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Festtagsreden aus politiktheoretischer Sicht

An Festtagen wie Weihnachten oder Neujahr lassen es sich sogenannte Spitzenpolitiker nicht nehmen, ihrem „Volk“, also ihren Untertanen kundzutun, wohin die Reise in der Folgezeit – meist dem nächsten Kalenderjahr –, gehen wird. Zugleich wird ein kritischer Rückblick auf das Vergangene vorgenommen und die Subjekte in Pflicht und Haftung genommen für vermeintliche Versäumnisse, schlechte Ereignisse und verpasste Gelegenheiten. Dass all diese Versäumnisse, Ereignisse und Gelegenheiten letztlich sich erschöpfen in einem mühevollen „Jawoll!“ zur Nation, das ist ausgemachte Sache. Dass hingegen das Wohl und Wehe der sogenannten einfachen Leute, die sich irgendwie zur Lage der Nation verhalten müssen, darin nicht vorkommt oder wenn, so nur als abhängige Variable von Fremderfolgen, soll ohne weiteres akzeptiert werden. Die erste Funktion von Festtagsreden besteht also in der Einschwörung der Gefolgschaft auf die herrschende Ordnung und Lehre (Prinzip Sicherung orthodoxer Loyalität).

In der Folge müssen dafür natürlich Zugeständnisse an das Gedankenwirrwarr des Pöbels gemacht werden, der sich ja nicht zuletzt mit Fragen wie den steigenden Energiekosten, Steuerzahlungen, Nachforderungen und Aufschlägen von Vermietern und Anspruchshaltern, Firmenchefs und Managern sowie Bank- und Versicherungsvertretern und obendrein noch der Staatsmaschinerie (mehr…)

Quo vadis Irak?

Die immer wiederkehrenden Meldungen über Anschlagsopfer im Irak, das beinah wöchentliche, wenn nicht tägliche Summieren von Toten bei Bombenattentaten in Bagdad oder Kirkuk oder Mossul zeigen auf, dass der Irak – knapp zehn Jahre nach dem Sturz des Regimes der Baath-Partei um Sadam Hussein –, alles andere als ein geglücktes Staatswesen ist. Wo nicht einmal elementare Grundrechte wie die Unversehrtheit des Lebens garantiert werden können, weil das Gesetz der Straße herrscht, das den Duft religiöser und sozialer Spannungen atmet, da hat ein sogenannter „regime change1“ wie es im Englischen heißt, keinerlei humanen Fortschritt bewirkt. Auf der bisweilen auch zynisch erscheinenden Liste gescheiterter Staaten rangiert der Irak im Jahr 2012 auf Platz 9, (mehr…)

Soft Power – der stumme Zwang der Verhältnisse

Joseph Nye ist Studierenden der Internationalen Beziehungen kein unbekannter Name. Der außenpolitische Berater der Obama-Administration und kurzzeitig stellvertretende US-Verteidigungsminister (unter Clinton) bereitet regelmäßig Variationen seiner seit gut zwei Dekaden vertretenen Soft Power-Doktrin auf und adressiert diese an außenpolitische Entscheidungsträger1. Unter Soft Power subsumiert er die Einsicht, dass allein auf Zwang keine politische Herrschaft dauerhaft bestehen kann, zugleich ist die Anerkennung durch Internalisierung und Affirmation wesentlich effektiver, weil kostensparender. Insoweit ähnelt Nyes Argumention jener des Neogramscianismus (vgl. R. Cox, S. Gill, K. van der Pijl u.a.), verkehrt allerdings die politische Stoßrichtung und legitimiert relativ offen das Vorgehen der USA. Zusammen mit Robert Keohane gilt er auch als Vordenker der Interdependenztheorie/Regimetheorie – einer Verzweigung bzw. Synthese realistischer und institutionalistischer Theorien in den Internationalen Beziehungen –, welche die Notwendigkeit von transnationaler Zusammenarbeit in Form normativer Gebilde (Institutionen und Organisationen) anerkennt, natürlich unter US-amerikanischer Prärogative. Im nachfolgenden Interview mit Harry Kreisler diskutiert er die neueste Variation2 seiner Soft Power-Doktrin und erklärt, warum die USA weiterhin die einzige globale Macht bleiben werden (natürlich nur, wenn sie Nyes Vorschläge beachten…) und weshalb die BRICs und allen voran Russland und China auch in den kommenden Jahren international nicht konkurrenzfähig sein werden (eigenartigerweise rekurriert Nye an dieser Stelle auf die militärische Macht der USA, wodurch Soft Power unverhohlen als ideologisches Instrument kenntlich wird; Geltungsglaube ist auf dieser Ebene kaum dauerhaft zu erwarten, dürften doch die diplomatischen Gepflogenheiten der USA somit leicht für Dritte durchschaubar sein):

  1. Zum Beispiel über die Trilaterale Kommission, ein globaler Think Tank, der sich als Sprachrohr und Mittler der G7-Eliten versteht und turnusgemäß zu Lageeinschätzungen exklusive Treffen lädt. Als Denkfabrik setzt sie Nyes (zugleich US-Vertreter im Vorstand) Zielvorstellungen um und versucht sich an der Etablierung kultureller Hegemonie im außenpolitischen Diskurs; bemerkenswert ist auch die Schar deutscher Interessenvertreter in diesem Club: http://de.wikipedia.org/wiki/Trilaterale_Kommission#The_German_Group[zurück]
  2. Joseph S. Nye (2011): The Future of Power (dt.: Macht im 21. Jahrhundert. Politische Strategien für ein neues Zeitalter), New York: Perseus [zurück]

Kooperation ist nicht Sozialismus

Es gäbe vielfältigen Anlass, sich über den Zustand der Gegenwartsgesellschaft (nicht: „Der Welt“!) Gedanken zu machen. Man würde eventuell feststellen, dass etliche Dinge – gleich ob alltägliche Verrichtungen oder auch sogenannte Anlässe – nicht nur sehr komisch ausgehen, sondern auf grundlegende Probleme des sozialen Gefüges verweisen. Unterm Strich lassen sich diese Probleme – ob fehlende Studienplätze, Gewalt im wechselseitigen Bezug oder Umweltverschmutzung –, auf ökonomische Fragen zurückführen: entweder verfügt einer über zu wenig vom Schmierstoff dieser Gesellschaft (Geld) oder andere wollen noch immer mehr für sich individuell herauszuziehen, als geht. Die vielfältigen auch wissenschaftlichen Deutungsangebote stellen sich teils äußerst nichtssagend neben diese Probleme und problematisieren diese als Probleme ein zweites Mal, um sich in der Folge immer weiter von den Ursprüngen zu entfernen. Dahinter mag mitunter plumpe Absicht als Täuschung stecken, teils auch überzeugte Naivität (sic!), die sich fortlaufend an sich selbst erschöpfen muss (wobei der Fehler dann ja zumeist bei anderen Personen gesucht wird), im schlimmsten Fall aber haben uns gelehrige Personen wie auch Witzfiguren des Alltagslebens (sog. Autoritätspersonen wie Eltern, Lehrer, Sozialpädagogen, Pfarrer usw.) schlicht und ergreifend nichts als ihre eigene Ahnungslosigkeit mitzuteilen.

An der so immer fort laufenden und lebenden „Realität“ perlt dies, gleich einem Lotuseffekt, ungerührt ab. So, wie sich aufgrund endloser „Diskussionsrunden“ und Matinees, Abendveranstaltungen und Vortragsreihen nichts Grundlegendes verändern kann, weil die Welt ideell verdoppelt wird und lediglich Habituseffekte ausagiert (bei jungen Leuten: eingeübt) werden sollen, so kann auch die über Jahrzehnte, Jahrhunderte ausgebildete Dichotomie von körperlicher und geistiger Arbeit nicht – auch nicht durch rein quantitative „Bildungsexpansion“ – überwunden werden. Im Gegenteil: wurde die Ausweitung von Studienberechtigungen noch in den 1950er und 1960er Jahren als durchaus harter Kampf um Anerkennung in der Prestige- und Statusordnung der Gesellschaft identifiziert, haben sich Studierende kritisch und reflexiv mit dem ihnen verabreichten Stoff befasst und den Disput mit dem amtlichen Lehrpersonal gesucht, so verbleibt heute nur selektiver Karrierismus – also das Lernen fürs Karrieremachen – unter Rückzug in Familie und/oder piefiger Partnerschaft. Eine grundlegende Regression der Sozialverhältnisse bedeutet mittelfristig auch eine Degeneration der durch Konflikt hervorgerufene Kreativität.

In der Klassengesellschaft sind Konflikte an der Tagesordnung, die Wissensgesellschaft will diese aber nivelliert haben. Nun weiß jeder Trottel, der die Abendnachrichten nur verfolgt, dass die Welt weiterhin nach ganz primitiven Kriterien untergliedert ist: Status, Einkommen, Macht, was durchaus auch ganze Nationalstaaten dazu anhalten kann, Kriege zu führen. Wenn dann darüber schwadroniert wird, dass „Kooperation“ das Allheilmittel für erlebte Absurdität und Unterdrückung ist (vermittelt über Vermieter und Gerichtsvollzieher, über Lehrer und Chefs, über Behörden und Schwiegermütter, über Motorradfahrer und Biosprittanker, über Billigflieger und First-Class-Snobs über über über…), dann wird dies nicht als Hohn aufgefasst, sondern dankend und staunend aufgenommen. Doch Kooperation ist die Fortführung der langweiligen Arbeit, bedeutet das Eingeständnis, dass ein technischer Konflikt (z.B. Regelung einer Verwaltungsangelegenheit) nicht mit Holzhammer und Brechstange sowie krudem Egoismus zu regeln ist , sondern im Gleichklang: „Wir sitzen alle im selben Boot!“ oder auch „Es gibt keine Parteien mehr!“ wären dann die nicht nur von kriegsdämmernden alten Säcken intonierten Sonntagsbotschaften, sondern gar ernst gemeinte Verhaltensstrategien von Personalberatern und „Coaches“. Die dämliche Einsicht, dass fehlende Mittel nicht durch noch soviel ideellen, bald ideologischen Einsatz zu ersetzen sind, mag nicht kommen, denn man wird ja partout nichts auf die herrschende Wirtschaftsordnung geben. Aber Kooperation – bei aller Harmoniesucht und „Liebe Frau X“ in der Mail-Anrede –, ist und wird nie sein: Sozialismus. Kooperation ist die Ausrede dafür, dass wir tief in der Scheiße stecken, aber dennoch weiter atmen und „danke“ sagen sollen, Kooperation wird keine tiefsitzende Krise (Finanz- als Gesellschaftskrise) lösen, sie wird allein den ideologischen Schleier noch einmal über das legen, was wir doch schon bald weggeräumt hätten: die den Menschen wechselseitig malträtierenden Arbeits- und Lebensverhältnisse in der modernen kapitalistischen Gesellschaft.

Die Welt von Morgen (LMD)

Der Atlas der Globalisierung, herausgegeben bei der Monatszeitung Le Monde diplomatique reicht in regelmäßigen Abständen Ansichten und Einsichten zum Stand der globalen Kräfteverhältnisse und politischer Konfliktlagen. Angereichert wird das Angebot durch instruktives Grafiken- und Kartenmaterial, das auch komplexere Zusammenhänge einem schnellen Zugang eröffnet. Schon 2009 wurde die Verschiebung lokaler Machtzentren bebildert, wie die hier abrufbare Karte von Philipp Rekacewicz aufzeigt. Klar erkennbar wird, dass die heute noch tonangebenden Staaten der G7 eingeholt werden von den aufstrebenden BRICs (eine Kurzform für die industriellen Schwellenländer Brasilien, Russland, Indien und China). Doch während die BRICs in der einschlägigen politischen Publizistik bereits Aufmerskamkeit erfahren, bleiben Staaten wie Mexiko, Südafrika, Türkei oder Indonesien eher außen vor. Ihnen wird aufgrund diverser innenpolitischer Probleme regionale Konfliktfähigkeit abgesprochen. Dieser Tage wird diese Ansicht am Beispiel der Türkei Lügen gestraft, denn es wird immer deutlicher, dass sich hier eine Regionalmacht erneut etablieren möchte. Erneut deshalb, da Anklänge an den alten imperialen Glanz des Osmanischen Reichs gesucht und in Form kulturindustrieller Adaption auch symbolpolitisch nutzbar gemacht werden soll. Mit den Kräfteverschiebungen innerhalb der globalen Ökonomie (ausgedrückt im Zuwachs an ausländischen Direktinvestitionen und Fremdwährungsreserven, besonders signifikant am Beispiel Chinas) verändert sich nicht der Herrschaftscharakter des politischen Zugriffs auf Mensch und Natur, im Gegenteil erlebt man zwar eine gewisse Verschiebung des Diskurses wie am Beispiel der Rede einer möglichen „multipolaren Weltordnung“ von einigen G20-Staaten (z.B. Russland, China und Indien) dargelegt wird, dennoch oder zugleich wird der neue regionale Machtanspruch dieser Staaten mit außenpolitischem Chauvinismus und einer Betonung nationalistischer Agitation erkauft. – Man kann einwenden, dass dies nie anders gewesen war und gerade Westeuropa und die USA in gewalttätiger Hinsicht negative Maßstäbe in Sachen Chauvinismus und Nationalismus gesetzt haben, und doch ist es eine eher regressive Tendenz, da noch in den 1990er Jahren irrtümlich von einer Befriedung internationaler Konfliktverhältnisse ausgegangen war. Damals schien alles auf eine unipolare Weltordnung unter US-Hegemonie zu sprechen und die ökonomischen und politischen Entwicklungstendenzen gen formaler Demokratie und kapitalistischer Marktwirtschaft zu weisen. Ja, beide Prämissen wurden geradezu als politischer Exportschlager betrachtet, für den es lohnen sollte, Kriege zu unternehmen.

De facto ist seit 1990 eine Zunahme regionaler und nur lokaler Gewaltkonflikte zu erkennen1. Große Kriege finden nicht mehr statt, Umfang und Form der zwischenstaatlichen Aggression haben sich verändert und neue Gewaltakteure sind hinzugetreten. Eingebunden in die globale Ökonomie von Menschen- und Waffenhandel sowie Drogenkriminalität und Schattenwirtschaft haben sich teils weitgehend informelle Felder politischer und semi-politischer Autorität ausgebildet. Zur Absicherung von Einflusssphären nutzen Mafia, Hehler und Schmuggler private Sicherheitsfirmen, die ihre Mannstärke aus den aufgelösten Großarmeen der zerfallenen Satellitenstaaten der UdSSR, aber auch den dezimierten Heeren der USA und sonstiger im Kalten Krieg integrierter Personaldienstleister bezogen. Doch nicht allein die Etablierung einer „zweiten“, weitgehend informell organisierten Wirtschaft neben der „eigentlichen“ kapitalistischen Verkehrswirtschaft ist die Besonderheit, vielmehr ergänzen sich diese und sind Folge nicht allein einer Erosion von Gewaltmonopolen in vielen Schwellen- und Entwicklungsländern, sondern integraler Bestandteil einer auf bestimmte Fraktionen begrenzten staatlichen Anpassungsstrategie an politische und ökonomische Zielvorgaben des Westens. Was als „nachholende Modernisierung“ z.B. in Russland eingefordert wird, das ist die autoritäre und elitäre Durchsetzung von Partikularinteressen unter williger Inkaufnahme der Depriviligierung weiter Bevölkerungsteile. Daher erscheinen auch die nur moralisch vorgetragenen Einwände gegenüber Wahlerfolgen von Chavez, Putin oder Zuma als mindestens fragwürdig, denn dieselben politischen Ausgangsbedingungen werden zum Teil auch in Deutschland gewünscht. Dass letztlich die demokratische Methode geeigneter scheint, um kapitalistisches Wachstum und damit eine prosperierende Ökonomie als nationaler Machtressource zu entwickeln ist ein Faktum, das anscheinend nur von begrenzter empirischer Tragweite ist. Immer öfter ist die Einsicht zu vernehmen, dass China, Russland oder auch Brasilien eine kapitalistische Modernisierung erleben, die sowohl Sozialprogramme für weite Teile der Bevölkerung zulässt, zugleich Investitionen in Militär und Rüstung und darüber hinaus den Bedarf an demokratischer Konfliktregelung zumindest kanalisieren kann. Jedenfalls geht die Gleichung Kapitalismus = Demokratie nicht mehr so leicht auf, wie noch 1990/2 (nach dem Ende der Sowjetuntion) prognostiziert worden war.

Der neue Atlas der Globalisierung wird im November erscheinen und kann hier vorbestellt werden.

  1. vgl. hierzu auch das aktuelle SIPRI-Jahrbuch 2012, das Auskunft über den Zuwachs an Miltärausgaben, Rüstungsexport und Verteilung gewaltätiger Konflikte bietet [zurück]

Kill the noise!

In einem Beitrag der FAZ vom Freitag geht Lucia Schmidt der Frage nach, warum sich Zeitgenossen im Alltagsleben eigentlich so sehr vom Lärm beeinflussen lassen. Lärm ist in unterschiedlichster Form präsent: als Baulärm, Straßenverkehrslärm, Fluglärm…völlig vergessen in ihrer Aufzählung hat Schmidt den privat Lärm der durch ständige Erreichbarkeit erzeugt wird. „Fasse dich kurz!“ ist im Zeitalter von Flatrates und billigen Mobilfunkkonditionen eine Formel aus einem längst vergangenen Zeitalter. Längst müssen Menschen Ruheoasen suchen, um ihre Depressionen und Burnout-Erscheinungen zu kurieren – dies geschieht auch durch viel Schlaf und vor allem Ruhe.

Die Autorin hingegen versäumt es, gesellschaftliche Gründe für das Lärmaufkommen zu ermitteln. Dort hätte man bei der vorgesetzten Industrialisierung ansetzen können, hätte die Kulturindustrie und die von ihr offerierten, lauthals tönenden Werbebotschaften und Propaganda-Instrumente kritisieren können; ferner steht eine Frage nach dem Umgang mit und erforderlicher Beschränkung von Lärm auch in Zusammenhang mit der Organisation und Reproduktion gesellschaftlichen Lebens. Solang es gilt, neue „Wachstumsfelder“ und profitables Geschäft in Gang zu setzen, Geschäftstätigkeiten auszuweiten und den letzten Quadratmeter der Erde zu einem ausgemessenen Stück Boden zu erschließen, wird allerhand technisches Gerät und dementsprechender Lärm produziert. Dass Techniken der Lärmreduktion zwar selbst gelingendes Geschäft versprechen können, mag vielleicht kurzfristig Linderung versprechen, ändert hingegen nichts am tendenziell wachsenden globalen Bedarf an Informations- und Kommunikationstechnologien. Es gibt eigentlich kaum noch Tätigkeiten, die nicht durch technische Artefakte oder symbolische Kommunikation vermittelt sind. Transportmedien verschlingen Energie und erfordern Eingabeprozesse, die oft nur unter Lärm erledigt werden können. Ganz zu schweigen von der beinah routinierten Bewältigung von Lärm im Berufsstress, der Hetze zur Uni oder zum nächsten Praktikumsplatz – erst dann folgt die pathologische Kontrolle „sozialer Netzwerke“ und das mantra-artige Beschwören vermeintlicher Gesprächs- als Belästigungspartner via Mobiltelefon – ein Akt reversibler Geringschätzung der Masse, da Dritte immer gewollt oder ungewollt an nichtssagenden Telefonaten beteiligt werden: „Wo bist du gerade?“

Eine sich ihrer eigenen Grundlagen und Ziele bewusste Gesellschaft würde den erforderlichen Produktionsaufwand und daran gekoppelte Umweltbelästigungen ermitteln, abwägen und zeitlich terminieren. Wechselseitige Ignoranz würde durch kollektive Übereinkunft verringert und naturwüchsige Stressoren sukzessive ausgeschaltet. Sie würde ferner für einen Ausgleich zwischen Stadt und Land sorgen, Erholungsräume ausweiten und Wohnstätten konsequent und nicht nach Mietrenten gestaffelt von Industrie- und Produktionsgebieten abgrenzen. Im Status quo hingegen, ist Lärmbelästigung nur als psychoakustische Fußnote allumfassender Erschöpfung und Anomie zu begreifen.

Der Artikel kann hier abgerufen werden.

„Unser Job ist Herrschaftskritik“

Jakob Augstein ist Chefredakteur der Wochenzeitung der FREITAG – ein Produkt der Nachwendezeit mit ostdeutschem Ursprung, das schnell bei einer kleinen Leserschicht auf Akzeptanz in der gesamten Bundesrepublik stoßen konnte. Doch ähnlich wie die Blätter für deutsche und internationale Politik und andere nicht kommerziell organisierte Fach- und Debattenzeitschriften, erreichten bzw. erreichen Sie nur einen kleinen Leserkreis. Um diesem Prozess auf kreative Weise zu begegnen und zugleich die Basisannahme zu integrieren, wonach das Diskussions- und Teilhabebedürfnis weiter Teile der Öffentlichkeit durch das Medium Internet nicht nur zu bündeln, sondern auch progressiv aufzugreifen sei, wurde die Zeitung 2009 einer grundlegenden Anpassung unterzogen, wobei es erstmals eine täglich aktualisierte digitale und frei zugängliche Ausgabe – zusätzlich zur Printausgabe – gibt.

Im folgenden Gespräch stellt Augstein seine Ideen und Vorstellungen vor, erläutert, woran es aus seiner Sicht in der deutschen Medienlandschaft mangelt. Dazu zählen einerseits fehlende Kritikfähigkeit, das Einschwenken auf zynischen Pragmatismus bei an sich kritischen Themen sowie ein Lob auf fehlende Darstellung unterschiedlicher politischer Ideologien und Handlungsvorstellungen, kurzum jenes Phänomen, das mit Vokabeln und Wendungen wie „Postdemokratie“ (Crouch), „Mediokratie“ (Th. Meyer), „Sympolpolitik“ (Edelman) oder auch „neuer Geist des Kapitalismus“ (Boltanski/Chiapello) umschrieben wird. Die Fragen des Moderators sind teilweise banal bis primitiv und zeigen den Geisteszustand von Produzenten, aber hoffentlich nicht den Geisteszustand von Rezipienten an. Sie bieten natürlich auch genügend Raum, um eigenen Narzissmus und Habitus gebührlich darzulegen. Schaut man darüber hinweg, kann dem Gespräch dennoch mehr abgewonnen werden, als Vielem:

Quo vadis „Krise“?

Mit der gestrigen Parlamentswahl in Griechenland – die ja nur aufgrund einer unklaren Mehrheitssituation vor wenigen Wochen ein weiteres Mal durchgeführt wurde! – offenbart sich einmal mehr, das von Colin Crouch ins Feld geführte Diktum von postdemokratischen Zuständen. Auch wenn ich den darin implizierten Idealismus zugunsten demokratischer Verfahren apriori nicht ganz teile, so hat er doch mit der Tendenzfeststellung recht: in Griechenland ist die Demokratie faktisch ausgehebelt, da sich die Wahlergebnisse nur daran zu orientieren haben, welche Mehrheit sich bereit findet, die von der sogenannten Troika aus EU, EZB und IWF vorgegeben Spardiktate durchzupeitschen. Doch was soll man schon wählen, wenn von vornherein klar ist, dass keine Alternative zur Wahl steht? Die radikale Linke in Griechenland verweigert sich der Zustimmung und konnte aufgrund dessen einen erneuten Stimmenzuwachs verbuchen; daraus können sie zwar kurzfristig politisches Kapital schlagen, erlangen jedoch im Moment keinerlei Regierungsperspektive (ich diskutiere an dieser Stelle nicht erneut die unausgesprochenen Vorannahmen, die für parlamentarisches und insbesondere regierungspolitisches Handeln gelten). Doch allein das Faktum, dass die Wahl wiederholt werden musste (hier spielt auch das auf die zwei Großparteien zugeschnittene Zählsystem und das daran gekoppelte Parteienprivileg ein wesentliche Rolle), konnte jedem Beobachter aufzeigen, dass hier solange gewählt werden sollte, bis auch formal die erwünschte Konstellation geschaffen wurde.

Und man muss sich zurück besinnen auf die Ausgangslage: der vormalige Ministerpräsident Papandreou wollte einen Teil der Sparauflagen an ein Referendum knüpfen; ein Vorgang, der in Brüssel und Berlin für hysterische Ausfälle gesorgt hatte. Papandreou konnte darüber mithin seinen Hut nehmen und Neuwahlen wurden erst deshalb sowie nach der Einsetzung eines Technokratenkabinetts um den ehemaligen Zentralbanker Papademos (vgl. Italien um den ehemaligen EU-Wettbewerbskommissar M. Monti) erforderlich. Es gilt Brechts Diktum, dass sich die Regierenden am besten das jeweils benötigte Wahlvolk selbst wählen sollten…

Im Kontrast dazu – und man kommt schon seit langem nicht mehr hinterher, die auch immer öfter offen geäußerten nationalistischen und chauvinistischen Vorurteile, die permanent mitschwingenden Ideologien zu kritisieren, da sich alles um die technokratische Bewältigung der sogenannten „Finanzmarktkrise“ (angeblich nur mangelndes Vertrauen der Kapitalgeber, tatsächlich aber der Kampf um die Währungsunion als Weltgeld) dreht, sprachen bereits am letzten Donnerstag Gregor Gysi und Oskar Lafontaine in der Berliner Auferstehungskirche in gesonderten Referaten zur politischen und ökonomischen Dimension der „Krise“ sowie einer entsprechenden Kritik aus linkssozialistischer Perspektive:

David Harvey im Gespräch mit Amy Goodman

David Harvey stellt beim US-amerikanischen Independent-Sender Democracy now! sein neuestes Buch (Rebel Cities, Verso, 2012) vor, das im Kontext der Occupy Wall Street-Proteste geschrieben wurde. Es geht u.a. darum, wer in einer Stadt das Recht hat, grundlegende Strukturentscheidungen zu treffen: die Bewohner oder die Eigentümer von Immobilien? Findet der Kampf um Einfluss demnächst auch in den Großstädten des reichen Westens statt? Folgt man dem Beitrag, werden bereits heute Militär- und Sicherheitstechnologien zur Überwachung und Störung von Demonstrationen eingesetzt.

Alexander Kluge im Gespräch mit Gyburg Uhlmann

Kluge, der für die Entmuffung des Filmes in Westdeutschland (also nach1945) bekannt geworden ist und bis heute ein mehr oder minder bekanntes Independent-Fernsehen betreibt (u.a. mit seinem Sendeformat dctp.tv), befragt regelmäßig Personen des Zeitgeistes zu diversen Thematiken. Auffallend ist stets, dass Kluge seine Gesprächspartner nicht nur durch offene, ja geradezu empathische Worte einzubinden versteht, sondern dass eine regelrechte Dialogsituation geschaffen wird. Wo man im Alltag zumeist nur Redensarten, Gewäsch oder Vielsprech vernehmen kann, sind diese Gespräche nicht nur interessant (weil die Personen ungeahnte Facetten offenbaren und damit eventuell auch vorhandene Vorurteilsstrukturen beim Seher abbauen helfen), sondern auch eine Freude an Konventionalien und am Austausch.

Im nachfolgenden Beitrag kommt Gyburg Uhlmann (geb. Radke)1Professorin für Klassische Philologie an der Freien Universität Berlin – zu Wort und bebildert zusammen mit Kluge die Entwicklung der antiken Dichtung als Epochenbild und Epochales, also als einer Fernwirkung und als ein Ideenfundus für seit dem fortlaufende Geschichtenkreation. Die „literarische Kreation des Hellenismus“ weist der griechischen Poesie nach, politischer Ordnungsfaktor und ästhetischer Navigator zu sein. Angesichts der sonst eher technokratischen und bürokratischen Ver-sprechungen des Alltags ein genehmer Kontrast:

Das übergreifende Gespräch zeigt einmal mehr, inwieweit das Studium nur eines Faches heute Menschen zu Fachidioten macht, wohingegen die Arbeit zwischen den (künstlich getrennten, zunächst aus Zwecken der Effektivierung und Spezialisierung separierten) Feldern angezeigt wäre, um die geistigen (mentalen, i.w.S. symbolischen, institutionalisierten, profanierten) und ästhetischen (aisthesis) Grundlagen der Moderne (als Fiktion, als Abstraktion, als häßliche Präsenz) deuten zu können.

  1. Von ihr liegt u.a. das Buch Die Kindheit des Mythos vor, das 2007 im Beck Verlag (München) erschienen ist und das im Interview gelegentlich gestriffen wird. Mehr dazu kann unter folgenden Links abgerufen werden: Kurzdarstellung; Rezension bei Sehepunkte; Verlagsseite; weitere Autorinneninfos bei der Deutschen Nationalbibliothek [zurück]