Archiv der Kategorie 'Externa'

Negt über Hegel

Kann man mit der Philosophie Hegels die gegenwärtige Lage der Dinge begreifen? Folgt man der analytischen Philosophie, so wäre das ein längst überholtes Verfahren mit Begriffslogik einem immanenten Wesen auf die Spur zu kommen und dieses auch noch im Gang der Geschichte wirksam werden zu sehen. Doch alles hat seinen Beginn beim Begreifen: der Begriff ist das zentrale Rubrum der Hegelschen Philosophie, die aus der Trinität von Logik, Natur und Geist besteht1. Man muss die Geschichtsphilosophie und Apologie des Staates bei Hegel nicht teilen, um dennoch zum Schluss zu gelangen, dass die systematische Aufarbeitung der Realität nur dann erfolgen kann, wenn die empirische Vielheit verstreuter Begebenheiten in ihrem inneren Konnex begriffen, also auf einen Begriff gebracht werden. Oskar Negt legt im nachfolgenden Gespräch mit Alexander Kluge den spezifischen Anspruch des Hegelschen Denkens offen:

  1. Unter folgendem Link kann man sich virtuell durchs Hegelsche System klicken: http://www.hegel-system.de/de/d0.htm [zurück]

Aus alt mach neu: Armutsbericht der Bundesregierung

Muss über die politische Funktion von sogenannten Armuts- und Reichtumsberichten in einer kapitalistischen Gesellschaftsordnung lange diskutiert werden? Ja und Nein, denn was einerseits sofort auf der Hand liegt: offizielle Regierungsdokumente geben nach innen wie außen Auskunft über den Stabilitätsgrad der Wirtschafts- und Sozialordnung, sind Gradmesser für sozialpolitische Interventionen und Direktiven und lassen in der Ferne die Folgen einer Ausbeutung von Arbeitskraft und monopolartigen Aneignung von Mehrwert sowie deren Linderung durch staatliche Aggregation und Distribution sozialisierten Mehrwerts (Steuern!) erahnen, hat im Kontext einer ungeahnten, weil längst überwunden geglaubten Arkanpolitik 1 der zuständigen Ministrablen, eine Diskussion darüber entfacht. Warum muss angesichts einer weiland passierenden Krise, die mal von links befeuert2, mal von rechts beschwichtigt3 wird, gerade so primitives Zahlenmaterial über die Verteilung von Einkommen und Vermögen (seit je ungleich, seit einigen Jahren zunehmend ungleicher!) redigiert werden? Steckt dahinter tatsächlich nur kleinkarierte Ideologie, das Schielen auf kurzfristigen Wahlerfolg oder doch die Furcht vor einer wieder aufflammenden Debatte über die Grundlagen der Wirtschafts- und Sozialordnung, mithin der politischen Herrschaft? Dazu genügen solche Zahlen wohl nicht, beflügeln sie doch sowieso die schon immer gewussten Kommentare von „Enthüllungsjournalisten“, die im amtlichen Lektorat („Abstimmung zwischen den Ressorts“) bekanntermaßen angepasst, verändert, sanktioniert werden – und dienen nun eben als kleines Skandälchen.

Das Zahlen- und Textmaterial in Entwurf und Änderung kann jedenfalls hier abgerufen werden, der offizielle Bericht mit dem wundervollen Titel „Lebenslagen in Deutschland“, herausgegeben übrigens beim Bundestag, also jener Legislativkörperschaft, die den Anspruch auf Repräsentation der gesamten Wahlbevölkerung erhebt, wird erst in den kommenden Wochen publiziert werden.

Dichtung: http://goo.gl/qE3PT (Stand: 21.11.2012)

Wahrheit: http://goo.gl/j0YAj (Stand: 17.9.2012)

  1. Vgl. ferner Wolfgang Reinhard (2000): Geschichte der Staatsgewalt, München: Beck, S. 305ff. [zurück]
  2. So zum Beispiel schon Habermas im Jahr 2008: http://goo.gl/Nqaer [zurück]
  3. So zuletzt der Historiker Plumpe in einem Interview mit der Berliner Zeitung: http://goo.gl/2CtUW [zurück]

Sozialistische Medientheorie?

Folgt man den Gedanken einer „Kultur von unten“, so stellt sich unweigerlich die Frage, wie diese organisiert werden kann, was dazu getan werden muss und vor allem: wer dies umsetzen soll. In einer Welt wie der vorfindlichen, die angeblich so guten Bestand hat, weil sie auf dem Glauben an das eigene Glück (dargestellt in Konsumchancen und Heilslehren) baut, weil sie Individualismus als Persönlichkeitseffekt lobt und zugleich Gruppenzwänge abgesenkt hat (dafür neue geschaffen hat!), in dieser Welt ist man nachgerade eingebunden in allerhand Fremdzwänge, die eine einfache Abkehr unmöglich scheinen lassen. Dennoch das Band der Möglichkeiten nicht zu zerschneiden, ist eine elementare Bewusstseinskompetenz. Gegen das Hier und Jetzt anzudenken bedeutet, mit Unzulänglichkeiten auf die ironischen Art umzugehen: nicht Hass und Renegatentum kultivieren (ja, denn Rollenspiel1 bleibt jeder Faustschlag ins Gesicht), sondern die Fehler im Anderen als unabgeschlossene Lernprozesse begreifen und immer weiter gegen das „Ja, aber!“ vorgehen. (mehr…)

Gegenerzählungen (für B.)

Wenn weiter unten die Rede auf Negt und Kluge fiel, so auch deshalb, weil beide immer wieder an dem arbeiten, was ja schon Denker wie Dewey, Gramsci, Bourdieu oder Thompson umtrieb: wie die herrschende Lehre (Doxa) durch Gegenerzählungen „von unten“ umgekehrt werden kann. Historischer Sinn erschließt sich nicht allein durch offiziöse Geschichtsschreibung, auch wenn diese vorrangig publiziert und rezipiert wird. Wichtig scheint mir die Einsicht, dass das bestehende Weltbild (als Bild der Welt) wie auch die daraus zehrenden Identitäten und Bewusstseine nur einseitig aufgeladen sein können. Durch Nivellierung und Marginalisierung von Gegenkulturen, Subkulturen, Neokulturen wird auch versucht, so etwas wie Legitimität und „Geltungsglaube“ im Sinne Webers zu erzeugen. Erst danach folgen die gewaltvollen Mittel politischer Herrschaft durch Sprachpolitik, Zensur und Repression. Dem herrschenden Bildungs- und Kulturideal gilt es immer wieder einen Eigensinn gegenüberzustellen und somit an einem fundierten Begriff von Öffentlichkeit zu arbeiten. Folgerichtig schrieben Negt und Kluge Bücher mit Titeln wie Geschichte und Eigensinn oder Öffentlichkeit und Erfahrung.

Um so etwas wie eine Gegenöffentlichkeit1 herzustellen, bedarf es sowohl der veränderten Sprache, der veränderten Begriffe wie auch der veränderten Semantik und Distribution. Nach Gramsci bedarf die revolutionäre Arbeiterklasse der eigenen Situierung und Verortung in ihrem politischen Kosmos, der ihr von der herrschenden Klasse weggenommen worden ist: Gegenhegemonie2 lautet das Ziel – die Durchsetzung einer alternativen Erzählung von Geschichte und die Wiederaneignung der eigenen Kultur des menschlichen Zusammenlebens. Nicht als Scham und Leugnung, sondern als Persönlichkeitswerdung und Gesellschaftstransformation.

Kluge versucht dies immer wieder durch kongeniale Gesprächs- und Erzählsituationen, die den historischen Sinn neu aufspüren und umkehren sollen. Dazu zählt auch das auf den ersten Blick „sinnfreie“ Gespräch als endlose Rede und Gegenrede. Im nachfolgenden Beitrag mit Hans Magnus Enzensberger wird ein Musterbeispiel für freie Rede um ihrer selbst willen gegeben und aufgezeigt, dass gegen die Protokolle gedacht werden muss, um voran zu kommen, dass also endlich wieder dialektisch argumentiert werden muss:

  1. Siehe hierzu den Text von Christoph Spehr unter http://goo.gl/ixenr; zuletzt 06.01.2013 [zurück]
  2. Als „kulturelle Hegemonie“ versteht Gramsci die Deutungshoheit über politische und quasi-politische Ereignisse, die sich nicht zuletzt durch Alltagsideologien und Ersatzreligionen (wenn nicht gar die Religion selbst!) tradieren. Bourdieu knüpt an diesen Begriff mit seiner Diskussion um „symbolische Gewalt“ im Alltag an; diese Gewalt sei wesentlich effektiver als die einfach-rohe politische Gewalt, weil sie von Fremdzwang auf Internalisierung umschaltet (vgl. auch Foucaults Techniken des Selbst!); http://goo.gl/056RZ [zurück]

„Betriebswirtschaftliche Scheinrationalität in Europa“. Oskar Negt im Gespräch mit Jakob Augstein

Oskar Negt, Schüler von Adorno und Horkheimer sowie lange Jahre Professor für Soziologie in Hannover und einem breiteren Publikum aufgrund seiner Zusammenarbeit mit Alexander Kluge bekannt, wird auch nach der Emeritierung nicht müde, seine Ideen einer angenehmeren Arbeits- und Lebenswelt mit den Mitteln der Kritischen Theorie zu verbreiten. Politische Bildung und Arbeitssoziologie bilden hierin einen Zusammenhang und sollen Anteil an der Schärfung des kritischen individuellen wie öffentlichen Bewusstseins haben1. Im nachfolgenden Gespräch mit Jakob Augstein, dokumentiert in der Wochenzeitung FREITAG, legt er zentrale Aspekte seiner Soziologie dar und lässt sich auf einige Skizzen für ein aufgeklärteres Europa, das seit Jahren nichts anderes mehr atmet als die permanente Austerität einer technokratischen Krisenbearbeitung, ein. Ein beinah zynischer Kontext ergibt sich aktuell durch die reichlich befremdlichen Anwürfe gegen Augstein selbst, der des Antisemitismus bezichtigt wird2. Sapere aude…!

Jakob Augstein: Wenn wir über Europa reden, sollten wir mit den Grenzen anfangen. Finden Sie, dass alle niedergerissen gehören?
Oskar Negt: Nein. Grenzsetzung ist wichtig, sowohl im Denken als auch im realen Lebenszusammenhang. Wir stehen heute vor dem Problem der Entgrenzung. Das führt zu einer Art Ohnmacht. Menschen, die nicht mehr wissen, wo Innen und Außen ist, sind manipulierbar. Die Neubestimmung von Grenzen ist Aufgabe der Intellektuellen.

Jakob Augstein: Thomas Morus schreibt in seiner Utopia, dass mit dem Setzen von Grenzen die Enteignung der Allgemeinheit beginnt.
Oskar Negt: Damals ging es um Schafe. Diese Einhegungen, Enclosures, waren der Ausdruck der neuen kapitalistischen Gesellschaft. Mit diesen Grenzen, Umzäunungen, die niedergerissen wurden, begann eine neue Produktivität, die aber eben auch eine Menschenverachtung in sich trug. Hier weiterlesen

Im nachfolgenden und unabhängig vom aktuellen Interview kreierten Videomitschnitt werden die Punkte auch aus demokratietheoretischer Perspektive und unter Rückgriff auf die Postdemokratie-Debatte ausgeführt:

  1. Siehe dazu bspw. den Essay „Demokratie als Lebensform“ in der Zeitschrift Aus Politik und Zeitgeschichte, online unter: http://goo.gl/Dx2q7; zuletzt: 06.01.2013 [zurück]
  2. Zur Entspannung der Gemüter und zur Bezichtigung einer dümlichen Anti-Kritik, die das Denken vernebelt, bleibt die Schrift von Moshe Zuckermann aktuell: „Antisemit! Ein Vorwurf als Herrschaftsinstrument“, bei Promedia Wien erschienen. [zurück]

Krise 2.0 (zur weiteren Entwicklung der Finanzkrise 2007ff.)

Entgegen aller politisch-offiziösen Bekundungen einer vermeintlichen Regulation der „Krise“ – gemeint ist die alte Finanzkrise, die 2007 aus den Vereinigten Staaten nach Europa waberte –, ist deren Ende keineswegs abzusehen. Zwar wurde die öffentliche Meinung in den letzten zwei Jahren nahezu ausschließlich mit horrender Staatsverschuldung und der Krise des EURO konfrontiert, doch trügt der Schein, wenn diese Phänomene nur an der Oberfläche als Einzelerscheinungen gedeutet werden. Nach wie vor: kapitalistische Krisen durchlaufen verschiedene Stadien und dies über mehrere Jahre, einzelne Konjunkturzyklen bleiben darin weiterhin möglich (Hausse wie Baisse an den Aktienmärkten ebenso).

Nun ist es zwar so, dass in Deutschland vor der kommenden Bundestagswahl keinerlei relevante Diskussion über die Krisengrundlagen und -folgen mehr zu erwarten sein wird – die etablierten Parteien haben sich lange auf das übliche Spiel von Demonstration und Leugnung ihrer je attestierten Kompetenz beschränkt, doch sind unabhängig davon in den letzten Monaten immer wieder finanzielle Entscheidungen getroffen worden, um marode Banken und Versicherungen wie Hedge-Fonds sicherzustellen, Ausfallbürgschaften gegen die spekulative Kritik externer Rating-Agenturen (mehr…)

Dietmar Dath über die Russische Revolution und Perspektiven der Revolte

Der Gang der Geschichte ist bekannt: die Sowjetunion untergegangen und niederkonkurriert, damit auch die Hoffnung auf eine alternative Wirtschafts- und Lebensform jenseits des Kapitalismus lange Zeit als logische Konsequenz verstanden gewesen und in die Hirne der medialisierten Masse filtriert worden. Inzwischen, unzählige Krisen der kapitalistischen Reproduktion, Massenarmut und Wohnungsnot auch in den Zentren des Kapitals später, stellen sich (wieder) Fragen derart wie künftig produziert und gelebt werden soll, denn „so kann es nicht weitergehen!“. Eine nur scheinbar literalisierte Antwort darauf bietet Dietmar Dath, der die Geschichtsschreibung um die Russische Revolution 1917ff. gegen den Strich bürstet und für einen revitalisierten Leninismus1 wirbt. Der Vortrag mit anschließender Debatte bietet nicht allein fade „Denkanstöße“, sondern weist darauf hin, dass Fehler einzig dazu da sind, sie beim nächsten Versuch möglichst präpariert vermeiden zu können:

  1. Siehe dazu auch die von ihm verantwortete Wiederauflage von Lenins „Staat und Revolution“: http://goo.gl/nQe6w, welches sich einreiht in die Bücher über Rosa Luxemburg (2010) und „Wissen, Technik, Sozialismus“ (2009), letztere bei Suhrkamp erschienen. [zurück]

Quo vadis Irak?

Die immer wiederkehrenden Meldungen über Anschlagsopfer im Irak, das beinah wöchentliche, wenn nicht tägliche Summieren von Toten bei Bombenattentaten in Bagdad oder Kirkuk oder Mossul zeigen auf, dass der Irak – knapp zehn Jahre nach dem Sturz des Regimes der Baath-Partei um Sadam Hussein –, alles andere als ein geglücktes Staatswesen ist. Wo nicht einmal elementare Grundrechte wie die Unversehrtheit des Lebens garantiert werden können, weil das Gesetz der Straße herrscht, das den Duft religiöser und sozialer Spannungen atmet, da hat ein sogenannter „regime change1“ wie es im Englischen heißt, keinerlei humanen Fortschritt bewirkt. Auf der bisweilen auch zynisch erscheinenden Liste gescheiterter Staaten rangiert der Irak im Jahr 2012 auf Platz 9, (mehr…)

Soft Power – der stumme Zwang der Verhältnisse

Joseph Nye ist Studierenden der Internationalen Beziehungen kein unbekannter Name. Der außenpolitische Berater der Obama-Administration und kurzzeitig stellvertretende US-Verteidigungsminister (unter Clinton) bereitet regelmäßig Variationen seiner seit gut zwei Dekaden vertretenen Soft Power-Doktrin auf und adressiert diese an außenpolitische Entscheidungsträger1. Unter Soft Power subsumiert er die Einsicht, dass allein auf Zwang keine politische Herrschaft dauerhaft bestehen kann, zugleich ist die Anerkennung durch Internalisierung und Affirmation wesentlich effektiver, weil kostensparender. Insoweit ähnelt Nyes Argumention jener des Neogramscianismus (vgl. R. Cox, S. Gill, K. van der Pijl u.a.), verkehrt allerdings die politische Stoßrichtung und legitimiert relativ offen das Vorgehen der USA. Zusammen mit Robert Keohane gilt er auch als Vordenker der Interdependenztheorie/Regimetheorie – einer Verzweigung bzw. Synthese realistischer und institutionalistischer Theorien in den Internationalen Beziehungen –, welche die Notwendigkeit von transnationaler Zusammenarbeit in Form normativer Gebilde (Institutionen und Organisationen) anerkennt, natürlich unter US-amerikanischer Prärogative. Im nachfolgenden Interview mit Harry Kreisler diskutiert er die neueste Variation2 seiner Soft Power-Doktrin und erklärt, warum die USA weiterhin die einzige globale Macht bleiben werden (natürlich nur, wenn sie Nyes Vorschläge beachten…) und weshalb die BRICs und allen voran Russland und China auch in den kommenden Jahren international nicht konkurrenzfähig sein werden (eigenartigerweise rekurriert Nye an dieser Stelle auf die militärische Macht der USA, wodurch Soft Power unverhohlen als ideologisches Instrument kenntlich wird; Geltungsglaube ist auf dieser Ebene kaum dauerhaft zu erwarten, dürften doch die diplomatischen Gepflogenheiten der USA somit leicht für Dritte durchschaubar sein):

  1. Zum Beispiel über die Trilaterale Kommission, ein globaler Think Tank, der sich als Sprachrohr und Mittler der G7-Eliten versteht und turnusgemäß zu Lageeinschätzungen exklusive Treffen lädt. Als Denkfabrik setzt sie Nyes (zugleich US-Vertreter im Vorstand) Zielvorstellungen um und versucht sich an der Etablierung kultureller Hegemonie im außenpolitischen Diskurs; bemerkenswert ist auch die Schar deutscher Interessenvertreter in diesem Club: http://de.wikipedia.org/wiki/Trilaterale_Kommission#The_German_Group[zurück]
  2. Joseph S. Nye (2011): The Future of Power (dt.: Macht im 21. Jahrhundert. Politische Strategien für ein neues Zeitalter), New York: Perseus [zurück]

„Unser Job ist Herrschaftskritik“

Jakob Augstein ist Chefredakteur der Wochenzeitung der FREITAG – ein Produkt der Nachwendezeit mit ostdeutschem Ursprung, das schnell bei einer kleinen Leserschicht auf Akzeptanz in der gesamten Bundesrepublik stoßen konnte. Doch ähnlich wie die Blätter für deutsche und internationale Politik und andere nicht kommerziell organisierte Fach- und Debattenzeitschriften, erreichten bzw. erreichen Sie nur einen kleinen Leserkreis. Um diesem Prozess auf kreative Weise zu begegnen und zugleich die Basisannahme zu integrieren, wonach das Diskussions- und Teilhabebedürfnis weiter Teile der Öffentlichkeit durch das Medium Internet nicht nur zu bündeln, sondern auch progressiv aufzugreifen sei, wurde die Zeitung 2009 einer grundlegenden Anpassung unterzogen, wobei es erstmals eine täglich aktualisierte digitale und frei zugängliche Ausgabe – zusätzlich zur Printausgabe – gibt.

Im folgenden Gespräch stellt Augstein seine Ideen und Vorstellungen vor, erläutert, woran es aus seiner Sicht in der deutschen Medienlandschaft mangelt. Dazu zählen einerseits fehlende Kritikfähigkeit, das Einschwenken auf zynischen Pragmatismus bei an sich kritischen Themen sowie ein Lob auf fehlende Darstellung unterschiedlicher politischer Ideologien und Handlungsvorstellungen, kurzum jenes Phänomen, das mit Vokabeln und Wendungen wie „Postdemokratie“ (Crouch), „Mediokratie“ (Th. Meyer), „Sympolpolitik“ (Edelman) oder auch „neuer Geist des Kapitalismus“ (Boltanski/Chiapello) umschrieben wird. Die Fragen des Moderators sind teilweise banal bis primitiv und zeigen den Geisteszustand von Produzenten, aber hoffentlich nicht den Geisteszustand von Rezipienten an. Sie bieten natürlich auch genügend Raum, um eigenen Narzissmus und Habitus gebührlich darzulegen. Schaut man darüber hinweg, kann dem Gespräch dennoch mehr abgewonnen werden, als Vielem: