Archiv für November 2011

Herbert Marcuse im Gespräch

Herbert Marcuse war der 68er-Studentenbewegung Ikone und theoretischer Fixpunkt. Sein aufs Ganze zielender Ansatz arbeitete sich sowohl an den bestehenden politischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Strukturen des Kapitalismus ab, verfehlte dabei nie den Rückgriff auf das Individuum und die positive Utopie eines herrschaftsfreien Lebens. Zunächst in den Wirren der Novemberrevolution 1918 als Soldatenrat in Berlin-Reinickendorf aktiv, kurz darauf aufgrund autoritärer Gemengelage davon zurückgetreten und sein Philosophiestudium fortsetzend, kam er 1932 mit den Pariser Manuskripten Marx‘ (erschienen 1932, verfasst von Marx bereits 1844) in Kontakt und äußerte als einer der ersten den Bedarf an kritischer Auseinandersetzung mit dem Marxschen Frühwerk in Opposition zur sowjetischen Dogmatik (dokumentiert wird die stets kritische Auseinandersetzung mit der Sowjetunion und dem Stalinismus in „Die Gesellschaftslehre des sowjetischen Marxismus“) Er beharrte auf einer grundsätzlichen Kritik der Lohn- und Erwerbsarbeit und verwarf die Aus- und Zurichtung des Menschen in der entfremdeten und entfremdenden Gesellschaft des Spätkapitalismus, die zwar einen relativ hohen Komfort gewähre, jedoch reale Anteilnahme am Leben auch der Mitmenschen strukturelle verunmögliche und zugleich die politischen Kosten einer solchem Domestikation in die Außenverhältnisse mittels Zwang und Repression externalisiere. Zeit seines Lebens solidarisierte sich der ehemalige Student Husserls und Heideggers, der mit einer Arbeit über Hegel promovierte –, mit Initiativen Exkludierter, Randständiger, aber auch zur endgültigen Befreiung der vom Westen zur „Dritten Welt“ gemachten kapitalistischen Peripherie. Während nun medial bereits der nächste Militärschlag gegen ein missliebiges Regime – diesmal ist es der Iran – vorbereitet wird und zugleich die Folgen der Finanzkrise in Europa eine Renationalisierung der Außenpolitik herbeiführen, lesen sich Marcuses Schriften über die „Kritik der repressiven Toleranz“ oder den „eindimensionalen Menschen“ wie Balsam fürs malträtierte Gemüt. Eine kurzweilige Einführung in sein kaum mehr erwähntes Werk findet sich bei Habermas, mit dem Marcuse zuletzt gesprochen hatte. In einer Diskussion werden alle theoretischen Felder beleuchtet: vom Begriff der Philosophie und deren Stellenwert in einer verwissenschaftlichten Welt, von der Möglichkeit der Revolte aber auch über die Bedeutung der Kunst, der Marcuse schon 1935 eine Interpretation des „affirmativen Charakter des Kunst“ attestierte und damit die bürgerliche Darbietung und Konsumtion von Kunst als deren eigenen Regress formulierte. Eine These, die Adorno und Benjamin je verschieden bearbeiteten. So heißt es:

Habermas: Wie kommt es, Herbert, daß in ihren ästhetischen Arbeiten die avantgardistische Kunst, die man vielleicht mit dem Symbolismus, mit Baudelaire, Mallarmé anfangen lassen kann, nicht als solche zum Thema wird? Das historische Bezugssystem, an dem Sie Ihre ästhetischen Thesen, sagen wir, exemplifizieren, reicht, auch innerhalb der Literatur, von der Klassik, der Romantik über den Realismus bis, sagen wir, Kafka und Brecht.
Marcuse: Und Beckett.
Habermas: Ich habe keine Stelle in Erinnerung, wo Sie an Beckett etwas spezifisch erläutern. Außerdem betonen Sie die Kontinuitäten, während Benjamin und dann vor allem Adornos Kunsttheorie im wesentlichen darauf abzielt, disen eigentümlichen Reflexionsprozeß zu fassen, in dem die moderne Kunst (…) als moderne Kunst, ihre Medien als solche thematisiert. Dieser Prozeß, der in der Malerei etwa mit Kandinsky beginnt und heute praktisch zu einer Auflösung der Kategorie des Kunstwerks…
Marcuse: geführt hat…
Habermas: …dieser Prozeß hat im Zentrum der Theorie von Adorno gestanden. Bei Ihnen wird er nicht analysiert. Bei Ihnen bleibt als pauschale Kategorie erhalten, was Sie schon in dem frühen Aufsatz (…) entwickelt haben, nämlich die Kunst als Repräsentationsform für das vom alltäglichen Leben Abgespaltene, für das im Lebensprozeß nicht zu verwirklichende Andere. Diese Aufassung resultiert aus einer strengen Anwendung des Marxschen Ideologiebegriffs auf die Kunst. Sie paßt auf die klassischen Werke der bürgerlichen Kunst. Aber paßt sie auf den Prozeß von Kafka oder auf ein Bild von Pollock oder auf Schönberg?
Marcuse: Was paßt nicht?
Habermas: Dieser an der bürgerlichen Kultur entwickelte Begriff, den Sie unter dem Titel des affirmativen Charakters der Kunst entwickelt haben. (…)
Marcuse: Das ist bei Kafka sicher Fall im Prozeß. Es ist schwächer, verzweifelter geworden, aber das Bild ist noch da. Also auch ein Rest von Affirmation.
Habermas: Affirmativ ist daran eigentlich nichts mehr.
Marcuse: Wenn ich den Aufsatz aus den 30er Jahren heute schreiben sollte, würde ich den affirmativen Charakter der Kunst abschwächen und mehr ihren kritisch-kommunikativen Charakter betonen, und genau der ist, meiner Meinung nach, in der sogenannten Avantgarde zugrunde gegangen. [Jürgen Habermas 1987: Gespräch mit Herbert Marcuse (1977) in ders.: Philosophisch-politische Profile, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, S. 265-318, hier: 300f.]

Im nachfolgend dokumentierten Gespräch gab Marcuse bei einem seiner wenigen Deutschlandbesuche (er emigrierte 1933 über Genf und Paris in die Vereinigten Staaten, in denen er später Professuren bekleidete) rekapitulierend Auskunft über sein Denken:

Elmar Altvater über das Ende des Kapitalismus

Elmar Altvater, langjähriger Professor für Politische Ökonomie an der Freien Universität Berlin und Mitbegründer der Zeitschrift PROKLA, mittlerweile im Ruhestand, seitdem u.a. Mitglied der Partei Die Linke sowie des Institut Solidarische Moderne – ein linker Thinktank für alternative Diskussion und politisches Handeln –, ferner im wissenschaftlichen Beirat von Attac, ist einem größeren Publikum als Kritiker einer kapitalistischen Globalisierung sowie eines quasi-religiös universalisierten Weltmarkts bekannt geworden (z.B. 1996: „Grenzen der Globalisierung“ zusammen mit Birgit Mahnkopf, mittlerweile in der 7. Auflage erschienenes Standardwerk zur Globalisierungstheorie; schon 1987: „Sachzwang Weltmarkt“) . Seit einigen Jahren beteiligt er sich intensiv an der Debatte über eine mögliche Transformation der bestehenden Produktions- und Verteilungsverhältnisse und zeichnet den Zusammenhang von Finanz-, Wirtschafts-, Klima- und Gesellschaftskrisen nach. 2009 führte er mit Raul Zelik eine Diskussion über die Möglichkeiten und Grenzen einer positiven Utopie, die sich als Überwindung des Kapitalismus und weitgehend emanzipierte Gemeinschaft arrangieren lässt (der resultierende Gesprächsband „Vermessung der Utopie“ ist via Raul Zelik als PDF abrufbar). Im Folgenden wird ein Vortrag zum Thema „Das Ende des Kapitalismus wie wir ihn kennen“ (auch als gleichlautende Publikation 2005 beim Münsteraner Dampfbootverlag erschienen) in drei Teilen dokumentiert, in dem Altvater zentrale Thesen seiner Arbeiten umreißt und zu dem Schluss gelangt, dass nur ein alternatives Produktionsmodell nachhaltige Lebensmöglichkeiten für alle Menschen der Erde bieten kann. Dabei handelt es sich nicht um eine geschichtsphilosophische Wiederholung von Krisenszenarien, sondern um Anforderungen an Einzelne und politische Trägergruppen bei der Gestaltung ihrer Lebenswirklichkeit: