Archiv für September 2011

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Den Begriff ‚Sozialstruktur‘ ernst zu nehmen, heißt voraussetzen, daß jede soziale Klasse, da sie in einer historisch bedingten Sozialstruktur eine Stellung einnimmt, von ihren Beziehungen zu den anderen konstitutiven Teilen der Struktur derart berührt wird, daß sie diesen Positionseigenschaften verdankt, die von ihren rein immanenten Eigenschaften – wie etwa einem bestimmten Berufstypus oder materiellen Existenzbedingungen – relativ unabhängig sind. (Bourdieu, Klassenstellung und Klassenlage in: Zur Soziologie der symbolischen Formen, 1970, 42)

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Die emanzipatorische Aufgabe einer derart verstandenen Geschichtswissenschaft [als kritische Gesellschaftswissenschaft] besteht dann darin, ideologiekritisch den Nebel mitgeschleppter Legenden zu durchstoßen und stereotype Mißverständnisse aufzulösen, die Folgen von getroffenen oder die sozialen Kosten von unterlassenen Entscheidungen scharf herauszuarbeiten und somit für unsere Lebenspraxis die Chancen rationaler Orientierung zu vermehren, sie in einen Horizont sorgfältig überprüfter historischer Erfahrungen einzubetten. (Wehler, Das Deutsche Kaiserreich 1871 – 1918, 12, 1973)

»1968« revisited

Die 68er-Bewegung1 gilt in der öffentlichen Diskussion mitunter als rein innerdeutscher Konflikt und als Initialzündung für eine längst fällig gewesene Modernisierung anachronistischer Gesellschaftsstrukturen. Betrachtet man die schleppende Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus (z.B. die relativ reibungslose Reintegration führender Kader in die staatlichen und industriellen Führungspositionen oder auch das erzieherische Verhältnis zwischen Eltern als Tätern und der ersten Generation nach dem Krieg Geborener), so ist dies ebenso richtig, wie der Hinweis auf bereits Ende der 50er erkennbare Strukturprobleme des westdeutschen Interventionsstaates bei der Bewältigung neuer Infrastrukturaufgaben (z.B. dem Ausbau von Massenuniversitäten und gestiegenen Abiturientenzahlen). Doch alles in allem bleibt man damit einer sehr nationalen Lesart der Geschehnisse verhaftet; gleichwohl war „68″ mehr als nur eine Zäsur in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Es wird dabei vergessen, dass der Ursprung der Studentenunruhen und Bürgerrechtsbewegung in den USA zu finden war, die durch die Zivilrechtsbewegung um Martin Luther King wie auch die die „Black power“-Bewegung um Malcolm X, die Rassendiskriminierung, mithin den offenen Rassismus in den USA zum gesellschaftspolitischen Streitthema machten. Ab einem gewissen Zeitpunkt kumulierten sich die Unruhen und sahen bspw. die US-amerikanischen Studierendenvertreter des SDS, der Students for a Democratic Society, einen Hebel für gesamtgesellschaftliche Transformationen. Zusätzlich politisierte der Vietnamkrieg, der freilich erst ab Ende der 1960er eklatierte, bis dato weitgehend unpolitische Menschen und schuf damit eine in der Geschichte der Vereinigten Staaten ungewöhnlich kritische Haltung gegenüber staatlichen Institutionen wie auch dem imperialen Allmachtanspruch als Weltordnungsinstanz in der Welt. Die Proteste jedoch trugen nicht weit, die Demokraten verweigerten sich nach der Ermordung Robert Kennedys einer klaren Parteinahme gegen den Krieg (der Johnson schließlich noch zum Verzicht auf eine Wiedernominierung veranlasste und letztlich gar den Republikaner Nixon ins Amt befördern sollte) und das gesellschaftliche Klima sollte zu Beginn der 1970er bereits von ökonomischen Strukturproblemen beherrscht werden.

In der nachfolgenden Dokumentation Helen Garveys, Rebels with a cause, werden Gründungsakt und Politisierung des amerikanischen SDS bis zu dessen Auflösung nachgezeichnet (via Google Videos). Der Film ist auch Bestandteil einer beim 2 publizierten Programmbibliothek „des Widerstands“3, die die Medien Buch und Film zu kombinieren sucht und sich unterschiedlicher historischer Sozialproteste annimmt:

  1. vgl. zur Einführung Ingrid Gilcher-Holthey (2008): Die 68er-Bewegung. Deutschland – Westeuropa – USA, 4. Aufl., München: Beck [zurück]
  2. http://www.laika-verlag.de/ [zurück]
  3. mehr dazu unter: http://www.laika-verlag.de/bibliothek/bibliothek-des-widerstands [zurück]

Wozu Arkadien?

Arkadien ist uns ein ersehnter Ort. Erneut stellt sich die Frage: Weltflucht als Alternative? Aber wir wissen, dass es sich dabei um eine törichte, eine naive Frage handelt, denn die Flucht vor der Malaise bewältigt diese nicht und suggeriert allein einen Ort, fernab von psychischem Leid und materieller Plackerei. Dass wir solche Gedanken hegen, ist eine Verwerfung. Doch wohin sollen wir uns wenden, wenn doch selbst jene, die einen vermeintlich „progressiven“ Weg in die Zukunft weisen, doch nur mit den alten und abgestandenen Zutaten kochen, derer wir längst überdrüssig geworden sind, dass wir nur noch speien mögen? Erneut bewahrheitet sich der Satz Adornos: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“, und allein der Versuch zur Gestaltung des Schlechten, muss zur Farce gerinnen. Wir bleiben Subjekte einer Situation, die wir zwar durch zunehmendes Studium und durch konzentrierte Schulung unserer Geisteskräfte auf das Wesentliche fokussiert haben und doch können wir nicht zum Blattschuss ansetzen. Ja nicht einmal Pfeil und Bogen sind uns gegeben, da wir nur als Zuschauer durch die Welt wandeln. Passiv, isoliert und dazu mit unstetem Tritt erinnern wir uns an das zerrüttete Bild mitten in der Wüste, weit vor den Toren der Stadt, rechts und links umringt von Kobolden („Aufklärer“) und Dämonen („Chefs“). Die Gegenwart, das ist die säkularisierte Fassung von Zerfall (mehr…)

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Heute ist die Massenpartei der Oberflächenintegration (…) vollends zum herrschenden Typ des Parteienstaates geworden. Die plebiszitär-demokratische Identität des Willens der jeweiligen Parteienmehrheit in Regierung und Parlament mit dem Willen des Volkes ist in Wahrheit eine fiktive Identifizierung; sie hängt wesentlich auch davon ab, wer über die Zwangs- und Erziehungsmittel verfügt, den Willes des Volkes zu manipulativ oder demonstrativ zu bilden. Die Parteien sind Instrumente der Willensbildung, aber nicht in der Hand des Volkes, sondern derer, die den Parteiapparat beherrschen. (Habermas, Zum Begriff der politischen Beteiligung, 1958 in: Kultur und Kritik, 31)

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Nach Libyen ist längst auch Syrien ins Blickfeld von Polittechnologen in den USA – und nicht nur dort – geraten. Die Debatte darüber, ob der Westen auch dort militärisch eingreifen sollte, läuft bereits auf vollen Touren. (K. Leukefeld, Debatten über Strategien für Syrien, 2011)

Entwicklung der Gewaltverhältnisse

Das Stockholmer internationale Institut für Friedensforschung (SIPRI), publiziert alljährlich einen Bericht zur Lage und Entwicklung von Konflikt- und Gewaltverhältnissen. Freilich fokussieren diese Analysen auf die gesellschaftlich-staatliche und zwischenstaatliche Makroebene, nehmen also nicht individuelle Auseinandersetzung oder gesellschaftliche Anomalien in den Blickpunkt. Nichtsdestoweniger zeigen die Daten zu Militärausgaben, Rüstungskontrolle, Waffenhandel und Konfliktszenarien auf, dass zwischen einer neoliberalen Kultur der „Entstaatlichung“, Konflikte und Gewalt nicht nur privatisiert, sondern auch regionalisiert werden. Diese Trends sind nicht allein Ausdruck einer betriebswirtschaftlichen Philosophie („Bürokratieabbau“, „Rückbau des Staates“), die in ihrer anti-etatistischen Denkungsart ja durchaus Sympathien bei manchem linken Kritiker der Staatsgewalt wecken könnten; vielmehr bestärken sie einen Effekt in der politischen Institutionenkultur, wonach Konflikte privatisiert werden (z.B. durch Cross Border Leasing und Public Private Partnerships, der Auslagerung von Sicherheitsdienstleistungen oder auch schierer Repression an beauftragte Dritte, die ihr Personal wiederum aus dem zwischenzeitlich dezimierten Heer rekrutieren, dies der Witz von Produktivitätssteigerungen auch im Bereich des Militär)1; private Konflikte, privatisierte Konflikte entsprechen zumindest im Westen einer Rechtstradition, die dem einzelnen (Individuum) und dem kollektiven Subjekt (Anstaltsstaat) Rechte konzediert sowie Pflichten oktroyiert bzw. des inneren wie äußeren Konfliktaustrag einem bestimmten Regelwerk unterwirft. (mehr…)