Archiv für März 2011

„Unter Freunden“ – Kurzfilm zur Finanzlobby

Die Non-Profit-Organisation Weed, die sich für eine sozial gerechte Globalisierung einsetzt, hat folgenden Kurzfilm produzieren und online stellen lassen, der die Verflechtung von Wirtschafts- und Finanzpolitik sowie Interessen der Finanzindustrie ironisch bebildert.

Interessant ist es in diesem Kontext auch, die Archive des Deutschen Bundestages durchzugehen: bereits in der vorangegangenen Legislatur sprach der damalige Fraktionsvorsitzende der LINKEN Lafontaine1 über den Zusammenhang von derregulierten Finanzmärkten und Demokratieabbau. Gleich, wie man sich aus marxistischer Sicht zu Regulierung im Spätkapitalismus stellen mag, werden hier wichtige Einsichten in die politischen Prozesse wiedergegeben, die Anteil daran hatten, die Kultur des Shareholder-Kapitalismus auch diskursiv zu befeuern – wohlgemerkt gegen die Interessen der Mehrheit der Menschen:

  1. Dessen nur kurze Amtszeit als Bundesfinanzminister 1998/99 genügte seinerzeit, ihn als „gefährlichsten Mann Europas“ seitens der Mainstream-Medien titulieren zu lassen. Der Widerstand der damaligen Regierungskoaltion um Schröder, stärker aber der internationale Druck gegen die deutschen Regulierungsbestrebungen, mündeten in Lafotaines Rücktritt im März 1999, der noch ein Jahrzehnt später seitens der Presse als bloßer „Männerzwist“ verballhornt wurde; dass hier handgreifliche Interessen im Spiel waren und sind, ist nicht zu leugen (http://de.wikipedia.org/wiki/Oskar_Lafontaine#Bundesfinanzminister). Umso bedauerlicher ist, dass die bereits damals gewussten Folgen einer Finanzmarktderregulierung zu keiner Kurskorrektur geführt haben. Heute, im Jahre 2011 hat sich faktisch nichts verändert, allein die Gewinne der Dax-Unternehmen florieren ebenso wie die private Kapitalakkumulation/Reichtumskonzentration zulasten der großen Mehrheit. [zurück]

Weiterführende Hinweise zur Finanzkrise seit 2007

Die Finanzkrise gilt in der breiten Öffentlichkeit bereits als erledigt; da sie insbesondere unter nur volkswirtschaftlichem Gesichtspunkt verhandelt wird, scheinen Erklärungsmuster, die die ökonomischen Kosten der Nation herausstellen zu domininieren. Nur am Rande schimmert durch, dass die bornierten Rettungs- und Stützprogramme der Staats- und Regierungschefs in Europa (näher der EU) wesentlichen Anteil daran haben, eine bestimmte Form der Akkumulation von Finanzkapital und damit verbunden eine bestimmte Form der Warenproduktion und Verteilung von Einkommen und Vermögen zu befestigen. David Harvey beschreibt dies als Wiederherstellung der Klassenherrschaft der Bourgeoisie – also der Besitzer gesellschaftlich relevanter Produktionsmittel und Vermögensmassen –, bei gleichzeitiger imperialistischer Landnahme in der Peripherie. Einerseits wird vehement versucht, das korporatistische Fundament westlicher Wohlfahrtsstaat (Zeitalter des Keynesianismus) zu untergraben, daneben sollen Märkte für den Export nationaler Waren sowie die Sicherung von Zufahrtswegen zu notwendigen Ressourcen erschlossen werden (mehr…)

Menschliche Entwicklung: Verhalten, Gewalt und Affektkontrollen – ein Studienabriss

I. Überblick

Seit längerer Zeit beschäftigt mich die Frage, wie und wann jener Umschlagpunkt in der menschlichen Entwicklung – also in der Menschheitsgeschichte – auszumachen ist, ab der das individuelle und kollektive Verhalten aus dem vorbewussten bloßen Reproduzieren von Routinen und erratischen Entscheidungen in einen reflektierten Zustand übergeht. Dabei ist es zunächst einerlei, welches Niveau die Reflexion bedeutet, eine Wertung im Sinne einer theoretischen Normierung kann in der Frühgeschichte des Menschen noch nicht erwartet werden; eine solche Setzung wäre anachronistisch. Interessant ist diese Frage allein deshalb, weil der gewöhnliche Blick auf unsere Alltagswelt allzu viele Selbstverständlichkeiten in sich birgt, die erst dem Ethnologen in der Fremde zu Bewusstsein gelangen. Mit anderen Worten: eine Ethnologie der eigenen Kultur ist gefordert um zu verstehen, weshalb menschliches Handeln in einen geregelten, an sozialen Normen und Erwartungen orientieren Zustand wechselt, der mit so heterogenen Begriffen wie Gruppe, Gemeinschaft und auch Gesellschaft umschrieben wird. Interessant ist diese Frage weiterhin, weil Verhalten in Gruppen und Gemeinschaften immer schon – zumindest in der Moderne – auf einem Wertekonsens beruht, demgemäß gewaltvolles Handeln moralisch sanktioniert und teilweise strafbewehrt ist. Im Zusammenhang mit der Herausbildung und Entwicklung moderner Zivilisation und Staatlichkeit hat ein Prozess der Monopolisierung von Gewalt in Händen eines Potentaten (bereits im Begriff steckt die „Potenz“, also die Möglichkeit der Macht) stattgefunden (Elias), in der Gegenwart wird diese Herrschaftsform durch breiten partizipativen Anspruch in Form demokratischer Herrschaft auf die sog. Volksmassen ausgedehnt. In diesen Herrschaftsbereichen besteht das zwischenmenschliche Leben durch regulierte und normierte Handlungsroutinen, Ziele und Werte sind teilweise rechtlich kodifiziert und werden durch Lernen und Sozialisation bei Strafe der Abweichung „anerzogen“: Moralbewusstsein erscheint als gesollte Kategorie des zwischenmenschlichen, intersubjektiven Bezugs aufeinander. Überformt wird dies durch die unmittelbare Form der ökonomischen und damit stofflichen Reproduktion, (mehr…)

Stephan Krüger über Kapitalakkumulation

Das Zentrum für Ökonomische und Soziologische Studien (ZÖSS) an der Universität Hamburg veranstaltet seit einiger Zeit eine Vortragsreihe zur Finanzkrise seit 2007ff. Dabei kommen auch bekannte Vertreter linkskeynesianischer, marxistischer und politökonomischer Erklärungsansätze wie Flassbeck, Altvater oder Bieling zu Wort. Im nachfolgenden Beitrag stellt Stephan Krüger seine reaktualisierte Dissertation Allgemeine Theorie der Kapitalakkumulation – Konjunkturzyklus und langfristige Entwicklungstendenzen vor, die 2010 beim VSA Verlag (Hamburg) erschienen ist. Der Vortrag widmet sich nicht nur einer Elaboration der Marxschen Kapitalismuskritik, sondern stellt diese in den Kontext der geschichtlichen Entwicklung und mündet in einer Darstellung der Geschehnisse, die zur aktuellen Finanzkrise (politisch beinah schon ad acta gelegt) geführt haben. Der Vortrag kann hier abgerufen werden.

Zur Illusion der Emanzipation

An anderer Stelle habe ich vom soziologisch registrierbaren Phänomen der Retraditionalisierung der Geschlechterverhältnisse gesprochen. Damit ist im Kern die Restauration der überkommenen häuslichen und geschlechtlichen Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau gemeint. Neben sozialphilosophischen Argumenten wird dafür verstärkt auch auf biologistische Argumentationen abgestellt; wo erste noch immanent kritisiert werden können, wird die Biologie gern als „Totschlagargument“ verwandt: Gene, Neuronen und Chromosomen scheinen unverrückbare Tatsachen, die alte Ordnung damit „von Natur“ gegeben. Gegen diesen Irrsinn, der offensichtlich auch in der medizinischen Diagnostik (z.B. Präimplantationsdiagnostik) und juristischen Spruchpraxis verstärkt in Anschlag gebracht wird1, gilt es mit Mitteln des Verstandes anzugehen.

Über die Implikationen des heteronormen Geschlechterdualismus will ich an dieser Stelle nichts weiter ausführen; die Gender Studies um Judith Butler haben feministische Positionen, die auf einer rechtlichen Gleichstellung der Frau rekurrieren, die wissenssoziologische und gesellschaftstheoretische Kritik der Kategorie „Geschlecht“ als solcher hinzugefügt und damit den Diskursraum auch für jene geöffnet, die aufgrund einer subjektiven Ablehnung einer eindeutigen Geschlechtsidentität als „deviant“, also abweichend marginalisiert und stigmatisiert werden2. Eher zufällig kann zu einer vorgelagerten Frage noch eine etwas ältere Dokumentation von Luc Jochimsen (ehem. Redakteurin der ARD, heute Bundestagsabgeordnete für die LINKE) nachgereicht werden, die die Linksfraktion im Bundestag kürzlich online gestellt hat. Diese widmet sich der Frage, wie in der DDR mit dem herkömmlichen Geschlechterverhältnis tatsächlich umgegangen wurde und thematisiert nebenbei auch eine wesentliche Frage der Gegenwart: wie Anerkennung und Intersubjektivität als „Sittlichkeit“3 auch durch eine faktische Gleichberechtigung – die über juridisch-juristische Normen hinausgeht –, eingeübt werden können. In Zeiten einer messbaren Retraditionalisierung durchaus willkommener Korrekturfaktor:

  1. Thomas Lemke (2008²): Gouvernementalität und Biopolitik, Wiesbaden: VS [zurück]
  2. Stefan Hirschauer (1992): Die soziale Konstruktion der Transsexualität: Über die Medizin und den Geschlechtswechsel, Frankfurt a.M.: Suhrkamp [zurück]
  3. vgl. dazu u.a. Axel Honneth: Gerechtigkeit und kommunikative Freiheit. Überlegungen im Anschluss an Hegel ,abrufbar unter: http://www.eurozine.com/pdf/2007-01-17-honneth-de.pdf (letzter Zugriff: 17.03.2011)[zurück]

GAU und Kapitalismus

Während man in Japan mit den Folgen der durch einen Tsunami hervorgerufenen Naturkatastrophe sowie der bedrohlichen Lage um beschädigte Kernkraftwerke, also mit dem möglichen Super-GAU, umzugehen sucht, brodelt in Deutschland die politische Gerüchteküche. Regierungsfraktionen und Opposition konfrontieren sich medial in der Frage, ob die Atomkraft als Mittel der Standortkonkurrenz oder doch nur als eine von vielen energiepolitischen Vehikeln dienen kann. Klar ist indes, dass das Wohl der von möglichem radioaktiven Zerfall betroffenen Bevölkerung hintan steht. Dazu bedarf es nicht erst des Verweises auf die politische Form, in der die sog. Laufzeitverlängerung für alte AKWs durchgesetzt worden war. Mit formellen Fehlern gegen eine politische Richtungsentscheidung vorzugehen ist wenn überhaupt der hilflose-affirmative Versuch, Regularien zu wenden, deren Konstitution man im Kern teilen muss, solang man die bestehenden Produktionsverhältnisse unangetastet lassen will. Es ist kaum einer persönlichen Vorliebe der Regierung anzulasten, dass sie für Atomkraft optiert; und auch der Verweis auf eine vorgebliche „Politik der Konzerne“ ist wohlfeil, lebt er doch von dem recht flachen Einwand, die Politik agiere als bloßes Anhängsel der Kapitalistenklasse. Dass es auf dem deutschen Energiemarkt ein Oligopol oder auch Kartell gibt, ist nicht zu leugnen1. Allein die Form, in der Staatsfinanzen und in der Folge Wirtschaftspolitik diskutiert werden lässt weit blicken; in der politischen Talkshow dürfen sich alle Standpunkte aneinander abarbeiten, sie werden nivelliert, wer auf Geltung pocht marginalisiert2. Im Übrigen neigt man im Angesicht der von Natur, aber bald verheerender noch durch den Menschen hervorgerufenen Katastrophe dazu, die alltägliche Unterdrückung, Ausbeutung, das tausendfache Sterben aufgrund von Armut und Hunger stillschweigend zu tolerieren: die Grundrechenarten sind falsch und erfahren durch solche vehemente Bilder wie nun aus Japan (oder zuvor China oder Indonesien) eine beinah verdrängte Heftigkeit, die der profanen Wertrechnung stets immanent ist.

Ingo Stützle hat hier weitergehende Fachinformationen aufbereitet.

  1. H. Bontrup/R. Marquardt (2010): Kritisches Handbuch der deutschen Elektrizitätswirtschaft. Branchenentwicklung, Unternehmensstrategien, Arbeitsbeziehungen, Berlin: Sigma; online einsehbar unter: http://bit.ly/h8Tz5j [zurück]
  2. vgl. zu den Diskursregeln und Normalisierungsgesetzen von „Talkshows“ den Beitrag „Viel Lärm um nichts“ in der Ausgabe 551 der Zeitschrift Analyse&Kritik, abrufbar unter: http://www.akweb.de/ak_s/ak551/39.htm [zurück]

Re: Backlash

Über postdemokratische Zustände und vermeintliche zunehmende politische Apathie wird in den Sozialwissenschaften mindestens ebenso viel geschrieben, wie im dazu unqualifizierten, sich dennoch zu paternalistischen Stellungnahmen aufschwingenden „politischen Journalismus“. Ein interessantes Beispiel für postdemokratische Langeweile, tiefsitzenden Zynismus bietet die politisch-mediale Verarbeitung des Rücktritts von Verteidigungsminister Guttenberg (über Personalisierung und Ämterkooptation wurde hier an anderer Stelle schon geschrieben): „Kabinettsreform soll Gemüter beruhigen“1. Hiermit dürfte denn auch sinnfällig geklärt sein, worin die zentrale Aufgabe der sog. Politischen Kommunikation (als Praxis und Disziplin) zu sehen sei: in der Beschwichtigung manövrierter Volksmassen (Inventar). Die Überschrift erinnert bedenklich an überkommene, undemokratische Zeiten der Vormoderne, zu der bspw. das Kaiseramt noch unter Berufung auf „Gottes Gnaden“ ausgeübt worden war. Damals kannte man z.B. angesichts bevorstehender kriegerischer Aggressionen und imperialistischer Ausrichtung des außenpolitischen Handelns nur die Losung: „Keine Parteien, kein Interessenspluralismus! Nur noch das Vaterland!“ (in abgewandelter Form umschreibt dies die Äußerung Wilhelms II. vor dem Kriegseintritt 1914; Bewilligung von Kriegskrediten durch den Reichstag).

Eine bissige Lesart drängt sich dennoch auf: kann man der journalistischen Kaste gar eine Affinität zur massenhaft desavouierten Arkanpolitik der Autokraten, Monarchen und Militärjuntas in Nordafrika und Arabien unterstellen? Hat man es gar satt auf nichtssagenden Pressekonferenzen und bei politischen „Erklärungen“ mit Kamera und Mikrofon stets zugegen sein zu müssen und doch wieder nichts Substantielles berichten zu können? Übt man gar Kritik an der Verformung und Verzerrung, an der Entfremdung von der eigenen Tätigkeit? Dazu bedürfte es sicher einer strukturellen Kritik der Sozialisations- und Ausbildungsinstanzen wie -inhalte, auch der Zweck des Berichtens müsste thematisiert werden. So besehen jedenfalls bleibt die Überschrift ärgerlicher Abschluss einer über Wochen stilisierten Antikritik, die sich im Rücktritt (der in säkularen Gesellschaften symbolischen Enthauptung) zu befriedigen scheint.

  1. http://www.tagesschau.de/inland/guttenbergnachfolge104.html [zurück]