Archiv für Dezember 2010

Für eine Umwertung des Arbeitsbegriffs

Die gegenwärtige Gesellschaftsform ist durch die liberal-repräsentative Demokratie sowie kapitalistische Produktionsweise charakterisiert. Dies die zwei wesentlichen Kartierungsmerkmale, welche durch eine anachronistische und negativ anthropologisierte Beziehung der Geschlechter (Sexismus und Patriarchat), einer exklusiven Zugehörigkeit zum politischen Verband (Nation und Nationalismus) sowie einer substanzialistischen Fassung des „Ego“ (Immanenz und Identität) überformt werden.

Status quo als Malaise

Die kapitalistische Produktionsweise gerät in permanente Krisen der eigenen Reproduktion, der eigenen Wiederherstellung ihres Ausgangspunktes. Das Credo des ökonomischen Liberalismus äußert sich im Postulat der Gewerbe- und Wettbewerbsfreiheit, des unbeschränkten Zugangs zum zentralen ökonomischen Mediator dieser Gesellschaft: dem Markt, welcher angeblich für eine optimale Allokation von Ressourcen und Produkten, von Angebot und Nachfrage, letztlich von Warenproduktion und -distribution sorgen soll. Die permanente Krisenhaftigkeit ist in diesem Postulat schlicht inexistent und kann daher von apriorisch befangenen Ökonomen nicht erklärt, lediglich verklärt (z.B. als krude „Wettbewerbsverzerrung“) statt identifiziert werden1. Schlagkräftig wird dieses undurchdrungene Verhältnis zu den eigenen Existenzgrundlagen der Gesellschaft in der Unfähigkeit einer Vielzahl (neoliberal-angebotspolitischer) Ökonomen, die Finanz- und Wirtschaftskrise seit 2007 kausal zu erklären. (mehr…)

Fragmente einer semiotischen Gesellschaftstheorie

Um ein erneutes Zwischenfazit der bisherigen Arbeit zu ziehen, will ich kurz die angerissenen Fragestellungen skizzieren und danach ordnen, um sie unter einer kohärenten Fragestellung weiterverfolgen zu können:

Die Erfindung des modernen Subjekts

Wir haben uns zunächst mit dem Wandel der sogenannten Identitätsarbeit auseinandergesetzt: Mithilfe der Theorien Foucaults und Bourdieus (auch Gramsci, Poulantzas, Hall, der Kritischen Theorie und Habermas) war es möglich, die Konstruktion von Subjekten mitsamt deren Habitus im Feld der gesellschaftlichen Auseinandersetzungen näher zu bestimmen. Körper gelten demgemäß als zeitlich variable Projektionsflächen von Ideen, Vorstellungen, moralischen Werten und Normen, gesellschaftlichen Anforderungen und herrschaftlichen Zielsetzungen; sie sind offen für jegliche Form der mitunter gewaltförmigen Indienstnahme wie sie durch staatliche Biopolitik und kapitalistische Produktionslogik etabliert werden. Während der Begriff des Subjekts zeitlich variabel ist, fokussiert der Habitus auf die nur vermeintlich individuelle Ebene der Interaktion: im Habitus gerinnt die vergangene Geschichte, vereinen sich Traditionsmuster und sozialmoralische Milieus, er wirkt generierend und strukturbildend insofern, als dass er das liberale Credo der personalen Gleichheit vor dem Hintergrund sozialer Stratifikation präzisiert, wenn nicht gar in praxi konterkariert (indem je prätendierte und konzessionierte Identitätsentwürfe soziologisch rekonstruiert und demaskiert werden). (mehr…)

Hauptsache Nationalist?!

Das gestern im US-Senat verabschiedete Gesetz1, das eine negative Diskriminierung von Homosexuellen im Militär verbietet, offenbart ein weiteres Mal die fade Dialektik der auf Integration und Teilhabe pochenden Gay/Lesbian Movement: Was an sich eine banale Selbstverständlichkeit ist (eben die Anerkennung der individuellen sexuellen Selbstbestimmung), gerät in der sich immer noch als weltweite Führungsnation verstehenden USA zum Exempel eines regressiven Nationalismus. Präsident Obama bringt das Wechselverhältnis von staatlicher Biopolitik und Kriegswirtschaft kongenial affirmativ auf den Punkt, wenn er davon spricht, dass Tausende Patrioten nicht mehr lügen müssten, „um dem Land zu dienen, das sie lieben“ und weiter sei es „Zeit anzuerkennen, dass Opferbereitschaft und Tapferkeit, Mut und Integration ebenso wenig von der sexuellen Orientierung definiert werden wie von Rasse, Geschlecht oder Religion.“

Der ekelhafte Nachgeschmack ist offenbar: gleich welcher sexueller Selbstbestimmung sich die Menschen gerieren, wichtig sei die offenherzige Anteilnahme für die gewalttätigen Geschäfte ihrer Nation. Nationalismus, die inhaltsleere Identifikation mit den Zielen der übergeordneten Staatsgewalt (die immer noch per Dekret erfolgt!) ist zumal in Zeiten offen geführter Kriege zur Absicherung der eigenen Vormachtstellung wesentlich wichtiger, als irgendwelche Debatten über eine angeblich abgehende „Kampfmoral“ unter den Rekruten. Nun ist es eine Binsenweisheit auf die Homophobie in körperzentrierten/heteronormen staatlichen Institutionen hinzuweisen: was für das Militär wohl in radikalisierter Form gilt, findet sich auch in Polizeien und Feuerwehren, kurzum all jenen Sparten, in denen ein spezifisches Körperbild gewaltvoll durchgesetzt werden muss. Eine kritische Sozialstrukturanalyse in Kopplung mit einer gesellschaftstheoretischen Geschlechterforschung würde dies mit Sicherheit bestätigen (vgl. dazu auch Judith Butlers Ausführungen über hate speech2).

Diese nunmehr gegen großen Widerstand im Neandertal durchgesetzte Entscheidung ist zudem Gradmesser für den Stand der Identitätspolitiken in den USA allgemein. Es zeigt sich, dass es nicht mehr die Debatte über „Anerkennung oder Umverteilung“3 sein kann, sondern nur eine selbstkritische Bestandsaufnahme der affirmativen Identitätspolitiken, welche im Bereich das Alltagsrassismus auf dumpfe Teilhabe, statt Abgrenzung gesetzt haben. Dies gilt nicht nur für die Gay/Lesbian Movements, sondern auch den liberalen Feminismus, die Arbeiterbewegung, das Civil Rights Movement und die Gegner von Gentrifizierung und rassistischer Segregation in den Städten und an den Staatsgrenzen. Was Not tut ist eine Debatte über die Gesellschaftsgrundlagen.

Siehe hierzu auch die Berichterstattung bei Democracy Now!:

  1. vgl. http://www.faz.net/-01lv5h [zurück]
  2. Judith Butler (1998): Hass spricht. Zur Politik des Performativen, Frankfurt a.M.: Suhrkamp [zurück]
  3. Nancy Fraser/Axel Honneth (2003): Umverteilung oder Anerkennung? Eine politisch-philosophische Kontroverse, Frankfurt a.M.: Suhrkamp [zurück]

Vgl. weiterhin auch meinen Eintrag Hegemoniekritik im post-säkularen Zeitalter

David Harvey zu Krisen des Kapitalismus

Auch die Royal Society for the encouragement of Arts, Manufactures and Commerce (RSA) bot Harvey eine ungewohnte Plattform sein doch eher unorthodoxes Verständnis der Marxschen Theorie im Angesicht der gegenwärtigen Krisenregulation darzulegen. Die Zuhörerschaft war über die Maße interessiert, wie in der anschließenden Debatte ansatzweise nachvollzogen werden kann; offenbar wiederholt sich hier die Geschichte der akademischen Produktion resp. Verdrängung bestimmter Theorie über die Gegenwart im Zeitalter des gefährlichen Halbwissens von BA/MA-Formalisierung? Sein ernüchterndes Zwischenfazit:

How, then, are we to interpret the current mess? Does this crisis signal, for example, the end of free market neoliberalism as a dominant economic model for capitalist development? The answer depends on what is meant by that word neoliberalism. My view is that it refers to a class project that coalesced in the crisis of the 1970s. Masked by a lot of rhetoric about individual freedom, liberty, personal responsibility and the virtues of privatisation, the free market and free trade, it legitimised draconian policies desgined to restore and consolidate capitalist class power. This project has been succesful, judging by the incredible centralisation of wealth and power observable in all those countries that took the neoliberal road. And there is no evidence that it is dead. [David Harvey (2010): The Enigma of Capital and the Crisis of Capitalism, London: Profile Books, 10]

Die Quintessenz wurde in pointierter Form illustriert:

Der Gegenstand der Animation und des gesamten Vortrags wird zusätzlich durch folgende Grafik aus einem Themendossier1 der Bundeszentrale für politische Bildung dargestellt, welche den enormen Anstieg von Aktienbestand und Aktienhandel weltweit für den Zeitraum 1980-2008 indiziert. Beachtenswert ist dabei die Kategorie der Umschlagshäufigkeit, die den Quotienten zwischen Bestand und Handel ausdrückt und zeigt, wie oft ein Papier im Betrachtungsjahr die Hände gewechselt hat:

BpB - Aktienbestand und -handel

  1. abrufbar unter: http://www.bpb.de/wissen/Y6I2DP,0,0,Globalisierung.html; letzter Zugriff: 21.12.2010 [zurück]

David Harvey in Zagreb

David Harvey informiert in einem Vortrag vor der Architektenkammer in Zagreb über sein Verständnis von Raum und Zeit als Kategorien der Wahrnehmung, die nicht ohne die materiellen Produktionsbedingungen gedacht werden können. Zentral bleibt die Fragestellung, wie und in welcher Form alternative Gesellschaftskonzepte auch angesichts der desaströsen Finanz- und Wirtschaftskrise vorangebracht werden können. Das wesentliche Verdienst Harveys besteht darin, die Marxsche Gesellschaftstheorie mit einer kritischen Raum- und Stadtsoziologie zu verbinden und darüber auch einen Grad an Interdisziplinarität zu erreichen, welcher den Sozialwissenschaften sonst meist aufgrund ideologischer Befangenheit in anderen Feldern – gerade jedoch im Feld der ästhetischen Produktion –, verwehrt bleibt:

Literaturtipp: David Harvey (2009): Social Justice and the City, revised ed., Athens: University of Georgia Press

Anmerkung zum Lotsenstreik in Spanien

Ein Streik nahezu der gesamten spanischen Fluglotsen hat für beinah zwei Tage den iberischen Flugverkehr lahmgelegt. Hintergrund ist die durch die spanische Regierung angekündigte Festschreibung von maximalen Arbeitszeiten pro Jahr, was faktisch einer Kürzung von freier Zeit oder auch Lohneinbuße gleichkommt. So weit nichts Neues, da man aus der Klassengesellschaft alltägliche Auseinandersetzungen um Lohn und Brot in blasierter Weise gewohnt ist. Doch während in Deutschland die Situation im Allgemeinen recht passiv bleibt, erleben die südlichen Mitgliedsstaaten der EU (Spanien, Portugal, Italien, Griechenland) eine andere, weitaus aggressivere Protestkultur. Dass die spanische Regierung mit der Verhängung des ersten Notstands seit dem Ende der faschistischen Franco-Diktatur antwortete, das Militär an die verwaisten Arbeitsplätze anrücken ließ und den Streikenden mit horrenden Haftstrafen droht, ist bezeichnend für den Stand der Deliberation auch in Spanien, dessen Nationalökonomie sich dieser Tage der Spekulation auf den heimischen Geschäftsgang durch ausländische Investoren und die Finanzmärkte ausgesetzt sieht. Vor dem Hintergrund einer EU-weit durchgesetzten Austeritätspolitik, die auch vor Spanien aller Voraussicht nach solang nicht halt machen wird, bis die Staatsverschuldung auf das von Deutschland und der Europäischen Zentralbank gewünschte Maß gestutzt ist, bekommen die gegenwärtigen Auseinandersetzungen besondere Schärfe, die mit Sicherheit „an den Märkten“ – wie es in bornierten Reportagen aus den Börsen stets heißt –, für Unruhe sorgen werden.

Kulturindustriell unterfüttert wird dies durch die Verleihung des sog. Karlspreis an EZB-Vorstandschef Trichet; der Preis wird angeblich für besondere Verdienste um die europäische Einheit herausgereicht. Wenn nun bereits ein monetaristischer Technokrat besonderer Verdienste um eben jene europäische Einheit gewürdigt wird, bedarf es keiner weiteren Analyse über den Grad der öffentlichen Bewusstlosigkeit. Diese wiederum wird in Spanien durch die offensichtlich unsolidarischen Kommentare der Reisenden1 artikuliert, die in die Falle der Klassenspaltung tappen, wenn sie den Fluglotsen Vorhaltungen machen. Absurd, dass angesichts der Spekulation auf einen spanischen Staatsbankrott auch hüben nur Gedanken an das persönliche-egoistische Wohl kursieren (ein verlängertes Wochenende steht an, sodass mit einer Steigerung des privaten Reiseverkehrs gerechnet wurde; auch dies integraler Bestandteil kapitalistischer Vergesellschaftung: ein Massenverkehr paart sich mit einfachem Massenkonsum, der nicht nur ökologisch schädlich, sondern auch sozialpsychologisches Komplement entfremdender Lohnarbeit ist), statt Solidarisierung auf breiter Front mit jenen zu üben, die für die Restrukturierung der Vermögensverhältnisse und Gewährleistung der Anspruchstitel ausländischen Kapitals in Haftung genommen werden durch Kürzungen in den Sozialetats und Erhöhungen in der Lebensarbeitszeit. Jeder der Reisenden kann potenziell der nächste Betroffene sein und wünscht sich dann die Solidarität der Mehrheit; offensichtlich braucht es weiterhin der persönlichen Betroffenheit, um von Nationalismus („Unsere Wirtschaft!“) und Egoismus zu abstrahieren. Kant hatte in seiner wissenschaftsphilosophischen Abhandlung „Streit der Fakultäten“ Recht damit, das Alltagsbewusstsein als idiotisch zu kennzeichnen: Wenn lancierte Terrorwarnungen oder der Appell an die „Vernunft des Staatsbürgers“ nicht mehr ziehen, dann ist unmittelbarer Zwang die letzte Antwort eines an Strukturproblemen laborierenden spätkapitalistischen Staatensystems. Die „deutschen Zustände“ sehen nach den neuesten Ergebnissen der Bielefelder Forschergruppe um Wilhelm Heitmeyer2 nicht besser aus: der Klassenkampf von oben kommt voran und sucht sich hierzulande insbesondere im fabulierten islamischen Extremismus sein Feindbild neben der beinah schon vertrauten Hetze gegen Langzeitarbeitlose. Die neunte Ausgabe der Studie wird am Montag bei Suhrkamp, Berlin, erscheinen3.

  1. Die uns bekannte Realität wird ganz wesentlich durch die Massenmedien übermittelt und konstruiert: komplexe Gesellschaften basieren nicht mehr auf tradierter Kommunikation, sondern schreiben diese nur noch in fetischisierter Form fort. Über den repräsentativen Gehalt der Kommentare jener an den Flughäfen Interviewter kann nur spekuliert werden; offenkundig ist allerdings, dass die Auswahl der Stimmen und Bilder keinen neutralen Bericht, sondern eine latente Propaganda illustriert, die auf Dauer gesetzt wesentlich wirksamer ist, als Manipulation (vgl. Niklas Luhmann (2009): Die Realität der Massenmedien, 4. Aufl., Wiesbaden: VS Verlag). [zurück]
  2. vgl. http://www.taz.de/1/politik/deutschland/artikel/1/das-buergertum-verroht/ [zurück]
  3. http://www.suhrkamp.de/buecher/deutsche_zustaende-_12616.html [zurück]

Zur historischen Konjunktur von Klassenkämpfen

Gesellschaft ist kein statischer Zustand; sie ist Zustand, aber höchst dynamisch und im Wechsel begriffen. Dass es so etwas wie Gesellschaft überhaupt gäbe, hatte Margarete Thatcher beispielsweise vehement bestritten: für sie existierten lediglich Individuen und sie wollte den individualistischen/egoistischen Interessen wieder Geltung verschaffen. Alles Kollektive wie z.B. die sozialen Sicherungssystem des sog. Wohlfahrtsstaates waren ihr – unter dezidiert asozialer Prämisse –, ein Dorn im Auge. Neoliberale und angebotsorientierte (Mikro-)Ökonomen waren ebenfalls eifrig dabei den intellektuellen Steigbügelhalter für wirtschaftspolitische Direktiven und gesamtgesellschaftliche Offensiven zu geben, die das soziale Gefüge wieder in seine gewohnte Bahn zu lenken suchten. Zwar unterschieden sie sich in der Argumentation: Ökonomen schenkten ihren Prämissen der „Flexibilisierung“, „Derregulierung“ und „Privatisierung“ durchaus Glauben, waren sie doch der felsenfesten Überzeugung, dass nur eine Verbesserung der nationalen Investitionsbedingungen für das Kapital ein dauerhaftes Wirtschaftswachstum (sic!) wie auch daran gekoppelt Arbeitsplätze schaffen würde. Bei Thatcher und allen anderen politischen Adepten des Neoliberalismus war die Analyse nicht minder borniert, doch konnte hier noch der klare interessenspolitische Standpunkt aufgezeigt werden: Konservative und Liberale hatten grundsätzlich kein Interesse an gestiegener Arbeitermacht und Arbeiterwohlfahrt. Der Politikwissenschaftler Crouch notiert hierzu:

Einige der tiefgreifenden Konsequenzen dieser Entwicklung zeichnen sich heute bereits in vielen Ländern ab. Der Wohlfahrtsstaat wird bis auf eine Minimum abgebaut, es geht nur noch um Hilfe für die Armen und nicht länger darum, staatsbürgerliche Teilhaberechte für alle sicherzustellen; die Gewerkschaften sind marginalisiert; das alte Modell des Nachtwächterstaates, in dem dieser nur mehr die Rolle des Polizisten und Kerkermeisters einnimmt, kommt zu neuen Ehren; das Wohlstandsgefälle zwischen Arm und Reich wächst; das Steuersystem ist nicht länger auf Umverteilung ausgerichtet; Politiker kümmern sich vor allem um die Belange einer Handvoll Wirtschaftsführer, deren spezielle Interessen dann höflich in die Sprache der Leitlinien der öffentlichen Politik übersetzt werden; und die Armen verlieren zunehmend jegliches Interesse an allem, was um sie herum geschieht und gehen nicht einmal mehr zur Wahl, wodurch sie freiwillig wieder jene Position einnehmen, die sie in prädemokratischen Zeiten gezwungenermaßen innehatten.“1

Doch will man es nicht bei der recht faden Zuspitzung von Neoliberalismus und Keynesianismus belassen, so empfiehlt sich eine Rückschau auf die Entwicklungslinien der politischen Auseinandersetzungen, die heute offenkundig von den selbst angestoßenen sozialstrukturellen Wandlungen eingeholt werden. Der sog. Nachtwächterstaat des 19. Jahrhunderts fungiert als „sparsamer“ Geburtshelfer der kapitalistischen Produktionsweise erst in England und dann auch in Kontinentaleuropa. Die aus dem Feudalismus und Absolutismus austretenden Massen sondieren sich nach verfügbaren Mitteln und Ressourcen in je verschiedene Klassen, wobei der absteigende Adel im Bürgertum und bei den Konservativen seinen Platz findet. Das von Land und Scholle gewaltsam vertriebene Bauerntum, ebenso die Tagellöhner und Bettler bilden das Proletariat, das für sich erst der politischen Agitation ob unerträglicher Lebens- und Arbeitsbedingungen bedurfte, um sich mit eigener Identität und einem Klassenbewusstsein versehen in Genossenschaften, Gewerkschaften und letzthin auch politischen Parteien gemeinsam und solidarisch gegen die egoistischen Kapitalinteressen zu organisieren. Diese Konfrontation zweier Kampflinien, die im sog. Klassenkampf auf den Begriff gebracht wurde, hatte nicht nur die Tendenz zur Radikalisierung hüben wie drüben, sondern aufgrund der Vielzahl an agglomerierten Arbeitern auch reale Steuerungsmacht und wurde als Bedrohung nicht nur der kapitalistischen Produktion (näher des Eigentums an Produktionsmitteln) ausgemacht, sondern als subversives Element im neu konstituierten Staat. Da der Nationalstaat von jeher unmittelbar auf Steuermittel aus gelingendem Geschäft angewiesen ist (Armee, Verwaltung und Justiz fallen finanziell ebenso schwer zu Gewicht wie angemessene Repräsentation und Diplomatie), konnte ein Verzicht auf das Wohl der kapitalistischen Produktion als solcher nicht toleriert werden. Der oft als „Kompromiss“ deklarierte Oktroy der Sozialversicherung im späten 19. Jahrhundert muss demnach mit Bismarck als Politik von „Zuckerbrot und Peitsche“ verstanden werden. Doch bei allen möglichen Volten wog ein weiteres vitales Staatsinteresse schwer: die Vernutzung menschlicher Arbeitskraft in der Produktion ließ die potenziellen Rekruten als Taugenichtse erscheinen: gelinge Kriegsführung war mit ramponierten Körpern nicht zu betreiben. Staatliche Intervention ist daher mehr als Kuratel und Paternalismus, sondern zu weiten Teilen auch Biopolitik (z.B. Schutz von Ehe und Familie, Arbeitsschutzmaßnahmen usf.).

Die Arbeiterparteien akzeptierten auf einem bestimmten, eher rechten Flügel das Einlenken auf Parlamentarismus als Möglichkeit, Staatsgeschäfte und Staatstätigkeit nach sozialdemokratischen Gusto zu lenken, auch wenn es dafür noch mindestens eines Weltkrieges bedurfte, bevor es im Zuge einer nicht verdauten Novemberrevolution zur gewaltsamen Niederschlagen des radikalsozialistischen und kommunistischen Aufbegehrens gegen Monarchie und Klassenherrschaft durch die sozialdemokratische Partei kam. So wurden die Linien gelichtet und Parteiabspaltungen auf dem Mühlstein der Restitution unterworfen. Doch erst der verstärkte Einsatz staatlicher Beschäftigungs- und Investitionspolitik in einem zunehmend steuerungsbedürftigen „organisierten Kapitalismus“ konnte die Grundlagen für jene politische Amnesie und heutige Apathie der Vielen schaffen, die zwar im Protest der 68er-Studentenbewegung zurecht gegen konservative Agitation und Verdrängung nationalsozialistischer Herrschaft vorgingen, doch als Epiphänomen zugleich auch die Grundlagen für eine Art flächendeckende Liberalisierung sorgte, welche das heutige politische Klima prägt. War die organisierte Arbeitermacht nach dem Zweiten Weltkrieg und in Folge des zunehmenden (wenn auch primitiven) Wohlstands der Massen am höchsten, so genügte ein Abfall der Profitraten und ein angezeigtes baldiges Ende des „fossilen Zeitalter“ durch Ölpreiskrisen in den 19070ern dafür, jene Neoliberalen zu Worte kommen zu lassen, welche seitdem die politischen Diskurse anheizen. Die gegenwärtig durchlebte Austeritätspolitik als Nachgang der seit 2007 unverdauten Finanz- und Wirtschaftskrise ist davon nur ein, wenn auch relativ brutaler, Ausdruck, welcher im sog. TINA-Prinzip Thatchers auf dumme Weise auf den Punkt gebracht worden ist: there is no alternative, es gibt angeblich keine Alternative zu einer Politik, welche die Arbeitermacht zurückdrängen, den Einfluss von Gewerkschaften aushebeln und Extraprofite auf die Konten Weniger verleiten will. Was als technokratischer Sachzwang erscheint (z.B. Maastricht-Kriterien zur Neuverschuldung), ist nicht mehr als ideologischer Hebel zur Durchsetzung von Partikularinteressen, die in der Aufrechterhaltung und Effektivierung der kapitalistischen Produktion für deutsche (britische, französische, russische usf.) Interessen sich artikuliert. Nicht die angebliche Schwäche des Staates, welcher durch Lobbys unterwandert würde, sondern die aktiv und bewusst in Gang gesetzte Herrichtung der nationalen bzw. supranationalen (EU, WTO, IWF, NAFTA u.a.) Produktionsverhältnisse ist Gradmesser für politische Auseinandersetzungen, welche trotz rigider Sparpolitik ausbleiben. Die durch den Wandel der Lohnarbeit beschleunigte Entfremdung von parteipolitische organisierten Interessen ist heute bei einem bestimmten und durch Bildungsexpansion nur zum Teil priviligierten Bereich der Bevölkerung zu völliger Gleichgültigkeit gegenüber ihren eigenen Interessen geronnen: Legitim ist das, „was Arbeit schafft“, ohne je eine Reflexion auf den Arbeitsbegriff zu leisten oder auch nur eine Ahnung von der Entfaltung von Produktivkräften und deren Auswirkungen auf die innerbetriebliche und gesamtgesellschaftliche Kalkulation zu gewärtigen. Nur sehr zögerlich beginnen sich die „Jungen Kreativen“ in den Dienstleistungsökonomien für ihre arbeitspolitischen Interessen einzusetzen; erst allmählich wird registriert, dass man es nach wie vor mit notwendig widerstreitenden Interessen zu tun hat, dass zwar einerseits viel und ein schier unendliches Mehr an Arbeitszeit abgerufen, der Lohn wie auch Anspruch auf freie Zeit möglichst gering gehalten werden soll. Dass es dazu auch der Solidarität mit jenen bedarf, die längst vom Produktionsprozess als „unrentabel“ abgekoppelt sind, oder welche sich nicht den Fährnissen eines Strebens nach „Karriere“ aussetzen wollen sowie erst recht mit jenen, die am Hungertuch der Welt nagen, teils durch politische Verfolgung und/oder schierer Überlebensnot aus den kapitalistischen Peripherien in die Akkumulationsökonomien des Westens (und mittlerweile auch des Fernen Ostens und Teilen von Lateinamerika und Südafrika) drängen um ihr legitimes Recht auf ein gutes Lebens in Anspruch zu nehmen. Die Klasse der Externalisierten und Exkludierten, welche vollends fern sind von nationalstaatlicher und „ethnischer“ Identifikation, fern zudem von kapitalistischer Indienstnahme als „hands“: sie bilden das neu „Lumpenproletariat“, das in den Slums der Erde vor sich dahinvegetiert und von jeglicher Teilhabe grundsätzlich ausgeschlossen bleibt.

Eine avantgardistische politische Bewegung hätte die „Jungen Kreativen“, die Exkludierten und Verfolgten, wie auch die Stimmlosen und Prekarisierten, die neu Proletarisierten und nicht zuletzt die übrig gebliebenen Lohnarbeiter zu integrieren. Sie müsste den vorherrschenden Klassenrassismus (Bourdieu), die Apathie vor Teilhabe und Einbringung in politische Debatten zurückdrängen und für ein legitimes Anrecht auf Gehör und Teilhabe am materiellen Reichtum eintreten, sie müsste zugleich die anachronistischen Formen der Identitätsarbeit (Klasse, Geschlecht, Nation, Ethnie) einer fundamentalen Kritik unterziehen und sie müsste unverkennbar darauf insistieren, dass die erfolgreich eingeleiteten Maßnahmen zur Neuordnung und Restrukturierung der Vermögensverhältnisse im Zuge der Finanzkrise und allgemein seit gut 30 Jahren nur eine mögliche Form der politischen Gestaltung ist: und zwar eine für die Mehrzahl der Menschen weltweit unmittelbar schädliche, Kreativität und solidarischer Entfaltung entgegenwirkende wie auch für ein partizipatorisches Gemeinwesen zerstörerische Konsequenzen zeitigt.

Weiterführende Literatur:
Bourdieu, Pierre (2000): Gegenfeuer, UVK: Konstanz
Butterwegge, Christoph/Lösch, Bettina/Ptak, Ralf (2007): Kritik des Neoliberalismus, Wiesbaden: VS Verlag
Castel, Robert/Dörre, Klaus (2009) (Hrsg.): Prekarität, Abstieg, Ausgrenzung. Die soziale Frage am Beginn des 21. Jahrhunderts, Frankfurt a.M./New York: Campus
Crouch, Colin (2008): Postdemokratie, Frankfurt a.M.: Suhrkamp
Deutschmann, Christoph (2002): Postindustrielle Industriesoziologie. Theoretische Grundlagen, Arbeitsverhältnisse und soziale Identitäten, München/Weinheim: Juventa
Dörre, Klaus/Rosa, Hartmut/Lessenich, Stephan (2009): Soziologie – Kapitalismus – Kritik. Eine Debatte, Frankfurt a.M.: Suhrkamp
Hartmann, Michael (2004): Elitesoziologie. Eine Einführung, Frankfurt a.M./New York: Campus
ders. (2008): Eliten und Macht in Europa, Frankfurt a.M./New York: Campus
Harvey, David (2003): A brief History of Neoliberalism, Oxford: Oxford University Press
Hirsch, Joachim (2005): Materialistische Staatstheorie. Transformationsprozesse des kapitalistischen Staatssystems, Hamburg: VSA
Hobsbawm, Eric (1995): Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, München: Dtv
Judt, Tony (2009): Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart, 2. Aufl., Frankfurt a.M.: Fischer
Marx, Karl ([1875] 1973): Kritik des Gothaer Programms, Marx Engels Werke (MEW), Bd. 19, Berlin (Ost): Dietz, S. 13-32
Narr, Wolf-Dieter u. Offe, Claus (1975) (Hrsg.): Wohlfahrtsstaat und Massenloyalität, Köln: Kiepenheuer & Witsch
Offe, Claus (1972): Strukturprobleme des kapitalistischen Staates, Frankfurt a.M.: Suhrkamp
Poulantzas ([1975] 2002): Staatstheorie. Politischer Überbau, Ideologie und Autoritärer Etatismus, Hamburg: VSA
Rehmann, Jens (2008): Einführung in die Ideologietheorie, Hamburg: Argument
Schäfer, Armin (2008): Krisentheorien der Demokratie. Unregierbarkeit, Spätkapitalismus und Postdemokratie, Discussion Paper des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung Nr. 08/10, online abrufbar unter: http://www.mpifg.de/pu/mpifg_dp/dp08-10.pdf
Thien, Hans-Günther (2009) (Hrsg.): Klassen im Postfordismus, Münster: Westfälisches Dampfboot
Vester, Micheal et al. (2001): Soziale Milieus im gesellschaftlichen Strukturwandel, Frankfurt a.M.: Suhrkamp

  1. Colin Crouch (2008): Postdemokratie, Frankfurt a.M.: Suhrkamp [eine Lizenzausgabe ist bei der Bundeszentrale für politische Bildung erhältlich] [zurück]

„Musik hat nichts zu sagen“

Bourdieus Untersuchungen zum „kulturellen Konsum“ als Gradmesser sozialer Verarbeitung und Ideologisierung asymmetrischer Verfügung über finanzielle, soziale und intellektuelle Ressourcen, werden in der deutschen Sozialwissenschaft nach wie vor verkannt und auf ledigliche weitere Zuträge zum breiten Feld der Kultursoziologie relativiert. Der kritische Stachel jedoch liegt tiefer und lässt sich als empirische Gesellschaftstheorie des Spätkapitalismus unter Rückgriff auf die historischen Entwicklungslinien verstehen. Mit seiner grundlegenden Schrift „Die feinen Unterschiede“ – einer empirischen Längsschnittstudie der französischen Gesellschaft der späten 1970er Jahre, elaborierte er mit seinen Mitarbeiter die Konzepte des klassenspezifischen Habitus sowie des sozialen Feldes aus Austragungsort innergesellschaftlicher Kämpfe um Hegemonie und Deutungshoheit, deren zentrale Referenz der Besitz von vier verschiedenen Kapitalsorten (soziales, ökonomisches, kulturelles und in daraus folgend symbolisches Kapital) sei. Bourdieu ist dabei nahe an Gramscis Konzept der hegemonialen „Stellungs- und Bewegungskriege“ wie auch Poulantzas Prämisse einer Klassengesellschaft als politisch verdichtetem Kräfteverhältnis (auch wenn er dessen Konzept als zu statisch zurückwies). Die breite Applikation des Habitus-Begriffs auf nahezu alle erdenklichen Praxisformen des sozialen Lebens und der Wahrnehmung eben dieser aus der je verschiedenen sozialen Position erlaubt auch Rückschlüsse auf das Gebaren um den angeblich „legitimen Geschmack“ sowie einer fabulierten Verrohung von Kultur. Bourdieus Analysen sind allein schon aufgrund der unbegriffenen Situation gegenwärtiger Klassenkämpfe, welche angeblich durch Bildungsexpansion und Wohlfahrtsstaat egalisiert seinen, zugleich durch gestiegene „Anspruchsmentalität“ (Beckert) seitens der Bürger einer „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“ (Schelsky) in faden „staatsbürgerlichem Privatismus“ (Habermas) überleiten sollen, eminent wichtig. Am Beispiel der identitätsstiftenden Ränkespiele um die (klassengerechten) Vorlieben bzw. gar nur Akzeptanz des Musikhörens exekutiert er dies, wie der nachfolgende Auszug belegt:

- Man hat den Eindruck, daß Sie über Musik nur ungern sprechen. Warum?
P.B. Zunächst einmal gehört der Dikurs über Musik zu den hervorragendsten Anlässen der intellektuellen Selbstdarstellung. Über Musik zu sprechen ist der Anlaß schlechthin, Breite und Universalität der eigenen Kultur und Bildung vorzuführen. Ich denke zum Beispiel an die Radiosendung Concert égoiste: Die Liste der Musikwünsche, die Ausführungen, mit denen die Auswahl begründet wird, der Ton der intim-verzückten Vertraulichkeit, das alles sind ebenso viele Strategien der Selbstdarstellung, die ein möglichst schmeichelhaftes und möglichst weitgehend mit der legitimen Definition des „gebildeten“, des „kultivierten“, das heißt in den Grenzen der Konformität „originellen“ Menschen übereinstimmendes Bild von einem selbst geben sollen. Mit nichts kann man seine „Klasse“ so gut herausstreichen wie mit dem Musikgeschmack, mit nichts auch wird man so unfehlbar klassifiziert.
Aber die Zurschaustellung von musikalischer Bildung ist keine Zurschaustellung von Bildung wie andere auch. Die Musik ist sozusagen die geistigste der Künste des Geistes, und die Liebe zur Musik ist eine Gewähr für „Geistigkeit“. Man braucht nur an den außerordentlichen Wert zu denken, der dem Wortschatz des „Musikhörens“ heute durch die säkularisierten (zum Beispiel psychoanalytischen) Versionen der religiösen Sprache verliehen wird; oder an die Posen und Posituren der Konzentration und Sammlung, die die Zuhörer öffentlicher Musikveranstaltungen meinen einnehmen zu müssen. Musik steht für Seele: Man denke nur an die zahllosen Variationen über die Seele der Musik und die Musik der Seele (die „innere Musik“). Kein Konzert, das nicht ein geistiges Erlebnis wäre… Kein „Musikempfinden“ zu besitzen ist eine Form von Barbarei, zu der man sich eigentlich gar nicht bekennen kann: „Elite“ und „Masse“, Seele und Körper…
Aber das ist noch nicht alles. Die Musik ist die „reine“ Kunst schlechthin. Da sie jenseits aller Worte ist, sagt die Musik nichts und hat nichts zu sagen; da sie keine Ausdrucksfunktion hat, ist sie dem Theater diametral entgegengesetzt, das noch in seinen reinsten Formen Träger einer gesellschaftlichen Aussage bleibt und nur auf der Basis einer unmittelbaren, grundsätzlichen Übereinstimmung mit den Werten und Erwartungen des Publikums „ankommt“. Das Theater teilt auf und teilt sich auf: Der Gegensatz von Theater rive droite und Theater rive gauche, bürgerlichem Theater und Avantgarde-Theater, ist immer zugleich ästhetisch und politisch. Nichts dergleichen bei der Musik (abgesehen von einigen wenigen Beispielen aus jüngerer Zeit): Die Musik stellt die radikalste, absoluteste Form jener Negierung der Welt und insbesondere der sozialen Welt dar, die in jeder Form von Kunst realisiert wird.
Man braucht sich nur vor Augen zu führen, daß es keine Praxis gibt, die stärker klassifizierend, distinktiv, das heißt enger an die soziale Klasse und den Besitz von Bildungskapital gebunden ist als der regelmäßige Konzertbesuch oder das Spielen eines Musikinstruments (seltener zum Beispiel, bei im übrigen gleichen Bedingungen, als der Besuch von Museen oder selbst Galerien), und man versteht, daß das Konzert bestens geeignet war, eine der großen bürgerlichen Weihehandlungen zu werden.

[Pierre Bourdieu (1993): Soziologische Fragen, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, S. 147f., Hervorhebungen im Original]