Archiv für Januar 2011

David Harvey im Interview

David Harvey, britischer Humangeograph mit Lehrdeputat in den Vereinigten Staaten, habe ich bereits des Öfteren hier vor Ort erwähnt; eine Besprechung seiner grundlegenden Axiome und Prämissen, seiner Theorie eines historisch-geografischen Materialismus – einer bewussten Paraphrase und zugleich Kritik des aus dem teleologischen Marxismus stammenden Begriffspaars Historischer Materialismus –, ist weiterhin Desiderat. Ich hoffe, dies in nächster Zeit (wie die vielen anderen offenen Fragestellungen) erneut aufgreifen und zumindest angemessen diskutieren zu können. Bis dato bleibt jede Äußerung unter Vorbehalt und redundant, nichtssagend, weswegen Harvey selbst ein erneutes Mal zu Wort kommen soll. Wiederum interviewt von Harry Kreisler, einem sehr umtriebigen Professor für Internationale Beziehungen der Universität Berkeley (Kalifornien), dem aus den amerikanischen Studentenunruhen der 1960er bekannten Campus, Heimstätte der Politikwissenschaftlerin, Philologin und Theoretikerin der Gender/Queer Studies Judith Butler sowie des Sprachphilosophen John Searle. Angesprochen auf seine Forschungsarbeit prägende Erfahrungen erwähnt er seinen ersten längeren Aufenthalt in Baltimore, der ihn nachhaltig schockierte und für stadtsoziologische und geopolitische Fragestellungen sensibilisierte. Baltimore (wegen seiner überhaus hohen Mordrate bei Einwohnern und Politikern auch als „Body-more“ verschrien) ist übrigens auch Bühne und Thema der hervorragenden Serie The Wire, die ich kürzlich abgeschlossen habe und die sich für qualitative Exploration anbietet, handelt es sich doch um ein seltenes Beispiel „mikroanalytischer Unterhaltung“: Charaktere erscheinen nicht als Individuen (das zwar auch), sondern als allgemein austauschbare Charaktermasken, die im Geflecht der politischen, ökonomischen und sozialen Strukturen und Netzwerke verwickelt sind und verwickelt werden. Rassismus, Armut, Drogenkriminalität, Strukturwandel, Korruption usf. zeigen die Folgen einer negativen Stadtpolitik auf, die durch kapitalistische Imperative beschränkt wird. Es werden die Transintentionalität und die unberücksichtigten Fernwirkungen sozialen Handelns angemessen kontextualisiert, indem u.a. Lebensläufe konterkariert, mögliche moralische Projektionsflächen entleert und Handlungen sinnentstellt werden: was einerseits als gut gemeinte Tat erscheint, verkehrt sich auf anderer Stufe zur Reproduktion von Ungleichheit, vermaledeiten Strukturen und dem allenthalben scheinbar „anonymen“, unerkannten Status quo, sodass sich ein vielschichtiges Bild der Gegenwartsgesellschaft abzeichnet, das unter entsprechender Rezeption gesellschaftstheoretisch verortet werden kann.

Re: Vermögensentwicklung, Staatsverschuldung und Umverteilung

Über den Zusammenhang von öffentlicher Schuld, Steuerpolitik und Kapitalanhäufung klärt Ingo Stützle in einem Artikel der aktuellen Ausgabe der analyse&kritik auf:

Berlin-Höllenberg brennt! Vermummte Jugendliche bedrohen Familien und prügeln auf PassantInnen ein. Es herrscht ein Krieg zwischen den Generationen. Anfang Januar strahlte das ZDF zur besten Sendezeit den Doku-Fiction-Fernsehfilm »Aufstand der Jungen« aus. Im Jahr 2030 rebelliert die Jugend gegen die Generationenungerechtigkeit: Immer weniger junge Menschen arbeiten für mehr und älter werdende RentnerInnen, deren Versorgung und den staatlichen Schuldendienst. In der Presse wurde zwar problematisiert, ob dies ein realistisches Szenario ist. Aber nicht nach der sozialen bzw. Klassendimension des Konflikts wurde dabei gefragt, sondern ob sich der Staat tatsächlich zu Lasten zukünftiger Generationen verschuldet.

Nein, tut er nicht. Alle anderen Behauptungen sind blanker Nonsens. Es findet keine Umverteilung zwischen, sondern innerhalb der Generationen statt. Hier weiterlesen

Michael Mann im Interview

Michael Mann, britisch-amerikanischer Soziologe, der in seinem Fach wie alle Vertreter der Historischen Soziologie eher ein Außenseiterdasein führt (insbesondere in Deutschland, das einen völlig konservativen und an konventionelle Fächerlogiken gekoppelten Wissenschaftsbegriff mit sich herumschleppt), kann in diesem Interview mit Harry Kreisler (Berkeley) sein Forschungsprogramm näher umschreiben. Manns Hauptwerk „Geschichte der Macht“ ist ein in vier Bänden gepresster Versuch, die bisherige Menschheitsgeschichte unter dem Aspekt der Herrschaftsentstehung und -aufrechterhaltung zu untersuchen: Wie wird Macht gewonnen, erhalten und wie kann sie sich über verschiedene Kulturkreise und historische Epochen hinweg konstant halten? Der Rekurs auf die Geschichte dient Mann vor allem dazu, Rückschlüsse auf die Verfasstheit der Gegenwartsgesellschaft ziehen und Naturalisierungen vorbeugen zu können. Hierin Marx gleich, ist sein Versuch auch bemüht, die Veränderungen der Politschen Ökonomie im 20. und 21. Jahrhundert angemessen zu theoretisieren und anhand empirischer Daten quantifizierbar zu machen. Dadurch soll die ahistorische Soziologie historisch informiert und die unsoziologische Geschichtswissenschaft mit sozialwissenschaftlichen Mitteln präzisiert und – wo nötig – korrigiert werden:

Verlassene Stufen der Reflexion und Alltagspositivismus

Reflexionsstufen sind Spiegelbild gesellschaftlicher Verhältnisse. Was heißt das? In dem Maße, wie die intellektuelle Aufarbeitung und theoretische Spekulation über den wahrscheinlichen und vermutetenden Gang der Geschichte nur noch in Form von sog. „Theorie mittlerer Reichweite“ oder eng abgesteckten und nur vorgeblich interdisziplinären, stattdessen doch mehr formelhaft-bornierten Forschungspolitiken artikuliert werden kann, verzweifelt eine historische Epoche an ihren eigenen materiellen und geistigen Grundlagen, die nur als Einheit gedacht werden können. Dass dem Forschungsprozess nicht durch Politisierung vorgegriffen werden kann, ist eine Banalität, die bereits Weber einforderte; sie darf jedoch nicht missverstanden werden als ein bloßes sich Fügen in vorgegeben Strukturen und Konzepte des Denkes. Solche Strukturen und Konzepte prägen das Handeln und engen dieses bei verkürzten Prämissen auf eine bloße Reproduktion des Bekannten ein, das als „Ewiggleiches“ (Nietzsche) oder „stahlhartes Gehäuse“ (Weber), gar als „tyrannisierendes Gesellschafts-Etwas“ (Fontane) nur mehr kulturkritisch verworfen, aber augenscheinlich nicht kritisiert und verändert werden kann. Den Blick für gesellschaftstheoretische Implikationen zu wahren, heißt sich über die niedrigsten Stufen der Reflexion (aus Alltag, Arbeitstätigkeit und Freizeit) hervorzuarbeiten, bedeutet ein mitunter schmerzhaftes Abstreifen vorgefertigter Denke und schablonenartiger, abziehbildlicher Facette des gewohnten Lebens. Den Common sense als Nonsense zu identifizieren, ist Teil einer eigenen intellektuellen Emanzipation, Schlüssel der bzw. zur sozialen Welt, Auftakt praktischer Konsequenz:

Wer dem Auflösungsprozeß der Erkenntnistheorie, der an ihrer Stelle Wissenschafstheorie zurückläßt, nachgeht, steigt über verlassene Stufen der Reflexion. Diesen Weg aus einer auf den Ausgangspunkt zurückgewendeten Perspektive wieder zu beschreiten, mag helfen, die vergessene Erfahrung der Reflexion zurückzubringen. Daß wir Reflexion verleugnen, ist der Positivismus.
Die Analyse des Zusammenhangs von Erkenntnis und Interesse soll die Behauptung stützen, daß radikale Erkenntniskritik nur als Gesellschaftstheorie möglich ist. Diese Idee ist in Marxens Theorie der Gesellschaft impliziert, auch wenn sie dem Marxschen wie dem marxistischen Selbstverständnis nicht zu entnehmen ist.

[Jürgen Habermas (1968): Erkenntnis und Interesse, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1973: 9; Hervorhebung im Original]

Aller Anfang ist schwer, gilt in jeder Wissenschaft. Das Verständnis des ersten Kapitels, namentlich des Abschnitts, der die Analyse der Ware enthält, wird daher die meiste Schwierigkeit machen. Was nun näher die Analyse der Wertsubstanz und der Wertgröße betrifft, so habe ich sie möglichst popularisiert. Die Wertform, deren fertige Gestalt die Geldform, ist sehr inhaltslos und einfach. Dennoch hat der Menschengeist sie seit mehr als 2.000 Jahren vergeblich zu ergründen gesucht, während andrerseits die Analyse viel inhaltsvollerer und komplizierterer Formen wenigstens annähernd gelang. Warum? Weil der ausgebildete Körper leichter zu studieren ist als die Körperzelle. Bei der Analyse der ökonomischen Formen kann außerdem weder das Mikroskop dienen noch chemische Reagentien. Die Abstraktionskraft muß beide ersetzen. Für die bürgerliche Gesellschaft ist aber die Warenform des Arbeitsprodukts oder die Wertform der Ware die ökonomische Zellenform. Dem Ungebildeten scheint sich ihre Analyse in bloßen Spitzfindigkeiten herumzutreiben. Es handelt sich dabei in der Tat um Spitzfindigkeiten, aber nur so, wie es sich in der mikrologischen Anatomie darum handelt. (mehr…)

Alles, was Recht ist…

Mit dem Begriff der Produktionsverhältnisse wollte Marx aufzeigen, dass die Organisation von Ökonomie – der wirtschaftlichen Planungen, Maßnahmen und Vorkehrungen – historisch-gesellschaftlicher Disposition unterliegt. Diese Dispositive, wie sie beispielsweise in der Ausgestaltung von Gewerbe-, Wettbewerbs- und Steuerrecht, aber auch den Arbeitsbeziehungen oder familiären und sexuellen Reproduktionsbedingungen erscheinen, verschleiern den realen Gehalt der vorliegenden Beziehungen der Gesellschaftsmitglieder, welche sich unter liberalphilosophischer Prämisse als freie und gleiche, nicht aber als sozial stratifizierte gegenüberstehen3. Dass es soziale Stratifikation gibt, wusste nicht erst Marx unter dem Begriff der Ausbeutung darzustellen; dass es vielmehr die Produktionsverhältnisse selbst sind, welche diese Stratifikation notwendig, d.h. nicht als „Ausnahme“ von einer ansonsten vorgeblich guten Prozessregel erzeugen, ist der Nachweis der Marxschen Arbeitswertlehre, welche den sog. Schein des Äquivalententauschs – des nur scheinbaren Austausch von Arbeit und Lohnzahlung zu je gleichen Teilen – demaskiert. Im Warenfetisch offenbart sich das unbegriffene Verhältnis der Individuen zu ihren Produktions- und also Lebensgrundlagen: „Sie wissen es nicht, aber sie tun es!“ Stillschweigend wird durch das laissez-faire, durch die dumpf verstandenen „Spielregeln“ des Kapitalismus, welcher als Marktwirtschaft tituliert ist, die vorliegende Struktur reproduziert und konsolidiert. Nicht erst systemkonforme Abweichung (z.B. Korruption, Vetternwirtschaft oder auch schlechte Regierungsführung), sondern die Produktionsverhältnisse als solche haben dies zur Konsequenz.

Über die Aspekte der Marxschen Kritik an der herrgebrachten Rechtstheorie informiert ein Artikel von Hermann Klenner in der heutigen Ausgabe der Jungen Welt.1 Über die Diskreditierung der aktuell vorherrschenden Rechtslehre in der internationalen Politischen Ökonomie angesichts der desaströsen Finanz- und Wirtschaftskrise 2007ff. sowie mögliches Andockpotential für eine postneoliberale Rechtsordnung informiert der Aufsatz von Sonja Buckel, Andreas Fischer-Lescano und Lukas Oberndorfer in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Kritische Justiz2.

  1. http://www.jungewelt.de/2011/01-05/025.php [zurück]
  2. http://www.kj.nomos.de/fileadmin/kj/doc/Aufsatz_KJ_10_04.pdf [zurück]
  3. Die staatliche oder auch nur öffentliche Gewähr einer sog. „sozialen Sicherung“ ist hiergegen kein Einwand; vielmehr absolutiert deren Bestand das Vorhandensein von Stratifikation. [zurück]