Archiv für August 2011

Intellektuelle Armut

Es ist alles andere als leicht, sich mit einer Umgebung abzufinden, die einem das Denken abgewöhnen will. Tagtäglich ist man mit Verzerrungen konfrontiert dergestalt, dass zwar dieses oder jenes empirische Etwas Beachtung verdiene, alles in allem jedoch man selbst nichts verstanden, geschweige denn einen angemessenen Begriff der Sache gefasst hat. Als ärgerlich erweist sich überdies der Faktor Zeit: Zeit strukturiert den Alltag und fasst die plötzlich auftauchenden Handlungsroutinen in Maßeinheiten zusammen. Erst die Zeit ermöglicht einem die Gewahrung der täglichen Malaise. In der Restrospektive wird offenkundig, das ein strukturierter Alltag nicht nur als Verzerrung erscheint, sondern als tatsächlich abgelaufene Zeit. Unauslotbar – weil man zu allerhand schändlichen Dingen sich veranlasst sah, wir nennen dies „Alltag“ –, unwiederbringlich, da abgelaufene Zeit nicht mehr repräsentieren kann als ebendies: Vergangenes. Doch vergangener Alltag ist zugleich kommender Alltag, die Kategorie der Zeit stellt sich gegenüber dem dareinverpflanzten Inhalt völlig gleichgültig. Als relationale Kategorie wäre sie an einem andern Ort vielleicht nützliches Hilfsmittel, um Notwendigkeiten von Freiheiten zu scheiden. Hingegen der Alltag als unendlicher erscheint und in intellektuelle Armut münden muss. Vielleicht besteht die Dialektik des Alltags eben nicht nur in der Verzerrung, die man als „Echtheit“, also als Reales, als Geschehenens, als Objektives auszumachen glaubt, sondern auch in einer erkenntnistheoretischen Dublette als Schimäre, als ein fades Abziehbild (die moralische Setzung) und fehlgeleitetes Bewusstsein (dies der theoretische Zugang, freilich unter Rückgriff auf das selbige affektierte Bewusstsein).

Die Farce besteht nun jedoch darin, dass dieser Alltag unaufhörlich ist und sich zum Beispiel nicht für empirische Spielarten interessiert: diese werden als diverse Facon lediglich unter dasselbe Telos subsumiert und dürfen sich einreihen in eine nicht enden wollende Wesensschau des Langweiligen, Faden, des Öden und schon hundertmal Gehörten. Lächerlich macht sich an dieser Stelle der Mahner selbst, wo er in seiner aufbäumenden Positionen doch nur als Epiphänomen des Blödsinns erscheint, vielleicht als Pfaffe, vielleicht auch als „Sprecher“ oder Gewährsmann. Ob Milieu, Schicht, Klasse oder auch Redewendung und Terminus, die Formvarianten des Alltags münden in die immer gleiche Sackgasse der Ernüchterung, jedoch garantiert dieses Tableau eines: ein beständiges Nachdenken über Unwesentliches, eben ein Sich-Aufhalten mit Nebensächlichkeiten, empirisch endlichen Interessen und zweifelhaften Ideen. In einem Zeitalter, in dem die Forderung nach kohärenten Identitätsangeboten als Partikularismus verschrien, als epistemologische Dublette negiert sowie als politisch totalitär („entmündigend“!) verworfen wird, ist die Unhaltbarkeit der Situation für jene manifest, die sich diesem Wirrwarr nicht fügen können und fügen wollen. An der Weggabelung zwischen Idiotie und Psychopathologie, der Grenze zwischen vermeintlicher Normalität und unauslotbarer Identitätskrise, verkommt Ideologiekritik – zum Beispiel als Kritik an anachronistischen Temporalstrukturen –, zum Treppenwitz, den man nicht einmal mehr im Keller wird in aller Ruhe auskosten können. In einem Zeitalter, das den alten Widerspruch nicht aufgelöst, in der Lebenswelt hingegen enormes Destruktionspotenzial für Mensch, Psyche und Natur transparent gemacht hat, doch daraus kein adäquates Handlungsangebot hat destillieren können, da entsteht die Lüsternheit und die Perversion der politischen Tat jeden Tag aufs Neue. In Basisprojekten, selbstorganisierten Foren oder Plattformen, aber auch in Zirkeln und Medien, verkommt der kritische Gehalt einer unauflöslichen Gesellschaftskritik zum Placebo, sodass zwar heute vieles möglich scheint und die kollektive Neurose institutionalisiert, als verächtliches Ausbildungspotential bereits in Kinderköpfe (als „Taugenichts“ wie auch als „Talent“) verfrachtet worden ist, dadurch aber der Klos im Hals nur noch größer und zu einem Erstickungsmittel geworden ist, das jetzt nur noch wie Suizid sich ausnehmen mag. An den Oberflächen wird uns vieles erlaubt, im Grunde jedoch sind wir restringierter denn je, bedauernswerter denn je und dämlicher denn je. Die intellektuelle Armut ist nicht durch Zahlen und Titel zu brüskieren, sondern ist deren rhetorisches Spiegelbild, sie hockt in allen Nischen und übt sich im Dasein als Chamäleon, obwohl sie sich doch eigentlich wie ein Faustschlag anfühlt.

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Schon seit längerem beobachten psychoanalytisch geschulte Ärzte einen Symptomwandel in den zeittypischen Krankheitserscheinungen. Die klassischen Hysterien sind beinahe ausgestorben; die Zahl der Zwangsneurosen verringert sich drastisch; statt dessen häufen sich narzisstische Störungen. (…) Es entsteht ein Irritationspotential; mit ihm wächst auch die Wahrscheinlichkeit, daß sich Instabilitäten des elterlichen Verhaltens unverhältnismäßig stark, und zwar im Sinne sublimer Verwahrlosung auswirken. (Habermas, Theorie des kommunikativen Handelns II, 569, 1981)

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Die noch nicht genau abzusehenden geopolitischen Folgen der gegenwärtigen Weltwirtschaftskrise dürfen weder als eine einfache Wiederholung der historischen Phase vor 1945 interpretiert werden, noch in ihren möglichen mittelfristigen konfliktiven Verlaufsformen – angetrieben etwa durch eine Rezentrierung der Weltwirtschaft in Ostasien – unterschätzt werden. (T. ten Brink, Kapitalismus und Geopolitik, 2009)

Zur Politischen Ökonomie der DDR

Angesichts der aktuellen offiziellen Gedenken und politisch motivierten Erinnerungen zum Jahrestag des Mauerbaus bietet es sich an, das Thema mal aus einer anderen, weniger moralisierenden, eher aufklärenden Perspektive zu beleuchten. Das Zentrum für ökonomische und soziologische Studien der Uni Hamburg hatte bereits vor weit mehr als einem Jahr eine ausgedehnte Vortragsreihe zu Staatstheorie und ökonomischer Entwicklung nach der Finanz- und Wirtschaftskrise organisiert. Teil davon war auch der eher wirtschaftshistorisch gerichtete Exkurs über die Ökonomie der DDR, den Harald Mattfeldt und Kathrin Deumelandt von der Profitratenanalysegruppe (PRAG) gegeben haben. Dort wird die Konjunkturentwicklung der DDR einer Zeitreihenanalyse unterworfen, das Verhältnis von Bruttowertschöpfung und Produktivitätszuwachs ebenso thematisiert, wie die Ausgangssituation unter den horrenden Reparationsleistungen sowie Demontagen durch die Sowjets (bis Anfang der 1960er und bis also Chrustschow der DDR weitgehende Souveränität zusicherte):

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Binnenkommunikation bewirkt, daß die ständigen Veränderungen der Wirklichkeit, etwa politische, wirtschaftliche oder ökologische Entwicklungen, innerhalb sozialer Milieus ähnlich verarbeitet werden, während sich zwischen sozialen Milieus Diskrepanzen auftun. Durch Binnenkommunikation werden soziale Milieus zu segmentierten Wissensgemeinschaften, die auf öffentliche Ereignisse mit einem milieuspezifischen Kommentar reagieren. (…) Das Milieu kann zu einem Wissen um seine eigene Existenz gelangen, sich organisieren, als kollektiver Akteur auf der politischen Szene erscheinen. (G. Schulze, Die Erlebnisgesellschaft, 1995)

Re: Quo vadis, Obama?

Nachdem Demokraten und Republikaner, nach einer ideologisch aufgeladenen symbolischen Debatte um die Anhebung des staatlichen Schuldenlimits sowie der von den Finanzmärkten erwarteten Kürzung öffentlichen Ausgaben, zu einer vorläufigen Einigung gefunden haben, ist in den Vereinigten Staaten vorerst eine Zahlungsunfähigkeit abgewendet worden. Dies hinderte eine der großen Ratingagenturen nicht daran, die Bonitätsnoten für US-amerikanische Staatsanleihen und damit die Kreditwürdigkeit als Gläubiger herabzustufen. Gleichwohl ist dies nicht nur ein symbolischer Akt, sondern fordert seine Handgreiflichkeiten auf Seiten jener, die mit Arbeit und Leben auf fremde Rechnung für das stete Florieren und Prosperieren der kapitalistischen Ökonomie einstehen müssen. Insoweit die Kritik an Ratingagenturen („asozial“) verständlich ist, vermag ein solch‘ moralisches Urteil den integralen Bestandteil dieser Organisationen nicht zu erhellen. Erst wenn man sich das gegenwärtige Regulationsmodell näher besieht, leuchtet ein, warum Staaten und Konzerne so sehr von deren Urteilen abhängig sind. Das postfordistische Akkumulationsmodell basiert auf weitgehend dezentralisierten Produktionsstrukturen: Unternehmen sind in kleine Teileinheiten mit je verschiedenen Geschäftskonzepten zerlegt, Variabilität des Angebots wird durch schnellstmögliche Auflösung ihrer selbst im Prozess der Konkurrenz flankiert. Als sogenannte „Profit-Center“ bilden Gesundheitsdienstleister wie Bildungsträger, Ölraffinerien und Sodafabriken nur verschiedene Ausprägungen von Produktionseinheiten, deren Ergebnis sich als Tauschwert realisieren soll. Durch Ausdehnung der Geschäftstätigkeit und stete Marktkonzentraion und Zentralisation wird die Kreditaufnahme unabdingbar, um stete Innovation und Investition in technische Apparatur und Produktionskapazität leisten zu können. Angehäuftes Kapital dient dabei – institutionalisiert in Banken und Versicherungen –, als Hebel zwecks Aneignung von Mehrwert durch Zinszahlung auf der einen, sowie zur zwischenzeitlichen Finanzierung und Liquidierung der eigenen Geschäftstätigkeit auf der anderen Seite. Wohingegen Geld als Kapital im Grunde unbegrenzt anzuhäufen ist, gilt dies für die Produktion von Waren nicht: diese müssen sich noch durch Verkauf und also Geldzahlung einstellen. Wenn in der Folge Eigentum und Vermögen sich immer stärker konzentrieren, bieten sich nur verschiedene Überbrückungsszenarien: Verminderung der Zinszahlung, Ausdehnung der Kreditlaufzeit oder aber auch Druck auf die Kreditnehmer, wie es derzeit (also seit 2008) in Europa und den Vereinigten Staaten praktiziert wird: Austerität ist fiskalpolitisches Programm geworden, das dazu dient moralisch und real Druck auf Arbeitnehmer, Empfänger sozialer Leistungen sowie alle öffentlichen Einrichtungen der Daseinsvorsorge (z.B. Gesundheit, Bildung, Kultur) auszuüben. Was als „Krise“ verklärt wird, ist ein gezieltes Programm zur Durchsetzung von Partikularinteressen. Diese Interessen – die medial gut vertreten, wissenschaftlich legitimiert und politisch äußert einflussreich sind –, bestimmen den Diskurs und begründen eine neue ungeahnte Hegemonie des absoluten Kapitalismus: eines Kapitalismus wider der primitiven Einsicht, dass ohne materielle Konzessionen an diejenigen ohne Vermögensbesitz und von Lohnzahlung Abhängigen, kein dauerhafter Staat zu machen ist. Die öffentlichen Haushalte kollabieren, während sich das Anlagekapital durch Konzentration an fehlenden Anlagemöglichkeiten reibt: Unternehmungen lassen sich nicht beliebig mit Kreditgeschäften instrumentalisieren, spätestens deren Bankrott und der in Folge von Arbeitsplatzverlust steigende gesellschaftliche Ausfall von Zahlungskraft, zeigen dies an. Ab einen gewissen Punkt wird Systemtoleranz überschritten und die Reproduktion des ökonomischen System nicht mehr möglich: Deflation und die Anhäufung von Waren in den Lagern, tritt ein. Die sozialen Proteste, die derzeit Westeuropa, Israel und Südamerika überschatten sind zunächst nur Ausdruck eines wieder öffentlich gewordenen Klassenkonflikts, der lange verbrämt und auch kanalisiert worden war durch wohlfahrtsstaatliche Arrangements:

Soziale Unsicherheit ist nicht erst seit dem Kollaps der Finanzmärkte zu einer Massenerfahrung geworden. Vielmehr haben sich unsichere Arbeits- und Lebensverhältnisse als Folge eines funktionierenden Finanzmarkt-Kapitalismus auch in Kontinentaleuropa wieder verstärkt ausgebreitet. (Klaus Dörre (2009): Prekarität im Finanzmarkt-Kapitalismus in Castel/Dörre (Hrsg.): Prekarität, Abstieg, Ausgrenzung, Frankfurt a.M./New York: Campus, S. 35)

Dieses neoliberale Regulationsmodell hat sich mit der Finanz- und Wirtschaftskrise 2007ff. nachhaltig erschöpft, doch obwohl seit gut drei Jahrzehnten keynesianische Globalsteuerung kritisiert ist, bleibt die neoliberale Steuerung autark, obwohl sie keine gesamtgesellschaftlich nachhaltige Antwort bieten kann: sie erschöpft sich als reine Ideologie derer, die öffentliche Haushalte und Massenpartizipation umkehren durch das Insistieren auf Partikularinteressen und Extraprofiten. Ist die Systemtoleranz überschritten, wird entweder eine neuer Akkumulationsmodus etabliert (z.B. durch Anhebung von Staatsquoten und Verbot von Finanztransaktionen) oder aber die Produktion auf andere Grundlage gestellt, womit das kapitalistische Regulationsmodell vollends revolutioniert würde (z.B. durch gemeinschaftliche Produktion und Verwaltung von Gütern und Ressourcen in Form von „Commons“ oder Betriebsparzellen). Alles hängt davon ab, wie sich das Regime der Austerität in den nächsten Monaten konsolidieren kann. Die Kürzung öffentlicher Ausgaben führt Griechenland an den Rand des staatlichen Bankrotts und somit zur Aufkündigung von staatlicher Souveränität (Abwanderung und Unterminierung der eigenen Bevölkerung). Ggf. kommt es auch zur Ablösung des US-Dollars als Weltleitwährung: dies wäre einerseits eine Katastrophe für Westeuropa, China und alle weiteren nationalen und institutionellen Gläubiger (z.B. Rentenfonds und Lebensversicherer, die Einlagen von Versicherungsnehmern dort streuen: die „Normalität“ der Spekulation); andererseits könnte es Auftakt zu einer Regionalisierung der Weltwirtschaft sein, welche einer bis dato eindimensionalen Globalisierungsentwicklung einen Kontrast der lokal gebundenen Wirtschaft entgegensetzt (vgl. ökonomische Regionalisierung und Protektionismus in Südamerika). Mögliche Fernwirkung eines solchen Umbruchs wären Veränderungen in den politischen Kräfteverhältnissen, auf dass die G20-Staaten in eine neue Parität eintreten würden (allen voran China, Indien, Brasilien, Argentinien, Mexiko, Südafrika, Indonesien, Malaysia und evtl. Russland, je nach politischer Strategie). Insgesamt könnte dies sowohl einen Bedeutungszuwachs der UNO beibringen (folgt man der chinesischen Direktive nach einer multipolaren Weltordnung) oder auch eine neue Rivalisierung, die sich für die exportabhängigen, überalterten und sozial stratifzierten Industriestaaten des Westens (inkl. Japan) als Fallbeil herausstellen könnten: mitsamt einer Verschärfung und Repolitisierung von Klassenverhältnissen, deren Ausgang alles andere als eindeutig ist. Aufgrund bis dato fehlender kohärenter Integrations- und Identitätsangebote, sind die säkularen Massengesellschaften des Westens – mit bürgerlichem Formalrecht, Leistungs- und Autonomieideologie, segmentärer Schichtung, selektivem Bildungswesen und passivierender, repressiv-liberalistischer politischer Kultur –, mit dem Fehlen einer postkonventionellen Identität konfrontiert, die durch individuelle Raserei und Aggression wie auch spiritistischer Introspektion nicht auszugleichen ist. Die klassische Idee des Ultilitarismus und der nutzenorientieren Ökonomie von privaten Lastern und öffentlichem Wohl, erweist sich als Ideologie.

Über die Ergebnisse des US-Schuldenkompromiss berichtet Democracy now! in seiner Dienstagsausgabe (2.8.2011):