Sozialistische Medientheorie?

Folgt man den Gedanken einer „Kultur von unten“, so stellt sich unweigerlich die Frage, wie diese organisiert werden kann, was dazu getan werden muss und vor allem: wer dies umsetzen soll. In einer Welt wie der vorfindlichen, die angeblich so guten Bestand hat, weil sie auf dem Glauben an das eigene Glück (dargestellt in Konsumchancen und Heilslehren) baut, weil sie Individualismus als Persönlichkeitseffekt lobt und zugleich Gruppenzwänge abgesenkt hat (dafür neue geschaffen hat!), in dieser Welt ist man nachgerade eingebunden in allerhand Fremdzwänge, die eine einfache Abkehr unmöglich scheinen lassen. Dennoch das Band der Möglichkeiten nicht zu zerschneiden, ist eine elementare Bewusstseinskompetenz. Gegen das Hier und Jetzt anzudenken bedeutet, mit Unzulänglichkeiten auf die ironischen Art umzugehen: nicht Hass und Renegatentum kultivieren (ja, denn Rollenspiel1 bleibt jeder Faustschlag ins Gesicht), sondern die Fehler im Anderen als unabgeschlossene Lernprozesse begreifen und immer weiter gegen das „Ja, aber!“ vorgehen.

Wie ein Schritt dazu aussehen kann, das haben ein oder zwei Generationen vor uns die Kritische Theorie und deren Schüler versucht auszuloten. Enzensberger, an den Ideen von Adorno und Horkheimer ebenso geschult wie an den emanzipatorischen Atmungsversuchen der literalisiert-agitierten Arbeiterklasse Brechts, bereitete 1970 einen von ihm so bezeichneten „Baukasten zu einer Theorie der Medien2“ vor. Darin werden die seinerzeit neuen Medienformen entgegen der Kulturindustriethese nicht allein als negative Modi der Vergesellschaftung3 begriffen, sondern progressiv – also mit ihrem Keim an unausgeloteter konkreter Utopie –, verstanden und engagiert. Eine so begriffene Medientheorie ist selbstverständlich sozialistisch in dem Sinne, dass sie die landläufigen Verheißungen einer bloß passiv-passivierenden Konsumentenhaltung ebenso überschreitet wie sie Kritik nicht als Aneinanderreihung von empirisch Kritikablem („Verbesserungswürdigem“) versteht, sondern über die immanenten Gestaltungsgrenzen der Gegenwart (kapitalistische Profitlogik, organisierte Klassenherrschaft im politischen Zwangsverbund, patriarchalische Niederhaltung bei symbolischer Ausschlachtung der Geschlechter, Kinder, Natur) hinausweist:

Eine jede sozialistische Strategie der Medien [muss] die Isolation der einzelnen Teilnehmer am gesellschaftlichen Lern- und Produktionsprozess aufzuheben trachten. Das ist ohne Selbstorganisation der Beteiligten nicht möglich. Dies ist der politische Kern der Medienfrage. An ihm scheiden sich sozialistische von spätliberalen und technokratischen Auffassungen. Wer sich Emanzipation von einem wie auch immer strukturierten technologischen Gerät oder Gerätesystem verspricht, verfällt einen obskuren Fortschrittsglauben; wer sich einbildet, Medienfreiheit werde sich von selbst einstellen, wenn nur jeder einzelne fleißig sende und empfange, geht einem Liberalismus auf den Leim, der unter zeitgenössischer Schminke mit der verwelkten Vorstellung von einer prästabilierten Harmonie der gesellschaftlichen Interessen hausieren geht. Hier weiterlesen

Enzensberger resümiert seine Überlegungen in folgender Gegenüberstellung

  1. Wir erinnern uns an Goffman, der darauf verweist, dass alles soziales Handeln Rollenhandeln ist, ein ewiges Theaterspiel, das zumeist vorbewusst bleibt. Das Hinterfragen der Spielregeln wird durch Therapeuten gern pathologisiert, aber wer die Klipper reflexiv überschreitet, der bekommt neue Erkenntnismittel an die Hand; muss jedoch auch mit Enttäuschung und Kälte umgehen lernen. [zurück]
  2. Hans Magnus Enzensberger (1970): Baukasten zu einer Theorie der Medien in: Kursbuch 20, S. 159-186 [zurück]
  3. Solche Modi reichen weit über Konsumchancen hinaus, denn diese weisen lange auf, dass es oftmals nur bei reinen „Chancen“ bleibt; dass also ein einfacher Konsum zur Deckung unmittelbarer und durch die Kulturindustrie nicht allein assoziierter Bedürfnisse teils nicht einmal geben kann, denkt man an alltägliche Usancen des Niedriglohnsektors und der zwangsvermittelten Teilzeitarbeit, Leiharbeit, Werkvertragsarbeit, eben all jenen Formen moderner Lohnpresserei, dem Knabbern und Nagen an der blöden Lohnzahlung (sensu Marx). Abrutschen in Armut verweist nicht allein auf der Gesellschaft innenwohnende, verdinglichte „Fahrstuhleffekte“, sondern auf quasi-natürliche Unbeherrschtheiten in einer Welt voller naturgesetzlicher Beherrschung. Wo Armut herrscht, ist Deprivation und Verzweiflung nicht weit, ist die Stimme erstickt, ist der Gestaltungswille von unten restringiert. Man spürt doch allenthalben den zynischen Überdruss, die Zeitungen und Kommentare, digitale wie analoge, quellen über vor Brechreiz und ein jeder trägt einen Knüppel in der Tasche, weil es genug ist. Alles schreit nach einem Post-Kapitalismus. Selbst offiziöse Nachrichtenmacher können in ihrer Performance-Berichterstattung („Rösler wirkte schwach…“) nicht umhin einzugestehen, dass der Blödsinn überschritten ist. [zurück]
Repressiver Mediengebrauch Emanzipatorischer Mediengebrauch
Zentral gesteuertes Programm Dezentralisierte Programme
Ein Sender, viele Empfänger Jeder Empfänger ein potentieller Sender
Immobilisierung isolierter Individuen Mobilisierung der Massen
Passive Konsumentenhaltung Interaktion der Teilnehmer
Entpolitisierungsprozeß Politischer Lernprozeß
Produktion durch Spezialisten Kollektive Produktion
Kontrolle durch Eigentümer oder Bürokraten Gesellschaftliche Kontrolle durch Selbstorganisation
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