Archiv für August 2012

Kill the noise!

In einem Beitrag der FAZ vom Freitag geht Lucia Schmidt der Frage nach, warum sich Zeitgenossen im Alltagsleben eigentlich so sehr vom Lärm beeinflussen lassen. Lärm ist in unterschiedlichster Form präsent: als Baulärm, Straßenverkehrslärm, Fluglärm…völlig vergessen in ihrer Aufzählung hat Schmidt den privat Lärm der durch ständige Erreichbarkeit erzeugt wird. „Fasse dich kurz!“ ist im Zeitalter von Flatrates und billigen Mobilfunkkonditionen eine Formel aus einem längst vergangenen Zeitalter. Längst müssen Menschen Ruheoasen suchen, um ihre Depressionen und Burnout-Erscheinungen zu kurieren – dies geschieht auch durch viel Schlaf und vor allem Ruhe.

Die Autorin hingegen versäumt es, gesellschaftliche Gründe für das Lärmaufkommen zu ermitteln. Dort hätte man bei der vorgesetzten Industrialisierung ansetzen können, hätte die Kulturindustrie und die von ihr offerierten, lauthals tönenden Werbebotschaften und Propaganda-Instrumente kritisieren können; ferner steht eine Frage nach dem Umgang mit und erforderlicher Beschränkung von Lärm auch in Zusammenhang mit der Organisation und Reproduktion gesellschaftlichen Lebens. Solang es gilt, neue „Wachstumsfelder“ und profitables Geschäft in Gang zu setzen, Geschäftstätigkeiten auszuweiten und den letzten Quadratmeter der Erde zu einem ausgemessenen Stück Boden zu erschließen, wird allerhand technisches Gerät und dementsprechender Lärm produziert. Dass Techniken der Lärmreduktion zwar selbst gelingendes Geschäft versprechen können, mag vielleicht kurzfristig Linderung versprechen, ändert hingegen nichts am tendenziell wachsenden globalen Bedarf an Informations- und Kommunikationstechnologien. Es gibt eigentlich kaum noch Tätigkeiten, die nicht durch technische Artefakte oder symbolische Kommunikation vermittelt sind. Transportmedien verschlingen Energie und erfordern Eingabeprozesse, die oft nur unter Lärm erledigt werden können. Ganz zu schweigen von der beinah routinierten Bewältigung von Lärm im Berufsstress, der Hetze zur Uni oder zum nächsten Praktikumsplatz – erst dann folgt die pathologische Kontrolle „sozialer Netzwerke“ und das mantra-artige Beschwören vermeintlicher Gesprächs- als Belästigungspartner via Mobiltelefon – ein Akt reversibler Geringschätzung der Masse, da Dritte immer gewollt oder ungewollt an nichtssagenden Telefonaten beteiligt werden: „Wo bist du gerade?“

Eine sich ihrer eigenen Grundlagen und Ziele bewusste Gesellschaft würde den erforderlichen Produktionsaufwand und daran gekoppelte Umweltbelästigungen ermitteln, abwägen und zeitlich terminieren. Wechselseitige Ignoranz würde durch kollektive Übereinkunft verringert und naturwüchsige Stressoren sukzessive ausgeschaltet. Sie würde ferner für einen Ausgleich zwischen Stadt und Land sorgen, Erholungsräume ausweiten und Wohnstätten konsequent und nicht nach Mietrenten gestaffelt von Industrie- und Produktionsgebieten abgrenzen. Im Status quo hingegen, ist Lärmbelästigung nur als psychoakustische Fußnote allumfassender Erschöpfung und Anomie zu begreifen.

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