Soft Power – der stumme Zwang der Verhältnisse

Joseph Nye ist Studierenden der Internationalen Beziehungen kein unbekannter Name. Der außenpolitische Berater der Obama-Administration und kurzzeitig stellvertretende US-Verteidigungsminister (unter Clinton) bereitet regelmäßig Variationen seiner seit gut zwei Dekaden vertretenen Soft Power-Doktrin auf und adressiert diese an außenpolitische Entscheidungsträger1. Unter Soft Power subsumiert er die Einsicht, dass allein auf Zwang keine politische Herrschaft dauerhaft bestehen kann, zugleich ist die Anerkennung durch Internalisierung und Affirmation wesentlich effektiver, weil kostensparender. Insoweit ähnelt Nyes Argumention jener des Neogramscianismus (vgl. R. Cox, S. Gill, K. van der Pijl u.a.), verkehrt allerdings die politische Stoßrichtung und legitimiert relativ offen das Vorgehen der USA. Zusammen mit Robert Keohane gilt er auch als Vordenker der Interdependenztheorie/Regimetheorie – einer Verzweigung bzw. Synthese realistischer und institutionalistischer Theorien in den Internationalen Beziehungen –, welche die Notwendigkeit von transnationaler Zusammenarbeit in Form normativer Gebilde (Institutionen und Organisationen) anerkennt, natürlich unter US-amerikanischer Prärogative. Im nachfolgenden Interview mit Harry Kreisler diskutiert er die neueste Variation2 seiner Soft Power-Doktrin und erklärt, warum die USA weiterhin die einzige globale Macht bleiben werden (natürlich nur, wenn sie Nyes Vorschläge beachten…) und weshalb die BRICs und allen voran Russland und China auch in den kommenden Jahren international nicht konkurrenzfähig sein werden (eigenartigerweise rekurriert Nye an dieser Stelle auf die militärische Macht der USA, wodurch Soft Power unverhohlen als ideologisches Instrument kenntlich wird; Geltungsglaube ist auf dieser Ebene kaum dauerhaft zu erwarten, dürften doch die diplomatischen Gepflogenheiten der USA somit leicht für Dritte durchschaubar sein):

  1. Zum Beispiel über die Trilaterale Kommission, ein globaler Think Tank, der sich als Sprachrohr und Mittler der G7-Eliten versteht und turnusgemäß zu Lageeinschätzungen exklusive Treffen lädt. Als Denkfabrik setzt sie Nyes (zugleich US-Vertreter im Vorstand) Zielvorstellungen um und versucht sich an der Etablierung kultureller Hegemonie im außenpolitischen Diskurs; bemerkenswert ist auch die Schar deutscher Interessenvertreter in diesem Club: http://de.wikipedia.org/wiki/Trilaterale_Kommission#The_German_Group[zurück]
  2. Joseph S. Nye (2011): The Future of Power (dt.: Macht im 21. Jahrhundert. Politische Strategien für ein neues Zeitalter), New York: Perseus [zurück]
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