„Betriebswirtschaftliche Scheinrationalität in Europa“. Oskar Negt im Gespräch mit Jakob Augstein

Oskar Negt, Schüler von Adorno und Horkheimer sowie lange Jahre Professor für Soziologie in Hannover und einem breiteren Publikum aufgrund seiner Zusammenarbeit mit Alexander Kluge bekannt, wird auch nach der Emeritierung nicht müde, seine Ideen einer angenehmeren Arbeits- und Lebenswelt mit den Mitteln der Kritischen Theorie zu verbreiten. Politische Bildung und Arbeitssoziologie bilden hierin einen Zusammenhang und sollen Anteil an der Schärfung des kritischen individuellen wie öffentlichen Bewusstseins haben1. Im nachfolgenden Gespräch mit Jakob Augstein, dokumentiert in der Wochenzeitung FREITAG, legt er zentrale Aspekte seiner Soziologie dar und lässt sich auf einige Skizzen für ein aufgeklärteres Europa, das seit Jahren nichts anderes mehr atmet als die permanente Austerität einer technokratischen Krisenbearbeitung, ein. Ein beinah zynischer Kontext ergibt sich aktuell durch die reichlich befremdlichen Anwürfe gegen Augstein selbst, der des Antisemitismus bezichtigt wird2. Sapere aude…!

Jakob Augstein: Wenn wir über Europa reden, sollten wir mit den Grenzen anfangen. Finden Sie, dass alle niedergerissen gehören?
Oskar Negt: Nein. Grenzsetzung ist wichtig, sowohl im Denken als auch im realen Lebenszusammenhang. Wir stehen heute vor dem Problem der Entgrenzung. Das führt zu einer Art Ohnmacht. Menschen, die nicht mehr wissen, wo Innen und Außen ist, sind manipulierbar. Die Neubestimmung von Grenzen ist Aufgabe der Intellektuellen.

Jakob Augstein: Thomas Morus schreibt in seiner Utopia, dass mit dem Setzen von Grenzen die Enteignung der Allgemeinheit beginnt.
Oskar Negt: Damals ging es um Schafe. Diese Einhegungen, Enclosures, waren der Ausdruck der neuen kapitalistischen Gesellschaft. Mit diesen Grenzen, Umzäunungen, die niedergerissen wurden, begann eine neue Produktivität, die aber eben auch eine Menschenverachtung in sich trug. Hier weiterlesen

Im nachfolgenden und unabhängig vom aktuellen Interview kreierten Videomitschnitt werden die Punkte auch aus demokratietheoretischer Perspektive und unter Rückgriff auf die Postdemokratie-Debatte ausgeführt:

  1. Siehe dazu bspw. den Essay „Demokratie als Lebensform“ in der Zeitschrift Aus Politik und Zeitgeschichte, online unter: http://goo.gl/Dx2q7; zuletzt: 06.01.2013 [zurück]
  2. Zur Entspannung der Gemüter und zur Bezichtigung einer dümlichen Anti-Kritik, die das Denken vernebelt, bleibt die Schrift von Moshe Zuckermann aktuell: „Antisemit! Ein Vorwurf als Herrschaftsinstrument“, bei Promedia Wien erschienen. [zurück]
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