Krise 2.0 (zur weiteren Entwicklung der Finanzkrise 2007ff.)

Entgegen aller politisch-offiziösen Bekundungen einer vermeintlichen Regulation der „Krise“ – gemeint ist die alte Finanzkrise, die 2007 aus den Vereinigten Staaten nach Europa waberte –, ist deren Ende keineswegs abzusehen. Zwar wurde die öffentliche Meinung in den letzten zwei Jahren nahezu ausschließlich mit horrender Staatsverschuldung und der Krise des EURO konfrontiert, doch trügt der Schein, wenn diese Phänomene nur an der Oberfläche als Einzelerscheinungen gedeutet werden. Nach wie vor: kapitalistische Krisen durchlaufen verschiedene Stadien und dies über mehrere Jahre, einzelne Konjunkturzyklen bleiben darin weiterhin möglich (Hausse wie Baisse an den Aktienmärkten ebenso).

Nun ist es zwar so, dass in Deutschland vor der kommenden Bundestagswahl keinerlei relevante Diskussion über die Krisengrundlagen und -folgen mehr zu erwarten sein wird – die etablierten Parteien haben sich lange auf das übliche Spiel von Demonstration und Leugnung ihrer je attestierten Kompetenz beschränkt, doch sind unabhängig davon in den letzten Monaten immer wieder finanzielle Entscheidungen getroffen worden, um marode Banken und Versicherungen wie Hedge-Fonds sicherzustellen, Ausfallbürgschaften gegen die spekulative Kritik externer Rating-Agenturen zu befestigen, kurzum die Diskreditierung der Binnenwährung EURO, die ja als Weltgeld im Sinne Marxens fungieren sollte, zu beschleunigen1. Doch die Stützung der Währungseinheit, die als politisches Projekt geplant wurde und nun horrende ökonomische Kosten generiert, kann nicht folgenlos passieren. Schon heute haften Lohnabhängige, Transferempfänger und die öffentliche Infrastruktur durch Geldentzug und Desinvestition. Dies wird auch auf Deutschland, näher auf die lohnarbeitenden und sozialtransferempfangenen Massen hierzulande zutreffen. Sei es durch eine sogenannte Anpassung („Reform“) von direkten oder indirekten Steuern und Abgaben, durch gezielte Leistungsstreichungen oder – in der kurzen Folge – durch Massenentlassungen und dem Versinken in Arbeitslosigkeit – der paradoxen Schwester kapitalistischer Lohnarbeit.

Unabhängig davon mäandert das nach wie vor überbordene liquide Kapital auf der Suche nach rentablen Anlagensphären durch den Kosmos der Renditeobjekte (wie Unternehmen, Portfolios, Lizenzen usw.). Das Internet und Urheberrecht ist lange als Kampfplatz für Lizenzen und Konzessionen erkannt, Inhalte werden wo möglich geblockt, neue (technische, softwaregebundene usw.) Zugangsschranken etabliert, Produktlebenszyklen für Datenbanken, Programme oder Informationen künstlich verkürzut; alles Prozesse, die Marx bereits vor knapp 150 Jahren vom „moralischen Verschleiß“2 schreiben ließ.

Auch Realwerte wie Immobilien werden zunehmend als Anlageobjekt wiederentdeckt. Wir erinnern uns: in den USA hatte die ungezügelte Vergabe von Hypothekarkrediten an nicht oder nur gering solvente Schuldner zwar über Jahre einen regelrechten Boom in der Bauindustrie ausgelöst, mit dem Versagen der Schuldenrückzahlungen jedoch brach das Kartenhaus sukzessive ein und Tauschwerte wurden reihenweise nivelliert, obendrein Ressourcen vernichtet (durch Verfall und Abriss ganzer Siedlungen, durch vernutzte Arbeitskraft usw.). Nachdem mit einem Schuldenschnitt für Griechenland solang gewartet wurde, bis noch der letzte Millionär sein Kapital aus dem Land gebracht hatte, reiht sich dieses ein in ein international agierendes Konglomerat frei flottierenden „fiktiven Kapitals“, das u.a. auch in deutschen Luxuswohnungen und Apartments mögliche Anlageobjekte identifiziert hat. In den Großstädten wie Berlin, Hamburg, Düsseldorf oder München steigen die Preise sukzessive auf europäisches bzw. internationales Maß und besorgen Gentrifizierungs- und Segregationsprozesse, treiben eine selektive kapitalistische Stadtplanung an. Hinzu tritt die künstliche Verknappung von Wohnraum durch Abriss oder Neugliederung bestehender Wohneinheiten. Wer es sich leisten kann, der versucht ein Eigenheim zu finanzieren, was wiederum nur unter Inanspruchnahme von Kreditmitteln geschehen kann, denn die große Mehrheit der „Bürger“ ist nicht vermögend, verfügt nicht über Kapital, gehört also kurz gefasst zur Arbeiterklasse.

Die Bundesbank berichtet nun konsequenterweise in ihrem Finanzstabilitätsbericht 2012 (November ’12) von einer zunehmend angespannten Lage auf dem Immobilienmarkt und warnt vor einer möglichen Preisblase: „Die Kreditvergabe für Wohnimmobilien in Deutschland steigt nach dem Einbruch in den Jahren 2007/2008 wieder an, die Zuwächse befinden sich jedoch noch im moderaten Bereich. Eine aus Sicht der Finanzstabilität destabilisierende Wechselwirkung zwischen Preisniveau und Kreditvergabe hat bisher noch nicht eingesetzt. Mit einem weiteren Anstieg der Kreditnachfrage ist jedoch zu rechnen. Derzeit begrenzen die robuste Schuldentragfähigkeit der privaten Haushalte und die konservative Ausgestaltung der Kreditbedingungen das Risikopotenzial steigender Wohnimmobilienpreise. Die weitere Entwicklung am deutschen Markt für Wohnimmobilien steht unter intensiver Beobachtung. Erfahrungen in anderen Ländern zeigen, dass es gerade in einem Umfeld niedriger Zinsen und hoher Liquidität zu Übertreibungen an den Immobilienmärkten kommen kann, die zu einer erheblichen Gefährdung der Finanzstabilität führen.“3

Anders: Eine Überhitzung durch extensive Kreditvergabe, steigendes Zinsniveau, Stagnation der Anlagenwerte sowie ausweitender Nachfrage nach Hypothekarderivaten und entsprechenden Besicherungen und Ausfallinstrumenten (Collateralized Debt Obligations, Credit Default Swaps usf.) wird letztlich ebenso in eine Immobilienkrise umschlagen, die Rückwirkungen auf andere Felder kapitalistischer Produktion und Reproduktion haben wird. Rezession und Arbeitslosigkeit bilden die Folge, Agenturen gehen pleite, Schuldner gehen insolvent. Das ewige Spiel kapitalistischer Krise beginnt von neuem und wird wieder Leben zerstören, wenn nicht endlich gegengesteuert, revolutioniert wird.

Erinnert sei in diesem Kontext noch einmal daran, dass schon vor einigen Jahren eine Debatte über die Wirtschaftsordnung angestoßen wurde. Damals schien sich ein neues Fenster für eine alternative Debatte zu öffnen, doch dieses wurde rasch wieder geschlossen, politisch und organisatorisch konnte nicht zwischengehauen werden. Schon 2008 wurde über die Auswirkungen der Finanzmarktkrise auch im Bundestag debattiert und eine Verbindung zum Denken des Neoliberalismus gezogen:

  1. Dies nicht zuletzt, um das „exorbitante Privileg“ (B. Eichengreen) des US-Dollar zu garantieren. [zurück]
  2. Er schreibt im ersten Band des Kapitals: „Neben dem materiellen unterliegt die Maschine aber auch einem sozusagen moralischen Verschließ. Sie verliert Tauschwert im Maße, worin entweder Maschinen derselben Konstruktion wohlfeiler reproduziert werden können oder beßre Maschinen konkurrierend neben sie treten.“; MEW Bd. 23, Berlin-Ost: Dietz, [1867] 1968 S. 148 [zurück]
  3. Bundesbank (2012) (Hrsg.): Deutscher Wohnimmobilienmarkt in Bewegung in: Finanzstabilitätsbericht 2012, Frankfurt a.M., S. 48, online unter: http://goo.gl/5fe4l; letzter Zugriff: 05.01.2012 [zurück]
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