Archiv für August 2010

»Denn nur, was über eine Theorie verfügt, ist eigentlich universitätswürdig«

Werner Hofman beschreibt in der nachfolgenden Passage den Zusammenhang von moderner (kapitalistischer) Arbeitsteilung und Zersplitterung der akademischen Disziplinen. Er identifiziert darin sogleich eine nur dem Anschein nach vorhandene Logik der Evolution von Wissenschaft, die sich mehr und mehr Fachfragen widmet und das darüberliegende Ganze ausblendet und bisweilen dumpf ignoriert sowie die Zuständigkeit zur Beurteilung von sich weist. Es handelt sich jedoch mitnichten um die Folgeerscheinungen einer Art „Ausdifferenzierung“ (wir erinnern uns an Webers Postulat sowie die Luhmannsche Applikation dessen: Ausdifferenzierung des Rechts). Eine solche Ausdifferenzierung – vor dem Hintergrund einer bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft – kann nur den Charakter einer naturwüchsigen Stratifikation haben: Wissenschaft und deren Vertreter reagieren mehr, denn das sie autonom agierten; üben sich im Konstruieren absurder „Erklärungen“ und nichtssagender Deutungen von Einzelfällen. Der Einzelfall ist dabei die zentrale Referenz des Empiristen, der jeglichen dialektischen Kontext verkennt oder gar leugnet. Der Einzelfall, der am sinnfälligsten wohl in der Aneinanderreihung völlig absurd anmutender Promotionen sowie deren Publikation sich manifestiert: Die Themen werden analog zur Molekularbiologie immer weiter eingekreist und mikroskopiert, ohne dass es eine Rechtfertigung für eine solche Beschränkung des eigenen Blickwinkels gäbe: Zellanatomie und Sozialwissenschaft unterscheiden sich nicht nur in der Methode! Doch scheint die Auswahl und Akzeptanz von lächerlichen Promotionsthemen nur auf den ersten Blick eine Folge der Ökonomisierung des Hochschulwesens zu sein: Themen mussten immer schon sich vor dem Hintergrund der Nützlichkeit bewähren. Die Reduktion auf bloß praktische Fragen zur Regulierung des Einzelfalls bestätigt allerdings die Regression der Wissenschaft als solcher: nützliches Vehikel zu sein für einen kleinen Adressatenkreis willfähriger Technokraten; die Masse bleibt außen vor und nimmt wenn überhaupt beiläufig und mediatisiert von Publikationen Kenntnis, deren Aussage und Produktion sie nicht einmal erahnen können, sodass die Beurteilung wissenschaftlicher Leistung sich auf einige vorwissenschaftliche und folkloristische Moralanzeigen beschränkt („Diese Wissenschaftler…!“) In dem Maße, wie auch die Hochschullandschaft umgestaltet und den Entwicklungs- und Verwertungsbedingungen des Kapitals1 akkomodiert wird, bleiben die Lern- und Lehrstrategien natürlich nicht vor den Studenten verborgen: diese werden vermehrt zu Fachschülern, welche borniert die vorgesetzten Themen und Fachklumpen herunterschlingen, für Klausuren abspulen und darüber hinaus vergessen sowie einer Rückkoppelung auf das Wirken der so vertretenen und oft unverstandenen Theorie völlig unfähig sind. Das gesellschaftliche Bewusstsein ist hier vollends fetischisiert und somit nur Spiegelbild gesamtgesellschaftlicher Ohnmacht. Wer aus diesem starren und rigiden Korsett ausbrechen und sich gar zweckfrei bilden möchte, gilt als naiver „Exot“, der mitnichten auf der Universität seinen Ort wird finden können. Doch wo sonst, wenn nicht dort, besteht doch der Rest der kapitalistischen Gesellschaft auf dem verallgemeinerten und in jeder Geste, jedem Atemzug sowie jedem Handschlag sich äußernden „Profitlogik“ des internalisierten und mit Zwang erzogenen Homo Oeconomicus:

Nur nach einer einzigen, allerdings bedeutungsvollen Richtung soll dies hier verfolgt werden, indem die Frage gestellt wird, in welcher Weise das allgemeine Prinzip fortschreitender gesellschaftlicher Arbeitsteilung sich in der Teilung der akademischen Disziplinen wiederholt, und was dies für den Fortgang der Wissenschaft selbst bedeutet. (mehr…)

Universität, Ideologie, Gesellschaft – Ein Widerspruch?

Das Problem ist, mit der Arbeit fertig zu werden. In Anlehung an Thomas Bernhard will ich davon sprechen, wie schwierig es ist, eine gehaltvolle, elaborierte und zugleiche reflexive Form des Studiums (der Wissenschaft allgemein1) zu praktizieren, wenn man sich mehreren Schwierigkeiten ausgesetzt sieht. Der Reihe nach sind dies: a) die vorhandenen zeitlichen Kapazitäten: jenseits des Wissens um den eigenen Tod und der Kontingenz des Tuns wird das Handeln durch allzu viel unnötige Banalitäten eingeengt und damit die Wahrnehmung beschränkt, mindestens gefiltert; man muss sich dies immer wieder verdeutlichen und daher für regelmäßige Atempausen – nicht nur um metaphorischen Sinne – eintreten; b) die sachliche Einschränkung aufgrund einer seit nunmehr zwei Jahrhunderten vollzogenen Trennung und Spaltung der Fakultäten, die erst seit einigen Jahren als Fehler erkannt wird und mittels Interdisziplinarität überwunden werden soll. Eine wirkliche Interdisziplinarität setzt aber zuallererst beim Studenten und Wissenschaftler die Bereitschaft voraus, sich „fachfremden“ Kenntnissen nicht zu verschließen („Das gehört nicht in unsere Zuständigkeit!“) und den praktischen Vollzug lediglich auf eine wohlgemeinte Publikationspraxis („Reader“) und eine dumpfe Aneinanderreihung von Konferenzen und nichtssagenden Tagungen mit ebenso nichtssagenden Grußworten sich gebärdender Dekane (wissenschaftliche Bürokraten mit Hang zur Sakralität!) zu abstrusen, gesellschaftspolitisch völlig blinden Themen, zu beschränken. Eine wirklich gelingende Wissenschaft braucht den offenen und zwangfreien (herrschaftsfernen) Dialog: es müssen Literaturwissenschaftler und Geographen ebenso ins Gespräch kommen wie Mathematiker und Rechtstheoretiker, Ökonomen und Politikwissenschaftler müssen ihre Ergebnisse mit Physikern und Chemikern ebenso rückkoppeln, wie Kultur- und Sprachwissenschaftler der soziologischen Aufklärung bedürfen usf. (mehr…)

»Mythen des Alltags«

Interessant ist die Widerlegung eines gängigen Mythos: Webers Postulat der Wertfreiheit solle eine aspetische, also jeglicher normativer Interpretation dispensierte Sozialwissenschaft begründen. Die Differenz liegt in der Herangehensweise: man kann sich das gut am Begriff des „Erkenntnisinteresses“ veranschaulichen. Für sich betrachtet, begründet ein bestimmtes Interesse an Erkenntnis einen klar instrumentellen Zugang zu Wissen: man möchte genau eine Sache entschlüsseln und analysieren oder aber verstehen (es gibt einen Unterschied zwischen Verstehen und Analysieren, wie Weber und Dilthey darlegen). Hierin liegt aber ein Zirkel1 oder auch Dogma der Forschungspädagogik. Man verstrickt sich schnell in jenes Phänomen, welches Bourdieu als double bind bezeichnet hat: Im Interesse an bestimmter Erkenntnis gelangt in die experimentelle Versuchsanordnung bzw. den sie nachahmenden Beobachtungen der Geistes- und Sozialwissenschaftler eine Form des Apriori. Apriori, also die Tatsachen, die vor subjektiver Erfahrung liegen und daher nicht ergründbar sein sollen, strukturieren den Forschungsprozess und verzerren ihn streng genommen immer dort, wo man nur dem Anschein nach „frei“ und also voreingenommen an die Untersuchung geht. Aprioris können sich in einer spezifischen historischen Gesellschaftepoche verdinglichen und verselbstständigen. In der Folge werden sie nicht mehr als Besonderheit, sondern als Universalia wahrgenommen. Hierzu zählen vor allem Werte (z.B. Freiheit oder Menschenwürde). Solche Normen lassen sich nicht wirklich kulturevolutionär erklären. Sie sind Teil einer formalen Rationalität und daher Modernisierungserscheinung; sie sind keineswegs überzeitlich und ahistorisch, sondern entspringen einem bestimmten Stand der dezidiert juridischen (Rechtsnorm setzenden) Reflexion. (mehr…)

»Scheindebatten«. Geschwätz II

Als Scheindebatten bezeichnet (nicht nur) Bourdieu jene „Talksendungen“, die bereits in ihrer Konstruktion falsche Wahrheiten produzieren: durch apriorische Diskursregeln und unsichtbare Mechanismen der (Selbst)Zensur. Doch nicht nur die Auswahl und Konstellation der Gäste und Teilnehmer impliziert eine stillschweigende Komplizenschaft in intellektueller Armut, auch die Fragen, welche stets verkürzt und falsch formuliert, derart arrangiert und gestellt werden, dass sich dem befangenen Zuschauer stets ein dumpfes Empfinden von Zustimmung im Falschen ergeben soll:

Es gibt auch scheinbar echte, zum Schein echte Debatten. Eine von ihnen möchte ich kurz untersuchen: diejenige, die Cavada während des Novemberstreiks organisiert hat. Allem Anschein nach eine demokratische Debatte, die gerade dadurch ein bezeichnendes Licht auf andere wirft. Wenn man sich nämlich anschaut, was während dieser Debatte vor sich ging […], stellt man eine Reihe von Zensurmaßnahmen fest.
Zunächst einmal: die Rolle des Moderators. Sie frappiert die Zuschauer immer. Sie sehen genau, daß seine Einwürfe die anderen Teilnehmer einengen. Er legt das Thema fest, bestimmt die Fragestellung (die oft, wie in Durands Sendung „Sollen die Eliten verbrannt werden?“, so absurd ist, daß alle Antworten, positive wie negative, es gleichermaßen sind). Er wacht über die Einhaltung der Spielregeln, die nicht für alle dieselben sind: für einen Gewerkschaftler gelten andere als für Herrn Peyrefitte von der Académie Franҫaise. Der Moderator erteilt das Wort, er signalisiert die Wichtigkeit von Beiträgen. (mehr…)

»Geschwätz«

In einem Universum, das von der Furcht beherrscht ist, zu langweilen, und von der Bemühung, um jeden Preis unterhaltsam zu sein, muß die Politik als undankbares Thema erscheinen, das man zu den Hauptsendezeiten nach Möglichkeit meidet – ein wenig aufregendes, ja deprimierendes und schwer zu vermittelndes Schauspiel, das doch interessant gemacht werden soll. Daher die in den Vereinigten Staaten wie in Europa beobachtbare Tendenz, den Kommentator und den recherchierenden Reporter durch den Spaßmacher zu ersetzen, Information, Analyse, vertiefte Diskussion, Expertenrunde, Reportage durch reine Unterhaltung, und insbesondere durch das bedeutungslose Geschwätz der Talkshows mit ihren immer wiederkehrenden und untereinander austauschbaren Teilnehmern. [Pierre Bourdieu (1996): Journalismus und Politik in ders.: Über das Fernsehen, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 131]

Bourdieu, der sich u.a. mit der Praxis der Fotografie, dem kulturellen Konsum, aber auch der Ausbildung eines kapitalistischen Habitus befasste, zeichnet in der vorstehenen Passage einige allzu bekannte Formen der medialen Befassung mit Politik. Wo Politik Ausdruck von Macht- und Herrschaftsverhältnissen ist, die abgesichert und konsolidiert werden sollen, ist eine tiefergehende Analyse zumindest nicht von jenen zu erwarten, die daran kein Interesse haben können: den Herrschenden. Man muss vorsichtig sein, um die feinen soziologischen Unterschiede zwischen den verschiedenen Interessensgruppen nicht zu verwischen; aber was Bourdieu in seinen Vorträgen Über das Fernsehen zu skizzieren sucht, das sind die Diskursregeln und -formationen, (mehr…)

Vorbemerkungen zu einer gesellschafts-theoretischen Betrachtung des HipHop

In der letzten Zeit habe ich vermehrt Bourdieu angeführt, der aufzeigte, inwieweit kulturelle Praktiken Macht- und Herrschaftsverhältnisse nicht nur repräsentieren, sondern codieren. Im Begriff „symbolische Herrschaft“ kulminiert die Habitus- und Feldtheorie, die umschreibt, wie die intellektuelle Deutungshoheit in einem sozialen Feld gewonnen und stets neu disponiert wird (vgl. auch Gramscis Hegemoniebegriff). Eine Musiksoziologie bleibt weiterhin Desiderat, auch wenn Bourdieu selbst nicht nur die Gebrauchsweisen der Fotografie, die Produktionsweisen der Literatur oder auch die Konsumtion von Kultur im Museum analysiert hat, sondern damit einige Grundbausteine gelegt, die Fundament einer weitergehenden Analyse von Musik und Protestkultur sein können. Die Cultural Studies bieten hier ebenso Anknüpfungspunkte, wie Adorno und Horkheimers Postulat der Kulturindustrie sowie speziell Adornos Typologie des Hörers. Freilich müssen diese den Produktion- und Aneingnungsweisen einer spätkapitalistischen Gesellschaftstheorie angepasst werden, um reiffizierende und damit analytische Kurzschlüsse vermeiden zu können. Interessantes Untersuchungsobjekt hierzu ist HipHop, verstanden als Komplex vielfältig verschränkter kultureller wie sozialer Praxen. Ich möchte in der nächsten Zeit einige grundlegende Überlegungen vorstellen, die mit einer ressentimentbeladenen Auseinandersetzung, bricht, welche auch in wissenschaftlichen Untersuchungen, besonders aber bei Adorno selbst vorliegt, wenn eine Musikrichtung als lediglich „primitive“ Regression des Hörens (mehr…)