Archiv für Mai 2011

Doppelte Stigmatisierung

Die FAZ berichtete bereits am 18.05.2011 über ein sonst eher tabuisiertes Thema: Die Pflege von psychiatrischen Patienten. Die Autorin Lenzen-Schulte1 spricht in ihrem Artikel von einer doppelten Benachteiligung durch die Krankheit und die Institution Psychiatrie:

Chronisch psychisch Kranke haben […] nicht nur dort Nachteile, wo es um die Teilnahme am sozialen Leben geht. Sie erhalten beim Aufenthalt in einem Krankenhaus offenbar auch eine schlechtere Grundpflege als andere Patienten. Das zeigt eine Beobachtungsstudie des Zentrum für Soziale Psychiatrie Salzwedel in Sachsen-Anhalt, die der Leiter der Institution, Nicolas Nowack, veröffentlicht hat. […] Es zeigte sich, dass von 140 erfassten Patienten 30, mithin mehr als jeder Fünfte, ein spezielles Druckgeschwür – ein Dekubitalgeschwür der Haut – aufwies […]. Ein solches Hautgeschwür entsteht bevorzugt dann, (mehr…)

Re: „Der siebente Kontinent“ (M. Haneke)

Über Michael Haneke habe ich auf diesem Blog bereits einige Worte verloren, zuletzt konnte ich am Beispiel seines letzten Films „Das weiße Band“ die Kontinuität in seiner Themenwahl bestätigt sehen. Interessenten verweise ich auf den entsprechenden Beitrag. Nun verschaffe ich mir allmählich einen Überblick über Hanekes Frühwerk, so man es denn als solches überhaupt bezeichnen kann. Der Film Der siebente Kontinent (DsK)1 stammt zwar aus dem Jahr 1989 und ist dessen erster Kinofilm, jedoch ging diesem Werk bereits etliches Material voraus. Nichtsdestoweniger ist ein Blick in DsK sehr aufschlussreich, sofern man sich für die Frage interessiert, wie sich Gewalt und gewaltvolle Handlungen in die Individuen einschreiben. Mit Foucault gesprochen, dreht sich Hanekes Filmen alles um die Frage in welcher Form die Machtverhältnisse das Körperinnere durchziehen (vgl. Foucault: Dispositive der Macht). Im vorliegenden Fall wird die Gewalt als subtile Kraft vorgestellt, die das Alltagshandeln und die eingelebten Routinen in einer vom faden und ambivalenten Wohlstand geprägten westlichen Industrienation charakterisieren. Natürlich arbeitet Haneke auch dieses Mal mit expliziten Rückgriffen auf gewaltvolle Handlungen, doch erscheinen sie hier nicht als direkte Einwirkung auf einen Dritten, sondern in autoaggressiver Form: der Selbstmord bildet den Abschluss eines offensichtlich bedrückenden Lebens der Prota-, nein, eher Antagonisten, die die minimalistische Handlung vollführen dürfen. (mehr…)

Nancy Fraser über Feminismus im neoliberalen Kapitalismus

Die Politikwissenschaftlerin und Feministin Nancy Fraser habe ich auf diesem Blog bereits einige Male erwähnt oder auch zitiert. Ihr Interessen- und Arbeitsschwerpunkt liegt auf der Fortführung der Kritischen Theorie und Demokratietheorie, die sie in Anknüpfung an die Frankfurter Schule unter dem Aspekt der möglichst weit gestreuten Deliberation zu theoretisieren sucht1. Auf dem Feld der Gender Studies erweitert sie den eher am linguistic turn fokussierten Ansatz Judith Butlers um entscheidende ökonomische Kriterien2. Ausbeutung ist für Fraser nicht nur ein symbolischer Effekt der Subjektivierung und Stigmatisierung, sondern Folge der etablierten „Systemlogik“ des kapitalistischen Wirtschaftssystems. Im nachfolgenden Videobeitrag Feminism, Capitalism, and the Cunning of History3 referierte sie während eines Kongresses der Französischen Vereinigung für Soziologie (AFS) in 2009 ihre Thesen in prägnanter Form:


Feminism, Capitalism, and the Cunning of History von laviedesidees

  1. vgl. für einen ersten Überblick den nach dem Prinzip von Rede und Gegenrede aufgebauten Band: Nancy Fraser u. Axel Honneth (2003): Umverteilung oder Anerkennung? Eine politisch-philosophische Kontroverse, Frankfurt a.M.: Suhrkamp [zurück]
  2. vgl. den Artikel „Frauen, denkt ökonomisch!“ in der taz vom 07.04.2005, online unter: http://www.taz.de/?id=archivseite&dig=2005/04/07/a0157 [zurück]
  3. Dem Vortrag liegt ein entsprechender Aufsatz zugrunde, der unter dem Titel Feminismus, Kapitalismus und die List der Geschichte in der Ausgabe 8/2009 der Blätter für deutsche und internationale Politik veröffentlicht worden ist: http://www.blaetter.de/archiv/jahrgaenge/2009/august/feminismus-kapitalismus-und-die-list-der-geschichte [zurück]

Veranstaltungshinweise

Im Mai finden zwei interessante Veranstaltungen in Berlin statt, die sich auf je eigenen Weise mit der Gegenwartsgesellschaft, ihrer Erfassung, begrifflichen Verarbeitung und politischen Bearbeitung wie Veränderung auseinandersetzen. Da beide Konferenzen leider zeitlich parallel stattfinden, wird man sich aus den Programmen das jeweils besonders Interessante heraussuchen oder auch spontan entscheiden müssen. Dass dies möglich wird, liegt auch an der räumlichen Nähe: so sind die Humboldt-Universität und die Technische Universität Berlin als Veranstaltungsorte ausgewählt worden.

In einer Art übergreifenden Debatte soll das Werk von Karl Marx einer Überprüfung auf aktuelle Verwendbarkeit untersucht werden. Unter dem alles andere als zurückhaltenden Titel Re-thinking Marx schwingt mit, dass die Thesen Marxens im 21. Jahrhundert wohl nicht mehr umstandslos auf die Gegenwart angewandt werden können; zugleich ist darin eine Kritik an einem dispensierten Lehrbetrieb an den Universitäten zu vernehmen, wenn Marx selbst und auch marxistische Theorie nicht oder nur als ideengeschichtliche Sprenkel in den Orientierungseminaren vermittelt werden. Aufgrund des internationalen Charakters der Konferenz (eine Vielzahl der Referenten bzw. Vortragenden stammt aus dem englischsprachigen Raum), dürfte schnell klar werden, dass die in Deutschland stattfindende Diskussion über Marx bisweilen nur eine akademisch begrenzte ist. Inwieweit die Reflexion auf die Marxsche Gesellschaftstheorie auch politische Implikationen freilegt, die über Forschungsdesigns hinausgeht, bleibt abzuwarten oder der Diskussion zu entnehmen. Der Verweis auf universitäten Pluralismus im angelsächsischen Raum ist dahingehend fatal, wenn die politökonomische Verfassung von Großbritannien und den Vereinigten Staaten als liberalkapitalistische Staaten sui generis erkannt wird: dann hilft Pluralismus nicht sonderlich viel und regrediert zum Elfenbeinturm in verzweifelter Gesamtsituation. Das Program und weitere Details können hier abgerufen werden; auch ein praktisches Faltblatt (PDF) zur thematischen Übersicht und Veranstaltungsstruktur steht zum Abruf bereit.

Während sich die Marx gewidmete Veranstaltung wohl eher begrifflichen Grundlagen nähert und terminologische wie auch forschungspraktische Fragen zu bewältigen suchen wird, kann auf der Veranstaltgung Jenseits des Wachstums die praktische Arbeit der NGO attac im Verbund mit den politischen Stiftungen der linken Parteienlandschaft bewertet werden. Die Konferenz wird dabei in mehreren Panels theoretische Grundlagen erörtern, die in verschiedenen themenbezogenen Workshops weiter ausgearbeitet werden sollen. Hier also das Komplement zur obigen Veranstaltung, die sicher auch konkreten Einblick in politökonomische, soziologische und politikwissenschaftliche Zusammenhänge offenbaren wird und dabei zugleich mögliche Handlungsspielräume erörtern wird können. Zum Hintergrund wird dabei Folgendes ausgesagt:

Der Glaube, dass Wirtschaftswachstum den Wohlstand steigern und gesellschaftliche Probleme lösen könne, beherrschte und beherrscht das Denken und die Politik der unterschiedlichsten Gesellschaftssysteme – seien sie keynesianisch, neoliberal oder sozialistisch geprägt. Doch die Versprechungen der Wachstumsbefürworter sind vielfach nicht eingetroffen sondern haben sich nicht selten in ihr Gegenteil verkehrt: anhaltende Massenerwerbslosigkeit, Umverteilung von unten nach oben und ein Auseinanderklaffen der Schere zwischen Reich und Arm in praktisch allen Ländern, aber auch global. Zu den vielfach beschriebenen Grenzen des Wachstums sind regionale und globale ökologische Katastrophen hinzugetreten. Zuletzt hat sich die ungebremste Wachstumsdynamik in der Weltfinanz- und Weltwirtschaftskrise entladen. Trotzdem wird Wirtschaftswachstum weiterhin als Allheilmittel zur Überwindung all dieser krisenhaften Phänomene gepriesen. Hier weiterlesen

Programm und weitere Details können hier abgerufen werden.