Quo vadis Irak?

Die immer wiederkehrenden Meldungen über Anschlagsopfer im Irak, das beinah wöchentliche, wenn nicht tägliche Summieren von Toten bei Bombenattentaten in Bagdad oder Kirkuk oder Mossul zeigen auf, dass der Irak – knapp zehn Jahre nach dem Sturz des Regimes der Baath-Partei um Sadam Hussein –, alles andere als ein geglücktes Staatswesen ist. Wo nicht einmal elementare Grundrechte wie die Unversehrtheit des Lebens garantiert werden können, weil das Gesetz der Straße herrscht, das den Duft religiöser und sozialer Spannungen atmet, da hat ein sogenannter „regime change1“ wie es im Englischen heißt, keinerlei humanen Fortschritt bewirkt. Auf der bisweilen auch zynisch erscheinenden Liste gescheiterter Staaten rangiert der Irak im Jahr 2012 auf Platz 9, was natürlich für einen äußerst schlechten Wert in allen relevanten Kriterien (wie Sicherheit, Verteilungsgerechtigkeit, Wirtschaftskraft, Rechtsstaatlichkeit, Klassenherrschaft etc.) spricht. Die Besatzungsmächte sind lange abgezogen, der Irak angeblich eine stabile Demokratie, in der formell freie Wahlen garantieren, dass das je „richtige“, weil von den Irakern anerkannte Regierungspersonal an die Macht gelangt. De facto herrscht eine ethnisch verbrämte Klientelherrschaft vor, die über den alten intrareligiösen Konflikt zwischen Schiiten (Bevölkerungsmehrheit) und Sunniten (Bevölkerungsminderheit) soziale und ökonomische Konflikte austrägt. Gas – im Inland dringend gebraucht –, dient ebenso wie Erdöl und Metall als Exportschlager und verhilft einzelnen Fraktionen zu Renten2, Auslandsinvestitionen finden nicht statt, das vorhandene Kapital ist lange geflohen oder gleich von den Besatzern mitsamt einer gewissen Schar Intellektueller vernichtet worden.

Die ARD widmet diesem Thema überraschenderweise einen kurzen Einspieler, der hier abgerufen werden kann.

Selbst in der inneramerikanischen Diskussion der Folgen des Militärschlags gegen das Hussein-Regime gibt es unterschiedliche Stimmen, die Zweifel daran äußern, welchen wirklichen Effekt und Erfolg dieser hatte, wie ein Artikel mit dem Titel „The Iraq we left behind“ von Ned Parker in der außenpolitischen Referenzzeitschrift Forein Affairs bezeugt (hier abrufbar).

Den Kriegsverlauf rekapituliert der Studierenden der Politikwissenschaft nicht ganz unvertraute Stephan Bierling in seinem Buch „Geschichte des Irakkriegs. Der Sturz Sadams und Amerikas Albtraum im Mittleren Osten“, das beim Beck-Verlag München erschienen ist (abrufbar hier).

Der Failed State Index kann hier abgerufen werden.

Nicht vergessen werden sollte die direkte Einflussnahme der Besatzer auf die kulturelle Hegemonie im Land, was durch gezielte Tötungen von Angehörigen der kritischen Bildungselite (Intelligenz) mit garantiert werden sollte. Darauf haben Raymond Baker, Shareen und Tareq Ismael mit dem Buch „Cultural Cleansing in Iraq“ aufmerksam gemacht und ihre Thesen einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt:

  1. Siehe dazu auch die englische Wikipedia: http://goo.gl/8obI [zurück]
  2. Zu einigen Hintergründen der US-amerikanischen Invasion vgl. David Harvey (2003): The New Imperialism, Oxford Press; http://goo.gl/tK8NG . Dass es dabei nicht allein um den Zugriff auf Rohöl ging, belegt ein Beitrag von J. Guillard unter Beschreibung der 2009 konzessionierten Öl-Förderstätten, die ausländische Konzerne zunächst relativ schwach ausgehen ließ (http://goo.gl/KZ7Y9). Nichtsdestoweniger müssen die Petrodollar zur Tilgung der Schulden beim IWF und den USA verwandt werden. [zurück]
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