Archiv für Oktober 2010

Notiz zum Begriff Missverständnis

Der Begriff des Missverständnis ist aus dem Alltag als Redensart vertraut: „Ach verzeihen Sie, da haben wir uns wohl missverstanden!“, wie es aus dem Mund eines Call Center-Beschäftigten gleichmütig fährt oder auch „Nein, keineswegs! Da muss es sich um ein Missverständnis handeln!“, wenn der ertappte Ehegatte vor dem Haftrichter zu seiner angeblichen Zechprellerei Stellung beziehen soll. Aber wie so oft ist das Alltagsverständnis verkürzt, ja bezieht seine Energien nur aus einem faden Aufguss schlechter Philosophien. So kann auch das viel zitierte Missverständnis aus dezidiert herrschaftskritischer Perspektive untersucht werden. Begriffe sind kulturell geformt, weisen Elemente von Tradition und Einfluss von Kulturtransfers auf, werden im weiteren Gebrauch redundant. Die ursprüngliche Semantik schweift dahin, es bleiben nur mehr wild assoziierte Konnotationen. Oft genug ist man der Auffassung Alltäglichkeiten als solche zu behandeln und damit intersubjektiv „für wahr“ zu nehmen; aus Lappalien zieht der gesellschaftliche Verkehr etliches Rüstzeug und doch ist da mehr: Nur allzu oft inkorporiert ein vermeintliches Missverständnis eine bedeutungsvolle Geste, zum Beispiel eine Herablassung: Wenn ein Lehrer seinem Schüler in moralischer Manier vorhält, dass das Verfehlen der Klausur ja wohl nichts anderes als ein Missverständnis sein kann, gerät der Schüler in Selbstzweifel, wo dies oft genug gar nicht der Fall sein muss. Sicher, vielleicht liegt es ja nur an der Faulheit, aber soll das wirklich alles sein? Gewahrt man nicht genug jener Momente der aufgeladenen Rede, wenn also der Sprecher A demonstrativ um Atem ringt, nur um dem Gegenüber B zu bedeuten, dass jetzt erst das passende Bonmot anstünde? Will dann A nicht sogleich auch über B obsiegen? Nun ja: Klassenverhältnisse werden gewiss nicht über Sprache artikuliert, aber die Verstellung eines Arbeiterkindes, das qua Bildungsexpansion gar auf steinigem Weg es zum Doktoranden geschafft hat, wird immer unter dem Mangel leiden, dass allzu viel der gezeigten Leutseligkeit antrainiert und eingeübt ist. Spätestens in Momenten der psychischen Anspannung kann dann die Maske fallen. Die Einübung in Herablassung und Distanz ist in bourgeoisen Kreisen nicht minder Lerneffekt, aber doch von frühester Kindheit solcherart vertraut, dass das Verhalten der Trainierten und Dressierten und erst recht das so verschriene rüpelhafte Gehabe der Proleten zur Distinktion gemahnt. Wir erinnern uns an Bourdieus Untersuchungen: es sind diese feinen Unterschiede, die in verbrämten spätkapitalistischen Gesellschaften den latent gehaltenen Klassenkonflikt auf psychologisch-soziologischer Ebene manifest werden lassen, wenn auch zunächst nur in der Rhetorik. Doch die wenigste Rhetorik ist völlig folgenlos auch im Materiellen: der gekonnte Einsatz der Rede verspricht Zutrauen, Akklamation und Heilsrufe („Hört hört!“), mithin sichert er – geparrt mit dem achso stilgerecht gewählten Kleidungsstück, einem weiteren Fetisch der Gegenwart –, den Platz fürs Stipendium bei der ersehnten Universität im fernen Lande, an das ein Arbeiterkind mit eher pragmatisch-nüchterner oder gar frecher Attitüde niemals gelangen würde: fehlt doch jegliche Protektion durch Selbstsicherheit, die auch über das eigene Milieu hinaus dem eignet, der es von frühester Kindheit an „gewohnt“ ist.

So wäre es eine interessante Untersuchung, dem sogenannten Missverständnis kulturwissenschaftlich und empirisch nachzustöbern und es ggf. zu integrieren in eine Phänomenologie des kapitalistischen Alltagslebens, welche Auskunft gibt über den Nutzen, die Funktion, aber auch Grund der Verwendung durch die kapitalistischen Monaden und also Teil einer kritischen Sozialstrukturanalyse werden zu lassen. Vielleicht wird dann beim nächsten Mal das Wort nicht mehr ganz so unbedacht gesprochen1.

  1. vgl. dazu auch meinen Eintrag ‚Notiz zum Begriff Überanpassung‘ unter http://korrekturen.blogsport.de/2010/10/06/notiz-zum-begriff-ueberanpassung/ [zurück]

Überlegung zu einer materialistischen Gesundheitssoziologie

Gesundheit1 ist ein zentraler Wert der Gegenwartsgesellschaft und damit mehr als nur eine beiläufige Voraussetzung. Da sie als Wert erscheint, kann sie als Idee verstanden werden, die erstmals dann Beachtung erfahren haben muss, als die Einschränkung der eigenen Konstitution als Mangel empfunden, benannt und zu ergründen versucht wurde. Die Geschichte der Medizin weist demgemäß die historische Entwicklung von Krankheit – dem Negativum der Gesundheit –, ihren Diagnostiken, typisierten Verläufen, Symptomatiken und Kurierungsmethoden nach. Erst mit der Industrialisierung setzt auch eine Rationalisierung der Gesundheit ein, die sich in der Ausbildung einer gesonderten Industrie ausdrückt: der Schamane, das Kräuterweib, der autodidaktische Heilpraktiker, der Alchimist – alle epochenspezischen Ausprägungen der einfachen medizinischen Praxis erfahren eine Institutionalisierung, die in der Teilung der Arbeit, Professionalisierung der Qualifikation und Praxis wie auch freiheitlichen Organisation des Gewerbes ihren Ausdruck findet: die Medizin wird zum anerkannten Teil einer nunmehr bürgerlichen Gesellschaft, deren dezidierte Aufgabe darin besteht, Schmerz zu lindern, Krankheit zu kurieren und Vorsorge mittels wissenschaftlicher Forschung präventiv und präemptiv zu ermöglichen. Die mit der Industrialisierung einhergehende vollständige Kapitalisierung und Kommodifizierung vormals gemeinschaftlich-subsistent arrangierten Lebens erheischt eine rationalisierte Krankenpflege, die zunächst nur als gesonderter Zweig der Armenfürsorge auch den Proletarieren, Alten, Kranken, für verrückt oder behindert Erklärten2 und Schwachen zugänglich ist, späterhin durch staatliche Intervention in die Produktionsverhältnisse als Zwang gegen eine nur betriebswirtschaftliche Kalkulation durchgesetzt wird3. Der Grund hierin liegt weniger in Philantropie, sondern in der Einsicht der Führungseliten, dass eine ungehemmte Vernutzung der menschlichen Arbeitskraft einerseits die Produktivität der kapitalistischen Betriebe nachhaltig schwächt, andererseits Revolten möglicht macht. Am schwersten jedoch wiegt die mangelhafte Konstitution der jungen Rekruten, die als „untauglich“ von den Wehrämtern zurückgewiesen werden. (mehr…)

„Alles Mitmachen…“: die elende Interpassivität des Aktionismus

Arrangiert als würden sie, Adorno und Žižek, ein Gespräch führen, kann ihren Äußerungen Wesentliches zur Verfassung der kapitalistischen Monade, des Subjekts in der kapitalistischen Gesellschaft entnommen werden: Je nach Klasse und Milieu unterschiedlich perplex ob des zwischenmenschlichen Verkehrs, gerät der Wille zum Widerspruch zur verstärkten politischen Ohnmacht: Handlung wird verkehrt ins Absurde, welches den Status quo gar stützt immer dort, wo auf die strukturellen und systemischen Imperative nicht entschieden genug reflektiert wird und das eigene Tun einem Mix aus Folklore, Empörung und Vorurteil verhaftet bleibt:

[…] Mißtrauen ist geraten gegenüber allem Unbefangenen, Legeren, gegenüber allem sich Gehenlassen, das Nachgiebigkeit gegen die Übermacht des Existierenden einschließt. Der böse Hintersinn des Behagens, der früher einmal auf das Prosit der Gemütlichkeit beschränkt war, hat längst freundlichere Regungen ergriffen. Das Zufallsgespräch mit dem Mann in der Eisenbahn, (mehr…)

Notiz zum Begriff Überanpassung

Der Begriff Überanpassung stammt, soweit ich das sehe, aus der Statistik und Informatik1. Es hindert die Sozialwissenschaft nicht, sich hin und wieder der Begrifflichkeiten aus den Naturwissenschaften zu bedienen, sofern damit nicht suggeriert werden soll, es lägen irgendwelche sozialen „Gesetzmäßigkeiten“ vor, die mithin gar dazu dienen könnten einer technokratischen Sozialphysik2 zuzuspielen. Der Begriff Überanpassung kam mir im Zusammenhang mit einer Ausführung zu Bourdieus Konzept der Lebensstilsraums3 (oder auch: Raum der Lebensstile) zu Bewusstsein; ein zweites Mal gewahrte ich ihn aufmerksam in einem Beitrag über Milton Friedman4. In beiden Fällen bezog sich der Begriff auf die soziale Herkunft der Akteure und sollte beschreiben, inwieweit diese prägend für späteres Denken und Handeln sein sollten. Gerade am Beispiel Friedman – einer der virulentesten Vertreter des Neoliberalismus sowie Apologet der monetaristischen Fiskalpolitik – tut sich doch eine gewisse Verwunderung auf, die es zu erklären gilt: Wie ist es möglich, dass Menschen aus unterprivilegierten, sozial benachteiligten Milieus zu einer solcherart rigiden Gesinnung gelangen können, dass sie ihre eigene Herkunft intellektuell und als Folge auch materiell vollends zu negieren suchen und diese heftigst kritisieren? Mit dem Begriff der Überanpassung soll darauf hingewiesen werden, dass die vorherrschenden gesellschaftlichen Machtverhältnisse nicht allein durch politische und ökonomische Strukturen bestimmt werden, sondern in symbolischer und ideeller Hinsicht der Diskursivierung unterliegen: die herrschende Klasse ist bemüht, ihre eigene Herrschaft als „legitim“ auch durch jene anerkannt zu wissen, die durch ihre Herrschaft notwendig unterdrückt werden müssen. (mehr…)

Re: Sexuelle Ausbeutung

In Fortführung der kürzlich von mir in einem Post1 skizzierten Untersuchungsinteressen, möchte ich zwei Textstellen zitieren, die mir bei der Materialsichtung als beachtenswert aufgefallen sind:

Sexuelle Gewalt in ihren diversen Erscheinungsformen findet bekanntlich alltäglich in allen gesellschaftlichen Bereichen und allen Altersstufen von Mädchen und Frauen statt: im privaten Rahmen von Familien und Beziehungen, im halböffentlichen Rahmen von Einrichtungen wie Kindergärten, Schulen, Krankenhäusern und am Arbeitsplatz sowie in öffentlichen Räumen. Darstellungen sexueller Gewalt und der Verfügbarkeit über den weiblichen Körper in Medien, Werbung, Filmen und Pornographie ergänzen und stützen die Ausübung sexueller Gewalt durch ihre Vermittlung als Norm, als legitime Handlung, als rechtmäßige Verfügungsgewalt des männlichen Geschlechts über das weibliche. Die Bedeutung der Pornographie in Zeitschriften und Videos usw. wird dabei immer noch schwer unterschätzt, ihre Rolle für Nachahmungstaten und vor allem ihr Verstärkungs- und Legitimierungseffekt fast völlig ignoriert. Pornographie ist der Prototyp der Vermittlung von der Minderwertigkeit der Frau, die keine eigenen Wünsche und keine eigene Existenzberechtigung habe, sondern angeblich nur den sexuellen Wünschen von Männern zur Verfügung stehe, Gewalt und Unterwerfung als reine Lust erlebe (vgl. Dworkin, A. 1987: Pornographie. Männer beherrschen Frauen, Köln; Kappeler, S 1988: Pornografie. Die Macht der Darstellung, München; French, M. 1992: Der Krieg gegen Frauen, München) [Heilinger, Anita u. Engelfried, Constance (1995): Sexuelle Gewalt. Männliche Sozialisation und potentielle Täterschaft, Frankfurt a.M./New York: S. 51]

Während in der Vernunftehe [des 19. Jahrhunderts] die körperliche Attraktivität der Partnerin eine willkommene Beigabe ist, wird sie mit dem Aufschwung der Liebesbeziehung zu einem Kapital, das sich auf dem Heiratsmarkt einsetzen lässt. Die Schönheit verweist in diesem Zusammenhang auf ein komplementäres Verhältnis der Geschlechter, in dem die finanzielle Versorgung der Familie durch den Ehemann und sein beruflich-sozialer Status gegen häusliche Tugenden, Mutterschaft und Schönheit ausgetauscht werden, oder anders gesagt, die Attraktivität der Ehefrau den sozialen Rang des Mannes verkörpert. Der fragile Charakter weiblicher Schönheit – hervorgerufen durch die Einschnürung der Körper in Korsetts, das heißt durch die Bekleidungszwänge jener Zeit – spiegelt dabei die gesellschaftliche Inferiorität der Frau wider. In der Grundtendenz besteht dieses Machtverhältnis bis heute fort und manifestiert sich gegenwärtig sowohl in der Hauptverantwortung der Frau für Haushalt und Kindererziehung als auch in der weitaus stärker ausgeprägten weiblichen Schönheitspraxis. Mit einem Wort, seit dem Beginn der bürgerlichen Gesellschaft ist die Schönheit weiblich und ein kulturelles Konstrukt, das auf das Machtungleichgewicht zwischen den Geschlechtern verweist. [Otto Penz (2010): Schönheit als Praxis. Über klassen- und geschlechtsspezifische Körperlichkeit, Frankfurt a.M./New York: Campus: S. 14]

  1. vgl. http://korrekturen.blogsport.de/2010/09/12/sexuelle-ausbeutung-eine-sonderform-legitimer-praxis/ [zurück]

Zum Begriff »Spätkapitalismus«

Claus Offe begann seine Ausführungen über die „Strukturprobleme des kapitalistischen Staates“ seinerzeit mit einer Rechtfertigung. Der Begriff „Spätkapitalismus“ tauchte in den Sozialwissenschaften nicht auf und fristete ein ebenso marginalisiertes Dasein, wie es nach dem Ende der Sowjetunion erneut der Fall sein sollte. Wer von Kapitalismus sprach, gar noch mit einem Verfallsdatum, wie es das Präfix „spät“ implizierte, der konnte nur Tendenzwissenschaft im Auge haben, zumindest jedoch glasklare politische Gestaltungsabsichten. Sich substantiell mit den regressiven Steuerungsproblemen einer kapitalistischen Staatsgesellschaft zu befassen, schien zumindest nicht zentrales Problem der Wissenschaft zu sein. Er konstatierte daher:

Der Versuch nämlich, unter dem Begriff des Spätkapitalismus jene Fragestellungen exemplarisch zu beleuchten, die in den etablierten Sozialwissenschaften entweder überhaupt nicht, oder unter den willkürlichen Vergleichsgesichtspunkten der comparative politics, oder innerhalb einer Serie von Einzelstudien nationaler Entwicklungsverläufe behandelt werden, ist ein Unternehmen, das sich auf approbierte akademische Traditionen nicht berufen kann. […] Die distinkte Kraft dieses Konzepts muß daher gegen eine etablierte Forschungspraxis behauptet werden, die die Abstraktionsebene des Kapitalismus-Begriffs in einer von zwei Hinsichten verfehlt. Diese Abstraktionsebene wird entweder unterboten von Studien, deren Untersuchungseinheit ein nationalstaatliches System und seine Geschichte ist; gelegentlich werden dabei allerdings mehrere solcher System unter identischer Fragestellung untersucht und in Vergleich zueinander gesetzt; oder sie wird überschritten in Richtung auf eine »Theorie industrieller Gesellschaften«, die von Differenzen der sozialökonomischen Formation, von der Frage Kapitalismus oder Sozialismus, entweder vollends absieht, oder sich doch nur unter dem Gesichtspunkt ihres Irrelevantwerdens, nämlich konvergenztheoretisch, zur Kenntnis nimmt. (Offe 1972: 7, Hervorhebungen im Original)

Comparative Politics (dt. Vergleichende Regierungslehre) sowie Einzelstudien zu bestimmten Nationen kennzeichnen auch heute den Mainstream der akademischen Befassung. Offensichtlich scheint sich nichts verändert zu haben und in der Tat muss man konzedieren, dass Offe’s Publikation zu einer Zeit entstand, in welcher die Nachwirkungen der Studentenproteste für ein halbwegs offenes, teils sogar dezidiert gewandeltes Forschungsklima gesorgt hatte: dass Wissenschaft stets die gesellschaftlichen Implikationen und Konsequenzen des eigenen Tuns reflektieren müsse, ist eine Forderung, die für einige Zeit die Seminare wie auch Berufungspraxis bestimmte. Dass dem heute (erneut) nicht mehr so ist, hat einerseits seine klaren politökonomischen Hintergründe, von denen der in der Europäischen Union exekutierte „Bologna-Prozess“ nur ein Epiphänomen gesamtgesellschaftlicher neoliberal-monetaristischer Umstrukturierungen ist1. Dies spricht für die Hypothese der Konjunktur von Diskursen; es dürfte auch Gramscis Postulat der hegemonialen Blöcke entsprechen: Gesellschaftliche Gruppen versuchen historisch und lokal verschieden Einfluss auf das politische Geschehen zu nehmen; zur Durchsetzung ihrer Interessen bedienen sie sich nicht nur des (unmittelbaren) Zwangs, sondern auch der Ideologie, mithin der Sicherung von Zustimmung auch durch jene, denen der Vollzug der angestrebten politischen Ziele schadet. (mehr…)