Archiv für Dezember 2011

Quo vadis ‚Occupy‘?

Zum Jahresende trudeln die üblichen nichtssagenden „Rückblicke“ und „Erinnerungen“ an das vergangene Jahr ein. Feiertage lassen einmal mehr die Leere der Blätter und Postillen offenbaren, doch haben Jahresrückblicke stets auch einen moralischen Charakter: sie sollen die Subalternen mit der korrekten und sachlich richtigen Lesart der politischen, wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen Geschehnisse in diesem Kapitalismus versorgen. Die Zeitungen, die Medienanbieter – gern auch digital –, machen sich jene Gedanken, für die eine Burnout-Gesellschaft offenkundig immer weniger Zeit zu haben scheint.

Vor einigen Wochen wähnten Linke gar eine neue globale Protestbewegung, die in den Vereinigten Staaten einsetzte und sich die Kritik am Einfluss der Wall Street auf den US-amerikanischen und Weltkapitalismus zu eigen machte. Die Ordnungskräfte in den USA wussten sich zunächst nicht anders zu helfen, als repressiv das kampieren auf öffentlichem Gelände zu unterbinden. Freilich war dies keine Besonderheit, die nur diesem Protest geschuldet war: die öffentliche Sicherheit und Ordnung wird noch bei jeder Demonstration priorisiert, weshalb Demonstrationen letztlich auch der Genehmigung durch die Staatsgewalt bedürfen. Gleichwohl schien sich eine Zuspitzung des Konflikts anzubahnen, als zeitgleich in Europa rigide Sparprogramme als „alternativlos“ den jeweiligen Bevölkerungen serviert wurden. Grund hierfür war das Mantra vom „Vertrauensgewinn durch die Finanzmärkte“. Nun beklagten die Protestierenden teilweise eine „Abhängigkeit der Politik von den Banken“, wollten dabei nicht zur Kenntnis nehmen, dass die Finanztransaktionen und so auch die seit 2008 laufenden, permanenten Rettungs- und Stützaktionen für marode und anfällige Kredithäuser eine condition sine qua non für das gelingende inländische wie transnationale Geschäft darstellten und sich also kein Staat auf den Verlust einer faktisch tatsächlich „systemrelevanten“ Bank einlassen wollte. Im Zuge der Staatenkonkurrenz um Anlagekapital und Souveränität, um Macht und Einfluss auf die weltweiten Handelsbeziehungen, geschah es je, dass etliche Staaten nicht die nötige Finanzkraft aufbringen konnten und sich mit ihren durch Staatsschuld finanzierten Rettungsprogrammen selbst übernahmen. Nicht bei ihren teils längst bankrotten Finanzhäusern, sondern bei internationalen Gläubigern (z.B. Versicherungskonzernen oder eben anderen Banken aus ökonomisch solventen Staaten). Der Zynismus an der Sache war das darauf folgende Urteil einiger Bewertungshäuser (Ratings), dass die Kreditwürdigkeit und also ein gesamtstaatlicher Zahlungsausfall nicht mehr ausbleiben würden. Dies rief Moralapostel betroffener Staaten dazu auf, eine reduktionistische Kritik der Rating-Agenturen im Namen ihrer je betreuten Ökonomie anzuzetteln. Dies hatte gleichwohl beruhigenden und kanalisierenden Effekt auf die dortigen Bevölkerungen, denen immer unklarer wurde, warum eigentlich nicht die Vermögensmillionäre und die in Zeiten der Wirtschaftskrise weiter zunehmenden Milliardäre durch gesonderte Abgaben zur Finanzierung am Gemeinwesen herangezogen wurden. Man wurde nicht müde, darunter stets nur die Verhinderungstaktik der Angloamerikaner zu wittern, statt zu konstatieren, dass auch im EURO-Raum runden zehn Billionen öffentlicher Schulden eine Plus in gleicher Summe auf Seiten der Privatiers1 (ergo: der Vermögensbesitzer, eine kleine Prozentzahl auch im EURO-Raum, in Deutschland z.B. nur 10 Prozent der Bevölkerung) gegenübersteht, und dies also die Funktionsmechanismen des „Gemeinwesens“ waren und bleiben – auch in 2012 –, wie die Dinge ihren Lauf nehmen, solang eine substantielle Kritik ausbleibt.

Slavoj Žižek, gern als Küchenphilosoph verschriener Polterer und Multitalent in den Disziplinen Psychoanalyse, Film- und Ästhetische Theorie sowie Philosophie, äußert sich hier in einer Prager Diskussionsrunde bereits im November 2011 zu den kulturellen Kontexten der „Occupy“-Bewegung:

Dass die Wall Street auch ein kulturelles Chiffre ist, beweist uns eindrucksvoll die Band Battles in ihrem programmatischen Song:

  1. Relevante Zahlen für die Bundesrepublik Deutschland liefern das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) sowie die Deutsche Bundesbank in gesonderten Berichten und Statistiken unter: http://www.bundesbank.de/statistik/statistik_zeitreihen.php?lang=de&open=wirtschaftsdaten&func=row&tr=CEB00I sowie http://www.diw.de/documents/publikationen/73/93785/09-4-1.pdf [zurück]

Habermas im Gespräch (1995)

Jürgen Habermas, über den ich in diesem Blog schon etliche Zeilen verfasst habe und der mir steter intellektueller Stichwortgeber ist1, tritt in der Öffentlichkeit eher selten auf. Dies hat einen Grund nicht allein in der Scham vor dem öffentlichen Sprechen, das durch eine Gaumenspalte auch physiologisch etwas erschwert wird (gleichwohl hat er dies mit als Grund angegeben, sich für die ideelle Verletzlichkeit der Person philosophisch zu interessieren), sondern in dem Verständnis von politischer Öffentlichkeit heute als eines systemisch verzerrten Diskursraums. „Ich schreibe für die Öffentlichkeit, ich gehe nicht in die Öffentlichkeit“, so seine Haltung zur wechselseitigen Diskussion und Einflussnahme. Bereits in seiner Habilitationsschrift „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ (1962) legte er das Forschungsprogramm offen, das bis heute Fragen aufwirft und als nicht abgeschlossen betrachtet werden kann: Wie kann eine durch kapitalistische Zweckrationalität und effekthaschende Kurzatmigkeit penetrierte (oder systemisch blockierte?) Gesellschaft dazu beitragen, Aufklärung in Sachfragen und ästhetische Bildung an alle Zeitgenossen zu vermitteln? An dieser Stelle will ich keine Diskussion der Thesen einsteigen, dies wäre nur verkürzend, stattdessen will ich ein sehr interessantes Dokument anfügen, das Habermas sozusagen vor Ort, bei der Arbeit zeigt. Ein Kamerateam konnte ihn Mitte der 1990er Jahre bei einem Gastvortrag in Stanford (Kalifornien) begleiten und zugleich etwas von der Rezeption der Habermasschen Arbeiten in den USA einfangen. Darüber hinaus vermitteln sich zumindest einige Grundgedanken seiner umfänglichen Gesellschaftstheorie. Eine solche Qualität wird in heutigen Berichten ja schon nicht mehr erreicht; ausgestrahlt wurde das Programm später vom Sender 3sat, allein die affektierte Programmankündigung nervt, bleibt aber auf wenige Sekunden beschränkt:

TEIL I:

TEIL II:

  1. Gerade angesichts der technokratisch regulierten sogenannten Finanz- und Wirtschaftskrise, derzeit in Europa und insbesondere für Berlin Hebel zur Durchsetzung von Austeritätsprogrammen und des systematischen Zuschnitts der Institutionen der EU auf partikularistische Interessen, erweist sich seine unausgesetzte Kritik als fruchbar (vgl. hierzu den in Heft 8/2011 der Blätter für deutsche und internationale Politik veröffentlichten Aufsatz mit dem Titel Wie demokratisch ist die EU? und zuletzt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) vom 4.11.2011: Rettet die Würde der Demokratie. [zurück]

Bourdieu/Wacquant: „Reflexive Anthropologie“ (1996)

„Reflexive Anthropologie“ vereint drei Bücher oder drei Einheiten, die jeweils für sich gelesen werden können, insgesamt dazu beitragen, das mitunter sehr komplexe und auch durch den Sprachgebrauch Bourdieus in den Hauptwerken (z.B. „Die feinen Unterschiede“, „Sozialer Sinn“) nicht leicht zugängliche Werk zu erhellen. Das ist nicht zuletzt der Unterstüzung von Loic Wacquant zuzuschreiben, einem Schüler Bourdieus und heutigem Professor für Soziologie in Berkeley (Kalifornien), der es versteht, die von Bourdieu aufgeworfenen Fragen in den Kontext der sozialwissenschaftlichen Theoriegeschichte und Forschung zu stellen.

Zunächst werden im (1) ersten Teil des Buches sieben wesentliche Charakteristika der Arbeiten Bourdieus durch Wacquant referiert. Unter der Überschrift „Auf dem Weg zu einer Sozialpraxeologie. Struktur und Logik der Soziologie Pierre Bourdieus“ findet sich hier m.E. eine der konzisesten und brauchbarsten Kurzdarstellungen der Bourdieusschen Arbeiten bis ca. Mitte der 1990er Jahre. Damit ist auch klar, dass der im Spätwerk immer klarere und kritischere Ton sowie die Teilnahme an gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen (dokumentiert z.B. in „Das Elend der Welt“ oder „Gegenfeuer“) hier noch keinen Platz finden, auch wenn bereits teilweise Einsichten dieser Arbeiten vorweg diskutiert werden. Wacquant stellt hier den relationalen Ansatz Bourdieus heraus, der sich gegen die Festschreibung seines Werkes zum „Subjektivismus“ oder auch „Objektivismus“ stellt und für ein methodisches Dazwischen plädiert. Hier wird der Brückenschlag zwischen Mikro- und Makrosoziologie versucht. (mehr…)

Flaubert: „Bouvard und Pécuchet“ (1881)

Flaubert ist Realist, dessen sollte man sich bewusst sein, wenn man dieses Buch aufblättert. Ähnlich wie Balzac, aber nicht naturalistisch-streng wie Zola, entfaltet hier einer im ausgehenden 19. Jahrhundert weniger eine Parodie seiner Mitmenschen, sondern eine stille Bestandsaufnahme der Beschränkungen einer sich transformierenden Gesellschaft. Bei Balzac sind die Anklänge an das vorrevolutionäre Frankreich stets offen und präsent und in den Charakterzügen seiner „menschlichen Komödie“ als Antidot eingeschrieben. Von Flaubert, dem „Idioten der Familie“ (Sartre), der sich selbst als irre beschrieb, weil sein Empfinden und sein persönliches Abweichen nur auf Ablehnung stieß, ist der Satz überliefert, dass er schon früh eine Art Vorgefühl vom Leben gehabt haben soll. Dieses Vorgefühl sei einem üblen Küchengeruch gleich, von dem man würde unweigerlich kotzen müssen. Dies der Realismus, auf den er abstellt. Es handelt sich um abgewandtes Leben, die Zeilen die er schreibt sind weniger Beschreibungen – auch wenn Wert auf Illustrationen gelegt wird, so doch mehr beiläufig –, sondern Sentenzen und stille Beschwerden gegen ein Noch-nicht-Dasein in der Welt, eine nicht verwirklichte Existenz, die in ihren Verlaufsformen einer frühkapitalistischen Umwelt überall auf Hohn und Gelächter trifft. Macht man sich diesen Weltschmerz Flauberts nicht bewusst, so bleiben alle seine Werke eigentümlich leer (dabei ragt „Madame Bovary“ wohl an Leere heraus).

Die oberflächliche Lesart bietet zwei Angestellte im Paris um 1840, also lange nach der Julirevolution, inmitten einer restaurierten Monarchie, die gar nicht thematisiert wird, oder wenn, so nur in wenigen Sticheleien gegen Arrivierte und Korrumpierte, die als Repräsenten gesellschaftlicher Klassen sich auch im Landleben ein Stelldichein geben. Bouvard und Pécuchet werden als Antagonisten gezeichnet, die nie zueinander finden, selbst dann nicht, wenn sie sich jauchzend in die Arme fallen und ihr Leid sowie die Beschränktheit ihrer Umgebung beklagen. Flaubert gibt sich alle Mühe sie frühzeitig als Extreme zu zeichnen, sodass man glauben möge, hier würden Puzzleteile ineinandergefügt. Doch nachdem eine plötzliche Erbschaft des einen sowie der frühe Renteneintritt des anderen es ihnen erlauben, aus dem langweiligen und faden Dasein als Büroangestellte austreten zu können, verflüchtigen sich alsbald die Träume von „anderen Leben“, das mehr antizipiert wird, als dass es je realisiert werden könnte. (mehr…)

Habermas: „Technik und Wissenschaft als Ideologie“ (1968)

Mit „Technik und Wissenschaft als Ideologie“ leitete Habermas 1968 den Übergang von der Ideologiekritik zur Kommunikationstheorie ein. Bereits hier kündigt er an, den Prozess des Auseinandertretens von formaler Rationalität (gesellschaftlicher Basisinstitutionen und Prozesse) sowie einer nach anderen Kriterien organisierten Öffentlichkeit und Lebenswelt zu synthetisieren.

Der Band enthält folgende fünf Aufsätze:

1. Arbeit und Interaktion. Bemerkungen zu Hegels Jenenser ‚Philosophie des Geistes‘
2. Tehchnik und Wissenschaft als ‚Ideologie‘
3. Technischer Fortschritt und soziale Lebenswelt
4. Verwissenschaftliche Politik und öffentliche Meinung
5. Erkenntnis und Interesse

Der letzte Beitrag ist zugleich Antrittsvorlesung anlässlich der Berufung auf den Lehrstuhl für Philosophie an der Universität Frankfurt/Main. Ironie am Rande: Habermas musste Frankfurt Ende der 1950er noch auf Drängen Horkheimers wegen einer vermeintlich zu kritischen Haltung verlassen; es ist dessen Lehrstuhl, den Habermas nun antritt.

Der fünfte Beitrag, dem er im gleichen Jahr (1968) eine eigenständige Monographie gewidmet hatte, umreißt noch einmal das erkenntiskritische Programm einer standpunktgebunden Wahrnehmung und Beurteilung von gesellschaftlichen Phänomenen und damit ein unausgesprochens Apriori der Sozialwissenschaften. Habermas unterscheidet darin drei grundlegende „Erkenntnisinteresse“ (selbst heute ein geflügteltes Wort in der akademischen Landschaft), die zwischen einer rein deskriptiven Beschreibung, einer kausalanalytischen Ermittlung von Gesetzeszusammenhängen sowie einem emanzipatorischen Anspruch variierten. Er positioniert sich damit sogleich zur Frage, ob und wenn ja wie Wissenschaft Stellung nehmen kann zu gesellschaftspolitischen Themen und inwiefern Webers Diktum der „Wertfreiheit“ von wissenschaftlicher Forschung in der Praxis umgesetzt werden kann. Habermas nun verfasst seine Arbeiten zur Zeit der Studentenbewegung, mit der er sich stets kritisch solidarisierte, nicht ohne deren Rekurs auf eine Politisierung der Wissenschaft als solche infragezustellen. Das Hinüberretten eines emanzipatorischen Erkenntnisinteresses ist Ferment der Kritischen Theorie, die 1968, ein Jahr vor Adornos Tod, schon in der Auflösung begriffen ist. Das Konzept hatte Habermas bereits in seiner Habilitation „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ ausgebreitet, dort aber noch den kritischen Diskurs der informierten und politisch interessierten Öffentlichkeit angemahnt, die in einer „strukturell entpolisierten Gesellschaft“ immer mehr marginalisiert würde. (mehr…)