Archiv für Juni 2011

Re: Backlash

Nachdem die Causa Guttenberg ja nicht nur einen Ministerrücktritt beigebracht, sondern auch ein institutionalisiertes Verfahren der fortlaufenden Prüfungen weiterer Privatsubjekte mit Titel nach sich gezogen hat, liefert der Gegenstandpunkt in seiner aktuellen Ausgabe einen Kommentar zu diesem alles in allem doch recht merkwürdigen Verfahren, mit dem sich Partikulare der virtuellen Wissenschaftsgemeinschaft die fehlende Integrität bei Angabe von Textstellen und Zitaten und insgesamt die „Redlichkeit“ eines ebenso nur virtuellen Wissenschaftsstandort einfordern. Dass darin ebenjene Gesittung bürgerlicher Subjekte zum Ausdruck kommt, denen der Rekurs aufs Eigentum über den Erkenntnisgewinn geht, wird in diesem Artikel klargestellt. Wissenschaft ist nicht Kommunismus, obwohl Erkenntnis und Wissen als solche ja gar keinen Personenbezug kennen können, ja vielmehr ihre Abgrenzung für den Erkenntnisfortschritt und daran anzuknüpfende praktische Veränderung der Lebensverhältnisse schädlich ist.

08

Es ist seltsam, mit wie wenig Glauben an das Glück ich auf die Welt gekommen bin. Ich habe schon in früher Jugend ein vollständiges Vorgefühl vom Leben gehabt. Es war wie ein ekelerregender Küchengeruch, der aus einer Lüftungsklappe emporsteigt. Man braucht von dem Gekochten nicht gegessen zu haben, um zu wissen, dass man davon wird kotzen müssen.
(Flaubert, Briefe, 1846)

07

Es gehört zur Dialektik des historischen Prozesses, daß auch das zum Charakter einer Epoche beiträgt, was nicht mit ihr im Einklang zu stehen scheint.
(Franz J. Bauer, Das ‚lange‘ 19. Jahrhundert, 2010)

06 „20 beliebte Irrtümer in der Schuldenkrise“

Stephan Kaufmann hat in einem Positionspapier der Rosa Luxemburg-Stiftung (RLS) gängige Vorurteile bei der Berichterstattung und Verarbeitung der griechischen Schuldenkrise – die ja nur als Fortführung der seit 2007 passierenden weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise zu verstehen ist – sachgerecht korrigiert. Als Handreichung für Stammtische und Debattierzirkel ist dieses Papier sehr gut geeignet, auch die Faktenlage wird mit offiziösen Quellen belegt, sodass der mögliche Vorwurf der „Tendenz“ irrig wäre. (via Ingo Stützle)

05

Erziehungs- und Gesundheitssystem erweisen sich als rückständig, da sie Integrations- und Gesundheitsaufgaben nur unzureichend erfüllen und Selbst- und Fremdzerstörung fördernde Selektion und Stresserzeugung betreiben.
(Klaus Feldmann, Tod und Gesellschaft, 2010)

Notiz zu einer Historischen Wissenssoziologie – gesellschaftstheoretische Aspekte

In den letzten Monaten, wenn nicht Jahren, bin ich durch verschiedene Theorieströmungen, Ansätze und Forschungsinteressen gestöbert und habe mehr und weniger ertragreiche Felder entdecken können. Bereits vor drei Jahren hatte ich (I) eine Untersuchung zu Kriminialitätsdiskursen unter dem Titel „Kriminologie als Positivismus?“ in Aussicht gestellte, kurz darauf erfolgten die Prospektionen zu einer (II) tiefergehenden Analyse von Gewaltformen (am Beispiel einer Phänomenologie von Tat- und Unfallort), (III) zu Stadtpolitik und Gestaltung des öffentlichen Raums im Status quo, zu (IV) „Kulturen des Selbst und Identitätsdiskursen in modernen Massengesellschaften“, (V) eine mikroanalytische Studie zur „Neuen Berliner Schule“ im Bereich des Films, (VI) zur Hegelschen Begriffslogik, (VII) Thesen zum Nationalismus sowie (VIII) zu gegenwärtigen Legitimationsstrategien.

All diese, zum Teil heterogenen, Arbeitsfelder habe ich danach mehr oder minder unwillkürlich passiert und durch neue Gedanken und Ansätze angereichert. In der Tat ist keine der bisher angekündigten Studien real umgesetzt worden, was weniger mangelndem Interesse geschuldet war, sondern einfachen Gründen der Zeit, der Konzentration auf weitere Arbeitsfelder und sonstige Präokkupationen, die mich davon abhielten. Nichtsdestoweniger besteht heute das Interesse an einer gehaltvollen Gesellschaftstheorie, die Subdisziplinien als solche nicht absolut setzt, dabei jedoch die Praktikabilität und wissenschaftliche Angemessenheit unterschiedlicher analytischer (mehr…)

04

Speaking of capitalism (…) avoids the fallacies of misplaced abstractness that plague mainstream economics as well as rational choice social science and prevent them from engaging the world as it really happens to be.
(Wolfgang Streeck, Re-Forming Capitalism, 2009)

03

Die zu ihrer Zeit ketzerische Kritik am positivistischen Empirismus und an der methodologischen Abstraktion hat alle Aussichten, heute mit dem ewigen Vorgeplänkel einer neuen Vulgata verwechselt zu werden, die lediglich das obsessive Streben nach methodologischer Makellosigkeit durch den Ehrgeiz theoretischer Reinheit ersetzt und auf diese Weise Wissenschaft doch nur immer weiter aufschiebt.
(Bourdieu, Soziologie als Beruf, 1972)

Re: „Karte und Gebiet“ (M. Houellebecq)

„Da die Menschen kein Heilmittel gegen den Tod,
das Elend, die Unwissenheit finden konnten,
sind sie, um sich glücklich zu machen,
darauf verfallen, nicht daran zu denken.“
(Pascal, Pensées)

Houellebecq überrascht mich immer wieder aufs Neue: Stets lege ich seine Bücher bislang angewidert oder auch überdrüssig aus der Hand, nicht ohne sie zugleich regelrecht zu verschlingen. Dabei ist seine Themenwahl vermeintlich banal. Es werden keine überragenden Persönlichkeiten gezeichnet, noch überwältigende Plots illustriert, ganz im Gegenteil ist die Langeweile und auch die Angst des Alltags präsent. In den porträtierten Charakteren findet sich stets etwas Allgemeines, völlig gleich, ob sie dies über Sexsucht, Ignoranz oder auch emotionale Abstumpfung zur Geltung bringen: Houellebecqs Bücher sind Parabeln auf die Gegenwart einer heillosen, durchrationalisierten Warengesellschaft, der jegliches sittliches Fundament abhanden gekommen zu sein scheint.

Der neueste Roman „Karte und Gebiet“ – von dessen Existenz ich nur unwillkürlich, ja beinah zufällig durch das blasierte Stöbern nach neuer Romanlektüre, erfahren habe –, birgt doch mehr in sich, scheint dabei jedoch den Faden aufzunehmen, der bereits in „Die Möglichkeit einer Insel“ (2005) entsponnen worden war: das rollende Band der Prosa, welches mir nur aus den großen Gesellschaftsromanen des 19. Jahrhunderts vertraut ist. Ich habe das Gefühl mit „Karte und Gebiet“ nicht nur einen topologischen Roman gelesen zu haben, sondern ein Stück an glänzender Belletristik. Houellebecq hat seinen Akzent verschoben (mehr…)

02

Außerdem muß man ja leben und Beziehungen zu anderen Menschen aufbauen; ich war im allgemeinen viel zu angespannt und das schon viel zu lange. Ich hätte vielleicht abends etwas Praktisches machen sollen, Federball, Chorsingen oder sonst irgend etwas. Die einzigen Frauen, an die ich mich erinnern konnte, waren immerhin jene, mit denen ich gevögelt hatte. Und das will schon was heißen; man schafft sich Erinnerungen, um im Angesicht des Todes nicht ganz so allein zu sein. Ich sollte solche Gedanken lieber lassen. ‚Think positive', sagte ich bestürzt zu mir, ‚think different‘.
(Houellebecq, ebd.)