Sphären (von wegen zwei Semester Kunstgeschichte oder Grafikdesign – übrigens ist dies ein weiterer Effekt, den erst die kapitalistische Arbeitsteilung und der Klassenkampf hervorgebracht haben: in Studentenprotesten und Bildungsexpansion wurden die Grundlagen gelegt für einen anderen, einen kreativeren Umgang mit dem Selbst, welcher wegen nicht zu Ende gedachter politischer Forderungen heute als Ausbildungsangebot für alles in allem ermüdende und ernüchternde Berufsbilder fungiert oder aber dazu herhält, dem häßlichen kapitalistischem Alltag eine (käufliche) Nuance des „anderen“ Lebens entgegenzusetzen; es handelt sich um eine unreflektierte und unmögliche Weltflucht im Kleinen, die nicht nur leicht integrierbar ist, sondern das Ganze perfekt stützt (vgl. u.a. H. Marcuse – Der eindimensionale Mensch)) billigen Geschlechterklischees, dort gibt man den verständigen und neuerdings zugleich (!) mit seinen maskulin-infantilen Dispositionen (für die „man“ ja anscheinend nichts kann…) kokettierenden Trottel, der auf die „nächste Gelegenheit“ wartet. Man schaut diesen Menschen nach, egal wo und wann, stets gehen sie zielstrebig zweisam entlang ihres Weges und stets kann ich mir den weiteren Verlauf des Ganzen ohne Probleme ausmalen: (mehr…)

Notiz zur kulturindustriellen Aufbereitung des Fußballsports*

Die moderne Gesellschaft hat sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts in Reaktion auf sich selbst und die von ihr erzeugten personalen Wirkungen allmählich auch zu einer Sportgesellschaft entwickelt. So suchen Millionen regelmäßig die Räume des Sports auf, um sich in ihrer Freizeit als Zuschauer in Erregungs- und Spannungszustände versetzen zu lassen, Helden zu verehren, nationale Identifikationen auszuleben und außeralltägliche Körper- und Bewegungssynchronisationen zu bewundern. Menschen begeben sich damit in bewusst in Situationen hinein, die der Routine, Langeweile, Körperdistanziertheit und Affektarmut der modernen Arbeitswelt ein Kontrastprogramm entgegenstellen und das Versprechen abgeben, das eine positiv besetzte physische Nähe zu den Mitmenschen selbst unter den Bedingungen urbaner Indifferenz noch möglich ist. In der Demonstration der individuellen oder kollektiven Leistungsfähigkeit der Sportakteure bekommt das Publikum zudem in einer leicht nachvollziehbaren Weise zu sehen, dass Subjekte alleine oder in der Gruppe auch in der abstrakten Gesellschaft noch beherzt und handlungskräftig zupacken können und den alles entscheidenden Unterschied auszumachen vermögen.

[K.-H. Bette (2010): Sportsoziologie, Bielefeld: transcript, 5]

Konzediert man, dass nicht nur „fußballaffine“ Menschen sich dem alle Schlagzeilen beherrschenden Großereignis „Fußball-Weltmeisterschaft 2010″1 immer weniger entziehen, benennt man zunächst nur einen Fakt. Zuvor gibt es bereits all jene Strukturen, die entsprechendes „Fan“-Handeln durch benennbare Akteure zur Voraussetzungen haben. Eine kurze Auflistung soll den größeren Zusammenhang des „Systems Fußball“ anhand einer willkürlichen Klassifikation entdeckter Akteure darstellen:

Zum Wechselverhältnis von Akteuren und Struktur im Fußballsport

a) die sportlichen Akteure (individuelle und überindividuelle Akteure) als da wären Spieler und Trainer, Trainerstab und Betreuer, Organisation und Verwaltung auf der Mikroebene (Institution „Verein“) sowie Makroebene (Institution „Verband“)
b) die intermediären Akteure (Mittler sozialer und kultureller Art) wie Medienvertreter, Management (von Spielern, Trainern, Vereinen und Verbänden)
c) die partizipierenden Akteure, insbesondere die kapitalistischen Industrien (Sportindustrie, Werbeindustrie, Tourismusindustrie, Lebensmittelindustrie, Versorgungsdienstleister u.a.) und die politische Klasse (auf lokaler Ebene: z.B. der Bürgermeister, auf nationaler Ebene: die Bundesregierung/Bundeskanzlerin), welche hier v.a. symbolisch teilhat2
d) die passiven Akteure/Rezipienten, allen voran die Fans, aber auch jene, die nur über Umwege vom Fußball betroffen werden oder betroffen gemacht werden (z.B. gleichgültige Familienangehörige, skeptische Kulturkonsumenten, Fußballerinnen, im Inland ansässige „Ausländer“ uvm.) (mehr…)