Archiv der Kategorie 'Externa'

Quo vadis „Krise“?

Mit der gestrigen Parlamentswahl in Griechenland – die ja nur aufgrund einer unklaren Mehrheitssituation vor wenigen Wochen ein weiteres Mal durchgeführt wurde! – offenbart sich einmal mehr, das von Colin Crouch ins Feld geführte Diktum von postdemokratischen Zuständen. Auch wenn ich den darin implizierten Idealismus zugunsten demokratischer Verfahren apriori nicht ganz teile, so hat er doch mit der Tendenzfeststellung recht: in Griechenland ist die Demokratie faktisch ausgehebelt, da sich die Wahlergebnisse nur daran zu orientieren haben, welche Mehrheit sich bereit findet, die von der sogenannten Troika aus EU, EZB und IWF vorgegeben Spardiktate durchzupeitschen. Doch was soll man schon wählen, wenn von vornherein klar ist, dass keine Alternative zur Wahl steht? Die radikale Linke in Griechenland verweigert sich der Zustimmung und konnte aufgrund dessen einen erneuten Stimmenzuwachs verbuchen; daraus können sie zwar kurzfristig politisches Kapital schlagen, erlangen jedoch im Moment keinerlei Regierungsperspektive (ich diskutiere an dieser Stelle nicht erneut die unausgesprochenen Vorannahmen, die für parlamentarisches und insbesondere regierungspolitisches Handeln gelten). Doch allein das Faktum, dass die Wahl wiederholt werden musste (hier spielt auch das auf die zwei Großparteien zugeschnittene Zählsystem und das daran gekoppelte Parteienprivileg ein wesentliche Rolle), konnte jedem Beobachter aufzeigen, dass hier solange gewählt werden sollte, bis auch formal die erwünschte Konstellation geschaffen wurde.

Und man muss sich zurück besinnen auf die Ausgangslage: der vormalige Ministerpräsident Papandreou wollte einen Teil der Sparauflagen an ein Referendum knüpfen; ein Vorgang, der in Brüssel und Berlin für hysterische Ausfälle gesorgt hatte. Papandreou konnte darüber mithin seinen Hut nehmen und Neuwahlen wurden erst deshalb sowie nach der Einsetzung eines Technokratenkabinetts um den ehemaligen Zentralbanker Papademos (vgl. Italien um den ehemaligen EU-Wettbewerbskommissar M. Monti) erforderlich. Es gilt Brechts Diktum, dass sich die Regierenden am besten das jeweils benötigte Wahlvolk selbst wählen sollten…

Im Kontrast dazu – und man kommt schon seit langem nicht mehr hinterher, die auch immer öfter offen geäußerten nationalistischen und chauvinistischen Vorurteile, die permanent mitschwingenden Ideologien zu kritisieren, da sich alles um die technokratische Bewältigung der sogenannten „Finanzmarktkrise“ (angeblich nur mangelndes Vertrauen der Kapitalgeber, tatsächlich aber der Kampf um die Währungsunion als Weltgeld) dreht, sprachen bereits am letzten Donnerstag Gregor Gysi und Oskar Lafontaine in der Berliner Auferstehungskirche in gesonderten Referaten zur politischen und ökonomischen Dimension der „Krise“ sowie einer entsprechenden Kritik aus linkssozialistischer Perspektive:

David Harvey im Gespräch mit Amy Goodman

David Harvey stellt beim US-amerikanischen Independent-Sender Democracy now! sein neuestes Buch (Rebel Cities, Verso, 2012) vor, das im Kontext der Occupy Wall Street-Proteste geschrieben wurde. Es geht u.a. darum, wer in einer Stadt das Recht hat, grundlegende Strukturentscheidungen zu treffen: die Bewohner oder die Eigentümer von Immobilien? Findet der Kampf um Einfluss demnächst auch in den Großstädten des reichen Westens statt? Folgt man dem Beitrag, werden bereits heute Militär- und Sicherheitstechnologien zur Überwachung und Störung von Demonstrationen eingesetzt.

Alexander Kluge im Gespräch mit Gyburg Uhlmann

Kluge, der für die Entmuffung des Filmes in Westdeutschland (also nach1945) bekannt geworden ist und bis heute ein mehr oder minder bekanntes Independent-Fernsehen betreibt (u.a. mit seinem Sendeformat dctp.tv), befragt regelmäßig Personen des Zeitgeistes zu diversen Thematiken. Auffallend ist stets, dass Kluge seine Gesprächspartner nicht nur durch offene, ja geradezu empathische Worte einzubinden versteht, sondern dass eine regelrechte Dialogsituation geschaffen wird. Wo man im Alltag zumeist nur Redensarten, Gewäsch oder Vielsprech vernehmen kann, sind diese Gespräche nicht nur interessant (weil die Personen ungeahnte Facetten offenbaren und damit eventuell auch vorhandene Vorurteilsstrukturen beim Seher abbauen helfen), sondern auch eine Freude an Konventionalien und am Austausch.

Im nachfolgenden Beitrag kommt Gyburg Uhlmann (geb. Radke)1Professorin für Klassische Philologie an der Freien Universität Berlin – zu Wort und bebildert zusammen mit Kluge die Entwicklung der antiken Dichtung als Epochenbild und Epochales, also als einer Fernwirkung und als ein Ideenfundus für seit dem fortlaufende Geschichtenkreation. Die „literarische Kreation des Hellenismus“ weist der griechischen Poesie nach, politischer Ordnungsfaktor und ästhetischer Navigator zu sein. Angesichts der sonst eher technokratischen und bürokratischen Ver-sprechungen des Alltags ein genehmer Kontrast:

Das übergreifende Gespräch zeigt einmal mehr, inwieweit das Studium nur eines Faches heute Menschen zu Fachidioten macht, wohingegen die Arbeit zwischen den (künstlich getrennten, zunächst aus Zwecken der Effektivierung und Spezialisierung separierten) Feldern angezeigt wäre, um die geistigen (mentalen, i.w.S. symbolischen, institutionalisierten, profanierten) und ästhetischen (aisthesis) Grundlagen der Moderne (als Fiktion, als Abstraktion, als häßliche Präsenz) deuten zu können.

  1. Von ihr liegt u.a. das Buch Die Kindheit des Mythos vor, das 2007 im Beck Verlag (München) erschienen ist und das im Interview gelegentlich gestriffen wird. Mehr dazu kann unter folgenden Links abgerufen werden: Kurzdarstellung; Rezension bei Sehepunkte; Verlagsseite; weitere Autorinneninfos bei der Deutschen Nationalbibliothek [zurück]

Habermas über Demokratie und Krise des EURO

Habermas liefert seit Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise regelmäßige Kommentare zur Lage von Herrschaft und Demokratie. Seitdem diese Krise als „Staatsschuldenkrise“ verklärt und in Form eines neoliberalen Rollbacks instrumentalisiert wird, gerät auch die Europäische Union und die Politik der deutschen Bundesregierung verstärkt in den Fokus der Kritik. Einmal mehr wird dabei der von Crouch popularisierte Begriff der „Postdemokratie“ in Anschlag gebracht, um die Entwicklung hin zu einem vermeintlichen „Exekutivföderalismus“ zu deuten. Eine solche Ausdeutung liegt nahe und in einer Zuspitzung könnte man auch von der (Wieder)Einführung autoritärer Elemente der Herrschaftsorganisation transnationaler Vergemeinschaftung sprechen. Die vom Bundesverfassungsgericht mühsam eingehegte nationale Souveränität blamiert sich dabei fortlaufend an den Bestandserfordernissen des bürgerlichen Staates im Zeitalter des Finanzmarktkapitalismus: sogenannte Exekutivlastigkeit, also der Überhang direkter, nicht zum Plebiszit erhobener Regierungsmaßnahmen zur Steuerung des Kapitalismus, würde dabei das europäische Projekt untergraben. Was wir hierbei jedoch erleben, kann als veritable Antwort bestimmter hegemonialer Interessen in der Krise gedeutet werden: dies äußert sich in einer strukturellen Absenkung des Wohlstandsniveaus und einer Verschärfung außenpolitischer Rhetorik bis hin zur Externalisierung von Krisenkosten in Form von Sozialdumping, gewalttätigen Konflikten und – am Beispiel Griechenlands und Italiens – der Installation technokratischer Regime ohne demokratische Legitimation1.

Im nachfolgenden Beitrag äußert sich Habermas bereits Ende 2011 in Paris zur Lage der Krisenpolitik, dokumentiert bei ARTE:

  1. Wobei man hier nicht sich mit der einfachen Feststellung begnügen sollte, dass nur der Akt der Wahl eine ausreichende Legitimation der Herrschaft begründen würde. In Anbetracht des erschöpften politischen Regulationsmodus, liefern politische Parteien grosso modo identische Antworten und offenbaren damit eine prinzipielle Abhängigkeit von kapitalischer Produktion (zwecks Abschöpfung von Steuern). Grundlegend andere gesellschaftspolitische Angebote werden nicht offeriert, sieht man von den verbalen Protestaktionen verbliebener sozialistischer und kommunistischer Parteien in Südeuropa ab. Das bedeutet, dass das Prinzip der Postdemokratie sich auch in einer Nivellierung parteipolitischer Differenz äußert; es kann demnach im Status quo keine gerechtfertigte politische Legitimation geben, die ihrem normativen Anspruch gerecht wird. Allenfalls formale Akklamtion für einen längst beschrittenen Weg ist zu erwarten. Insoweit muss sich das Argument fehlender demokratischer Legitimation der EU an sich selbst messen und fragen, ob die normativen Grundlagen nicht selbst verkürzt sind. [zurück]

Empirische Belege zur Einkommenssituation in Deutschland

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) widmet sich im Angesicht der Wirtschaftskrise wieder mehr oder minder kritischen Analysen oder zumindest Auswertungen über die wirtschaftliche und soziale Entwicklung der Gesellschaft. Zu den Publikationen des Instituts zählen u.a. die Vierteljahreshefte zur Wirtschaftsforschung. In der Ausgabe 4/2011 wird über Ungleichheitsentwicklungen und Verteilungsspielräume räsoniert. Dabei ist grundsätzlich klar, dass als Arbeitsgrundlage die kapitalistische Wirtschaftsweise zu gelten hat; vielmehr soll ausgelotet werden, inwieweit Aneignungen von Privaten in Form von Vermögen und wachsender Einkommenspreizung wieder (an den Staat als Mediator) zurückgeeignet werden können über Steuern und Abgaben. Interessant ist dabei, dass auch das Instrument der Vermögenssteuer – jahrelang tabuisiert – wieder in die öffentliche Betrachtung gerät: wenn der Staat als hoheitliche Instanz (als Eigner des „Monopols physischer Gewaltsamkeit“ (M. Weber)) sich einer Unterfinanzierung konfrontiert sieht („die Krise des Steuerstaates“), kommen auch Elemente der Nachkriegsregulation wieder ins Gedächtnis. Richard Hauser diskutiert im Zirkular über einen neuen „Lastenausgleich“; dieser, der nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland dazu diente, schuldfreie Hauseigentümer an der Finanzierung des Gemeinwesens durch einer Sondersteuer heranzuziehen, könnte gerade heute, wo auch in Deutschland Immobilien vermehrt als Anlageobjekte erworben und im Umkehrschluss die städtischen Mietpreise in die Höhe treiben, dazu dienen, eine neue Spekulationsblase vor dem Zerplatzen aufzulösen und Geldmittel gesellschaftlich umzuleiten, also zu sozialisieren (siehe dazu auch den Beitrag von Stefan Bach). Weitere Beiträge widmen sich einer Reform der Erbschaftssteuer, der in Deutschland neuen Figur des „working poor“, also der arbeitenden Armen, der Lebenssituation der Geringverdiener und der Möglichkeiten direkter Steuern auf Vermögen. Die Beiträge sind hier abrufbar.

Wagenknecht über Ordoliberalismus und Kapitalismus

Im folgenden Interview äußert sich die Linkspartei-Politikerin Sahra Wagenknecht zu ihren Vorstellungen von Demokratie und Sozialismus sowie ihrer politischen Sozialisation. Dabei werden im Dialog die immanenten Widersprüche ihrer Bezugnahme auf Ordoliberale wie Walter Eucken oder selbst den ehemaligen CDU-Bundeskanzler Ludwig Erhard (der mit der Ideologie vom „Wohlstand für alle!“ dem renovierten Kapitalismus der Nachkriegsgesellschaft Unterpfand lieferte) eindeutig, die in keinster Weise mit sozialistischem Denken vereinbar sind. Gerade Ordoliberale hatten ihre ordnungspolitischen Vorstellungen als Gegensatz zum Sozialismus etabliert und wollten dies unter dem Slogan des „Dritten Weges“ (vulgo: soziale Marktwirtschaft) propagieren. Zwar hat seit den 1970er Jahren die neoliberale Interpretation des Wirtschaftsgeschehens an Deutungshoheit gewonnen, insgesamt aber blieben und sind die kapitalistischen Bewegungsgesetze nach wie vor Faktum. Mit anderen Worten: das Akkumulationsmodell (Ordoliberalismus oder Neoliberalismus) verändert die Grundprinzipien der kapitalistischen Produktion (Privateigentum an Produktionsmitteln, Profitproduktion, Warenförmigkeit der hergestellten Güter und der Arbeitskraft) nicht. Die Bezugnahme auf diese Theoretiker kann daher nur als rhetorische Figur oder symptomale Lektüre verstanden werden, bei der die eigenen Widersprüche herausgearbeitet und gegen die politische Indienstnahme verwendet werden1.

Nichtsdestotrotz bleibt es eine Ausnahme, wenn im öffentlich-rechtlichen (vom privaten ganz zu schweigen) Fernsehen überhaupt Debatten über Kapitalismus und Gesellschaftssystem geführt werden können. Man erlebt seit 2008 – also seit dem Auftreten der Finanz- als Wirtschaftskrise auch in Europa – eine in den Feuilletons geführte Diskussion über die Zukunft des Kapitalismus. Freilich ist die Intention dieser Diskussion immer identisch: es geht um die moralische Absicherung des Status quo und der Versicherung des Auditoriums, dass alles so bleiben kann wie es schon ist. Allein moralische und natürlich reichlich rhetorische Anmerkungen über die Wirkungen der sogenannten „Finanzmärkte“ werden angebracht, ohne dass sich politisch an der Regulationsweise etwas verändern würde. Colin Crouch spricht in diesem Kontext vom „langen Leben des Neoliberalismus“ (in Blätter für deutsche und internationale Politik, Nr. 11/2011). Seitdem die Nationalstaaten in Rettungs- und Stützaktionen maroder Privatbanken eingetreten sind und damit ihre höchsteigene Staatsschuld um ein Vielfaches ausgeweitet haben (und weiter ausweiten im Rahmen internationaler Verpflichtungen und sogenannter „Schutzschirme“), in die zynische, aber systemgerechte Kritik durch Bewertungsanstalten („Ratings“) geraten sind und private Vermögensbesitzer sich unklar über ihre Anlagestrategien fühlen, erlebt man eine Art passive Revolution im Kapitalismus selbst: aus der Bankenkrise wird nunmehr eine Kritik an den vermeintlichen „Staatsaufgaben“ mit der Zielsetzung, noch weitere Betätigungsfelder des Öffentlichen (ich spreche hier vom Kollektiveigentum) zu privatisieren; dies die Dialektik des Kapitalismus.

  1. Es wäre interessant, eine Dogmengeschichte der ökonomischen Analyse mit der politisch-sozialen und historischen Entwicklung abzugleichen und dabei Einflüsse, aber auch Abstoßungseffekte der Theorie und der wissenschaftlichen Diskurse zu ermitteln. [zurück]

Diana Wehlau: Lobbyismus und Rentenreform (2009)

Wehlau legt mit dieser Studie nicht nur eine weitere Dissertation über ein sozialwissenschaftliches Thema vor, sondern zeigt den inneren Konnex von wirtschaftlichen Interessen und politischer Steuerung sehr konkret am Beispiel der Rentenreform der ehemaligen rot-grünen Bundesregierung um 2001 auf. Dabei muss gleich hinzugefügt werden, dass eine alleinige Einschränkung der Rentenreform auf ihren Namensgeber und damit die Fraktionen von SPD und Grünen, zu kurz greift, denn eine solche Umsattelung des Sozialversicherungssystem ist nur im Rahmen zustimmungspflichtiger Gesetzgebung herzustellen: im Bundesrat konnten demnach die Oppositionsfraktionen von CDU/CSU und FDP entscheidende Verschärfungen am Gesetz durchführen. Dies ist gerade für das historische politische Gedächtnis der Republik entscheidend, da das Ende der ersten Legislatur unter Rot-Grün sowie die 2002 nur knapp (aufgrund des Irakkrieges) gewonnene Bundestagswahl stellvertretend für eine bestimmte Sozialphilosophie, aber auch bestimmte Konstellation politischer Interessen und Akteure steht: Die konservativ-liberale Opposition vermochte es in der Phase der größten Kritik gegenüber dem Regierungsstil Schröders (wohlgemerkt noch vor der ‚Agenda 2010′) entscheidende eigene Politikinhalte durchzusetzen, hingegen der Wahlbevölkerung völliges Versagen der Regierung vorzuhalten. Was auch Sicht einer funktionierenden Demokratie berechtigt scheinen mag, überrascht umso mehr, denn die zweite Legislatur stand demnach unter eindeutigen Zeichen (Staatsverschuldung, innenpolitische Probleme, zunehmender Reformbedarf in der gesamten Sozialversicherung wegen vermeintlicher demografischer Effekte, eine katastrophale Arbeitsmarktpolitik mit dem Konstrukt ‚Hartz IV‘ als bis heute nachwirkenden Resultat).

Die angesprochene Sozialphilosophie war jene des Neoliberalismus als einer spezifischen wirtschaftspolitischen Ausrichtung des Regierungshandeln, das über Vertreter des sog. Sachverständigenrates der Bundesregierung für wirtschaftliche Fragen in der Form der wissenschaftlichen Politikberatung diskursiv untermauert worden war. Jene Philosophie des Neoliberalismus steht zwar seit Beginn der Finanz- und Wirtschaftskrise 2007ff. (je nach Bewertung bis 2009 oder auch heute, wenn man die horrend gestiegende Staatsverschuldung auf die Bankenrettungsprogramme der Regierung zurückführt) in der (mehr…)

Wacquant: Elend hinter Gittern (1999)

Wacquant, Schüler Pierre Bourdieus und seit einigen Jahren Professor für Soziologie in Berkeley (Kalifornien), legte mit „Elend hinter Gittern“ bereits 1999 seine erste Monographie zu einem Thema vor, deren Pfade sich seitdem weiter verschlungen, deren Instrumente hingegen von Bourdieu vorbereitet worden sind. Der Pfad ist jener der Verarbeitungsformen von Armut in postmodernen, sog. „nachindustriellen“, im weitesten Sinne spätkapitalistischen Gesellschaften des Westens. Die Instrumente sind jene der reflexiven Anthropologie und Praxeologie, also der Forschung vor Ort, hautnah in den Lebensbereichen der Betroffen.

„Elend hinter Gittern“ ist zunächst eine Diskursanalyse. Wacquant fragt danach, was eigentlich den Strafrechtsdiskurs des „Law and Order“ so attraktiv mache für Politiker der USA und später auch Großbritannien sowie Westeuropa und stellt die These auf, dass eben diese Strafpraxis nur die Kehrseite einer Deregulierung von vormals sozialstaatlichen Sicherungsrechten sei. Im Zuge des Abbaus von Teilhabemöglichkeiten vergrößere sich die Prekarität, die Armut wächst rapide, Einkommen spreizen sich und vormals kollektive Risiken (mehr…)

Interessen und Konfliktzuspitzung um Iran

Die aktuelle offizielle Berichterstattung zum Iran erscheint im üblichen Licht, das ich nicht gesondert kommentieren will. Die Meldungen gleichen sich in ihrem Duktus, ihrer moralischen Stoßrichtung sowie den politischen und ökonomischen Untertönen. Eine Zuspitzung hin zu einer offenen militärischen Konfrontation (ggf. auch zunächst erst gegen Syrien, um dann einen Zangengriff anzusetzen) wird immer deutlicher.

Die Interessen der US-amerikanischen außenpolitischen Entscheidungsträger werden u.a. auch vom Center for Strategic and International Studies (CSIS) bestimmt. Eine ihrer Akteure, Anthony Cordesman, äußert sich in diesem bereits im Dezember 2011 aufgezeichneten hauseigenen Interview zur Lageeinschätzung in den USA:

Im Kontrast dazu findet sich bei Democracy now! eine Lageeinschätzung eines Politikwissenschaftlers mit iranischer Expertise:

Elmar Altvater et al. über Demokratie, Kapitalismus und eine notwendige Transformation

Altvater erscheint in der ausgedehnten Krise wieder als ein gefragter Gesprächspartner. Der seit einigen Jahren emeritierter Professor für Politische Ökonomie an der Freien Universität Berlin, hat sich über Jahrzehnte mit dem Wachstumsfetisch der Ökonomen befasst und vor einer Universalisierung des Marktes stets gewarnt. Dass die gegenwärtige „Krise“ von einer Krise der Warenproduktion sich zur Banken, dann Staatschulden und nun in etlichen Gesellschaften auch zu einer permanenten Gesellschaftskrise (verstanden als Krise der geistigen und materiellen Ordnung) ausgeweitet hat, zeigt sich an den politischen Umständen. Im Grunde hat sich seit den ersten kritischen Untertönen gegen Neoliberalismus und Marktparadigma mit Beginn der Bankenkrise 2007 nicht viel getan, außer dass unzählige Debatten geführt und Bücher geschrieben und insoweit ein gewisser Anteil an der Gesamtnachfrage auf irgendwie diffuse „Kapitalismuskritik“ entfallen ist. Dies verändert natürlich nichts an den geregelten Dingen, da eine grundsätzliche Infragstellung des Gesellschaftssystem von der Mehrheit seiner Insassen nach wie vor nicht forciert wird. Die Unzufriedenheit wird entweder sublimiert (kulturelles Milieu), hedonistisch „überlebt“ (statusorientierte Mittelschicht) sowie im Wege des Fremdenhasses kanalisiert. Eine Renationalisierung der Außenpolitiken geht einher mit einer Verlagerung der Krisenszenarien in außenpolitische Bedrohungskonstellationen (Syrien, Iran)1 und dient in Teilen der innenpolitischen Stabilisierung durch plumpe Ablenkung. Gleichwohl sind die jeweiligen Interessen nicht nur ideologischer, sondern auch handfester geoökonomischer Art (Einflussnahme auf strategisch wichtige Zufahrtsstraßen, Schiffahrtswege; Sicherung von Rohstoffen, Absatzmärkten, technische Abhängigkeiten aufbauen usf.). Innenpolitisch werden alte Diskurse und Elemente einer Elitetheorie der Demokratie und eines medienwirksam vermittelten „(digitalen) Protests“ für Irreführungen politischer und sozialer Art verwandt. Wo Debatte und Diskussion entfallen sollen, weil das „Vertrauen der Finanzmärkte“ Primat der Regierungspolitiken ist, werden am besten gleich Technokraten inthronisiert (Griechenland, Italien). Dazu schon 2008 Altvater:

Die Pfade der Diskussion werden weitergeführt von Beat Ringger („Maßt euch an!“; Münster, 2009); Alex Demirovic („Der nonkonformistische Intellektuelle“, Frankfurt/Main, 2009; TU Berlin) und Ulrich Brand („Postneoliberalismus“, Hamburg, 2010; Uni Wien):

  1. In Syrien in Form der defätistischen Kritik, die bereits für die Beförderung des Bürgerkriegs in Libyen angewandt wurde und notfalls durch den erneuten Einsatz der NATO-Luftwaffe bestärkt werden könnte. Die Krisenszenarien für Iran scheinen wesentlich dramatischer aufgrund der geopolitischen Situation und geographischen Korridorlage zu Zentralasien. Ein Krieg mit Iran, unter Führung der USA, unter Gefolgschaft der Briten sowie unter Anteilnahme, und wenn auch nur Duldung, der NATO-Staaten, sollte weitaus verheerende Konsequenzen für die politische Lage im Nahen und Mittleren Osten bedeuten und dürfte aufzeigen, inwieweit die Renationalisierung von Außenpolitik mit der Sicherung der politischen Vormachtstellung sog. „Supermächte“ wie den USA einhergeht. China und Russland werden sich je positionieren, auch neue Stellvertreterkriege mit allierten Staaten und durch die USA inthronisierten Marionettenregimen, sind nicht auszuschließen. Bereits seit Jahren wird die kapitalistische Peripherie nach Ressourcen sondiert und bilaterale Abkommen zur wechselseitigen Unterstützung für oder wider US-amerikanischer Patronage unterzeichnet. Deutschland positioniert sich seit der „Finanzkrise“ 2007 auf eigene, ökonomische Weise in der EU, in Europa und beginnend aber forciert auch global: der US-Amerikaner Tony Corn, außenpolitischer Berater über Deutschlands Absichten, nicht minder eigeninteressiert in der FAZ: http://www.faz.net/-gqz-6wcxm ; ein russischer Offizier zu den Kriegsplänen gegen Iran [zurück]