Archiv für Oktober 2012

Kooperation ist nicht Sozialismus

Es gäbe vielfältigen Anlass, sich über den Zustand der Gegenwartsgesellschaft (nicht: „Der Welt“!) Gedanken zu machen. Man würde eventuell feststellen, dass etliche Dinge – gleich ob alltägliche Verrichtungen oder auch sogenannte Anlässe – nicht nur sehr komisch ausgehen, sondern auf grundlegende Probleme des sozialen Gefüges verweisen. Unterm Strich lassen sich diese Probleme – ob fehlende Studienplätze, Gewalt im wechselseitigen Bezug oder Umweltverschmutzung –, auf ökonomische Fragen zurückführen: entweder verfügt einer über zu wenig vom Schmierstoff dieser Gesellschaft (Geld) oder andere wollen noch immer mehr für sich individuell herauszuziehen, als geht. Die vielfältigen auch wissenschaftlichen Deutungsangebote stellen sich teils äußerst nichtssagend neben diese Probleme und problematisieren diese als Probleme ein zweites Mal, um sich in der Folge immer weiter von den Ursprüngen zu entfernen. Dahinter mag mitunter plumpe Absicht als Täuschung stecken, teils auch überzeugte Naivität (sic!), die sich fortlaufend an sich selbst erschöpfen muss (wobei der Fehler dann ja zumeist bei anderen Personen gesucht wird), im schlimmsten Fall aber haben uns gelehrige Personen wie auch Witzfiguren des Alltagslebens (sog. Autoritätspersonen wie Eltern, Lehrer, Sozialpädagogen, Pfarrer usw.) schlicht und ergreifend nichts als ihre eigene Ahnungslosigkeit mitzuteilen.

An der so immer fort laufenden und lebenden „Realität“ perlt dies, gleich einem Lotuseffekt, ungerührt ab. So, wie sich aufgrund endloser „Diskussionsrunden“ und Matinees, Abendveranstaltungen und Vortragsreihen nichts Grundlegendes verändern kann, weil die Welt ideell verdoppelt wird und lediglich Habituseffekte ausagiert (bei jungen Leuten: eingeübt) werden sollen, so kann auch die über Jahrzehnte, Jahrhunderte ausgebildete Dichotomie von körperlicher und geistiger Arbeit nicht – auch nicht durch rein quantitative „Bildungsexpansion“ – überwunden werden. Im Gegenteil: wurde die Ausweitung von Studienberechtigungen noch in den 1950er und 1960er Jahren als durchaus harter Kampf um Anerkennung in der Prestige- und Statusordnung der Gesellschaft identifiziert, haben sich Studierende kritisch und reflexiv mit dem ihnen verabreichten Stoff befasst und den Disput mit dem amtlichen Lehrpersonal gesucht, so verbleibt heute nur selektiver Karrierismus – also das Lernen fürs Karrieremachen – unter Rückzug in Familie und/oder piefiger Partnerschaft. Eine grundlegende Regression der Sozialverhältnisse bedeutet mittelfristig auch eine Degeneration der durch Konflikt hervorgerufene Kreativität.

In der Klassengesellschaft sind Konflikte an der Tagesordnung, die Wissensgesellschaft will diese aber nivelliert haben. Nun weiß jeder Trottel, der die Abendnachrichten nur verfolgt, dass die Welt weiterhin nach ganz primitiven Kriterien untergliedert ist: Status, Einkommen, Macht, was durchaus auch ganze Nationalstaaten dazu anhalten kann, Kriege zu führen. Wenn dann darüber schwadroniert wird, dass „Kooperation“ das Allheilmittel für erlebte Absurdität und Unterdrückung ist (vermittelt über Vermieter und Gerichtsvollzieher, über Lehrer und Chefs, über Behörden und Schwiegermütter, über Motorradfahrer und Biosprittanker, über Billigflieger und First-Class-Snobs über über über…), dann wird dies nicht als Hohn aufgefasst, sondern dankend und staunend aufgenommen. Doch Kooperation ist die Fortführung der langweiligen Arbeit, bedeutet das Eingeständnis, dass ein technischer Konflikt (z.B. Regelung einer Verwaltungsangelegenheit) nicht mit Holzhammer und Brechstange sowie krudem Egoismus zu regeln ist , sondern im Gleichklang: „Wir sitzen alle im selben Boot!“ oder auch „Es gibt keine Parteien mehr!“ wären dann die nicht nur von kriegsdämmernden alten Säcken intonierten Sonntagsbotschaften, sondern gar ernst gemeinte Verhaltensstrategien von Personalberatern und „Coaches“. Die dämliche Einsicht, dass fehlende Mittel nicht durch noch soviel ideellen, bald ideologischen Einsatz zu ersetzen sind, mag nicht kommen, denn man wird ja partout nichts auf die herrschende Wirtschaftsordnung geben. Aber Kooperation – bei aller Harmoniesucht und „Liebe Frau X“ in der Mail-Anrede –, ist und wird nie sein: Sozialismus. Kooperation ist die Ausrede dafür, dass wir tief in der Scheiße stecken, aber dennoch weiter atmen und „danke“ sagen sollen, Kooperation wird keine tiefsitzende Krise (Finanz- als Gesellschaftskrise) lösen, sie wird allein den ideologischen Schleier noch einmal über das legen, was wir doch schon bald weggeräumt hätten: die den Menschen wechselseitig malträtierenden Arbeits- und Lebensverhältnisse in der modernen kapitalistischen Gesellschaft.

Die Welt von Morgen (LMD)

Der Atlas der Globalisierung, herausgegeben bei der Monatszeitung Le Monde diplomatique reicht in regelmäßigen Abständen Ansichten und Einsichten zum Stand der globalen Kräfteverhältnisse und politischer Konfliktlagen. Angereichert wird das Angebot durch instruktives Grafiken- und Kartenmaterial, das auch komplexere Zusammenhänge einem schnellen Zugang eröffnet. Schon 2009 wurde die Verschiebung lokaler Machtzentren bebildert, wie die hier abrufbare Karte von Philipp Rekacewicz aufzeigt. Klar erkennbar wird, dass die heute noch tonangebenden Staaten der G7 eingeholt werden von den aufstrebenden BRICs (eine Kurzform für die industriellen Schwellenländer Brasilien, Russland, Indien und China). Doch während die BRICs in der einschlägigen politischen Publizistik bereits Aufmerskamkeit erfahren, bleiben Staaten wie Mexiko, Südafrika, Türkei oder Indonesien eher außen vor. Ihnen wird aufgrund diverser innenpolitischer Probleme regionale Konfliktfähigkeit abgesprochen. Dieser Tage wird diese Ansicht am Beispiel der Türkei Lügen gestraft, denn es wird immer deutlicher, dass sich hier eine Regionalmacht erneut etablieren möchte. Erneut deshalb, da Anklänge an den alten imperialen Glanz des Osmanischen Reichs gesucht und in Form kulturindustrieller Adaption auch symbolpolitisch nutzbar gemacht werden soll. Mit den Kräfteverschiebungen innerhalb der globalen Ökonomie (ausgedrückt im Zuwachs an ausländischen Direktinvestitionen und Fremdwährungsreserven, besonders signifikant am Beispiel Chinas) verändert sich nicht der Herrschaftscharakter des politischen Zugriffs auf Mensch und Natur, im Gegenteil erlebt man zwar eine gewisse Verschiebung des Diskurses wie am Beispiel der Rede einer möglichen „multipolaren Weltordnung“ von einigen G20-Staaten (z.B. Russland, China und Indien) dargelegt wird, dennoch oder zugleich wird der neue regionale Machtanspruch dieser Staaten mit außenpolitischem Chauvinismus und einer Betonung nationalistischer Agitation erkauft. – Man kann einwenden, dass dies nie anders gewesen war und gerade Westeuropa und die USA in gewalttätiger Hinsicht negative Maßstäbe in Sachen Chauvinismus und Nationalismus gesetzt haben, und doch ist es eine eher regressive Tendenz, da noch in den 1990er Jahren irrtümlich von einer Befriedung internationaler Konfliktverhältnisse ausgegangen war. Damals schien alles auf eine unipolare Weltordnung unter US-Hegemonie zu sprechen und die ökonomischen und politischen Entwicklungstendenzen gen formaler Demokratie und kapitalistischer Marktwirtschaft zu weisen. Ja, beide Prämissen wurden geradezu als politischer Exportschlager betrachtet, für den es lohnen sollte, Kriege zu unternehmen.

De facto ist seit 1990 eine Zunahme regionaler und nur lokaler Gewaltkonflikte zu erkennen1. Große Kriege finden nicht mehr statt, Umfang und Form der zwischenstaatlichen Aggression haben sich verändert und neue Gewaltakteure sind hinzugetreten. Eingebunden in die globale Ökonomie von Menschen- und Waffenhandel sowie Drogenkriminalität und Schattenwirtschaft haben sich teils weitgehend informelle Felder politischer und semi-politischer Autorität ausgebildet. Zur Absicherung von Einflusssphären nutzen Mafia, Hehler und Schmuggler private Sicherheitsfirmen, die ihre Mannstärke aus den aufgelösten Großarmeen der zerfallenen Satellitenstaaten der UdSSR, aber auch den dezimierten Heeren der USA und sonstiger im Kalten Krieg integrierter Personaldienstleister bezogen. Doch nicht allein die Etablierung einer „zweiten“, weitgehend informell organisierten Wirtschaft neben der „eigentlichen“ kapitalistischen Verkehrswirtschaft ist die Besonderheit, vielmehr ergänzen sich diese und sind Folge nicht allein einer Erosion von Gewaltmonopolen in vielen Schwellen- und Entwicklungsländern, sondern integraler Bestandteil einer auf bestimmte Fraktionen begrenzten staatlichen Anpassungsstrategie an politische und ökonomische Zielvorgaben des Westens. Was als „nachholende Modernisierung“ z.B. in Russland eingefordert wird, das ist die autoritäre und elitäre Durchsetzung von Partikularinteressen unter williger Inkaufnahme der Depriviligierung weiter Bevölkerungsteile. Daher erscheinen auch die nur moralisch vorgetragenen Einwände gegenüber Wahlerfolgen von Chavez, Putin oder Zuma als mindestens fragwürdig, denn dieselben politischen Ausgangsbedingungen werden zum Teil auch in Deutschland gewünscht. Dass letztlich die demokratische Methode geeigneter scheint, um kapitalistisches Wachstum und damit eine prosperierende Ökonomie als nationaler Machtressource zu entwickeln ist ein Faktum, das anscheinend nur von begrenzter empirischer Tragweite ist. Immer öfter ist die Einsicht zu vernehmen, dass China, Russland oder auch Brasilien eine kapitalistische Modernisierung erleben, die sowohl Sozialprogramme für weite Teile der Bevölkerung zulässt, zugleich Investitionen in Militär und Rüstung und darüber hinaus den Bedarf an demokratischer Konfliktregelung zumindest kanalisieren kann. Jedenfalls geht die Gleichung Kapitalismus = Demokratie nicht mehr so leicht auf, wie noch 1990/2 (nach dem Ende der Sowjetuntion) prognostiziert worden war.

Der neue Atlas der Globalisierung wird im November erscheinen und kann hier vorbestellt werden.

  1. vgl. hierzu auch das aktuelle SIPRI-Jahrbuch 2012, das Auskunft über den Zuwachs an Miltärausgaben, Rüstungsexport und Verteilung gewaltätiger Konflikte bietet [zurück]