Zur Psychologie des bürgerlichen Individuums: Zerrbilder von Intersubjektivität

Nähe und Zuwendung sind elementare Bestandteile einer Liebesbeziehung. Liebe gilt zugleicht als transhistorischer Wert, als Ideal und anzustrebender Zustand – trotz aller Widrigkeit des gesellschaftlichen Alltags. In der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft existiert ein spezifisches Bild der Liebe, das um Körperlichkeit, Leiblichkeit, aber auch moralische Verpflichtung kreist. Alle Komponenten sind Relikte frühneuzeitlicher Hofmachung, zugleich säkularisierte Fassung der Ehe aus Notwendigkeit zur Reproduktion des eigenen Lebensunterhalts in Gestalt der immer wiederkehrenden Familie.

In der liberal-individualisierten Welt, in der einzelne Anspruchshalter mit Rechten und Pflichten vertraut sind, Unternehmer ihrer selbst sind, sich als Arbeitskräfte verdingen müssen und in jedem Fall finanzielle Abhängigkeit und staatliche Bevormundung erleben, kann so etwas wie eine nahe oder gar intime Beziehung nur mit großen Mühen so gestaltet werden, dass daraus keine fortwährende Belastung für zumindest einen der Partner daraus erwächst. Dabei erweist sich die Ausschließlichkeit des Liebesversprechens sowie der nur unmittelbare Bezug auf eine andere Person durchaus als Fallstrick immer dann, wenn nicht geleugnet werden kann, dass positive – auch erotisierende – Beziehungen zu weiteren Personen bestehen könnten. Eine Fortsetzung erfährt dieser private Bilateralismus (Zweisamkeit) in der Frage der Kindererziehung und Lebensgestaltung, welche stets um die unentschiedene Debatte kreist, welchen Anteil eine mögliche (politische) Öffentlichkeit an der Entwicklung von Individuen haben kann. Der gesellschaftliche Impact im Bereich der Sozialisation wird in der hiesigen Gesellschaft klar institutionengebunden gefasst und auf regulierende und kontrollierende Maßnahmen durch Jugendämter, Schulen und Gesundheits- und Meldebehörden beschränkt. Liebe wie auch Kindererziehungen sollen in einer liberalen Gesellschaft die Angelegenheit der Privaten bleiben, was durchaus unausgesprochene Lasten sowohl psychischer als auch materieller Art nach sich ziehen kann (sozialstrukturelle und klassentheoretische Streuung der Möglichkeiten).

Die romantisierende Aufladung des Liebesbegriffs dient nicht zuletzt der kontrastreichen Einfärbung des gewohnten Grau. Der Bezug auf einen Anderen, der durchaus intensives Kennenlernen einer im Kern verallgemeinerbaren Persönlichkeit beinhalten könnte, weicht allzu oft der leiblichen Anziehung und projizierten Idealisierung. Doch Lebensglück ist als esoterische Floskel ebenso falsch, wie die Heranziehung von „Liebe“ dafür als Katalysator fungieren könnte. Es steht außer Frage, dass die intensive und aufrichtige Bejahung zweier Personen (positive Affirmation), das Verstehen der Gedanken und Handlungen wie auch Unterlassung sowie das Ausmalen eines gemeinsamen (communis) Möglichkeitsraumes eine gewisse Sozialutopie auszeichnen kann. Doch bedarf dies hier zumindest der Diskussion, Erläuterung und wechselseitigen Versicherung, denn das naive Anbändeln kann niemals eine aufgeklärte Diskussion ersetzen. Doch dies ist rückgebunden an die soziologischen Voraussetzungen der je eigenen Persönlichkeitswerdung. Wo diese nur restringiert erfolgte, materielle und psychische Entbehrungen mit sich führte, übersetzen sich inkomplette oder gar defekte Bewusstseine in die Allgemeinheit. Es wäre eine eigenständige Untersuchung wert zu ermitteln, inwieweit kollektive Erziehungsstile und vorgegebene Erziehungsideale den praktischen Alltag bürgerlicher Individuen tatsächlich affizieren. So bleibt zunächst nur die qualifizierte Hypothese unter Rekurs auf Bourdieus Habitus- und Feldtheorie, derzufolge Akteure mit vier Kapitalformen um soziale Anerkennung und einen entsprechenden Platz im Raum der Lebensstile streiten 1.

Wenn nun der kritikable Alltag von den Partner nicht erörtert wird und wenn weiterhin Kränkungen und Verletzungen auftreten und als nur individuelle „Fehler“ der Person attestiert werden, so wird die Möglichkeit vertan, gemeinsam über die bornierte Fassung von Liebe hinauszuschreiten. Das Ende solcher „Beziehungen“ ist bekannt: wechselseitige Vorhaltungen, Anwürfe, Herabsetzungen, heuchlerische Freittoddrohungen, gar Nachstellungen oder Nachreden etc. bilden dann eine Art wiederkehrenden Handlungstypus, dessen Routinen teils kulturindustriell ausgeschlachtet, teils psychologisch/ psychotheraupeutisch pathologisiert, teils inkriminiert und justizialisiert und nicht zuletzt auch finanzialisiert werden. So wird Liebe respektive deren schlechte Derivate zu handelbarer Ware neben anderen.

Lehren und Folgerungen können die hilflos bis blasierten Individuen daraus kaum ableiten, ein individualisierendes Recht tut sein übriges zur Verfestigung des Status quo. Doch gerade die gemeinsame Aufklärung könnte dem Keim der Utopie zum Weitertreiben verhelfen. So jedoch muss Liebe immer inhärent beschränkt bleiben, auf einen Minimalkonsens begrenzt bleiben, in ihrer möglichen positiven Außenwirkung auf Dritte restringiert bleiben und schließlich auf ein fades Bild von Integrität um ihrer psychodynamischen selbst willen affiziert bleiben.

  1. Siehe hierzu meine Erläuterungen an anderer Stelle: http://goo.gl/lU1Dq [zurück]
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