Archiv für Juli 2011

Wallerstein über Grenzen des Kapitalismus

Immanuel Wallerstein, Vertreter der Weltsystemtheorie, kann in diesem Interview für den freien Sender Kontext-TV seine Thesen am Beispiel der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise erläutern. Die Rekonstruktion der gegenwärtigen Prozesse führt zwangsläufig zu einer Analyse vorangegangener Akkumulationsregime: als Vertreter einer historisch-statistischen Konjunkturtheorie sieht er Marxens „Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate“ in formveränderte Fassung: durch stete Integration von peripheren Räumen in die kapitalistische Ökonomie:

Der Sender Kontext-TV versucht analog zum US-amerikanischen Portal Democracy Now! eine selbst verantwortete und von dritten Interessen unabhängige Berichterstattung.

Wellen

Weber kam von einem Spaziergang nach Hause. Es war Sonntag und draußen fühlte sich die Hitze des Sommertages nicht ganz so schwer an wie noch jetzt, zu später Stunde, in seiner Wohnung. Er war nicht gerade verdrießlich, doch glücklich oder auch nur zufrieden, das war er nun wahrlich nicht. Aber sind das nicht sowieso sehr fragwürdige Attributionen? Was meint denn einer, wenn er von Glück spricht? Steckt dahinter nicht oft eine fadenscheinige Idealisierung oder auch nur eine Lappalie? Und wenn nun sogar noch ein Lob auf die Zufriedenheit eingestreut werden sollte, ja war das denn nicht bereits Ausdruck eines völlig vermaledeiten Lebens, dem man nicht Herr ist, aber dem man doch irgendeinen Mist noch als Zufriedenheit abnehmen sollte? Weber machte eine wegwerfende Geste, ganz so, als wollte er einem Zuhörer bedeuteten, dass dies alles Albernheiten und Nichtigkeiten seien, dass man sich davon zumindest nicht den Kopf verdrehen lassen sollte. Und überhaupt: es war noch viel zu warm in der Bude, um schon wieder solche selbstreferentiellen Gedankengänge anzustrengen. Er ging in die Küche, schaute in den Kühlschrank – der einen er bescheidenen Eindruck bot –, und griff nach einem Joghurt, den er etwas versteckt hinter plastikverpackten Käse ausfindig machen konnte. Der Geschmack beruhigte seinen Gaumen und er lehnte sich etwas im Arbeitsstuhl zurück. Ein aufmerkendes Greinen war von draußen zu vernehmen, schon seit mehreren Wochen stießen die Vögel auf den Bäumen, direkt vor dem Wohnungsbalkon, merkwürdige Laute aus. Wenn sie sich tagsüber mit dem Nestbau verdingten und die Brut versorgten, so lebten sie abends aus, offerierten ihren möglichen Gattungspartnern Paarungsbereitschaft, wozu wohl auch dieses Sammelsurium an Lauten zählen musste. Weber dachte daran, dass er dazu einen Ornithologen befragen könnte, aber er kannte keinen Ornithologen. Der einzige ihm bekannte Vogelkundler war Messiaen, der Komponist, der aus den Vogelstimmen etwas zu synthetisieren glaubte und wohl genau an diesen Lauten seinen Heidenspaß gehabt hätte. Vielleicht hätte er justament in Webers Wohnung einige neue Kompositionsideen gewonnen; er hätte das Stück dann dankenswerterweise nach Weber benannt, weil dieser ihm ja erst die Möglichkeit offeriert hatte, dem Geschehen so unmittelbar beizuwohnen. Was für ein Blödsinn, dachte sich Weber: Messiaen war lange tot und er hörte ihn ab und an, aber niemals so gern wie Bartók oder Ligeti, und selbst an Scelsi kam er nicht heran. Er mochte eben wesentlich mehr die Cello-Akzentierungen bei jenen. Doch während der imaginierte Messiaen sich noch einmal demonstrativ schnäuzte und dann Webers Gedankenwelt mehr empört, denn nachgiebig – wie es sich für einen Alten wie ihn doch geziemt hätte –, verließ, kreisten Webers Gedanken bereits wieder über seine Forschungsarbeit. Er schaltete die Schreibttischleuchte aus, damit war es im Zimmer beinah völlig dunkel; in der Stadt ist es ja niemals völlig dunkel, dennoch bilden sich die Stadtbewohner Dunkelheit als einen Zustand wie Tageshelligkeit ein. Sie sagen: „Es ist dunkel!“ und meinen das auch so, dabei ist es niemals dunkel, weil es in einer Millionenstadt eben niemals dunkel sein kann. Irgendeine beschissene Leuchte an irgendeinem Supermarkt oder Spätkauf leuchtete immer und sorgte für stillschweigende Koordination in der wogenden Welle des Alltags. Im Dunkeln des Zimmers jedenfalls konnte Weber besser nachdenken; wenn sich nach einigen Minuten die Augen an das fahle Licht gewöhnt hatten, dann perlten die Gedanken wie Geistesblitze regelrecht aus ihm heraus und er musste nur noch den geeigneten Moment abwarten, um sie notieren zu können. Doch heute schien dem nicht so. Bereits nach wenigen Minuten der Dunkelheit, musste er das Licht wieder einschalten, ihm kamen nur merkwürdige Gedanken zu Bewusstsein, denen er jetzt doch lieber nicht nachgehen würde. Zwar ängstigte er sich nicht, aber auch wollte er der Sache nicht auf den Grund gehen. Erst einmal ablenken, lautete die Devise. Er startete seinen PC und klickte sich ins Internet: die weltweite Kommunikation verdichtete sich, es öffneten sich Parallelwelten, in die es sich doch lohnte erst einmal abzutauchen. Vielleicht würde sich dann wieder alles auflösen, vermittelt durch diese zweite wogende Welle des Alltags.

10

Das Solidarmodell des Wohlfahrtsstaates, welches auf einer erzwungenen Solidarität von Ungleichen beruhte, indem es die Abgaben an das Einkommen und die Leistungen an die Bedürftigkeit knüpfte und eine Umverteilung der Einnahmen auf Bedürftige vorsah, wird zunehmend durch ein von Marktmechanismen gesteuertes Versicherungsmodell ersetzt, in welches man sich einkaufen kann und welches hohe Risiken mit hohen und geringe Risiken mit geringen Tarifen belegt. Das System der sozialen Sicherung wird so zu Gunsten von privater Versicherung zurückgedrängt, die nach Bedürftigkeit umverteilende soziale Gerechtigkeit durch eine beitrags- und risikoproportionale Gerechtigkeit ersetzt. […] Die Gesamtheit dieser Entwicklungen fragmentiert die Gesellschaft. Der frei zugängliche öffentliche Raum schrumpft zu Gunsten halböffentlicher und nichtöffentlicher privatisierter Areale mit gestaffelten multiplen Zugangsbeschränkungen. […] Der öffentliche Raum wird dadurch neo-feudalistisch segmentiert.“
(Karl-Ludwig Kunz, Kriminologie, 2004)

09

Das Prinzip jedes Herrschaftsverhältnisses ist das komplementäre Ineinandergreifen von objektiven Macht- und Zwangsmitteln und subjektiven Motivationssystemen, die sie bestätigen und reproduzieren. Herrschaft ist nicht als eine dauerhaft historische Formation denkbar ohne das affirmative Bewußtsein derer, die zwar nicht herrschen, ihr aber zustimmen und sie unterstützen, zumindest dulden.
(Claus Offe, Strukturprobleme des kapitalistischen Staates, 1972)