Annex: Begriffe von Komplexität

Komplexität ist ein Schlagwort der Zeit, Spielball des Zeitgeistes und ebenso wie jener ausgemalt auf der Stafette an Plattitüden, die in tonangebenden Köpfen virulent und gesellschaftlich bedeutsam werden. Doch hinter Komplexität steckt auch eine mathematische Crux: Zahlen und Trivialität der Reihe. Als heuristischer Kniff und Superbegriff fungiert „Komplexität“ gern als Platzhalter für allerhand unaufgelöste Debatten und Diskussionen, die vielleicht nie zu Ende geführt werden können. Somit erinnert der Begriff an den Hitchcockschen „MacGuffin“ – jenes Ding, das immer irgendwie gewusst wird, also in den Köpfen der Protagonisten schwirren mag, aber doch nie gefunden werden kann, mithin nur ein gutes Erzählstück ist, das klimatisch wirkt, aber nicht karthatisch, allenfalls Leere prolongiert, wo irrige Annahmen ins Unendliche fortgeführt werden.

Notiz: Die Unterscheidung zwischen einer durchaus erforderlichen, weil dem Stand der gesellschaftlichen Produktivkräfte angemessenen Komplexität und jener nur dem Schein nach „logischen“ (hier eher historisch-kontingenten, weil systemimmanenten!) Komplexität, muss gewahrt werden. Luhmann im Geiste bedeutet dies: Vereinfachungen und Reduktionen sind immer da erforderlich, wo das Ausbreiten von Vielem eine Diskussion unmöglich machen muss. Spaßig die Vorstellung, wenn Luhmann und Thomas Bernhard über Mittel und Funktion der „Aussparung“ diskutieren würden. Beispiel gefällig?:

Wir müssen uns vor den „Plemberln“ (?!) schützen, die uns niederhalten wollen (sensu Bernhard), und den Luhmann zurück ins Regal stellen, wenn es darum geht, sich vom Gesellschaftsballast zu lösen. Im Streit und der Offenlegung von notwendiger und entbehrlicher Komplexität1 schimmert der alte Konflikt von Lohnarbeit und Kapital durch (abstrakte vs. konkrete Arbeit!), wenn auch nur als metaphorische Chiffren. Als Tagesordnungspunkt für Seminare angehender Verwaltungskader wäre dies ebenso denkbar wie für die Neuauflage einer Debatte um „Politik oder Politikwissenschaft“: hier gedacht als positive Auflösung der Streitfrage, ab wann Politik in reine Verwaltung umschlagen kann, Marx ante portas via „Rücknahme des Staates in die Gesellschaft“!

Der Komplexität geradezu diametral fungiert der Implex, das Kunstwort Valérys, das Brigitte Kirchner und Dietmar Dath aus der Vergessenheit geholt haben, legt nahe, dass es einen Möglichkeitsraum jenseits bekannter und ungeahnter Dualismen gibt. Zwar scheint Implexität nicht mehr als eine krude Hypostasierung, doch verweist das dem Implex Implizite, das ihm Innewohnende auf all jene verdrängten und nicht realisierten Momente einer alternativen Menschheitsgeschichte und Persönlichkeitsbildung. Den Implex zu leben, muss nicht zwingen Komplexität aufheben, setzte aber voraus, dass entbehrliche von notwendiger Komplexität geschieden worden ist. In der Folge kann Implexität als revolutionäres Moment erscheinen, das ausgehend vom Einzelnen und über die Pfade der kreativen Näherung und des Spiels, die müden und tauben Glieder „der ganzen alten Scheiße“ (sensu Plechanow, Marx und Marcuse) ausreißen helfen kann. Mehr zum Implex hier:

  1. Vgl. Meinhard Creydt (2000): Theorie gesellschaftlicher Müdigkeit. Gestaltungspessimismus und Utopismus im gesellschaftstheoretischen Denken, Frankfurt a.M./New York: Campus, S. 15ff. [zurück]
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