Archiv der Kategorie 'Fotografie'

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Kontraste

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Exil

Das mit dem Schäfer sei alles sehr schnell gegangen, berichten die Leute im Dorf. Dass es soweit kommen musste, war abzusehen, heißt es, und dass er, also der Schäfer, es nicht anders verdient habe. Vielmehr sei es all die vergangenen Jahre stets nur eine Frage der Zeit gewesen, dass passieren würde, was nun passiert war. Man konnte es drehen und wenden wie man wollte, die Leute im Dorf verstanden es, zu einer sie in der Tat – und ihre schlecht gespielte Prätention unterstrich dies nur – vollends überraschenden Angelegenheit, eine adäquate Geistesverfassung an den Tag zu legen. Schäfer war stets ein verschlossener Mann, sagt man sich. Doch dass diese Verschlossenheit dahinführen würde, wohin sie ihn nun schlussendlich geführt hat, konnte niemand auch nur im Ansatz erahnen, denn jene konsequente Verschlossenheit des Schäfer, wurde ihm, dem Schäfer, jedes Mal als eine positive Charaktereigenschaft attestiert. Dass es sich um einen ruhigen, besonnenen Zeitgenossen handeln muss, war die jedesmalige Auskunft eines zum ersten Male mit dem Schäfer in Kontaktgetretenen. Der Schäfer strahlte eine Besonnenheit aus, dergestalt, dass man stets zugeben musste, und die Dorfbewohner taten dies ohne Scheu, dass man ihn, den Schäfer oftmals hintergehen konnte, dass man ihn aufgrund seiner Verschlossenheit, welche ihm ja in der Tat jedes Mal als eine positive Charaktereigenschaft, wenn nicht sogar Charaktergröße attestiert wurde, über den Tisch ziehen konnte, wie sich die Leute im Dorf ausdrückten. Es war stets klar: mit dem Schäfer, da habe man keinen Widerstand gegenüber. Jene positive Grundstimmung, mit der die Leute im Dorf vormals dem Schäfer begegneten, wurde durch die illusionslose Realität innerhalb der Schäferschen Familie konterkariert, erzählt man sich im Dorf. Schon seit der Heirat der Eheleute Schäfer sei den Dorfbewohnern klar gewesen, dass ein solch verschlossenes Gemüt, wie es er, der Schäfer, fortwährend offenbarte, nicht mit der Affektiertheit seiner Frau, der Schäfer, konvergieren konnte. Dass die Ehe eine Farce sei, sprachen die Dorfbewohner jedoch nur hinter vorgehaltener Hand, aber niemals, wenn sie, die Schäfer, beim örtlichen Metzger einkaufen, oder wenn er, der Schäfer, im örtlichen Rathaus ein amtliches Dokument aufgeben gingen. Es war ein andauerndes Grüß-Gott-der-Herr-Schäfer-und-wie-geht-es-der-werten-Gemahlin in gleichem Maße, wie es ein andauerndes Guten-Tag-die-Frau-Schäfer-und-grüßen-sie-den-werten-Gemahl-nur-ganz-recht, gewesen sei: ein nicht enden wollendes Vorgeben und Sich-Fügen. Stets gaben die Dorfbewohner oder stets gaben die Schäfers vor und in gleichem Atemzuge fügten sich die Dorfbewohner oder fügten sich die Schäfers in die ihnen jeweils vorgegebenen Rollen.

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Nichts jedoch konnte über den Zustand der desolaten, ja bald hybriden Ehe hinwegtäuschen, wie man sich im Dorf erzählte. Dass er, der Schäfer in seiner Verschlossenheit ihr, der Schäfer, die allergrößten Sorgen und Probleme bereitete, sei ihm, dem Schäfer, offensichtlich niemals, den Dorfbewohnern dafür anscheinend sofort ersichtlich gewesen. Die Schäfer habe sich immer darum kümmern müssen, für jene Verschlossenheit, die ja in einer tiefen seelischen Zerfressenheit des Schäfers gründete, angemessene Ausflüchte zu finden, wenn es wieder einmal zu eruptiven Ausbrüchen dergestalt kam, dass er, der Schäfer, unvermittelt und vollkommen aus dem jeweiligen Kontext gerissen, wildfremden Menschen Schimpfworte und Worte der Verleumdung an den Kopf warf, oder aber dass er seinen eigenen Töchtern gegenüber die allergrößte Gefühlskälte und Distanz an den Tag legte, die selbst ein feindlich gesinnter Wildfremder nicht an den Tag zu legen vermag. In der Tat sei die Gefühlskälte gegenüber den eigenen Töchtern die größte gewesen, berichtet man sich im Dorf. So kam es folgerichtig zu Wortgefechten, Streitereien und Gebärden des Hasses, welchen die Mutter in ihrer die Fassade der bürgerlichen Familie wahren wollenden Attitüde mit Beschwichtigungen und auch Ohnmachtsanfällen auf das Verzweifelste zu begegnen suchte, wenn es hieß, dass jene Töchter, nicht seine, des Schäfers Töchter seien, oder aber wenn es hieß, dass die Indifferenz des Vaters gegenüber dem Lebensverlauf der eigenen Töchter eine Niedertracht, ja vielmehr eine Böswilligkeit sei, die ihren Ursprung nur in den infantilen Depressionen, dem Narzissmus und Geltungsbedürfnis des Vaters hätten. Und dass jenes Geltungsbedürfnis nur folgerichtig jedes Mal konterkariert und somit er, der Schäfer nur logisch lächerlich gemacht werden würde. Dass es sich bei seiner Isolation und bei seiner Verschlossenheit um eine irre Spinnerei, eine Anormalität handele, war zu vernehmen, wohingegen sie, die Schäfer, stets anführte, dass es der Vater in seinem Leben nicht leicht gehabt und er ein stück weit Verständnis seitens seiner Töchter dringend notwendig hätte, um nicht unterzugehen im eigenen Gemütsdunkel. Im Dorf erzählt man sich weiterhin, dass eines Abends die ältere der beiden Töchter in heftigster Gemütsanwallung – welche ihren Ausdruck in einer nahezu apathisch-grübelnden Erscheinung fand – nach Hause kam, um dem Vater von einer ungewollten und nunmehr nicht zu verheimlichenden Schwangerschaft zu berichten. Dies tat sie einzig und allein aus einer inneren Verzweiflung heraus und in dem Glauben, im Vater tatsächlich einen Verbündeten im Kampf gegen das eigene Seelenunheil zu finden. Doch auf die furchtsam in den Raum geworfene Äußerung hin, dass sie, die ältere Tochter des Schäfer, schwanger sei, folgte nach minutenlangem Schweigen, nur eine lapidar dahingesagte Antwort des Vaters, welche ihre Quintessenz in den Worten „du kennst meinen Standpunkt“ fand. Die ältere Tochter habe schwer an diesen Worten zu zehren gehabt, einzig ihre Meinung, ihre Grundannahme ihren Vater betreffend, bestätigten diese Worte, sodass sie selbst Jahre später aus nicht minder freien Stücken einem Anteilnehmenden gegenüber offenbarte, dass solche Worte von der tiefen Gleichgültigkeit des Vaters gegenüber dem Leben der eigenen Töchter zeugten. Was jedoch niemand rekonstruieren konnte, das waren die Gedankeninhalte des Schäfers höchstselbst, und wie sich für ihn die sich vor ihm abspielenden Prozesse tatsächlich darstellten. In seinem Kopf herrschte augenscheinlich eine innere Zerrissenheit, die ein geeignetes Antworten, also ein der Situation oder aber der Geistesverfassung und dem Gemüt des Gegenübers entsprechenden Art und Weise verunmöglichten. Es war eine Art Kontrollverlust über die notwendigen Spielregeln, welcher zugleich durch externe Beobachter als eine Art geistiges Exil identifiziert wurde, in das sich der Schäfer hineinbegeben hätte. Die erfolgte Konsequenz, also der Selbstmord des Schäfer, schilderte in der Tat nur davon, dass jene innere Zerrissenheit, jener Zwiespalt des Gemüts, den Schäfer malträtierten; zeugten von einer den Schäfer übermannenden Last. Der Freitod war die einzig verbliebene Alternative, um jenen Anforderungen der Umwelt, welchen der Schäfer nun einmal einfach nicht gewachsen war, zu entkommen, ja vielmehr zu entfliehen. Dass dies nur folgerichtig schien, darauf ließen die Leute im Dorf immer noch, also Jahre nach dem Geschehen, nichts kommen.

Deprivation

Es gelte Momente der totalen Einsamkeit zu überwinden, wenn man sich an jemanden verloren habe, führte Meyer weiterhin aus. Nicht, dass es durchweg in einem negativen Bedeutungszusammenhang stehen müsse, wenn wir uns auf den Anderen beziehen. Allzu oft sind wir geneigt, die Formel zu bemühen, wonach „Ich“ ein anderer sei. Und wenn ich vorhin in einem nicht weniger aufgeregten Duktus von der Entsetzlich- und also Gefährlichkeit des wechselseitigen Bezugs aufeinander sprach, so waren diese meine Eindrücke einer inneren, mir ja tatsächlich innewohnenden Anspannung geschuldet, so Meyer. Ob ich ein Opfer meiner eigenen Prätention sei, fragte der Meyer rhetorisch. Nein, es gelte jene qualitativ wertvollen Beziehungen aus der Masse herauszufiltern und für uns zu bewahren. Wir müssen stets den Gefährdungen aus dem Weg gehen und damit die Körper- und auch die Geistesgefahr umgehen, so dass wir in der Tat gestärkt aus mancher Beziehung hervortreten können, fuhr Meyer fort. Wir können niemals einfach stehen bleiben und beschließen, uns selbst und unser Wesen zu verschließen und niemanden mehr an uns ranzulassen. Die vollkommene Isolation ist ein Martyrium für unsere Seele, dessen wir niemals habhaft werden wollen, selbst wenn wir fortwährend und insbesondere in Momenten der äußersten Anspannung und der äußersten inneren Unruhe konstatierten, dass eben jene Isolation das einzige Mittel für unser Überleben wäre. Sie schreckt uns in ihrer Deprivation zu sehr, als das wir tatsächlich den entscheidenden und damit zugleich schlussendlichen Grenzgang hinter uns bringen würden. Im Grunde suchten wir fortwährend nach Verbindung zum Anderen.

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Einzig neigten wir dazu, das Niedergedrücktwerden durch den Einzelnen zu pauschalisieren und damit eine spezifische Geisteshaltung zu verabsolutieren, wo eine solche Verallgemeinerung unzulässig, weil unserem Drang zum Überleben abträglich sei, sprach Meyer in nun ruhigerer Diktion. Wir sehnten uns nach Zuwendung durch den Anderen, nach Bestätigung, ja nach jenem Gefühl, welches wir als „Halt“ oder „Geborgenheit“ bezeichneten. Das total Desperate um uns herum, mache uns sehnsüchtig nach sogenannten Verbündeten, nach Kombattanten oder als Mitstreiter identifizierten Mitmenschen. Zeitgenossen, denen wir unser Herz schenken könnten, ohne dabei in die Fahrlässigkeit des eigenen Sich-aufgebens abzugleiten. Dies sei eine nur hauchdünne imaginäre Grenze, welche die meisten Menschen jedoch blindlings überschreiten würden, einfach weil sie zu schnell zu viel vom Anderen verlangen würden und dabei vollends ausblenden, dass der Andere in ebenso desolater Lage stecke, wie man selbst es ja dauernd vorgebe.

Refraktärphase

Es sei gefährlich, sich auf einen Anderen einzulassen, äußerte Meyer in nachdrücklichem Ton. Dass es gefährlich, man sich aber dieser Gefahr niemals auch nur im Ansatz bewusst sei, bedeute zugleich in einen Zustand der gesellschaftlichen Ohnmacht zu verfallen. Es sei vielmehr ein komatöser Dämmerzustand, in dem wir dahin trieben, einzig, weil der Bezug auf den Gegenüber ein über und über für uns gefährlicher und also sowohl unserer Physis als auch Psyche abträglicher, ja zersetzender Zustand sei, so Meyer. Wir kämen jedoch niemals umhin, uns trotz aller bisher erfahrenen Zurückweisung, die der Bezug auf den Gegenüber unweigerlich, in letzter Konsequenz sogar gewalttätig mit sich bringe, wiederum in die Falle zu tappen und wiederum uns auf den Bezug auf den Gegenüber einzulassen. Es handele sich dabei, so Meyer, um ein in der Tat borniertes Verhaltensmuster, welches wir einfach nicht, niemals, skandierte Meyer, abzulegen bereit seien und es wäre jedes Mal nur eine Frage der Zeit, ja mehr eine Sache von wenigen Millimetern, dass wir dem Tode durch den Anderen hervorgerufen, entgingen. Der Tod lauere in allen Beziehungen, die wir eingehen, sagte Meyer und wandte sich mir ab, dem Fenster entgegen. Der Tod ist der stille Hinterhalt, in den wir gelockt werden sollen und in unserer infantilen Einfalt, in unserer stupiden Gesellschafts- und Alltagsmelancholie verfallen wir jedes Mal aufs neuerliche dem Geschwafel irgendwelcher dummen, regelrecht dahergelaufenen Trottel, welche uns weiß machen wollten, mit ihnen lägen wir richtig, auf sie könnten wir bauen oder zählen oder was auch immer in jenen Momenten der Gefühlsduselei angeführt würde. Ständig handele man sich selbst und seiner eigenen Verletzlichkeit neue Wunden zu, weil es andauernd ein Hinundhergezogenwerden ist, zwischen diesem und jenem Gefühl, dieser und jener Emotion, vielgestaltigen Gedanken, welche tatsächlich niemals aufhörten, sondern uns tagtäglich begleiteten, sobald wir uns auf jemanden einließen, meinte der Meyer. Dass das Sich-einlassen mitunter die heftigsten Kontraktionen für unser Hirn bedeute, sei uns in jenen Momenten der gefühlten Schwäche einerlei. Wir kümmerten uns nicht, ja tatsächlich niemals darum und schlügen uns vermeintlich abträgliche Gedanken an die Realität, welche uns vielmehr als eine Illusionslosigkeit erscheine, einfach aus. Wir verwerfen sie!, rief Meyer. Zu wem, das konnte ich nicht ausmachen. Höchstwahrscheinlich zu sich selbst.

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Der Andere glaube sich alles mit uns erlauben zu können, nur weil er mit uns in Kontakt getreten ist. Er schleicht sich zuerst in unser Bewusstsein, später in unser Herz. Danach ist er in der Lage alles mit uns anzustellen, was ihm beliebt, wir werden willfähriges Material seiner Wünsche, Obsessionen und Ideen. Wir verlieren uns selbst im Anderen. Zeitweilig glauben wir uns gut darin aufgehoben, doch nach und nach erkennen wir, dass jene vormaligen positiven Assoziationen in Bezug auf den Gegenüber sich wandeln zu einem unklaren Zerrbild und wir unserem Selbstgefühl verlustig gegangen sind. Alles hängt dann am Anderen, jede unserer Entscheidungen ist durch ihn beeinflusst, wenn nicht gar evoziert. Es gerät uns zu einem Strick, nur, dass wir uns selbst zur Exekution ausgeliefert, also freiwillig gestellt haben und nicht einmal flüchtig sind, ja nicht einmal gedanklich abtrünnig werden können. Irgendwann jedoch verliert der Andere das Interesse an uns, was wohl nur eine Folgerichtigkeit sei, so Meyer, denn irgendwann seien wir einfach ausgelaugt, ja vielmehr ausgesaugt durch den Anderen, der sich all unsere Eigenheiten einverleibt hat, unser vermeintlich vorhandenes Wesen inhaliert und uns damit verunmöglicht hat, sprach Meyer in aufgeregtem Duktus. Sicher, es kämen Phasen der Abstinenz und der Regeneration. Momente, in denen wir glaubten, wieder ganz uns selbst zu gehören. Momente der Stärke. Aber dieser Glaube an eine ja in der Tat gar nicht existente Stärke, gerät uns einstweilig zu erneutem Übermut und wir ließen uns wieder vereinnahmen durch einen dahergelaufenen Gegenüber.

Out To Lunch

Fotografiert in Berlin-Mitte und Berlin-Prenzlauer Berg, November 2007.

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