Gegenerzählungen (für B.)

Wenn weiter unten die Rede auf Negt und Kluge fiel, so auch deshalb, weil beide immer wieder an dem arbeiten, was ja schon Denker wie Dewey, Gramsci, Bourdieu oder Thompson umtrieb: wie die herrschende Lehre (Doxa) durch Gegenerzählungen „von unten“ umgekehrt werden kann. Historischer Sinn erschließt sich nicht allein durch offiziöse Geschichtsschreibung, auch wenn diese vorrangig publiziert und rezipiert wird. Wichtig scheint mir die Einsicht, dass das bestehende Weltbild (als Bild der Welt) wie auch die daraus zehrenden Identitäten und Bewusstseine nur einseitig aufgeladen sein können. Durch Nivellierung und Marginalisierung von Gegenkulturen, Subkulturen, Neokulturen wird auch versucht, so etwas wie Legitimität und „Geltungsglaube“ im Sinne Webers zu erzeugen. Erst danach folgen die gewaltvollen Mittel politischer Herrschaft durch Sprachpolitik, Zensur und Repression. Dem herrschenden Bildungs- und Kulturideal gilt es immer wieder einen Eigensinn gegenüberzustellen und somit an einem fundierten Begriff von Öffentlichkeit zu arbeiten. Folgerichtig schrieben Negt und Kluge Bücher mit Titeln wie Geschichte und Eigensinn oder Öffentlichkeit und Erfahrung.

Um so etwas wie eine Gegenöffentlichkeit1 herzustellen, bedarf es sowohl der veränderten Sprache, der veränderten Begriffe wie auch der veränderten Semantik und Distribution. Nach Gramsci bedarf die revolutionäre Arbeiterklasse der eigenen Situierung und Verortung in ihrem politischen Kosmos, der ihr von der herrschenden Klasse weggenommen worden ist: Gegenhegemonie2 lautet das Ziel – die Durchsetzung einer alternativen Erzählung von Geschichte und die Wiederaneignung der eigenen Kultur des menschlichen Zusammenlebens. Nicht als Scham und Leugnung, sondern als Persönlichkeitswerdung und Gesellschaftstransformation.

Kluge versucht dies immer wieder durch kongeniale Gesprächs- und Erzählsituationen, die den historischen Sinn neu aufspüren und umkehren sollen. Dazu zählt auch das auf den ersten Blick „sinnfreie“ Gespräch als endlose Rede und Gegenrede. Im nachfolgenden Beitrag mit Hans Magnus Enzensberger wird ein Musterbeispiel für freie Rede um ihrer selbst willen gegeben und aufgezeigt, dass gegen die Protokolle gedacht werden muss, um voran zu kommen, dass also endlich wieder dialektisch argumentiert werden muss:

  1. Siehe hierzu den Text von Christoph Spehr unter http://goo.gl/ixenr; zuletzt 06.01.2013 [zurück]
  2. Als „kulturelle Hegemonie“ versteht Gramsci die Deutungshoheit über politische und quasi-politische Ereignisse, die sich nicht zuletzt durch Alltagsideologien und Ersatzreligionen (wenn nicht gar die Religion selbst!) tradieren. Bourdieu knüpt an diesen Begriff mit seiner Diskussion um „symbolische Gewalt“ im Alltag an; diese Gewalt sei wesentlich effektiver als die einfach-rohe politische Gewalt, weil sie von Fremdzwang auf Internalisierung umschaltet (vgl. auch Foucaults Techniken des Selbst!); http://goo.gl/056RZ [zurück]
  • RSS
  • email
  • Print
  • PDF
  • Twitter
  • del.icio.us
  • Technorati
  • LinkArena
  • LinkedIn
  • StumbleUpon
  • Tumblr
  • Add to favorites
  • blogmarks
  • connotea